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I.2 Qualitätsvalidierung
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I.2.1 Vielfalt

Linards Udris

In der öffentlichen Kommunikation soll kein Thema, keine Meinung oder kein Akteur prinzipiell von der öffentlichen Kommunikation ausgeschlossen sein. Damit besteht ein Anspruch auf die Universalität der Öffentlichkeit, die mit dem Qualitätsindikator Vielfalt genauer überprüft werden kann. Denn weder die Auswahl der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme (Forumsfunktion), noch die Validierung der rechtsstaatlichen Institutionen (Legitimations- und Kontrollfunktion) oder die Selbstwahrnehmung der Bürger (Integrationsfunktion) wäre ohne die Norm der Universalität öffentlicher Kommunikation gewährleistet (vgl. Einleitung). Gleichzeitig hat ein zweiter Qualitätsindikator, nämlich der der Relevanz, zu verhindern, dass das bloss Partikuläre die gesellschaftsweite Aufmerksamkeit absorbiert. Der Qualitätsindikator Vielfalt wird hier deshalb anhand des Vergleichs der thematisierten Gesellschaftsbereiche und der geografischen Bezugsräume gemessen.

Dazu stützen wir uns auf eine Analyse der Frontseiten- und Aufmacherbeiträge, d.h. in der Presse und im Onlinebereich auf die Beiträge auf den Frontseiten und im Radio und Fernsehen auf diejenigen Beiträge, die mittels Aufmachern zu Beginn einer Sendung besonders hervorgehoben werden. In den Front- und Aufmacherbeiträgen und den damit geschaffenen Kommunikationsereignissen (Themen) zeigen sich die wichtigsten redaktionellen Entscheide über die Agenda eines Mediums. Entsprechend charakterisieren die Frontseiten und Aufmacher die Medientypen und -titel. Im Rahmen der Frontseitenanalyse wurden die Medientitel im letzten Quartal 2009 analysiert.

Themenvielfalt

Für die Erfassung der Themenvielfalt wurden die Beiträge auf den Frontseiten zu Kommunikationsereignissen verdichtet. Für jedes Kommunikationsereignis wurden der zentral thematisierte gesellschaftliche Teilbereich (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest) und der im Zentrum stehende geografische Raum erfasst. Weil grosse, viele Beiträge umfassende Kommunikationsereignisse ebenso wie kleine Kommunikationsereignisse nur einmal berücksichtigt werden, gewichtet diese Analyse die letzteren stärker. Dadurch wird die Vielfältigkeit der Themenlancierung auf den Frontseiten bzw. in den Aufmachern hervorgehoben. Themenvielfalt bedeutet eine grosse Vielfalt an Politik-, Wirtschafts- und Kulturthemen mit regionalen, nationalen und internationalen Bezügen.

Frontseiten und Aufmacherbeiträge: Beitragsfokus auf Gesellschaftssphären und geografische Räume

In der schweizerischen Medienarena findet auf den ersten Blick eine grosse Vielfalt von Themen Aufmerksamkeit. Im untersuchten letzten Quartal 2009 widmen die 46 Medientitel ihre Aufmerksamkeit insgesamt mehr als 3000 verschiedenen Kommunikationsereignissen auf ihren Frontseiten und in ihren Aufmacherbeiträgen. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass zwar ein knappes Drittel aller erfassten Kommunikationsereignisse die Politik betrifft (32%), eine fast ebenso grosse Gruppe aber Themen des Human Interest (31%). Politische Kommunikationsereignisse umfassen tendenziell eher mehrere Beiträge aus mehreren Tagen, Wochen oder Monaten (z.B. Minarettinitiative), während Kommunikationsereignisse aus dem Bereich Human Interest oftmals auf ein einzelnes, partikuläres Ereignis (z.B. Autounfall) rekurrieren und häufig aus sehr wenigen Beiträgen an einem oder nur wenigen Tagen bestehen. Insofern ist das Gewicht der Politikberichterstattung (Anzahl Beiträge) zwar höher. Doch die hohe Anzahl von Kommunikationsereignissen zum Human Interest bedeutet, dass die Medien immer wieder auf einzelne, spektakuläre, partikuläre Ereignisse fokussieren, deren Prozesshaftigkeit und Kontextuierung bestenfalls fraglich bleibt. Damit tragen sie zur Eventisierung der öffentlichen Kommunikation bei.

Im Vergleich zur hohen Zahl von Themen zum Human Interest vereinen Wirtschaft und Kultur je rund 15% auf sich, der Sport nochmals 6%. Wirtschaftsthemen umfassen überwiegend Kommunikationsereignisse zum Geschäftsgang einzelner Firmen und Branchen. In den selteneren Fällen, in denen reflexive wirtschaftliche Themen ausgebildet werden (z.B. zur Finanzmarktkrise), spielen die (überregionale) Abonnementspresse und der öffentliche Rundfunk eine zentrale Rolle. Die Fälle, bei denen Boulevard- und Gratismedien sowie der private Rundfunk auf die Wirtschaft fokussieren, handelt es sich häufig um Skandale (z.B. Betrug in einem Fitnesscenter in der Region Zürich) oder Geschäftsergebnisse mit Human Interest-Charakter (z.B. Qualität des Bordeaux-Jahrgangs 2009).

Themen aus der Kultur enthalten nur in wenigen Medientypen (v.a. der Abonnementspresse und dem öffentlichen Hörfunk) Reflexionen zu gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen (z.B. zum Einfluss von Scientology), wissenschaftlichen Befunden (z.B. Nobelpreis für Physik), Literaturereignissen wie der Frankfurter Buchmesse oder den Umgang mit verstorbenen Schriftstellern (z.B. Albert Camus in Frankreich), während vor allem in der Gratispresse und im privaten Rundfunk Kulturthemen dominieren, die den Charakter einer Produkt- und Serviceberichterstattung annehmen (z.B. Ankündigung von Fernsehserien). Sportthemen schliesslich finden auf den Frontseiten aller Medien anhand von grossen Turnieren Eingang (z.B. Australian Open im Tennis, Fussballmeisterschaft Axpo Super League) und in regional ausgerichteten Medien anhand vieler kleinerer (Freizeit-)Ereignisse, die vor allem regionale Beachtung finden (z.B. Absage eines Fussballhallenturniers in Genf).

Die Themenbildung in der öffentlichen Kommunikation der Schweiz bezieht sich damit in der Summe zu einem guten Drittel (37%) auf Themen aus Sport und Human Interest, zu einem Drittel auf Politik (32%) und je zu einem knappen Sechstel auf Wirtschaft und Kultur (je 15%).

Zu diesem Gesamtbefund – rund ein Drittel Themen aus Human Interest und Sport – tragen die einzelnen Medien in sehr unterschiedlichem Mass bei. Daher soll im Folgenden gezeigt werden, ob vor allem die einzelnen Mediengattungen für die Unterschiede entscheidend sind oder aber die einzelnen Medientypen, von denen sich einige über die Gattungen hinweg ähneln, oder aber die einzelnen Medientitel.

Die grossen Unterschiede innerhalb der Mediengattungen vorerst nicht berücksichtigt, trägt die Presse als älteste der untersuchten Mediengattungen am meisten zur Vielfalt der relevanten Sphären bei, gefolgt von der zweitältesten Gattung, dem Radio. Je rund 40% aller erfassten Kommunikationsereignisse in diesen Gattungen lassen sich auf die Politik zurückführen (vgl. Darstellung I.2.1). Presse und Radio thematisieren in der Tendenz längerfristige politische, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse, beispielsweise die Abrüstungsverhandlungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten, die Medienpolitik der Regierung Berlusconi oder die Regelung des elterlichen Sorgerechts in der Schweiz. Die neueste Gattung hingegen, die Onlinemedien, lehnt sich in der Tendenz der zweitjüngsten Gattung, dem Fernsehen an, und weist eine verhältnismässig starke Orientierung an Themen des Human Interest auf (rund 40%). Diese Medien und Gattungen bilden viele Kommunikationsereignisse aus, die einen ereignisgetriebenen, episodischen und kurzfristigen Charakter haben. Dazu gehören beispielsweise ein Verkehrsunfall in Rancate (TI), der überraschende Tod des jungen Popsängers Stephen Gately auf Mallorca oder die Rückkehr eines entflogenen Graupapageis in der Region Zürich.

Die Untersuchung der verschiedenen Ebenen – Mediengattungen, Medientypen und einzelne Medientitel – zeigt insgesamt aber vor allem, dass die Qualitätsorientierung der einzelnen Medientypen und Medientitel entscheidend ist, welche Sphären, Räume und Themen besondere Beachtung erhalten. (Nur) die jüngste Gattung Online erweist sich als relativ homogen und insgesamt relativ boulevardesk (vgl. Kapitel V.2.1.2); die anderen Gattungen Presse, Radio und Fernsehen sind hingegen viel heterogener. Der hohe Anteil an Politikthemen im Radio beispielsweise (41%) verdankt sich vor allem dem öffentlichen Rundfunk (49%) und weniger den privaten Anbietern (36%). Auch im Fernsehen und in der Presse verdankt er sich den öffentlichen Anbietern und den Abonnementszeitungen und zum Teil den Sonntagszeitungen und dem Magazin (mit Ausnahme des Sonntagsboulevards), nicht jedoch den Gratis- und Boulevardzeitungen. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich beispielsweise in Ländern mit einigermassen vergleichbaren Mediensystemen, etwa Belgien und Schweden (vgl. Strömbäck/van Aelst, 2010). Medien also, die dem Service Public verpflichtet sind und/oder sich (noch) an den Staatsbürger und weniger an den Medienkonsumenten richten, geben relevanten Themen besonderes Gewicht. Welcher Gattung sie dabei angehören, spielt (mit Ausnahme des Onlinebereichs) eine geringere Rolle.

Von den Medien, die besonders oft relevante und vielfältige Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur ins Zentrum rücken, liegen beispielsweise die Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios (84%) und die Abonnementszeitungen (80%) an der Spitze. Echo der Zeit, Rendez-vous, die Neue Zürcher Zeitung und Le Temps erzielen sogar um die 90%. Die privaten Radiosender liegen hingegen knapp im Mittelfeld (53%) und die Boulevardzeitungen am Schluss (38%). Zwischen diesem Schluss und dem Mittelfeld liegen die Gratiszeitungen und deren Onlineangebote (50%). Nicht nur bei den erfassten klassischen Boulevardtiteln wie Blick oder Le Matin (Online- und Printausgaben), deren Human Interest-Orientierung auch angesichts ihres Selbstverständnisses nicht überrascht, betragen die Anteile an relevanten Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur sogar unter 40%, sondern auch bei den Deutschschweizer privaten Fernsehsendern TeleM1 (35%) und Tele Züri (33%).

Fazit

In der Arena der schweizerischen Informationsmedien findet die Politik ein Drittel der Aufmerksamkeit. Themen aus Kultur und Wirtschaft sind nur zu je einem knappen Sechstel vertreten. Dafür finden Sport und Human Interest zu über einem Drittel Resonanz. Die Medien tragen in höchst unterschiedlichem Mass zu dieser Vielfalt und Relevanz bei. Der öffentliche Rundfunk und die Abonnementszeitungen bieten eine deutlich vielfältigere und relevantere Thematisierung als private Anbieter sowie Gratis-, Boulevard- und zum Teil auch Sonntagszeitungen. Gattungsspezifische Merkmale zeigen sich insofern, als die jüngste Gattung, die Onlinemedien, am homogensten ist und Sendungen im Radio sowohl bei den öffentlichen als auch bei den privaten Typen relevanter sind als in ihren Pendants im Fernsehen. Diese Befunde sind bemerkenswert, wenn man mögliche Entwicklungen der nächsten Jahre berücksichtigt. Die Kaufzeitungen stecken in einer grundsätzlichen (ökonomischen) Krise, das öffentliche Radio wird durch Bestrebungen nach struktureller Konvergenz mit dem öffentlichen Fernsehen herausgefordert, und die Nutzung von Gratiszeitungen und Onlinenewssites wird im Vergleich zu Presse, Radio und Fernsehen weiter zunehmen, da vor allem die jüngeren Alterskohorten zwischen 15 und 35 in einer qualitätsschwachen «Gratiskultur» sozialisiert worden sind. Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Bedeutung gerade derjenigen Typen und Gattungen in Zukunft zunehmen wird, die auch weniger zur Relevanz und Vielfalt beitragen.

In der Vielfalt verschiedener Themen fokussieren die Medien überwiegend auf die Region und die Ebene des Nationalstaats. Lokale und regionale Räume (45%) sowie der Nationalstaat (24%) sind der hauptsächliche Fokus bei der Mehrzahl der erfassten Kommunikationsereignisse, während Vorgänge auf bilateraler Ebene (3%), in einem ausländischen Staat (13%) und auf internationaler oder globaler Ebene (15%) tendenziell vernachlässigt werden (s.u.).

Auch hier zeigen sich primär zwischen den verschiedenen Medientypen und sekundär zwischen den Mediengattungen grosse Differenzen (vgl. Darstellung I.2.2). Der Regionalfokus des Fernsehens, der im Gattungsvergleich am meisten auffällt, ist vor allem – und angesichts der Konzessionierung nicht überraschenderweise – bei den privaten Anbietern ausgeprägt. Eine solche Orientierung am regionalen Raum geht aber oft mit einer Orientierung am Human Interest einher und gerade nicht mit einer Fokussierung auf die Regionalpolitik. Insofern leisten mehrere private Fernseh- wie auch mehrere private Radioanbieter und zum Teil auch einige Abonnementszeitungen trotz der Regionalisierung nur einen geringen Beitrag zu den Forums-, Kontroll- und Integrationsfunktionen der öffentlichen Kommunikation im regionalen Raum.

Auch das Ausland wird in der schweizerischen Medienarena nicht von allen Medientypen systematisch und intensiv beobachtet. Konzentriert man sich zudem nur auf die relevante Auslandsberichterstattung, d.h. auf Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur im Ausland und/oder auf globaler Ebene (insgesamt 19% aller erfassten Themen zu allen Räumen), fallen folgende Befunde auf (vgl. Tabelle I.2.1): Nachrichtensendungen im öffentlichen Radio widmen einer solchen Auslandsberichterstattung in ihren Aufmacherbeiträgen mit 40% am meisten, private Fernsehsender mit 3% am wenigsten Aufmerksamkeit. Generell bieten in der relevanten Auslandsberichterstattung der öffentliche Rundfunk und die überregionalen Abonnementszeitungen eine vielfältigere und relevantere Thematisierung als die regionalen Abonnementszeitungen, private Anbieter sowie Gratis-, Boulevard- und Sonntagszeitungen. Ebenso sind Sendungen im Radio in den Typen jeweils relevanter als in den Pendants im Fernsehen.

Auffallend ist die etwas grössere Bedeutung der Auslandsberichterstattung in der Gattung Online im Vergleich zu den Pendants der Presse: Dies trifft auf die Typen Abonnement (29 versus 23%), Gratis (18 versus 14%) und Boulevard (16 versus 10%) zu. Die Onlineausgaben der entsprechenden Zeitungen richten den Fokus also etwas stärker auf (relevante) Vorgänge im Ausland. Solche Befunde konnten in der Tendenz auch in den USA beobachtet werden (vgl. Pew Project, 2010) und verweisen darauf, dass sich die Gattung Online besonders stark an den (weltweit operierenden) Agenturen ausrichtet, die dann im Sinne von «breaking news» internationale Vorgänge jeweils möglichst aktuell auf die Agenda setzen. Diese auf dem Newsticker basierende Auslandsberichterstattung zeichnet sich in den Onlineausgaben entsprechend stärker durch eine episodische, also wenig kontextuierende Berichterstattung aus als in der Presse (vgl. Kapitel II.2.3.2 und V.2.3.2).

Des Weiteren reduziert sich die Vielfalt der relevanten Auslandsberichterstattung in den meisten Medientypen auf einige wenige Themen. Die Gratiszeitung 20 minutes beispielsweise bildet im Untersuchungszeitraum auf den Frontseiten ganze vier (!) Kommunikationsereignisse mit Bezug zur Politik im Ausland aus. Zwei davon sind stark personalisiert und privatisiert (Rolle der First Lady Michelle Obama, Verhältnis Berlusconis zu jungen Frauen), eines wird in Form einer punktualistischen Katastrophenberichterstattung abgehandelt (Anschläge im Irak), und nur eines folgt stärker institutionellen Prozessen (Klimakonferenz in Kopenhagen). Für die Nutzer solcher Medientypen besteht die Welt ausserhalb der Schweiz vor allem aus militärischen Konflikten, Krisen, Katastrophen und Softnews. Nur die überregionalen Abonnementszeitungen und der öffentliche Rundfunk sorgen (noch) für eine vergleichsweise vielfältige und gleichzeitig kontextuierende Beobachtung des Auslands. Spuren von der einstigen stolzen publizistischen Tradition des Kleinstaats Schweiz hinsichtlich einer aus drei Sprachregionen betriebenen vertieften Beobachtung der Welt finden sich nur noch im öffentlichen Rundfunk und in überregionalen Abonnementszeitungen.

Dafür ist die Analyse der Entwicklungen in den letzten Jahren instruktiv. Das Gewicht der Auslandsberichterstattung ist vor allem in seiner zeitlichen Entwicklung interessant, weil sich die Schweiz seit dem 19. Jahrhundert eine ausgesprochen umfängliche Weltbeobachtung leistet (Imhof, 2010). Ursächlich hierfür sind die Bedrohungswahrnehmungen des Kleinstaats und die engen ökonomischen Interdependenzen mit der Welt. Was passiert mit dieser Auslandsberichterstattung seit dem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit? Im Zeitverlauf zeigt sich, dass die relevante Auslandsberichterstattung an Bedeutung verliert, wie eine vertiefende Analyse von ganzen Zeitungsausgaben und Nachrichtensendungen zeigt (vgl. Darstellung I.2.3).

So lässt sich in den letzten zehn Jahren in allen hier untersuchten Mediengattungen und Medientypen eine Schrumpfung der Politikberichterstattung über das Ausland beobachten, und zwar sowohl in der (überregionalen) Presse, jeweils in der Boulevard-, Abonnements- und der Sonntagspresse, als auch in den öffentlichen Nachrichtensendungen des Deutschschweizer Radios und Fernsehens. Dieser Schwund der Auslandsberichterstattung zwischen 2001 und 2009 ist auch vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass in dieser Vertiefungsanalyse, die im Gegensatz zur Frontseitenanalytik alle Beiträge eines Mediums umfasst und auf Daten basiert, die jeweils zum damaligen Zeitpunkt (2001, 2005, 2009) erhoben wurden, nicht alle Medientypen und nur die Deutschschweiz erfasst wurde. So fehlen etwa die auflagestarken Gratiszeitungen, der Onlinebereich sowie die privaten Radio- und Fernsehsender. Berücksichtigt man nun die Ergebnisse der Frontseitenanalyse für 2009 (s.o.), wonach exakt jene Medientypen kaum etwas zu einer relevanten Auslandsberichterstattung beitragen (private Anbieter, Gratis- und Boulevardpresse) oder die relevante Auslandsberichterstattung mit episodischen Agenturmeldungen abhandeln (Online), dann ist der Schwund der Auslandsberichterstattung besonders in den vergleichsweise lange Zeit «auslandaffinen» Abonnementszeitungen und den Nachrichtensendungen des öffentlichen Rundfunks bemerkenswert.

Gewaltsame Bedrohungen und (überraschende) Eskalationen wie «9/11» sorgen für einen höheren Nachrichtenwert als vergleichsweise «geregelte» Konflikte und Aushandlungsprozesse (z.B. Wirtschaftspolitik). Auch wenn man für 2009 zusätzlich die resonanzstarken wirtschaftlichen Kommunikationsereignisse zur weltweiten Finanzmarktkrise (Liquididät der Banken in den USA usw.) dazurechnen würde (2009: Presse: 35%, Radio: 41%, TV: 36%, oben nicht ausgewiesen), liegen die Werte einer solchen relevanten Berichterstattung über das Ausland 2009 immer noch deutlich tiefer als 2001 und für Radio und TV auch als 2005. Gerade im Zeitalter der Globalisierung und der aktuellen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sinkt also in der schweizerischen Medienarena die Beobachtung international relevanter Vorgänge.

Auf der anderen Seite konzentrieren sich die hier erfassten Deutschschweizer Medien im Zeitverlauf immer mehr auf national relevante Fragen. Diese Fixierung auf den Nationalstaat kann, soziologisch gesprochen, auch als Ausdruck steigender innenpolitischer Konflikte und einer innenpolitischen Krise interpretiert werden. So steigt immer dann in der öffentlichen Kommunikation die Konzentration auf einige wenige innenpolitische (Streit-)Themen, wenn eine Gesellschaft an Orientierung verliert. Dies konnte empirisch für die Schweiz für mehrere Phasen des 20. Jahrhunderts beobachtet und gezeigt werden. Dabei zeigt sich regelhaft, dass die Problematisierung des Fremden in solchen Phasen zunimmt, zum Beispiel in der Skandalisierung von Minderheiten innerhalb der Gesellschaft oder in der Problematisierung von ausländischen Staaten und supranationalen Akteuren. Aktuell zeigt sich das auch daran, dass besonders Kommunikationsereignisse an Bedeutung zunehmen, in denen die Schweiz in Beziehung zum Ausland behandelt wird und ausländische Akteure vermehrt als Bedrohung der Schweiz erscheinen, seien es ausländische Staaten oder Minderheiten innerhalb der Schweiz (Druck auf das Bankgeheimnis, Libyenaffäre, Minarettinitiative, z.T. auch Freizügigkeitsabkommen mit der EU usw.).

Neben dieser krisentheoretischen Erklärung sorgt aber auch der Wandel der Medien für diese zunehmende Binnenorientierung und den Schwund der Auslandsberichterstattung. Immer mehr Abonnementszeitungen, die zu den Trägern der öffentlichen Kommunikation gehören, bauen die Auslandsberichterstattung in ihren Ausgaben ab und wenden sich der Region zu (vgl. Kapitel II.2.2.2). Weil die regionalen Abonnementszeitungen für die obigen Darstellungen nicht im Sample enthalten sind, zeigt sich nur die Fokussierung auf den Nationalstaat, nicht aber der Prozess der Regionalisierung (vgl. Darstellung I.2.3).

Fazit

In der schweizerischen Medienarena steigt die Binnenorientierung auf Kosten der Auslandsberichterstattung im Zeitverlauf. Diese Orientierung am Nationalstaat kann zum einen als Ausdruck steigender innenpolitischer Konflikte und Krisen interpretiert werden, zum anderen aber auch als Ausdruck des neuen Strukturwandels der Öffentlichkeit und der Krise der Informationsmedien. Die Fokussierung auf den Medienkonsumenten und die Reduktion von Kosten lässt die Welt ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung zugunsten des Nationalen und Regionalen in den Hintergrund treten. Die öffentlichen Rundfunkprogramme, vor allem das Radio, sowie die überregionalen Abonnementszeitungen tragen noch am meisten zu einer relevanten Auslandsberichterstattung bei, wie sie auch am meisten zu einer relevanten Berichterstattung auf nationaler Ebene beitragen. Die Gattungen der neuen Medien, die Gratiszeitungen und die Onlinenewssites beschränken die Welt auf kurzfristig orientierte Agenturmeldungen. Vor allem die Nutzergruppen, die diese Medien am meisten konsumieren, erhalten dadurch ein (noch) eingeschränkteres Bild der Welt. Es reduziert sich hier auf Krisen, Kriege, Katastrophen und Affären.

Lesehilfe I.2.1
Lesehilfe I.2.1

Kommunikationsereignisse der Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge – thematisierte Gesellschaftssphären

Die Darstellung zeigt für die Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge jeder Mediengattung die prozentualen Anteile der Kommunikationsereignisse (KE), die die jeweiligen Gesellschaftssphären thematisieren. Sie basiert auf allen KE der Frontseiten- und Aufmacherbeitragsanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 3116).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Mediengattungen bilden die Onlinemedien auf ihren Frontseiten am wenigsten KE zu Politik (30%) und nach dem Fernsehen (37%) am meisten zu Human Interest (35%) aus.

Tabelle I.2.1
Tabelle I.2.1

Tabelle I.2.1: Kommunikationsereignisse der Frontseiten und Aufmacherbeiträge – Thematisierung von Politik, Wirtschaft und Kultur im Ausland

Die Tabelle zeigt für die Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge jeden Medientyps die prozentualen Anteile der Kommunikationsereignisse (KE), die die zentralen Sphären Politik, Wirtschaft, Kultur im Ausland (Vorgänge in einem ausländischen Staat oder auf multinationaler oder globaler Ebene) thematisieren. Sie basiert auf allen KE der Frontseiten- und Aufmacheranalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 3116).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Medientypen bildet das öffentliche Radio in seinen Aufmacherbeiträgen am meisten KE mit Bezug zu Politik, Wirtschaft und Kultur im Ausland aus (40%).

Lesehilfe I.2.2
Lesehilfe I.2.2

Kommunikationsereignisse der Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge – thematisierte geografische Räume

Die Darstellung zeigt für die Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge jeder Mediengattung die prozentualen Anteile der Kommunikationsereignisse (KE), die die jeweiligen geografischen Räume thematisieren. Sie basiert auf allen KE der Frontseiten- und Aufmacherbeitragsanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 3116).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Mediengattungen bildet das Fernsehen in seinen Aufmacherbeiträgen am meisten KE mit Bezug zu regionalen und lokalen Räumen aus (43%).

Lesehilfe I.2.3
Lesehilfe I.2.3

Induktive Vollerhebung der Top-50-Kommunikationsereignisse – Entwicklung der Politikthematisierung nach geografischen Räumen von 2001 bis 2009

Die Darstellung zeigt für die Mediengattungen Presse, Radio und TV, wie hoch der Anteil der Berichterstattung über Politik im Ausland (bzw. auf globaler Ebene), auf nationaler und auf regionaler Ebene ist. Die Darstellung basiert auf den grössten 50 Kommunikationsereignissen (KE) pro Jahr in der (Deutsch-)Schweizer Medienarena. Die KE wurden über eine laufende induktive Erhebung von ganzen Zeitungsausgaben bzw. Nachrichtensendungen für alle Tage der Jahre 2001, 2005 und 2009 erfasst (n = 47 689 Beiträge). Das Mediensample dieser umfangreichen diachronen Vollerhebung weicht notwendigerweise vom Sample der Frontseitenanalytik ab, indem es mehr Beiträge, dafür weniger Sprachregionen und weniger Medientypen erfasst (u.a. können Onlinenewssites nicht mehr rückwirkend für 2001 und 2005 systematisch nacherhoben werden). Die induktive Vollerhebung umfasst folgende Medientitel: Blick, Neue Zürcher Zeitung, NZZ am Sonntag (nicht für 2001), Tages-Anzeiger, SonntagsBlick, SonntagsZeitung (Presse), Echo der Zeit, Rendez-vous (Radio), Tagesschau und 10vor10 (TV). Die Daten beruhen auf allen Beiträgen der Top-50-KE und beinhalten alle Gesellschaftssphären und Räume, die ein Medium thematisiert (z.B. auch Human Interest – ausgewiesen werden aber nur Beiträge, die die Gesellschaftssphäre Politik thematisieren, weshalb die ausgewiesenen Prozentpunkte einer Gattung nicht 100% ergeben).

Lesebeispiel: 2001 beträgt der Anteil der Politikberichterstattung über das Ausland in der Presse 46%, 2005 29% und 2009 noch 24%. Gleichzeitig steigt der Anteil der Politikberichterstattung auf nationaler Ebene von 20% im Jahr 2001 auf 31% im Jahr 2005 und 41% im Jahr 2009.