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I.1 Publizistische Versorgung
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I.1 Publizistische Versorgung

Jens Lucht

Die Massenmedien sind für die Herstellung von Öffentlichkeit und für die Vermittlung gesellschaftlich relevanter und politischer Informationen zwar nicht alleine verantwortlich, spielen aber die entscheidende Rolle, «da sie die wesentlichen Informationen über Politik und Gesellschaft im Rahmen ihrer Berichterstattung bereitstellen» (Schenk, 1998, S. 387). Akteure verschiedener gesellschaftlicher Sphären (z.B. Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Sport) orientieren ihr Handeln immer stärker nach den Regeln der medialen Logik (Medialisierung). Das Publikum, also der Staatsbürger, bezieht sein Wissen über das Gemeinwesen in erster Linie aus der Medienarena. Nur dank der Medienarena wird Gesellschaft für das Individuum beobachtbar: «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien» (Luhmann, 1996, S. 9).

Aufgrund dieser zentralen Funktion ist zu untersuchen, wie die Informationsmedien dazu beitragen, die in der Einleitung geschilderten unabdingbaren Funktionen von Öffentlichkeit in der demokratischen Gesellschaft – die Forums-, die Legitimations-/Kontroll- und die Integrationsfunktion – zu erfüllen.

Um diese Frage zu beantworten, muss in einem ersten Schritt die Infrastruktur des schweizerischen Mediensystems näher betrachtet werden. Mit dem Verkehrsnetz vergleichbar, ist die Infrastruktur der Informationsmedien Teil der Infrastruktur der Gesellschaft (Künzler, 2005, S. 9). Vom Zustand der medialen Infrastruktur ist abhängig, ob die relevanten Informationen zu den Bürgerinnen und Bürgern kommen, ob alle Räume ausreichend medial erschlossen sind, ob die Ressourcen vorhanden sind, um das, was alle etwas angeht, adäquat zu recherchieren, kurz: ob die Bürgerinnen und Bürger publizistisch so versorgt sind, dass sie an einer Meinungs- und Willensbildung teilnehmen können, die in der Demokratie die Errungenschaften der sanften Gewalt des besseren Arguments, rechtsstaatlich und damit demokratisch legitimierte Entscheidungsprozesse und die Mehrheitsregel an die Stelle der Willkürherrschaft setzt. Weil sich Infrastruktur auf die Qualität der Inhalte auswirkt, werden wir uns anschliessend den Inhalten der schweizerischen Medienarena im Berichtszeitraum zuwenden.

Zunächst aber zur Infrastruktur: Wesentliche Indikatoren, um diese zu beschreiben, sind die Nutzung der verschiedenen Mediengattungen und Medientypen, die ökonomischen Grundlagen der Medien und schliesslich, zusammenfassend, die systematische Auswahl und Darstellung der grössten Medientitel und der dahinterstehenden Medienunternehmen, die in den grossen Sprachregionen verbreitet sind.

Wichtige Ereignisse 2009/2010:

  • Der Werbemarkt in der Schweiz verliert in dieser kurzen Zeit nicht weniger als 12% an Volumen. Besonders betroffen davon ist die Presse: Hier sind Verluste von über 20% zu verzeichnen. Das Volumen der Pressewerbung geht von 2,406 Mrd. (2008) um fast 500 Mio. auf 1,915 Mrd. Franken (2009) zurück. Die anderen Mediengattungen haben deutlich geringere Verluste (Fernsehwerbung: Rückgang von 628 Mio. auf 595 Mio. Franken) bzw. Gewinne (Radiowerbung: von 131 Mio. auf 135 Mio. Franken; Onlinewerbung: von 75 Mio. auf 119 Mio. Franken).
  • Roger de Weck wird zum neuen Generaldirektor der SRG gewählt.

Medienstruktur der Schweiz: Merkmale und Veränderungen

Die Infrastruktur der schweizerischen Medienarena zeichnet sich durch einige Charakteristika aus, die sie von den Medienstrukturen der Nachbarländer unterscheidet und die für die Schweizer Medienlandschaft konstituierend sind. Hier ist erstens die Kleinstaatlichkeit der Schweiz zu nennen, deren Effekte zweitens durch die sprachregionale Segregation in verschiedene Medienmärkte noch verstärkt werden, drittens die föderale und geographische Struktur der Schweiz und viertens die traditionell starke Stellung der Presse – vor allem in der deutschsprachigen Schweiz –, die allerdings bröckelt.

Die Schweiz ist in unterschiedlich grosse Sprachregionen aufgeteilt, die verschiedene Mediensysteme und -märkte aufweisen. Dies stellt eine besondere Schwierigkeit für die gesamtgesellschaftliche Integration dar, die in der Vergangenheit eine kleinere Rolle spielte, weil der Kulturkampf – insbesondere nach 1848 – dafür sorgte, dass sich das schweizerische Parteiensystem im Wesentlichen über die Sprachgrenzen hinweg ausbreitete, um dem politischen Gegner – Familie der Freisinnigen versus politischer Katholizismus – möglichst geschlossen Widerstand entgegensetzen zu können. Mit diesen schweizweiten Parteien entwickelten sich auch die Parteizeitungen, die – unbesehen ihrer sprachregionalen Verbreitung – die Zeitläufe und vor allem die Politik in Bern aus der Perspektive der Weltanschauung kommentierten und die sprachregionalen Interessen in Grundsatzauseinandersetzungen gegenüber weitgehend immun waren. Bis in die 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein bildeten diese parteinahen oder parteiverbundenen Abonnementszeitungen – neben dem öffentlichen Rundfunk – die wesentlichen Träger der öffentlichen Auseinandersetzung. Da diese Zeitungsredaktionen Teil der Weltanschauungsparteien – mehr noch: ihre intellektuellen Speerspitzen – waren, die im nationalen Parlament und in den kantonalen und städtischen Parlamenten die Klingen kreuzten, wurde die öffentliche politische Auseinandersetzung durch die Debatten in den Parlamenten geprägt (Imhof/Kamber, 2001, S. 425–453). Entsprechend grosse Aufmerksamkeit fand die Legislative. Über die Weltanschauungszeitungen fand also die Synchronisation der parlamentarischen und der öffentlichen Auseinandersetzung statt. Mit dem Sterben der parteinahen oder parteiverbundenen Zeitungen im neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit bzw. der Ökonomisierung des Medienwesens fällt diese «automatische» Synchronisationsleistung weg. Dies bedeutet, dass die Koorientierung an gemeinsamen politischen Themen über die Sprachgrenzen hinweg keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt.

Die unterschiedliche Grösse der Sprachregionen (Deutschschweiz 5 532 512 Einwohner, Romandie 1 846 659 Einwohner und Tessin 340 585 Einwohner – Zahlen 2009, Quelle BfS) hat Auswirkungen auf die Medienlandschaft der gesamten Schweiz, aber auch auf die Mediensituation in den Sprachregionen (die rätoromanische Bevölkerung, die etwa 0.5% der Gesamtbevölkerung ausmacht, wird hier nicht erfasst). Anders als in sprachlich vereinheitlichten Nationen gibt es aufgrund der Sprachbarrieren keine von allen Einwohnern gemeinsam genutzten Medien; Sprachgrenzen sind deshalb auch Mediengrenzen (vgl. Blum, 2003, S. 367). Diese Aufteilung des ohnehin kleinen Markts zeigt sich aber nicht nur in der Mediennutzung, sondern führt auch zu einer Zersplitterung der Kräfte, des Know-hows und des Investitionskapitals, die zur Medienproduktion, speziell im audiovisuellen Bereich, nötig sind. So gelingt es nur in der deutschsprachigen Schweiz, alle Mediengattungen auch auf ressourcenintensivem Niveau hervorzubringen, wie sich exemplarisch am Rundfunksystem der Schweiz zeigen lässt: Über die Einführung des «Dreiebenenmodells» durch das RTVG von 1991 sollte auf der sprachregionalen und nationalen Ebene eine Konzentration der Ressourcen auf die SRG stattfinden, damit sie mit den grossen ausländischen Sendern konkurrieren kann, deren Programme in der Schweiz ausgestrahlt werden. Das Dreiebenenmodell in seiner ursprünglichen Form sah deshalb vor, dass private Fernseh- oder Radiosender nur auf lokaler oder internationaler Ebene (also nicht auf nationaler und sprachregionaler Ebene) auf Sendung gehen dürfen. Dieses Gebot wurde 1998 gelockert. Seitdem können private Sender auch auf sprachregionaler Ebene senden (Blum, 2003, S. 377). Trotz dieser Anstrengungen, überdies durch die gezielte Umverteilung von Gebührengeldern der SRG zu Gunsten der französisch- und vor allem der italienischsprachigen Schweiz, ist die Bedeutung ausländischer Sender im Fernsehbereich enorm. Der heutige Fernsehmarkt der Schweiz weist ein Drittel Programmnutzung der SRG-Programme auf (Deutschschweiz 33.9%, Romandie 30.7% und Tessin 34%; Quelle: Mediapulse). Private Schweizer Sender haben mit 6% Marktanteil nur in der deutschsprachigen Schweiz einen namhaften Anteil (private Sender kommen in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz nur auf je 1.7%). Der Rest entfällt auf die Nutzung ausländischer Programme (Quelle BfS), die in den letzten Jahren relativ konstant geblieben ist. Innerhalb der Nutzung ausländischer Programme kam es aber zu Verschiebungen: Nach wie vor sind die Fernsehprogramme der grossen Nachbarländer in der jeweiligen Sprachregion führend, verlieren aber an Marktanteil: In der deutschsprachigen Schweiz sank der Marktanteil der deutschen Sender von 33.6% (2005) auf 30.4% (2009). Die am meisten hiervon betroffenen Sender waren RTL (–6.7%) gefolgt von SAT1 (–5.5%) – beide Sender mit Schweizer Werbefenster. Der Marktanteil aus der Gruppe der Sender aus dem sonstigen Ausland nahm hingegen ständig zu: von 22% (2005) auf 25.2% (2009; Quelle: Mediapulse). Eine ähnliche Entwicklung ist in der französischsprachigen Schweiz zu beobachten. Hier stieg der Marktanteil der Medien aus dem nichtfranzösischen Ausland auf Kosten von SRG- und von französischen Programmen von 18% (2005) auf 26% (2009; Quelle: Mediapulse; die am stärksten genutzten französischen Programme in der Westschweiz sind TF1 mit 13% Marktanteil und M6, das ein Schweizer Werbefenster aufweist, mit 9%). In der italienischsprachigen Schweiz ist diese Entwicklung bislang kaum zu beobachten. Es zeigt sich das Phänomen, dass Sattelitenfernsehen und digitale Übertragungstechniken Programmanbieter aus den Herkunftsländern der schweizerischen Arbeitsmigration seit der Jahrtausendwende steigende Nutzungswerte erzielen. So haben in der deutschsprachigen Schweiz Fernsehprogramme aus der Türkei und dem Balkan zusammen bereits 10.8% Marktanteil (Quelle: SF Programmbilanz 2009).

Die Kleinteiligkeit und regionale Verhaftung der Medien wird durch die geografische Situation der Schweiz und ihre föderale Struktur noch verstärkt. Die Schweiz ist vor allem durch ihre föderale Konstruktion, aber auch durch ihre Topografie in kleine Einheiten unterteilt, die sich als eigenständige Medienräume entwickelten und bis heute das politisch-kulturelle Leben prägen. Diese Kleinteiligkeit ist auch in der Medienpolitik ein prägendes Paradigma, was man anhand der Förderung von lokalen Fernseh- und Radiosendern erkennen kann. Auch ein beträchtlicher Teil der stark diversifizierten Presselandschaft ist lokal verankert. Knapp 40% der Titel der Tagespresse erscheinen mit einer Auflage von weniger als 20 000 Exemplaren, dazu kommt noch eine beträchtliche Zahl von Amtsblättern, die im kantonalen oder regionalen Raum erscheinen (Quelle: Verband Schweizerischer Werbegesellschaften).

Nicht nur aufgrund dieser Entwicklung kann die Schweiz als Presseland oder «Printmedienland» (Ludwig, 2009, S.116) bezeichnet werden. Für den relativ kleinen Medienmarkt kommt man auf die hohe Zahl von 98 täglich erscheinenden und 109 nicht täglich erscheinenden Zeitungen (Ludwig, 2009, S. 116). Auch bezüglich der Nutzung weist die Schweiz sehr hohe Werte auf, höhere als ihre direkten Nachbarn Deutschland, Frankreich und Italien. Die Tagesreichweite der Schweizer Presse (in Prozent der Bevölkerung, die pro Tag von einem Presseerzeugnis erreicht werden) weist in der Schweiz den Wert von 84% aus. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Wert bei 73%, in Italien bei 45% und in Frankreich bei 44% (Quelle: Ringier Werbefibel 2010/BfS, World Press Trends 2009). Der Werbeanteil der Printmedien liegt in der Schweiz im internationalen Vergleich ebenfalls hoch, wenn dieser auch in den letzten Jahren stark gesunken ist (s.u.; heute beträgt der Anteil der Presse am Gesamtwerbemarkt 37%, im Jahr 2000 lag er noch bei 52%; Quelle: Stiftung Werbestatistik).

Die Vielfalt der Schweizer Printmedienlandschaft war durch die Anbindung der Presse an politische und intermediäre Träger entstanden, die in der Schweiz besonders ausgeprägt war und im Vergleich zum europäischen Ausland lange anhielt (Udris/Lucht, 2009, S. 24). Diese Einbettung der Presse in Parteien, Konfessionen oder sozialmoralisch verankerte Verlegerfamilien gibt es heute kaum noch. Bis in die 1970er Jahre war die Presse zu einem beträchtlichen Teil Partei- oder Gesinnungspresse, die auch personell mit den entsprechenden Trägern verbunden war und eine bestimmte weltanschauliche Richtung vertrat. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer vollständigen Ablösung von diesen Trägern und zu einer entsprechenden Kommerzialisierung des Pressewesens – eine Entwicklung, die die Presse ökonomisch unter Druck setzte und zu einer neuen Publikumsorientierung am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger führte (vgl. Einleitung). Zwar stieg die Gesamtauflage der Presse bis in die 1990er Jahre an, gleichzeitig verringerte sich aber die Anzahl der Pressetitel aufgrund der Konzentrationstendenzen durch den hohen Wettbewerbsdruck erheblich. Diese Entwicklung bedeutete in den 1990er Jahren dann das finale Ende der traditionsreichen und in der Geschichte der Schweiz gewichtigsten Leitmedien der politischen Kommunikation: der Parteizeitungen. Gleichzeitig setzte Ende der 1990er Jahre in der Schweiz der Siegeszug eines neuen Pressetyps ein: Gratiszeitungen wie 20 Minuten oder Metropol eroberten die Pressemärkte. 20 Minuten ist heute die auflagenstärkste Zeitung der Schweiz, obwohl das hinter 20 Minuten stehende Medienunternehmen Tamedia gewichtige Kaufzeitungen in seinem Portfolio hat. Diese Selbstkonkurrenzierung der Informationspresse durch die Gratiszeitungen verschlechtert die Situation vor allem für die Boulevard- und Abonnementszeitungen. Die Onlinemedien der 2000er Jahre setzten die Presse weiter unter Druck: Die branchenfremden Newssites im Internet bilden eine zusätzliche Konkurrenz, während die brancheneigenen Newssites zu wenig Einnahmen generieren, um einen qualitativ hochwertigen Journalismus aufrechterhalten zu können. Diese Entwicklung veränderte das Mediensystem im «Printmedienland» Schweiz nicht nur grundsätzlich, sondern auch ausgesprochen rasch.

Mediennutzung

Bevor wir uns speziell der Nutzung von gesellschaftspolitischen Informationsangeboten zuwenden, wird zunächst die allgemeine Mediennutzung skizziert und anschliessend die wirtschaftliche Situation der Medien beleuchtet.

Die heutige Mediennutzung in der Schweiz hat sich in mancherlei Hinsicht dem europäischen Ausland angenähert. Allerdings sind noch einige der oben genannten Spezifika sichtbar. Dies zeigt sich sowohl in der Nutzungsdauer als auch in der Nutzungshäufigkeit.

Die Mediennutzung in den 2000er Jahren zeigt zwei sehr deutliche Trends bei der Nutzungsdauer (vgl. Darstellung I.1.1): Das Fernsehen – obwohl seine Nutzung im internationalen Vergleich noch eher niedrig ist – ist das Hauptmedium der Schweizerinnen und Schweizer. Sie beträgt heute durchschnittlich 148 Minuten pro Tag. Die Nutzung von Onlinemedien hat stark zugenommen: Sie ist von 2004 bis 2009 von 10 auf 38 Minuten gestiegen und hat sich somit fast vervierfacht, was vor allem an der jungen Alterskohorte liegt, auch wenn die älteren Kohorten sukzessive aufholen (vgl. Kapitel V.1). Die älteste Mediengattung hingegen verliert. Pressetitel werden heute im Schnitt noch 27 Minuten am Tag genutzt. Das liegt zum einen an der generell geringeren Nutzung von Pressetiteln, zum anderen am Siegeszug der Gratismedien in dieser Gattung, die aufgrund ihrer weiten Verbreitung die Nutzungsverringerung zwar noch etwas abfedern, generell aber eine geringere Nutzungszeit beanspruchen als beispielsweise eine regionale Tageszeitung. Das Radio hat im Vergleich zu den 1990er Jahren hinsichtlich der Nutzungsdauer stetig verloren. Es konnte sich zwar in den letzten zwei Jahren mit Blick auf seine Nutzungszeit leicht erholen und wird heute durchschnittlich 114 Minuten pro Tag genutzt. Allerdings profitieren von dieser Erholung nicht die Informationsformate, sondern primär die unterhaltenden Radioformate. Betrachtet man die mit den vier Hauptmediengattungen verbrachte Zeit, so zeigt sich ein deutlicher Trend hin zu den Onlinemedien. Die Presse verliert an Nutzungszeit, Radio und Fernsehen bleiben von der Nutzungszeit her relativ stabil, ihre Informationsformate verlieren aber an Bedeutung (vgl. Kapitel III.1 und IV.1).

Eine weitere, hinsichtlich der Verbreitung von Mediengattungen und Medientiteln aussagekräftigere Messung der Mediennutzung betrifft die Reichweite einer Mediengattung oder eines Medientitels (mindestens einmalige Nutzung in einem bestimmten Zeitraum, i.d.R. Reichweite pro Tag). Hinsichtlich der so berechneten Tagesreichweite der Medien werden diese Trends teilweise bestätigt, teilweise ergeben sich scheinbare Diskrepanzen (vgl. Darstellung I.1.2). Tagesreichweite bedeutet die Anzahl der Personen, die eine Mediengattung zumindest einmal täglich nutzen.

Auffallend ist hier der deutliche Anstieg der Onlinemedien: Nutzten 2005 bereits 45% der Bevölkerung Onlinemedien, sind dies 2009 hohe 77% der Bevölkerung (Quelle: Ringier Werbefibel, NET-Metrix. Zahlen für 2001 nicht ausgewiesen), was bereits im Bereich der Reichweite der «klassischen» Medien liegt. Allerdings ist dieser Zahl insofern kritisch zu begegnen, als für den Onlinebereich nur Zahlen von täglicher und mehrmaliger Nutzung pro Woche zusammen vorliegen. Die rein tägliche Nutzung ist also etwas geringer als die hier ausgewiesene Zahl. Dennoch kann von einer klaren Steigerung der Anzahl der Personen ausgegangen werden, die Onlinemedien häufig nutzen.

Der Pressebereich ist von einer abnehmenden Reichweite geprägt, wenn sich diese auch nach einem Einbruch im Zeitraum von 2001 bis 2005 mit jetzt 84% leicht erholt hat. Diese Erholung hängt auch mit dem starken Aufkommen der Gratiszeitungen zusammen, die zwischen 2005 und 2009 einen zweiten Gründungsboom erlebten (News, Blick am Abend, .ch, 20 minutes). Die Presse ist allerdings nicht mehr, wie noch 2001, das reichweitenstärkste Medium, sondern musste diese Stellung an das Radio abgeben. Dieses hat die Zahl von 90% täglicher Reichweite gehalten. Im TV-Bereich sinkt die Reichweite, obwohl die Nutzungszeit stabil bleibt. Hinter diesem scheinbaren Widerspruch steckt das Phänomen, dass vor allem ältere Menschen das Fernsehen nach wie vor ausgiebig nutzen, während sich jüngere Rezipienten dem Onlinebereich zuwenden (vgl. auch Kapitel IV.1).

Die Nutzungsmotive betreffend, unterscheiden sich die Mediengattungen zum Teil deutlich. Generell zeigt die von Heinz Bonfadelli 2009 durchgeführte UNIVOX-Studie für die Schweiz seitens der befragten Mediennutzer ein grosses Interesse am lokalen und regionalen Geschehen. Das lokale und regionale Themenspektrum liegt hinter dem Dauerbrennerthema «Gesundheit» auf Platz 2 der Interessenhierarchie. Mit einigem Abstand auf diese beiden Foki folgen in jeweils knappem Abstand hintereinander auf Platz 3 und 4 die Themenbereiche «Umwelt und Ökologie» und «Schicksale, Unglücke, Verbrechen» sowie auf Platz 5 «Kultur». «Politik im In- und Ausland» liegt auf Platz 6 kurz vor dem Bereich «Sport», der auf Platz 7 wiederum vor «Wirtschaft und Börse» auf Platz 8 und «Wissenschaft, Forschung und Technik» auf Platz 9 liegt (Bonfadelli, 2010, S. 10). Nicht jede Mediengattung wird allerdings gleichermassen zur Information genutzt. Das hauptsächliche Informationsmedium ist nach wie vor die Zeitung: 57% der Befragten gaben an, dieses Medium in erster oder zweiter Linie als Informationsmedium zu verwenden (Bonfadelli, 2010, S. 3). Damit liegt die Zeitung deutlich vor den Fernsehprogrammen der SRG, die diesbezüglich zu 37% genutzt werden. Kurz dahinter folgt bereits das Lokalradio mit 34%, das als eher seichtes bzw. musiklastiges Begleitmedium für die junge bzw. für die Kohorte mittleren Alters konzipiert ist und vor allem Kurznachrichten im Lokalbereich bringt. Die Onlinemedien sind mit 24% in der Bedeutung als Informationsquellen deutlich gestiegen. Sie lösen im diachronen Vergleich damit das Auslandsfernsehen als Informationsquelle ab (21%). Bei den sogenannten «Heavy Usern», also denjenigen, die das Internet täglich oder fast täglich nutzen, liegt diese Zahl noch höher (vgl. Kapitel V.1). Auffallend ist, dass das öffentliche Radio mit nur 13% und das private Schweizer Fernsehen mit nur 6% als Informationsmedien eher wenig genutzt werden und dass das öffentliche Fernsehen als Nutzungsquelle von Informationen stark eingebüsst hat. Im Jahre 2000 gaben noch knapp über 60% der Befragten an, das öffentliche Fernsehen als Informationsquelle zu nutzen, was dem damaligen höchsten Nutzungswert entsprach.

Fazit

Insgesamt zeigen die Nutzungszahlen, dass die Presse in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Dieser Bedeutungsverlust, vor allem der Abonnementszeitungen, wird durch den Erfolg der Gratismedien abgefedert (vgl. Kapitel II.1). Das Radio und das Fernsehen halten bezüglich der generellen Nutzung in etwa ihre Bedeutung, in Bezug auf das Radio vor allem insofern, als es einen grossen Teil der Bevölkerung erreicht. Das Fernsehen erreicht die jungen Schichten der Bevölkerung weniger, hat dadurch einen Reichweitenverlust zu verzeichnen, wird aber von der älteren Gruppe der Bevölkerung ausgiebig genutzt. Beide Gattungen verlieren jedoch an Reichweite in Bezug auf die Informationsformate. Beim Radio spielen die privaten lokalen Sender im Informationsbereich sowohl in Bezug auf die Einschätzung als auch auf die Nutzung durchaus eine Rolle, während die privaten Fernsehsender im Vergleich zu den öffentlichen Programmen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Der Onlinebereich ist klar auf dem Vormarsch. Betreffend Reichweite und Zeitnutzung sind hier deutliche Zuwachsraten, vor allem bei jüngeren Bevölkerungsgruppen, zu verzeichnen. Auch im Informationsbereich gewinnen die Onlinemedien an Bedeutung sowohl von der Einschätzung als auch von der Nutzung her (vgl. Kapitel V.1). Die Presse verliert, der Onlinebereich gewinnt und die Nutzungsdifferenzen gemäss Alterskohorten nehmen zu. Letzteres bedeutet, dass das Fernsehen mittelfristig ebenfalls Nutzungszeit verlieren wird. Auch die Radionutzung hat sich verändert: Die Entwicklung vom zentralen Integrationsmedium der Schweiz hin zum regional segmentierten Begleitmedium setzt sich fort.

Wirtschaftliche Grundlage der Medien

Die Nutzung der Medien sagt noch nichts über die Qualität des Medieninhalts aus. Ein erster Indikator, um sich dieser Frage zu nähern, ist die wirtschaftliche Situation der Medien. Guter Journalismus und damit gute Medieninhalte kosten Geld, sowohl für Recherchekapazitäten als auch für entsprechend ausgebildetes Personal. Darüber hinaus ist die Herstellung der Medien (Druckkosten, Produktionskosten vor allem im Fernsehen und Radio) kapitalintensiv, und letztlich zollt auch die Distribution ihren wirtschaftlichen Tribut. Somit ist die finanzielle Situation der Medien für die Qualität ihrer Inhalte und für die Möglichkeit, die Inhalte auch in der Bevölkerung zu verteilen, entscheidend.

Insgesamt haben die Medien je nach Gattung verschiedene Einnahmemöglichkeiten, die sich in zwei Gruppen aufteilen lassen: Einerseits sind die Medien Werbeträger, das heisst sie können Werbeflächen für interessierte Kunden aus der (Werbe-)Wirtschaft anbieten, deren Preis sich nach dem Verbreitungsgrad des Mediums richtet. Hierzu können Inserate-, Spot-, Displaywerbung usw. gerechnet werden.

Des Weiteren können sich die Medien durch Verkauf im weitesten Sinne finanzieren. Dazu gehört der Verkauf des ganzen Produkts, wie bei Zeitungen oder gebührenpflichtigen Homepages. Hierzu zählen auch kostenpflichtige Fernsehprogramme oder Zugangskosten (z.B. zum Internet). Letztlich werden in den meisten Verkaufsstatistiken auch Subventionen in Form von Gebühren, wie sie vor allem beim öffentlichen Rundfunk vorkommen, in die Kategorie der Verkaufserlöse gezählt. In der Darstellung I.1.3 werden die Werbe- und Verkaufserlöse der Informationsmedien seit 2001 bzw. 2002 aufgezeigt.

Wenn man die Entwicklung des Werbemarkts in der Schweiz über einen längeren Zeitraum betrachtet, stellt man fest, dass das Gesamtwerbevolumen seit den 1980er Jahren bis zum Ende der 1990er Jahre ständig gestiegen ist, wovon vor allem die Presse profitiert hat. Im Jahr 2000 erreichte diese Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt (Künzler, 2005, S. 21). Ab 2001 kam es zu ersten Rückgängen auf dem Werbemarkt, wovon fast ausschliesslich die Presse betroffen war, die unter konjunkturellen Schwankungen am stärksten leidet. Der Rundfunkwerbemarkt, der allerdings deutlich kleiner ist als der Pressewerbemarkt, wuchs stetig leicht an. Dazu kam, wenn auch zunächst in sehr geringem Umfang, die Werbung im Onlinebereich, die von einem tiefen Niveau aus kontinuierlich ansteigt. Dies hat zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse geführt: Konnte die Presse im Printmedienland Schweiz im Jahr 2000 noch 52% aller Werbeeinahmen auf sich verbuchen, waren dies 2009 nur noch 37% (Quelle: Stiftung Werbestatistik). Kam es nach den Einbrüchen von 2001 bis 2003 ab dem Jahr 2004 zu einer gewissen Erholung auf dem Werbemarkt, so folgte 2008 eine erneute Krise, die nicht nur die Presse stark erfasste (hier kam es von 2007 bis 2008 zu Umsatzeinbussen von 3.3%), sondern auch die anderen klassischen Medien wie Fernsehen (–1.4%) und Radio (–4%). Krisensicher zeigt sich der Onlinebereich. Hier stieg das Werbevolumen von 2007 bis 2008 um fast 44%. Allerdings war das Volumen mit 75 Mio. Franken Jahresumsatz nach wie vor das kleinste (vgl. Darstellung I.1.3). Im Jahr 2009 setzten sich die Einbussen an Werbemitteln dann fast erdrutschartig fort. Der gesamte Werbemarkt verlor ein Volumen von 12% von 5,796 Mrd. auf 5,134 Mrd. Franken. Besonders schwer traf es erneut den Pressemarkt, wo Verluste von über 20% zu verzeichnen waren. Auch der Fernsehbereich verlor um über 5%, während sich das Radio leicht stabilisieren konnte. Grosser Gewinner war wieder der Onlinebereich, der – allerdings von niedrigem Niveau startend – 58% an Werbeeinnahmen hinzugewinnen konnte und nun fast im Bereich der Radiowerbung liegt (Onlinewerbung: 119 Mio. Franken, Radiowerbung 135 Mio. Franken jährlich).

Diese Entwicklung setzt vor allem den Pressebereich unter Druck, bei dem auch die Verkaufserlöse von 2002 bis 2009 von 1,88 Mrd. auf 1,73 Mrd. Franken gesunken sind. Des Weiteren kann sich der Pressebereich nicht, im Gegensatz zum öffentlichen Fernsehen und Radio und, zumindest teilweise, auch zum privaten Rundfunk, auf Einnahmen aus Gebühren finanzieren.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass die Presse finanziell massiv unter Druck gekommen und das Geschäftsmodell der ältesten und wichtigsten Träger der öffentlichen Kommunikation, der Abonnementszeitungen, prinzipiell in Frage gestellt ist. Durch die grosse Verbreitung der Gratismedien hat sich der Pressebereich letztlich Einnahmen genommen, ohne an Qualität gewonnen zu haben, da die Rezipienten aufgrund der Gratisprodukte weniger bereit sind, Zeitungen zu kaufen, was sich in niedrigeren Verkaufszahlen insgesamt niederschlägt. Ausserdem schwinden durch sinkende Auflagezahlen im Pressebereich und durch die vermehrte Nutzung von Onlineangeboten, die Dienstleistungen gratis anbieten, die Werbemöglichkeiten für die Presse zunehmend. Sollte sich dieser Trend nicht umkehren, werden nur noch wenige Presserzeugnisse der Schweiz einen hochwertigen Journalismus finanzieren können. Darüber hinaus ist durch diese Entwicklung mit weiteren Konzentrationstendenzen im Pressebereich zu rechnen (vgl. ausführlich Kapitel II.1).

Das verstärkte Werbeaufkommen im Onlinebereich wiederum sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Bereich nach wie vor klein ist und hinter den Erwartungen der Medienhäuser zurückbleibt. Onlinemedien sind bis jetzt wirtschaftlich kein Erfolgsmodell, obwohl sie verstärkt genutzt werden, da die Einnahmen über Werbung geringer sind als erwartet. Konsequenterweise wird darüber nachgedacht, Inhalte wieder kostenpflichtig anzubieten. Allerdings sollte man die Erfolgschancen eines solchen Modells eher skeptisch beurteilen (vgl. ausführlich Kapitel V.1). Ein weiterer Trend, der vor allem im Onlinebereich zu beobachten ist, ist das vermehrte Abfliessen der Werbemittel von den publizistischen Medien hin zu Suchmaschinenwerbung oder Werbung im Zusammenhang mit Social Networks durch branchenfremde Akteure. Diese Mittel fehlen nun für die Herstellung publizistischer Produkte.

Im Radio-Bereich sind die Werbemittel in etwa gleichbleibend, im TV-Bereich nehmen sie ab. Allerdings ist der Bereich selbst aufgrund der auch weiterhin bestehenden Gebühreneinnahmen weniger prekär als der Pressemarkt. Doch auch der Rundfunkbereich kann durch weitere Werbeverluste in Schwierigkeiten geraten. Die SRG hat 2009 ein (erneutes) Defizit von knapp 50 Mio. Franken erwirtschaftet, was zu Diskussionen führte. Diese Diskussionen, die eine Verkleinerung des Programms oder den Abbau von Personal fordern, dürften sich vor dem Hintergrund eines weiteren bzw. grösseren Defizits verschärfen. Private Fernseh- und Radiosender, die ohnehin journalistisch äusserst knapp dotiert sind, könnten aufgrund dieser Entwicklungen existenzielle Probleme bekommen, wenn sie nicht von den hinter ihnen stehenden Medienunternehmen gestützt werden (vgl. ausführlich Kapitel III.1 und Kapitel IV.1).

Fazit

Die finanzielle Situation der Medien der Schweiz hat sich gravierend verschlechtert. Die Werbeeinahmen, die bei den privaten Medien den Grossteil der Einnahmen ausmachen, sind auf dramatische Weise weggebrochen. Dies trifft vor allem die Presse sehr hart, und ihr gesamtes Refinanzierungsmodell wird in Frage gestellt. Aber auch die öffentlichen Sender geraten auf Dauer unter Druck, wenn die Werbeeinnahmen weiterhin sinken. Auch die Onlinemedien können nicht als Gewinner bezeichnet werden. Obwohl sie ihr Werbeaufkommen, wenn auch von sehr geringem Niveau ausgehend, weiter steigern konnten, rechnen sich die Newssites der Abonnementszeitungen nicht und nehmen den Presseerzeugnissen ausserdem Publikum weg.

Der Verweis auf die Newssites der Abonnementszeitungen führt bereits zur genaueren Analyse der Lage der Informationsmedien mit gesellschaftspolitischem Fokus. Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, ob die Massenmedien zu einer funktionierenden Öffentlichkeit beitragen, d.h., ob sie dazu beitragen, die Funktionen von Öffentlichkeit – die Forums-, die Legitimations-/Kontroll- und die Integrationsfunktion – zu erfüllen, werden im Folgenden die Medientitel im Mittelpunkt stehen, die gesellschaftspolitisch relevant sind.

Entwicklung der Informationsangebote mit gesellschaftspolitischem Fokus

Die dargestellten Nutzungsdaten sind allgemein in Bezug auf die Gesamtmenge der Medien der jeweiligen Gattung erhoben. Für die vorliegenden Fragen ist jedoch eine systematische Erhebung und Analyse derjenigen Titel (Presse, Radio- und TV-Angebote, Onlinemedien) wichtig, die für die Erfüllung der Öffentlichkeitsfunktionen relevant sind. Es handelt sich in dieser Untersuchung um die Informationsmedien, die eine Nutzungsquote von mindestens 0.5% der jeweiligen sprachregionalen Bevölkerung über 15 Jahren haben und sich inhaltlich mit gesellschaftspolitischen Fragen befassen. Dies sind die Medien, die primär Öffentlichkeit herstellen, also nicht auf Serviceleistungen oder Sparten spezialisiert sind (Wetter, Verkehr). Diese Medientitel werden im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung stehen.

Zunächst werden die verschiedenen Mediengattungen hinsichtlich ihres Beitrags zu den relevanten Informationsinhalten und Titeln analysiert. Anschliessend wird geprüft, ob es dabei sprachregionale Unterschiede gibt und wie sich diese manifestieren. Abschliessend wird untersucht, wie diese relevanten Titel ökonomisch eingebettet sind. Dabei wird insbesondere die Frage im Mittelpunkt stehen, ob es durch medienökonomische Konzentrationstendenzen zu einer Gefährdung der Meinungs- und Inhaltsvielfalt kommt.

Grundsample der Topografie der schweizerischen Medienlandschaft

Das Grundsample von 2001 bis 2009 umfasst über die Stichprobenjahre hinweg insgesamt 148 verschiedene Medientitel aus dem gesellschaftspolitischen Informationsbereich; hinsichtlich der Sprachregionen handelt es sich um 77 Titel der deutsch-, 47 der französisch- und 24 der italienischsprachigen Schweiz sowie, in Bezug auf die Mediengattungen, um 57 Presse-, 39 Radio-, 26 Fernseh- und 26 Onlinetitel.

In Bezug auf die Entwicklung der Medientitel mit gesellschaftspolitischem Fokus zeigt sich die Schweizer Medienlandschaft diversifiziert.

Im Pressebereich konnte dabei zwischen 2001 und 2005 ein Rückgang der Titel von 50 auf 45 festgestellt werden. Diese Zahl stieg von 2005 bis 2009 wieder auf 49 Titel an, die das Kriterium der Abdeckungsquote von 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung erfüllen. Die Schweiz zeigt sich mit dieser Zahl (noch) als Presseland, denn nach wie vor sind alle Pressetypen – Abonnements-, Boulevard-, Gratis- und Sonntagszeitungen bzw. Magazine (vgl. zur Einteilung Methodik im Anhang) – in diesem Sample vertreten. Allerdings sind gravierende Verschiebungen erfolgt. Der für die politische Meinungsbildung aufgrund seines Berichterstattungsvolumens, seiner vertiefenden Formate (Kommentare, Leitartikel) und seiner ausdifferenzierten Ressortstruktur besonders wichtige Pressetyp der Abonnementszeitungen hat an Titeln verloren. 2001 kam dieser Pressetyp noch auf 37 Titel, 2005 waren es 33 und 2009 sind es 32. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit zwei Gewinner, allen voran die Gratiszeitungen, die 2001 lediglich zwei Titel, 2005 nur einen, 2009 aber fünf Titel zählen. Methodisch kamen nur Titel ins Sample, die im Erhebungsjahr mindestens sechs Monate erschienen sind. So ist z.B. die Gratiszeitung .ch 2009 nicht im Sample, weil sie bereits im Mai 2009 eingestellt wurde. Ein weiterer Gewinner waren die Sonntagszeitungen, deren Zahl in der deutschsprachigen Schweiz in den letzten acht Jahren um drei anwuchs (NZZ am Sonntag, Sonntag AZ, Südostschweiz am Sonntag). Blieben die Auflagezahlen im Bereich der Sonntagszeitungen und Magazine trotz grösserer Titelzahl relativ stabil – was bei einem sinkenden Pressemarkt insgesamt ein Erfolg ist –, haben sich die Auflagenzahlen der Gratiszeitungen deutlich erhöht. So konnte die Gratiszeitung 20 Minuten ihre Auflage in der deutschsprachigen Schweiz von 300 000 (2001) auf 536 000 (2009) steigern und ist damit die grösste Tageszeitung der Schweiz geworden.

Die Entwicklung der Radiotitel im Informationsbereich ist relativ konstant geblieben. 2001 kamen 35 Titel ins Sample, 2005 34 und 2009 38. Die veränderten Zahlen lassen sich dadurch erklären, dass Nachrichtensendungen von Lokalradios, die eine Nutzungszahl um 0.5% des jeweiligen Universums aufweisen, knapp den Sprung über die 0.5%-Hürde geschafft haben. Dies korreliert mit den allgemeinen Nutzungsdaten, da die Reichweite des Radios nicht gesunken ist (vgl. Kapitel III.1). In Bezug auf die Nutzung sind die Informationsangebote der öffentlichen Sender nach wie vor die klar am meisten genutzten, auch wenn ihre Nutzung in den letzten Jahren abgenommen hat. Private Radioprogramme haben hier nur eine untergeordnete Rolle, die sich überwiegend auf den lokalen Bereich beschränkt. Ausländische Radioprogramme haben, im Gegensatz zum TV-Bereich (vgl. Kapitel IV.1), praktisch keine Bedeutung.

In Bezug auf die verschiedenen Informationsformate bei Radio und Fernsehen (Nachrichten, Magazin, Forum; vgl. Kapitel III.1) zeigt sich, dass (Kurz-)Nachrichtensendungen bei privaten und öffentlichen Sendern vorkommen, die vertiefenden Formate aber klar eine Domäne der öffentlichen Radiosender sind. Von den zwölf Magazinen waren 2009 neun öffentlicher und nur drei privater Provenienz. Noch deutlicher ist das Bild bei den Forumssendungen: alle sechs eruierten Titel stammen von den öffentlichen Sendern. Vertiefende Formate, die einen besonderen Beitrag zur gesellschaftlichen Meinungsbildung liefern, sind also nur bei den öffentlichen Sendern verankert, allerdings sinken die Nutzungszahlen der Informationsformate der öffentlichen Sender (vgl. Kapitel III.1).

Der Fernsehmarkt der Schweiz ist von der Nutzung her dreigeteilt. Etwa ein Drittel der Programmnutzung entfällt auf die SRG-Programme. Private Schweizer Sender haben nur in der deutschsprachigen Schweiz einen mit 6% nennenswerten Marktanteil (private Sender in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz haben je 1.7% Marktanteil). Der Rest entfällt auf die Nutzung ausländischer Programme (s.o.). Hinsichtlich der Marktanteile der öffentlichen Programme bewegt sich die Schweiz damit primär aufgrund der Nutzung der ausländischen Programme im europäischen Vergleich im unteren Drittel (Quelle: BfS). Diese allgemeinen Nutzungszahlen lassen sich allerdings nicht auf den hier interessierenden Bereich der Informationssendungen übertragen. Informationen werden vorwiegend in einheimischen Programmen nachgefragt. Dies zeigt sich bei den Hauptnachrichtensendungen sehr deutlich. Die Tagesschau (SF1) hat einen Marktanteil von 54.1%, Le Journal (TSR1) 60.1% und das Telegiornale sera (LA1) 48.4%. Damit erreichen diese Nachrichtenformate auch im internationalen Vergleich einen hohen Marktanteil. Das ausländische Fernsehen wird somit weniger zur Information, sondern vor allem zur Unterhaltung genutzt.

Die Zahlen der Fernsehsendungen, die eine Abdeckungsquote von über 0.5% aufweisen, bleiben praktisch konstant. 2001 überquerten 24 Titel diese Hürde, 2005 waren es 23 und 2009 erneut 24. Auf den ersten Blick ist dieses Ergebnis etwas widersprüchlich zu den allgemeinen Nutzungszahlen, die besagen, dass die Reichweite des Fernsehens sinkt. Dieses Ergebnis gilt aber auch für die Informationsformate Nachrichten, Magazine und Forum. Die Abdeckungsquote dieser Sendungen, also das Verhältnis von täglichen Nutzern (Reichweite) zur Bevölkerungszahl, ist, wie auch beim Radio, gesunken – im Bereich der Nachrichten um 25% und im Bereich der Forumssendungen um etwa 15%. Nur die Magazinsendungen konnten sich mit ihrer Abdeckungsquote in etwa auf einem Niveau halten.

Die Nachrichtensendungen (2009: 9) zeigen sich diversifiziert: Vier Sendungen kommen aus dem öffentlichen, fünf aus dem Bereich des privaten Fernsehens, wobei die öffentlichen Sender eine deutlich höhere Nutzungszahl aufweisen. So hat die Tagesschau auf SF1 2009 beispielsweise eine Nutzerzahl von 868 000, während die grösste Nachrichtensendung der privaten Sender, die Züri News von Tele Züri, auf lediglich 66 900 Nutzer kommt (Wiederholungen oder Ausstrahlungen auf anderen Kanälen wurden nicht erhoben). Die vertiefenden Informationsformate (Forum, Magazine) sind überwiegend die Domäne der öffentlichen Sender, wobei die generell geringe Zahl von Magazinen auffallend ist. Magazine sind aufwendig und daher teuer herzustellende Formate, die höhere Rechercheleistung hinsichtlich Inhalt und Bildmaterial erfordern. Daher ist ein Trend dahingehend festzustellen, dass dieses vertiefende Format seltener hergestellt und gesendet wird. Das ist problematisch, da gerade dieses Rundfunkformat zu einem besseren Verständnis gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge beiträgt (vgl. ausführlich Kapitel IV.1).

Der Onlinebereich ist der am stärksten wachsende der untersuchten Mediengattungen. Waren hier 2006 noch 21 Titel über der 0.5%-Hürde, sind dies 2009 bereits 26, wobei im Gegensatz zu den anderen Mediengattungen auch die Abdeckungsrate bei allen Typen gestiegen ist. Häufig haben sich die Werte sogar verdoppelt. Im Onlinebereich können vier verschiedene Medientypen unterschieden werden: Abonnement-Online, Boulevard-Online und Gratis-Online verweisen schon begrifflich auf ihre Herkunft aus den entsprechenden Printangeboten, die sich aber durch eigene Redaktionen und zumindest zum Teil auch durch eigenständig produzierte Informationsangebote auszeichnen. Davon abgrenzen lassen sich Onlineportale, die praktisch keinerlei eigenproduzierte Informationsleistungen anbieten (vgl. ausführlich Kapitel V.1).

Onlineportale werden am stärksten genutzt (z.B. bluewin.ch oder sf.tv), da Onlineportale neben der Informationsbeschaffung andere Funktionen erfüllen. So werden bluewin.ch oder GMX.ch auch für den E-Mail-Verkehr verwendet und die Onlineportale der SRG auch zur Unterhaltung. 2009 haben die Onlineportale bereits eine Abdeckungsquote von je etwa 25% pro Sprachregion, was dem Wert aller Abonnementszeitungen entspricht, die eine Auflage von mehr als 0.5% des sprachregionalen Universums erreichen (vgl. Zahlen Kapitel II.1). Allerdings zeigt sich im Onlinesektor kein Siegeszug der Newssites der Gratismedien. Das einzig relevante Angebot, 20minuten.ch bzw. 20minutes.ch, zeigt zwar auch Zuwachsraten, bleibt aber hinter der Gruppe der Abonnement-Onlinesites und der Boulevard-Onlinesites zurück. Das liegt auch daran, dass sämtliche Inhalte der hier untersuchten Titel gratis sind und inhaltlich eine Angleichung der Angebote im Hinblick auf eine stärkere Orientierung an Softnews und personalisierenden sowie skandalisierenden Inhalten über die Onlinetypen hinweg stattfindet (vgl. Kapitel V.2). Des Weiteren ist im Onlinebereich zu beobachten, dass Werbemittel von den publizistischen Medien verstärkt zu Suchmaschinenwerbung oder Werbung im Zusammenhang mit Social Networks durch branchenfremde Akteure abfliessen. Diese Mittel fehlen nun für die Herstellung publizistischer Produkte.

Bezüglich der sprachregionalen Verteilung der analysierten Informationsmedien zeigen sich einige Charakteristika, die auf einen Einfluss der Medienkulturen des jeweiligen Sprachraums schliessen lassen.

Insgesamt zeigt sich die Schweizer Medienlandschaft auch in der kleinsten Sprachregion, der italienischsprachigen Schweiz, diversifiziert. Sämtliche Mediengattungen sind vertreten, wobei auch fast alle Medientypen in allen Sprachregionen vorhanden sind. Hier zeigt die italienischsprachige Schweiz einige Lücken, so gibt es dort keine Boulevard- oder täglich erscheinenden Gratiszeitungen und im Onlinebereich keine Abonnements-, Boulevard- oder Gratis-Onlinemedien, die über die 0.5%-Hürde des sprachregionalen Universums kommen.

Bezüglich der sprachregionalen Verteilung der erfassten Medien zeigt sich das Bild der Beeinflussung der Medienlandschaft durch den «Next Door Giant». Die Medienlandschaft in der deutschsprachigen Schweiz zeigt sich relativ presselastig. Dies korreliert mit der Medienlandschaft in Deutschland. Die Reichweite der Presse ist auch in Deutschland wesentlich höher als in Frankreich und Italien. Auffallend in der französischsprachigen Schweiz ist die recht hohe Anzahl von Onlinemedien. Auch hier findet sich eine Korrelation mit dem Nachbarland Frankreich, das eine im Verhältnis zu Deutschland und Italien hohe Reichweite des Internet aufweist. Die italienischsprachige Schweiz zeigt als Charakteristikum einen hohen Anteil von Fernsehsendungen, der mit der starken Nutzung dieses Mediums in Italien korreliert.

Fazit

Auch im Bereich der gesellschaftspolitischen Informationsangebote zeigen sich im Wesentlichen die Trends, wie sie für die generelle Mediennutzung zu beobachten sind: Die Presse – hier vor allem die Abonnementszeitungen – verliert an Bedeutung, abgemildert nur durch den Erfolg der Gratistitel. Radio und Fernsehen verlieren hier an Reichweite. Die vertiefenden Formate sind vor allem bei den öffentlichen Sendern zu finden. Der Onlinebereich ist auch im Informationssegment auf dem Vormarsch. Gesamthaft lässt sich ein starker Trend zur «Gratisinformation» beobachten. Da die Gratistitel der Presse überdurchschnittlich stark von der jungen Bevölkerungsgruppe der 15- bis 34-Jährigen genutzt werden (Quelle: WEMF), die auch in der Onlinenutzung die stärkste Kohorte stellt, wirken die sozialisierenden Effekte der Gratiskultur hier besonders stark.

Ökonomische Konzentrationstendenzen in der Schweizer Medienlandschaft

Obwohl sich die Medienlandschaft bei den Informationsmedien auf den ersten Blick diversifiziert und vielfältig zeigt, ergeben sich durch medienökonomische Entwicklungen der letzten Jahre grundsätzliche Gefährdungen dieser Vielfalt. Durch Übernahmen und Fusionen schwinden die Player auf dem Medienmarkt, die Unternehmen werden grösser und marktbeherrschender. Vor allem im Pressebereich haben in den letzten Jahren massive Konzentrationsprozesse stattgefunden. Teilweise wird angenommen, dass auf Dauer nur zwei bis drei Grossanbieter auf dem Schweizer Pressemarkt überleben werden (vgl. Raos, 2009, S. 9/10).

Konzentrationstendenzen gefährden die Meinungsvielfalt über das Phänomen der Mehrfachverwertung und des Konzernjournalismus. Ersteres bedeutet, dass derselbe Medieninhalt über mehrere Kanäle des entsprechenden Medienunternehmens verbreitet wird, z.B. über seine Presse- und Onlinekanäle. Aus der Sicht der Unternehmen ist diese Art der Mehrfachverwertung sinnvoll, da dadurch Investitionen in Recherche und in das Erstellen von Information besser verwertet werden und zusätzlicher Werberaum für denselben Inhalt generiert wird. Konzernjournalismus bedeutet, dass alle Medientitel, die im entsprechenden Medienunternehmen hergestellt werden, einer bestimmten redaktionellen und/oder politischen Linie folgen (müssen) oder über besonders wichtige Werbepartner unkritisch berichten (vgl. auch Heinrich, 2001, S. 125).

Allerdings haben diese Konzentrationsprozesse in einem relativ kleinen und kleinteiligen Markt wie der Schweiz nicht nur negative Effekte. So ist es für einen kleinen Anbieter aufgrund der beschränkten finanziellen Ressourcen schwierig, qualitativ hochstehende Produkte aufrechtzuerhalten. Diese Konzentrationsprozesse sind in der Schweiz jedoch inzwischen so weit fortgeschritten, dass in vielen Regionen Monopol- oder Quasimonopolsituationen entstanden sind, weil nur noch eine regionale Zeitung existiert und die lokalen Radio- und Fernsehanbieter oft zum gleichen Medienunternehmen gehören wie die dort operierende Zeitung (Blum, 2003, S. 370).

In der Schweiz haben sich einige Medienorganisationen im Verdrängungswettbewerb zu Multimediaunternehmen gewandelt (vgl. auch Künzler, 2005, S. 26). Das von der Abdeckungsquote her herausragende Unternehmen bleibt jedoch in allen Sprachregionen die SRG. Sie besitzt im Informationsbereich in den Mediengattungen Radio und Fernsehen eine überragende Position, im sprachregionalen und nationalen Fernsehbereich hinsichtlich Informationssendungen fast eine Monopolstellung. Privates Radio spielt auf lokaler Ebene eine ergänzende Rolle, das private Fernsehen ist nur auf lokaler Ebene von Bedeutung. Die Abdeckungsquote der SRG schwankt zwischen 98% in der italienischsprachigen und knapp 125% in der deutschsprachigen Schweiz. Das heisst für die deutschsprachige Schweiz, dass die kumulierten täglichen Nutzungszahlen (Personen über 15 Jahre) der Informationsangebote der SRG die Bevölkerungszahl (Personen über 15 Jahre) um den Faktor 1,25 übertrifft. Die Werte werden nicht nur von den Radio- und Fernsehprogrammen der SRG erzielt; auch die Onlineangebote der SRG (z.B. drs.ch oder rsi.ch) werden in beträchtlichem Umfang genutzt.

Der Medienmarkt der deutschsprachigen Schweiz wird von drei weiteren Multimediaunternehmen bestimmt, die alle vier Mediengattungen abdecken, nämlich Tamedia, Ringier und die NZZ-Gruppe. Besonders deutlich wird die überragende Bedeutung dieser Unternehmen im Pressemarkt. Tamedia hat in der deutschsprachigen Schweiz 2009 einen Anteil von 42% am hier erfassten Pressemarkt (das heisst im Bereich Informationsmedien mit einer Auflage von mindestens 0.5% der jeweiligen sprachregionalen Bevölkerungszahl über 15 Jahren). Zusammen beherrschen die drei grössten Medienhäuser, Tamedia, Ringier und die NZZ-Gruppe, 77% dieses Pressemarkts. Noch drastischer sind diese Zahlen in der französischsprachigen Schweiz. Dort gibt es als nennenswerte Medienunternehmen nur noch Edipresse (59%) und Tamedia (20%), die nach ihrer Fusion 2010 fast 80% des hier erfassten Pressemarkts kontrollieren. Aufgrund ihrer Entwicklung zu Multimediaunternehmen decken diese Unternehmen auch am gesamten Medienmarkt der deutschsprachigen Schweiz einen beträchtlichen Teil ab, wobei sich die Onlineangebote dieser Medienunternehmen zumindest von der Nutzung her als Erfolg herausgestellt haben und deutlich mehr genutzt werden als die Radio- und Fernsehsender dieser Unternehmen. In der französischsprachigen Schweiz gibt es auf dem hier erfassten Gesamtmedienmarkt ausser den SRG-Programmen nur noch Edipresse/Tamedia als Player. Das kommt auch dadurch, dass das private Radio und Fernsehen in der französischsprachigen Schweiz nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Mit der Timedia Holding hat sich in der italienischen Schweiz in den letzten Jahren ebenfalls ein wachsendes multimediales Unternehmen herangebildet, das alle vier Mediengattungen im Informationsbereich abdeckt. Auf den ersten Blick zeigt sich der Medienmarkt der italienischsprachigen Schweiz diversifizierter, wobei hier zu differenzieren ist. Im Pressebereich gibt es verschiedene relevante Anbieter politischer Information. Im Radio- und Fernsehbereich sind neben der SRG nur die Angebote der Timedia Holding von Bedeutung (Radio 3iii und Tele Ticino; Radio Fiume Ticino spielt eine eher untergeordnete Rolle). Auch im Onlinebereich gibt es neben bluewin.ch (Swisscom), das in allen drei Sprachregionen aufgrund seiner grossen Nutzung mehr als 5% Abdeckungsquote aufweist, nur die Angebote der SRG und der Timedia Holding.

Diese Konzentrationstendenzen vor allem in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz sind bedenklich. Zwar kann so ein typendiversifiziertes Mediensystem in kleinteiligen Märkten gesichert werden, die Unabhängigkeit der einzelnen Medien ist aber durch die hohe Konzentration nicht mehr gewährleistet.

Im Folgenden werden die drei grössten Multimediaunternehmen der Schweiz kurz dargestellt. Es wird gezeigt, welche Medientitel, die in dieser Analyse erhoben wurden, wirtschaftlich von ihnen kontrolliert werden. Weil nur die Informationsmedien dargestellt werden, erheben die Grafiken keinen Anspruch auf die vollständige Darstellung aller ökonomischen Verflechtungen dieser Unternehmen.

Tamedia war zunächst vor allem in der deutschsprachigen Schweiz tätig und ist ursprünglich ein Presseunternehmen. Durch seine Fusion mit dem westschweizerischen Verlagshaus Edipresse wurde Tamedia zum grössten Hersteller von Schweizer Medientiteln, mit fast marktbeherrschender Stellung im Pressemarkt der Westschweiz. Tamedia hat in allen vier Gattungen der Informationsmedien Medientitel aufzuweisen. Schwerpunkt bildet der Pressebereich. «Flaggschiff» der Tamedia ist die Abonnementszeitung Tages-Anzeiger, die bereits seit 1893 herausgegeben wird. Lokale Schwerpunkte der Tamedia-Produkte sind Zürich, die Region Bern und die gesamte Westschweiz. Durch die Fusion mit Edipresse ist Tamedia das private Medienunternehmen mit dem grössten Inlandumsatz.

Ringier besitzt in allen drei Sprachregionen Kontrollmacht über Medientitel und ist eher boulevardesk orientiert. Erfolgreich, wenn auch mit abnehmender Tendenz, sind die Medientitel der «Blick-Gruppe». Zu gleichen Teilen mit Edipresse ist Ringier in der Westschweiz an Le Temps und Letemps.ch beteiligt. Ringier ist im Gegensatz zu Tamedia und der NZZ-Gruppe stark im Ausland engagiert, u.a. in Deutschland, Tschechien und der Slowakei.

Die NZZ-Gruppe ist vor allem auf das Herausgeben von Zeitungen spezialisiert. Sie ist in der Ostschweiz stark, besitzt aber mit der Neuen Luzerner Zeitung auch ein Standbein in der Innerschweiz. «Flaggschiff» ist die auch internationale renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Ausserhalb des Zeitungswesens ist die NZZ-Gruppe nicht stark aufgestellt. In Bezug auf die Besitzverhältnisse zeigen sich dabei noch Reste der Einbettung der Presse in politische und intermediäre Träger (s.o.): Die Aktionäre der NZZ-Gruppe (AG für die Neue Zürcher Zeitung) sollten liberal gesinnt sein (vgl. NZZ-Mediengruppe Geschäftsbericht 2009).

Fazit

Die Medienlandschaft der Schweiz ist im Umbruch. Der Pressebereich im einstigen «Printmedienland» verliert sowohl bezüglich seiner Auflagen und Nutzung, vor allem aber in Bezug auf seine wirtschaftlichen Grundlagen an Bedeutung. Nur die Gratistitel und teilweise die Sonntagszeitungen können innerhalb der Presselandschaft noch Zuwachsraten verbuchen und so den generellen Abwärtstrend der Presse abmildern. Die aufgrund ihrer Berichtserstattungstiefe und -breite für die Vermittlung von politischen und gesellschaftsrelevanten Inhalten besonders wichtigen Abonnementszeitungen verlieren deutlich an Gewicht. Die Refinanzierungsgrundlage der Presse wird durch diesen Gratistrend prekär und am Werbekuchen partizipieren vermehrt branchenfremde Akteure (z.B. über Suchmaschinenwerbung). Zusätzlich sind Einbrüche im Werbebereich von bisher nicht gekanntem Ausmass zu verzeichnen. Durch diese Einbrüche und durch die Abwanderung des Publikums zu Gratismedien ringt die qualitativ anspruchsvolle Presse ums Überleben.

Zu diesem Gratistrend zählen insbesondere auch die Onlinemedien. Sie boomen auch im Informationsbereich. Sowohl von der Titelanzahl als auch von der Nutzung her sind hier deutliche Zuwachsraten zu verzeichnen, ohne dass sich jedoch ein dauerhafter Refinanzierungserfolg über Werbung einstellt. Die Online-Newssites bleiben vielfach ein Zuschussunternehmen der ohnehin darbenden Presse.

Radio und Fernsehen können ihre Stellung in etwa halten, auch wenn ihre Informationsangebote weniger genutzt werden und gerade beim Fernsehen finanzielle Einbussen im Werbebereich zu verzeichnen sind. Die öffentlichen Sender haben im Informationsbereich nach wie vor eine überragende Stellung. Private Angebote sind hier allenfalls als komplementär, vor allem im Lokalbereich, einzustufen. Der ebenfalls gratis angebotene private Rundfunk erwirtschaftet nicht die Mittel, die nötig sind, um redaktionelle Ressourcen für einen qualitativ guten Journalismus bereitzustellen.

Insgesamt sind diese Entwicklungen alarmierend: Es hat sich eine Gratiskultur durchgesetzt, die die nötigen Ressourcen für guten Journalismus nicht bereitstellt und Publizistik erst noch von der hohen Volatilität eines schwindenden Werbeaufkommens abhängig macht, an dem immer mehr branchenfremde Akteure partizipieren. Diese fragile Grundlage befördert den intensiven Konzentrationsprozess und Einsparungen bei den Redaktionen. Die einstige Vielfalt der schweizerischen Medienlandschaft ist bereits Geschichte.

Weiterführende Literatur

Blum, Roger, 2003: Medienstrukturen der Schweiz, in: Öffentliche Kommunikation. Handbuch der Kommunikations- und Medienwissenschaft, hg. von Bentele, Günter/Brosius, Hans-Bernd/Jarren, Otfried, Wiesbaden, S. 366–381.

Bonfadelli, Heinz, 2010: UNIVOX-Bericht «Kommunikation und Medien» 2009 im Auftrag des gfs-zürich, Zürich.

Hasebrink, Uwe/Herzog, Anja, 2009: Mediennutzung im internationalen Vergleich, in: Internationales Handbuch Medien, hg. vom Hans-Bredow-Institut, Baden-Baden, S. 131–154.

Heinrich, Jürgen, 2001: Medienökonomie. Band 1: Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden.

Imhof, Kurt/Kamber, Esther, 2001: Politik und Gesellschaft im Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zur Veränderung der Konstitutionslogiken der öffentlichen Kommunikation, in: Gute Gesellschaft? Plenumsband A zum 30. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, hg. von Allmendinger, Jutta, Wiesbaden, S. 425–453.

Künzler, Matthias, 2005: Das schweizerische Mediensystem im Wandel. Herausforderungen, Chancen, Zukunftsperspektiven, Bern.

Ludwig, Johannes, 2009: Pressedistribution im internationalen Vergleich, in: Internationales Handbuch Medien, hg. vom Hans-Bredow-Institut, Baden-Baden, S. 105–119.

Luhmann, Niklas, 1996: Realität der Massenmedien, Opladen.

Meier, Werner A., 2009: Das Mediensystem der Schweiz, in: Internationales Handbuch Medien, hg. vom Hans-Bredow- Institut, Baden-Baden, S. 592–602.

NZZ-Mediengruppe, Geschäftsbericht 2009, http://verlag.nzz.ch, Zugriff: 11. April 2010.

Raos, Bernhard, Zeitungen haben keine Konjunktur, Edito, 2009, Nr. 1, S. 9–10.

Schenk, Michael, 1998: Mediennutzung und Medienwirkung als sozialer Prozess, in: Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft, hg. von Sarcinelli, Ulrich, Bonn, S. 387–407.

Udris, Linards/Lucht, Jens, 2009: Öffentliche Kommunikation im Umbruch? Wandel der Medienstrukturen und Medieninhalte in ländervergleichender und diachroner Perspektive, in: Die österreichische Medienlandschaft im Umbruch. Relation: Beiträge zur vergleichenden Kommunikationsforschung, New Series, vol. 3, hg. von Stark, Birgit/Magin, Melanie, Wien, S. 17–40.

Lesehilfe I.1.1
Lesehilfe I.1.1

Nutzungszeit der Mediengattungen – Entwicklung von 2001 bis 2009

Die Darstellung zeigt die Entwicklung der Nutzungszeit der Mediengattungen in der Schweiz. Die Nutzungszeit gibt an, wie lange eine Mediengattung von einer Person pro Tag im Durchschnitt genutzt wird. Daten für den Onlinebereich sind erst ab 2004 erhältlich.

Lesebeispiel: In der Schweiz hat sich die durchschnittliche Nutzungszeit von Onlinemedien im Zeitraum von 2004 bis 2009 von 10 auf 38 Minuten täglich mehr als verdreifacht (Quelle: BfS, Mediapulse).

Lesehilfe I.1.2
Lesehilfe I.1.2

Tagesreichweite der Mediengattungen – Entwicklung von 2001 bis 2009

Die Darstellung zeigt die Entwicklung der Tagesreichweite der Mediengattungen. Die Tagesreichweite gibt an, wie viel Prozent der Bevölkerung pro Tag von mindestens einem Titel aus einer Mediengattung erreicht werden (bei Online und Presse [nur 2001] Daten inkl. Nutzung mehrmals wöchentlich).

Lesebeispiel: In der Schweiz hörten 2009 90% der Bevölkerung mindestens einmal am Tag Radio (Quelle: Ringier Werbefibel, BfS. Zahlen für den Onlinebereich 2001 nicht erhältlich).

Lesehilfe I.1.3
Lesehilfe I.1.3

Werbe- und Verkaufserlöse der Mediengattungen – Entwicklung von 2001 bis 2009

Die Darstellung zeigt die Entwicklung der Werbe- und Verkaufserlöse der Mediengattungen. Bei den Verkaufserlösen ist der Gebührenanteil der öffentlichen Sender eingerechnet. Daten zu den Verkaufserlösen ab 2002, für den Online-Bereich ab 2006 bzw. 2007 erhältlich.

Lesebeispiel: Die Werbeeinahmen des Fernsehens lagen 2001 bei 0,49 Mrd. Franken (Quelle: Stiftung Werbestatistik, Verband Schweizer Presse).