I.2.3 Aktualität
Patrik Ettinger
Der Qualitätsindikator der Aktualität begründet sich durch den Anspruch, dass Informationsmedien zwar aktuell berichten, aber trotz des Drucks, «neueste Nachrichten» zu vermitteln, auch Kontext- und Hintergrundinformation bereitstellen. Aktualität bemisst sich daher nicht bloss daran, über Ereignisse zuerst (Primeur) bzw. möglichst zeitnah zu berichten (vgl. Rager, 2000: 80). Vielmehr soll der schnelle Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft nicht zu einer punktualistischen, kontextlosen Berichterstattung führen. Um diesen Qualitätsanspruch zu validieren, werden die gemischten Nachrichtenformate und die inhaltlich spezialisierten Magazine detailliert untersucht. Denn nur wenn die Berichterstattung eine Einordnung des Geschehens erlaubt, sind die Voraussetzungen für eine aktuelle und kontextuierende Darstellung gegeben. Für die Beitragsanalyse wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen. Berichte mit einem episodischen Charakter stellen Einzelfälle oder Ereignisse ins Zentrum und vermitteln konkretes, aber isoliert betrachtetes Geschehen. Berichte mit einem thematischen Charakter kontextuieren dagegen Ereignisse und Sachverhalte, d.h., sie fokussieren längerfristige Prozesse und übergeordnete Bezugsprobleme.
Die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung in den jeweiligen Mediengattungen werden mittels einer Beitragsanalyse untersucht. Die Unterscheidung der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung basiert auf allen Beiträgen im letzten Quartal 2009.
Aktualität
Eine aktuelle und gute Berichterstattung lässt sich nach dem aktualisierten Zeithorizont unterscheiden: Qualitativ gut ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursache- und Wirkungszusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen auf Messers Schneide der Gegenwart dar und interpretiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen. Die Forums-, Legitimations- sowie Kontroll- und die Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation können nur erfüllt werden, wenn der Temporalität politischer und wirtschaftlicher Vorgänge Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsberichterstattung nicht gewährleisten.
Im Gattungsvergleich zeigt sich, dass die traditionellen Medien Presse und Radio stärker kontextuierend berichten und mehr Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge vermitteln als die neueren Medien (vgl. Darstellung I.2.8). Dies trifft insbesondere für das jüngste Medium Online zu, dessen Berichterstattung stark episodisch ausgerichtet ist.
Frontseiten- und Aufmacherbeitragsanalytik: Beitragsfokus hinsichtlich Temporalität
Da innerhalb der einzelnen Gattungen – mit Ausnahme der Onlinemedien – deutliche Unterschiede im Ausmass der kontextuierenden Berichterstattung bestehen, muss dieser Befund jedoch differenziert werden. Eine überdurchschnittlich thematische bzw. kontextuierende Berichterstattung bieten innerhalb der Presse die Sonntagszeitungen und Magazine (34%) sowie die Abonnementszeitungen (32%). Beim Radio und Fernsehen sind es jeweils die öffentlichen Sender (öffentliches Radio 33%; schwächer das öffentliche Fernsehen mit 28%), die für eine einordnende Berichterstattung sorgen. Ausgesprochen episodisch ist die Berichterstattung dagegen in sämtlichen Onlinenewssites (85%), in den Boulevard- (88%) und den Gratiszeitungen (90%) sowie in den Nachrichtensendungen des Privatfernsehens (90%).
Dieser generelle Befund bestätigt sich auch hinsichtlich der kontextuierenden Berichterstattung über Politik. Zwar ist die Politikberichterstattung generell weniger episodisch als die Gesamtberichterstattung, doch auch hier sind es die Nachrichtensendungen des privaten Radios (75%) und die Onlinemedien (76%) und noch ausgeprägter die Gratis- und Boulevardzeitungen (je 80%) sowie die Nachrichtensendungen des Privatfernsehens (88%), die auffallend episodisch bzw. mit nur einer schwachen Kontextuierung über politische Vorgänge berichten.
Wer seine Informationen über Vorgänge in der Welt ausschliesslich aus den Onlinenewssites, den Gratiszeitungen oder dem privaten Rundfunk bezieht, dem präsentiert sich die Welt als Summe von zumeist zusammenhangslosen episodischen Ereignissen.
In der Kombination dieser Befunde mit jenen hinsichtlich der Human Interest-Orientierung (vgl. Kapitel I.2.1) und der Personalisierung der Berichterstattung (vgl. Kapitel I.2.2) sowie jener zur moralisch-emotionalen Aufladung der Berichterstattung (vgl. Kapitel I.2.4) ergibt sich ein Profil der Gratismedien (Print wie Online) und der Nachrichtensendungen des privaten Rundfunks, das sehr nahe an dem der Boulevardzeitungen liegt. Die Berichterstattung dieser Medientypen kann vor diesem Hintergrund als boulevardisiert bezeichnet werden.
Frontseiten und Aufmacherbeiträge: Temporalität der relevanten Themen
Die Medienarena der Schweiz ist vor allem durch politische Themen und Sportereignisse geprägt (vgl. Kapitel I.2.1). Die Analyse der Temporalität dieser relevanten Themen zeigt den Einfluss der Mediengattung bzw. Medientypen.
Überwiegend episodisch ist einerseits die Berichterstattung über Sportthemen wie den Skiweltcup 2009/2010 (98% episodische Berichterstattung), den Sieg der Schweizer U17-Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2009 (87%) und die Fussballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika (87%). Die Berichterstattung zu diesen Sportereignissen wird überdurchschnittlich stark durch die Boulevardpresse und die Onlinemedien geleistet.
Auch bei den politischen Ereignissen, die durch eine stark episodische Berichterstattung geprägt sind – Verhaftung Roman Polanskis (91%), Reformprozess Iran (84%), Doppelsteuerabkommen Schweiz/Frankreich (82%) –, sind die Onlinemedien überdurchschnittlich beteiligt. Eine Ausnahme bildet hier nur das Doppelsteuerabkommen Schweiz/Frankreich.
Im Gegensatz hierzu werden in der Berichterstattung zum Rüstungsprogramm Schweiz (49% thematische Berichterstattung) und zur Gesundheitsreform KVG (51% thematische Berichterstattung) deutlich überdurchschnittlich häufig Hintergründe und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge vermittelt. Beide Kommunikationsereignisse verdanken ihren Platz auf der Agenda der (Abonnements-)Presse und dem (öffentlichen) Radio.
Fazit
Für eine einordnende, thematische Berichterstattung in der Arena der Informationsmedien der Schweiz sorgen die Abonnementszeitungen, die Sonntagszeitungen/Magazin sowie die öffentlichen Programme von Radio und Fernsehen. Umgekehrt ist die Berichterstattung der Onlinenewssites, der Boulevard- (88%), der Gratiszeitungen (90%) sowie der Nachrichtensendungen des Privatfernsehens (90%) überwiegend episodisch. Entsprechend sind jene Kommunikationsereignisse, die ihre Position auf der Themenagenda den Onlinemedien und den Boulevardzeitungen verdanken, durch eine stark episodische Berichterstattung geprägt. Die zentrale Aufgabe journalistischer Tätigkeit, die Einordnung, findet in diesen Medien kaum noch statt. Cum grano salis entspricht dies den tradierten Erwartungen des Publikums an die Boulevardzeitungen, nicht jedoch jenen, die an die Gratiszeitungen, die Informationsformate des privaten Rundfunks und vor allem an die Onlinenewssites der Abonnementszeitungen gestellt werden. Sie trägt somit kaum zur Einordnung der berichteten Vorgänge in der Welt bei. Entsprechend sind jene Kommunikationsereignisse, die ihre Position auf der Themenagenda den Onlinemedien und den Boulevardzeitungen verdanken, durch eine stark episodische Berichterstattung geprägt.