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Kapitel I: Medienarena
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I. Medienarena

Zusammenfassung

Mark Eisenegger, Kurt Imhof, Esther Kamber

Die Medienarena Schweiz steht inmitten fundamentaler Umwälzungen. Einerseits hat sich die finanzielle Situation der meisten Informationsmedien der Schweiz gravierend verschlechtert. Die Werbeeinnahmen, die bei den privatwirtschaftlich organisierten Medien den Grossteil der Einnahmen ausmachen, sind in dramatischer Weise weggebrochen. Das trifft vor allem die Kaufpresse (Abonnements-, Boulevard-, Sonntagszeitungen und Magazin) in existenzieller Weise. Ihr Finanzierungsmodell wird in Frage gestellt. Andererseits kommt die Medienarena durch den Gratistrend unter Druck. Den Gratismedien – sowohl online als auch offline – gelingt es, erfolgreich Publikumssegmente von den traditionellen Qualitätsträgern der Schweizer Publizistik abzuziehen, insbesondere von den Abonnementszeitungen und den Informationsformaten der Radio- und Fernsehsender. Aus beiden Entwicklungen resultiert ein Effekt der Abschichtung, von dem die ganze Schweizer Medienarena betroffen ist: Die Informationsmedien der Schweiz orientieren sich zunehmend am populären Massengeschmack. Bei allen Gattungen (Presse, Radio, TV, Online) zeigt sich eine Bedeutungssteigerung der Softnews und des Infotainments bei entsprechend nachteiligen Folgen für die Qualität der Berichterstattung.

Die Analyse der publizistischen Versorgung und die Untersuchung der Qualität in der Medienarena Schweiz erbringen die folgenden zentralen Ergebnisse:

  • Presse in Agonie: Vor dem Hintergrund der anhaltenden Pressekrise und verstärkt durch die aktuelle Wirtschaftskrise sind Einbrüche im Werbebereich von bisher nicht gekanntem Ausmass zu verzeichnen. Zusätzlich wird die Finanzierungsgrundlage der Kaufpresse durch den Gratistrend prekär, und am Werbekuchen beteiligen sich vermehrt branchenfremde Akteure (z.B. über Suchmaschinenwerbung). Die Printmedien im einstigen «Presseland Schweiz» verlieren bezüglich Auflagen, Nutzung und ihrer wirtschaftlichen Grundlagen an Bedeutung. Nur die Gratistitel und teilweise die Sonntagszeitungen können innerhalb der Presselandschaft noch Zuwachsraten verbuchen und so den generellen Abwärtstrend der Presse abmildern, allerdings ohne den Qualitätsverlust auffangen zu können. Die aufgrund ihrer Berichtserstattungstiefe und -breite für die Vermittlung von politischen und gesellschaftsrelevanten Inhalten besonders wichtigen Abonnementszeitungen verlieren dagegen deutlich an Gewicht. Durch diese Einbrüche und durch die Abwanderung des Publikums zu den Gratismedien ringt die qualitativ anspruchsvolle Presse ums Überleben.
  • Onlinemedien mit Refinanzierungsschwierigkeiten: Der Onlinebereich ist klar auf dem Vormarsch. Sowohl betreffend Reichweite als auch in Bezug auf die Zeitnutzung sind hier, vor allem bei jüngeren Bevölkerungsgruppen, deutliche Zuwachsraten zu verzeichnen. Auch im Informationsbereich gewinnen die Onlinemedien an Bedeutung, sowohl was die Bedeutungseinschätzung der Nutzer betrifft als auch die effektive Nutzung. Allerdings bleibt die Refinanzierung der Onlinemedien prekär. Die Newssites profitieren vom Ruf ihrer Pendants in Form von Presseprodukten und von deren redaktionellen Ressourcen, bleiben aber vielfach ein Zuschussunternehmen der ohnehin darbenden Presse. Obwohl sie ihr Werbeaufkommen auf tiefem Niveau weiter steigern konnten, rechnen sich die Newssites der Abonnementszeitungen nach wie vor nicht. Zudem ziehen die Newssites wie auch die Gratiszeitungen substanzielle Publikumssegmente von traditionellen Trägern der Medienqualität ab. Dies betrifft insbesondere die Abonnementszeitungen und die öffentlichen Radiosender.
  • Reichweitenverlust beim Fernsehen, sinkende Nutzung der Informationsformate bei Radio und Fernsehen: Das Fernsehen verzeichnet substanzielle Einbussen im Werbebereich. Es erreicht zudem die jungen Schichten der Bevölkerung weniger und hat dadurch einen Reichweitenverlust zu verzeichnen, wird aber von der älteren Gruppe der Bevölkerung ausgiebiger genutzt. Beim Radio und Fernsehen hat die Nutzung der Informationsformate abgenommen. Auch hier machen sich Effekte der Online-/Gratiskultur bemerkbar. Die öffentlichen Sender haben im Informationsbereich nach wie vor eine überragende Stellung. Private Angebote sind hier allenfalls als komplementär einzustufen, vor allem im Lokalbereich. Die privaten lokalen Radiosender spielen aber im Informationsbereich sowohl von der Einschätzung als auch von der Nutzung her durchaus eine Rolle, während die privaten Fernsehsender den öffentlichen Programmen gegenüber nur eine untergeordnete Rolle einnehmen. Der ebenfalls gratis angebotene private Rundfunk erwirtschaftet die Mittel nicht, die nötig sind, um redaktionelle Ressourcen für einen qualitativ guten Journalismus bereitzustellen.
  • Gravierende Folgen der Gratiskultur: Insgesamt sind diese Entwicklungen der grundlegenden und krisenbedingt verschärften Finanzierungschwierigkeiten einerseits und der Nutzungsabnahme qualitativ hochwertiger Informationsmedien andererseits gravierend: Es hat sich eine Gratiskultur durchgesetzt, die die nötigen Ressourcen für guten Journalismus nicht bereitstellt und Publizistik ausserdem von der hohen Volatilität eines schwindenden Werbeaufkommens abhängig macht. Diese fragile Grundlage befördert einen intensiven Konzentrationsprozess sowie Einsparungen bei den Redaktionen und fördert insgesamt die Produktion billigerer Softnews. Bei einer Verstetigung oder gar Zunahme der aktuellen Entwicklung stellt sich die Frage nach einem Systemversagen der für die Demokratie unabdingbaren öffentlichen Kommunikation.
  • Qualitätsschwache Medien im Vormarsch: Die verschiedenen Mediengattungen tragen in höchst unterschiedlichem Mass zur Vielfalt und Relevanz der Berichterstattung in der Schweiz bei. Öffentlicher Rundfunk und Abonnementszeitungen bieten eine deutlich vielfältigere und relevantere Thematisierung als private Radio- und Fernsehanbieter, Newssites sowie Gratis-, Boulevard- und zum Teil auch Sonntagszeitungen. Sendungen im Radio sind sowohl bei den öffentlichen als auch bei den privaten Typen relevanter als ihre Pendants im Fernsehen. Diese Befunde sind bemerkenswert, wenn man mögliche Entwicklungen der nächsten Jahre berücksichtigt. Die Kaufpresse steckt in einer grundsätzlichen Finanzierungskrise, das öffentliche Radio wird durch Bestrebungen nach struktureller Konvergenz mit dem öffentlichen Fernsehen herausgefordert, und die Nutzung von Gratiszeitungen und Newssites wird im Vergleich zu Presse, Radio und Fernsehen weiter zunehmen, da vor allem die jüngeren Alterskohorten zwischen 15 und 35 in einer qualitätsschwachen «Gratiskultur» sozialisiert worden sind. Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Bedeutung gerade derjenigen Typen und Gattungen in Zukunft zunehmen wird, die weniger zu Relevanz und Vielfalt beitragen.
  • Geringere Relevanz in Boulevard- und Gratiszeitungen sowie in den Onlinemedien: Sendungen des öffentlichen Rundfunks (v.a. Radio, weniger TV) und Abonnementszeitungen, die vor allem relevante Themen berücksichtigen, richten den Fokus am stärksten auf die relevanten Ebenen der Gesellschaft und der Organisationen. Bei den Boulevard- und Gratiszeitungen, den Privatsendern sowie den Onlinemedien finden hingegen generell personenzentrierte Human Interest-Themen Aufmerksamkeit. Auch die Politik wird viel stärker über Geschichten einzelner Personen aufbereitet. Die besonders gesellschaftsrelevanten Themen der Agenda, die einer politischen Problembearbeitung bedürfen, sowie die Beleuchtung aussen- und wirtschaftspolitisch relevanter Themen sind auf das (öffentliche) Radio und auf die (Abonnements-)Presse beschränkt. Das Fernsehen – besonders die privaten Sender – und vor allem die Onlinemedien stellen den Sport sowie personalisierbare Konflikte, Bedrohungen und Themen des Human Interest in den Vordergrund. Bei diesen Typen sind Vielfalt und Relevanz daher eingeschränkt und die Forumsfunktion ist nur bedingt erfüllt.
  • Bedeutungsverlust der Auslandsberichterstattung: In der schweizerischen Medienarena steigt die Binnenorientierung im Zeitverlauf auf Kosten der Auslandsberichterstattung. Die Fokussierung auf den Medienkonsumenten und die Kostenreduktion lässt die Welt ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung zugunsten des Nationalen und des Regionalen in den Hintergrund treten. Die öffentlichen Rundfunkprogramme, vor allem das Radio, sowie die überregionalen Abonnementszeitungen tragen noch am ehesten zu einer relevanten Auslandsberichterstattung bei, wie sie auch am meisten zu einer relevanten Berichterstattung auf nationaler Ebene beitragen. Die neuen Medien – Gratiszeitungen und Newssites – beschränken die Welt auf kurzfristig orientierte Agenturmeldungen. Vor allem die Nutzergruppen, die diese Medien am meisten konsumieren, erhalten dadurch ein (noch) eingeschränkteres Bild der Welt: Es reduziert sich auf Krisen, Kriege, Katastrophen und Affären.
  • Eventisierung in Gratis- und Boulevardzeitungen sowie auf den Newssites: Für eine einordnende, reflexive und Hintergrundinformation vermittelnde Berichterstattung sorgen primär die Abonnementszeitungen, die Sonntagszeitungen und das Magazin sowie die öffentlichen Programme von Radio und Fernsehen. Umgekehrt ist die Berichterstattung der Newssites, der Boulevard- und Gratiszeitungen sowie der Nachrichtensendungen des Privatfernsehens überwiegend episodisch. Die zentrale Aufgabe journalistischer Tätigkeit, nämlich die Einordnung, findet in diesen Medien kaum noch statt.