Hilfe (neues Fenster)

News
Navigationslinks überspringenNews  
Startet die Suche
 

Stellungnahme zum Beitrag „Falschaussage mit Qualitätsanspruch“ auf Newsnetz, 20minuten.ch und in der Aargauer Zeitung vom Samstag, dem 15.10.2011

Klickratenorientierung und Rendite – zum Furor unserer Kritiker aus den Online-Chefetagen

Mark Eisenegger & Patrik Ettinger, Mitherausgeber des Jahrbuchs Qualität der Medien, 16.10.2011

Der Chefredaktor von „20Minuten Online“ fühlt sich offensichtlich durch die Erkenntnisse des Jahrbuchs Qualität der Medien zur Qualität der Onlineberichterstattung derart in Frage gestellt, dass er zu einem Rundumschlag ausholt. Ärgerlich an diesem Beitrag ist nicht nur der Versuch, die Reputation eines etablierten Forschungsbereichs und seines Leiters zu diskreditieren, sondern auch die konstante Verweigerung einer kritischen Auseinandersetzung über die Qualität der Medien. Denn mit Falschaussagen, Pauschalisierungen und Personalisierungen lässt sich eine solche Debatte nicht führen.

Viele der von Herrn Voigt vorgebrachten Punkte sind an anderer Stelle bereits eingehend widerlegt worden (vgl. www.qualitaet-der-medien.ch). Deshalb beschränken wir uns hier auf folgende Punkte: Angebliche Verbreitung einer „professoralen Ente“ via Nachrichtenagenturen (1.); angebliche Falschaussagen im Jahrbuch zur Mediengattung Online (2.); personalisierte Kritik an Kurt Imhof (3.).

  1. Angebliche Verbreitung einer „professoralen Ente“ via Nachrichtenagenturen:
    Es gab keine „professorale Ente“, die „den Weg über die Nachrichtenagentur in die Spalten von zahlreichen bezahlten Qualitätsmedien“ fand. Das zeigen das Mediencommuniqué des fög, die SDA-Meldung und alle Medienberichte vom 6./7.10.2011. Unter vielen anderen Medien, hat notabene auch das Newsnetz den Sachverhalt am Folgetag der Medienkonferenz korrekt dargestellt. Wir zitieren aus dem Newsnetz-Beitrag: „(...) würden die Informationsmedien von Presse, Radio und TV die Bevölkerung immer weniger erreichen (...).“ (Siehe http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Die-Unterhaltungsfunktion-gewinnt/story/23197711.). Die SDA-Meldung und auch die darauf folgenden Medienbeiträge vermeldeten also korrekt einen Nutzungsrückgang der klassischen Informationsmedien von Presse, Radio und Fernsehen, nicht aber einen solchen der Gattung Online.
    Eine Erfindung Hansi Voigts ist auch die angeblich „launige“ Erklärung Kurt Imhofs an der Medienkonferenz. Die anwesenden Kolleginnen und Kollegen werden dem abwesenden Herrn Voigt bestätigen können, dass der Fehler deutlich und korrekt vom Co-Autor des Jahrbuchs Mark Eisenegger bei der Präsentation der wichtigsten Ergebnisse korrigiert wurde.
    Diese Falschmeldung ist symptomatisch für den ganzen Beitrag, in dem auf die Person gespielt wird, anstatt sich mit Argumenten auseinander zu setzen.
  2. Angebliche Falschaussagen zur Mediengattung Online:
    In diesem Zusammenhang versucht Herr Voigt gleich alle Befunde zu Online in ihr Gegenteil zu drehen. Die Vehemenz und die undifferenzierte Art, in der dies geschieht, muss wohl als Ausdruck der Klickratenorientierung interpretiert werden, die im Jahrbuch (S.316f.) wie auch von vielen anderen Wissenschaftlern beschrieben wird. Im Einzelnen ist zu den monierten Punkten, die zumeist auf Unterstellungen beruhen und sich so nicht im Jahrbuch finden, Folgendes zu entgegnen:

    • Die im Vergleich zu traditionellen Medien geringere Publikumsbindung Online wird im Jahrbuch auf der Basis der Anzahl der häufigen Zugriffe via Suchmaschinen sowie der schwindenden Verweildauer auf Newssites bestätigt. Letzteres lässt sich basierend auf NET-Metrix-Daten belegen (Jahrbuch S. 311), Ersteres auf der Basis amerikanischer Forschungsbefunde und der Aussage von Peter Wälty, dem Chefredaktor von Tagesanzeiger.ch, dass nicht weniger als 23% der Zugriffe auf seine Site via Google kommen. Der Begriff „Taschenspielertrick“ findet sich im Jahrbuch hingegen nirgends. Er entspringt der Projektion von Herrn Voigt und ist Ausdruck eines journalistischen Selbstverständnisses, dem die Klickrate über alles geht.
    • Der Umsatz der Onlinemedien konnte bislang basierend auf Daten von Media Focus nur summarisch auf der Ebene der gesamten Mediengattung Online anhand von Bruttodaten erfasst werden. Aussagen zu den Umsätzen einzelner Newssites sind erst ab 2011 möglich. Betrachtet man diese summarische Umsatzentwicklung in der Gattung Online, so zeigt sich ein Zuwachs, allerdings auf tiefem Niveau (vgl. Jahrbuch S. 71). Von einem „Boom“ kann auf der Basis dieser Daten wirklich nicht gesprochen werden.
    • Absurd ist der Vorwurf, wir würden nicht zwischen Newssites wie z.B. 20minuten.ch und Onlineportalen wie Bluewin.ch unterscheiden. Im Gegensatz zu Herrn Voigt vollzieht sich diese Unterscheidung im Jahrbuch schon in der Begrifflichkeit. So werden Newssites mit eigenständiger Informationsproduktion abgesetzt von Onlineportalen wie Bluewin.ch, die News ganz oder überwiegend übernehmen. Exakt dieser Unterscheidung ist der Umstand geschuldet, dass etwa 20minuten.ch einer vertieften Qualitätsanalyse unterzogen wird, Bluwin.ch hingegen nicht.

    Entscheidender als diese Detaildiskussionen ist aber das Gesamtbild. Im Jahrbuch wird die gemessene tiefe Qualität des Online-Angebotes mit den schwierigen strukturellen Rahmenbedingungen erklärt (finanzielle und personelle Ressourcenarmut bei den meisten Newssites). Herr Voigt bestreitet diese Erklärung, und führt für 20minuten.ch an: „Es lässt sich eine Rendite erzielen, die sich heute nicht einmal mehr Banker wie Josef Ackermann als Zielsetzung vorgenommen haben“. Würde sich bestätigen, dass 20minuten.ch tatsächlich derartige Renditen erzielt, würde dies bedeuten, dass diese Mittel bislang kaum effektiv zur Förderung der publizistischen Qualität besagter Newssite eingesetzt wurden. Denn die Qualitätswerte von 20minuten.ch bewegen sich auf tiefem Niveau.

  3. Personalisierte Kritik an Kurt Imhof:
    Diese konstruierten Kritikpunkte bettet Hansi Voigt in den Rahmen einer generelleren Kritik ein, die Kurt Imhof unterstellt, er vertrete ein elitäres Weltbild und verkläre die Vergangenheit. Beides ist falsch.

    • Ob die Medienqualität früher besser oder schlechter war, kann allein die empirische Forschung zeigen. Auch hierzu liefert dieses wie das letzte Jahrbuch einen wesentlichen Beitrag. Bislang vorliegende Zeitreihen z.B. im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung zeigen, dass früher nicht alles, aber doch einiges besser war.
    • Hansi Voigt schreibt, Kurt Imhof beklage „stets die Dummheit der Leser“ und führt als Beleg das folgende Zitat Imhofs aus einem Interview in der Gewerkschaftszeitung „Work“ an: „Das Problem ist, dass sie nicht wissen, dass das, was sie konsumieren, Trash ist.“ Dieser Satz wurde komplett aus seinem Kontext gerissen. Er bezieht sich ausschliesslich auf jugendliche Gratisleser. Richtig ist, dass Jugendliche, die nur qualitätsmindere Gratiszeitungen konsumieren, nicht mehr beurteilen können, welche publizistische Qualität ihnen geboten, und wichtiger noch, welche ihnen vorenthalten wird. Daraus die pauschalisierende Aussage abzuleiten, Kurt Imhof beklage „stets die Dummheit der Leser“, ist völlig falsch.

    Die Hartnäckigkeit, mit der die Chefredaktoren Online aus dem Hause Tamedia die gleichen und schon längst widerlegten Vorwürfe auf allen ihren Kanälen wiederholen, hat den Charakter einer Kampagne. Allerdings charakterisiert der Beitrag von Hansi Voigt in seiner pauschalisierenden und personalisierenden Form sein Medium, nicht das Jahrbuch. Höchst problematisch ist zudem, dass die Postings des fög (und wohl auch anderer Personen) auf Newsnetz nicht zugelassen werden.

    Link zum Beitrag „Falschaussage mit Qualitätsanspruch“ auf 20min.ch vom Samstag, dem 15. Oktober 2011