I.2 Qualitätsvalidierung
Die Validierung der Qualität der Berichterstattung in der Schweizer Medienarena erfolgt anhand von vier Dimensionen: Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Diese Dimensionen leiten sich aus den Anforderungen an die öffentliche Kommunikation ab, die ursprünglich in der Aufklärungsbewegung geprägt worden sind und die in der Medienpolitik, den journalistischen Leitbildern und Ethiken sowie in der sozialwissenschaftlichen Qualitätsforschung der demokratischen Gesellschaften weiterentwickelt wurden (vgl. Einleitung).
Die empirische Basis bilden in diesem Kapitel die Frontseiten bzw. Aufmacherbeiträge (Radio/TV) aller erfassten Medien im letzten Quartal 2009. Der Qualitätsindikator Vielfalt (Kapitel I.2.1) begründet sich durch den Anspruch auf die Universalität der Öffentlichkeit. Er wird anhand der Vielfalt der fokussierten Themenbereiche und der geografischen Bezugsräume gemessen. Relevanz (Kapitel I.2.2) wird über die Abdeckung der zentralen Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur operationalisiert und über die Bezüge, die in der Berichterstattung auf gesellschaftliche Prozesse und auf Organisationen (Makro/Meso) statt auf individuelle Befindlichkeiten (Mikro) gemacht werden. Der Qualitätsindikator Aktualität (Kapitel I.2.3) wird operationalisiert, indem der Anteil der thematisch orientierten Berichterstattung gemessen wird, die aktuelle Ereignisse in längerfristige Ursache- und Wirkungszusammenhänge einbettet und so Kontextwissen vermittelt. Von Interesse ist, ob die Redaktionen dazu beitragen, die aktuellen Ereignisse einzuordnen, oder ob sie bloss News vermitteln. Professionelle Qualität (Kapitel I.2.4) bedeutet in diesem Kapitel die sachliche Vermittlung von Informationen in einem überwiegend sachlich-argumentativen, das heisst kognitiv-normativen, im Gegensatz zu einem moralisch-emotionalen Stil.
Eine solche Rückbindung an die klassischen Normen und Werte des Demokratieverständnisses der Aufklärung, wie sie das vorliegende Jahrbuch bei der Wahl und Operationalisierung von Qualitätsindikatoren vornimmt, ist in der wissenschaftlichen wie auch medienpolitischen Debatte über Qualität zentral. In der Forschung wurde dies vor allem anhand der Programmleistungen des öffentlichen Rundfunks vorgenommen, dessen Leistungsauftrag sich im Gesetz explizit auf Qualitätsdimensionen stützt. Seit den 1990er Jahren prägend und in der Literatur immer wieder aufgegriffen (vgl. z.B. Köster/Wolling, 2006; jüngst bei der differenzierten Analyse der TV-Berichterstattung in Grossenbacher/Trebbe, 2009) ist die Systematisierung der klassischen Qualitätsindikatoren von Schatz/Schulz (1992), die auf fünf Dimensionen beruht: Relevanz, Vielfalt, Professionalität, Akzeptanz und Rechtmässigkeit. Solche Qualitätskriterien werden oft aus Gesetzestexten für den Rundfunk (vgl. Daschmann, 2009), jedoch auch grundsätzlicher aus den Anforderungen an die öffentliche Kommunikation im Allgemeinen abgeleitet (vgl. z.B. Arnold, 2008). Anspruchsvolle und umfangreiche Kataloge von Indikatoren wurden dabei beispielsweise von Marcinkowski et al. (2001) oder von Esser/Hemmer (2008) vorgelegt. Die Studie der letzteren versucht zudem, ländervergleichend die verschiedenen Anforderungen zu berücksichtigen, die von diversen Demokratiemodellen und politischen Systemen an die öffentliche Kommunikation gestellt werden (vgl. dazu Strömbäck, 2005). Für ein bestimmtes Demokratiemodell, die deliberative Demokratie, hat Wessler (2008) ein breites Set von Indikatoren entworfen, das insbesondere die Forschung zur (Akteurs- und Meinungs-)Vielfalt erweitert und einen Schwerpunkt auf das sachgerechte Argumentieren in öffentlichen Auseinandersetzungen legt.
Diese Kataloge von Qualitätsindikatoren und ihre anforderungsreichen methodischen Umsetzungen sind äusserst wertvoll und theoretisch instruktiv, aber in der Praxis angesichts beschränkter Forschungsmittel kaum in grösseren Vergleichsstudien umzusetzen. Aus diesem Grund überwiegen in der Forschung unter anderem Studien zu einzelnen Qualitätsdimensionen wie etwa zur Vielfalt oder Relevanz bei Qualitätszeitungen (vgl. Magin, 2009) oder in der politischen Berichterstattung. Dabei wird sehr oft die Wahlkampfberichterstattung daraufhin untersucht, inwiefern sie personalisiert und privatisiert aufbereitet wird, statt sich an Makrobezügen gesellschaftlicher Relevanz zu orientieren (vgl. u.a. Reinemann/Wilke, 2007), und ob die Berichterstattung Züge eines episodischen, ereignisorientierten «horse race»-Journalismus mit Hilfe von Wahlprognosen annimmt, statt Themen und Sachfragen mit Einbindung in Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge darzustellen (vgl. grundlegend: Iyengar, 1991; Strömbäck/Dimitrova, 2006).
In diesem Spannungsfeld zwischen umfangreichen Qualitätskatalogen und begrenzten Fallstudien auf der einen und wenigen Qualitätsdimensionen und breiteren Analysen auf der anderen Seite beschreitet dieses Jahrbuch einen Mittelweg, indem es sich auf die zentralen Qualitätsdimensionen konzentriert und diese an einem repräsentativen Sample aller Gattungen der Informationsmedien (Presse, Radio, Fernsehen, Online) überprüft. Darüber hinaus werden in den Vertiefungsstudien (vgl. Kapitel VI) weitere Qualitätsindikatoren gegenstandsspezifisch berücksichtigt.
Im Vergleich mit den oben erwähnten Dimensionen von Schatz/Schulz (1992) wird unter Ergänzung der Dimension der Aktualität ebenfalls mit den klassischen Dimensionen Relevanz, Vielfalt und Professionalität gearbeitet. Weil die Qualitätsanalytik dieses Jahrbuchs ausschliesslich den Output des Informationsjournalismus validiert, wird die Dimension der Akzeptanz, die über aufwendige Befragungen die Erwartungen und Bedürfnisse des Publikums zu messen versucht, nicht geprüft. Ebenfalls vernachlässigt wird die in erster Linie beim – im Unterschied zu Presse und Online weit stärker regulierten – Rundfunk verwendete Dimension der Rechtmässigkeit. Diese Dimension misst die Einhaltung von Grundrechten, der Konzessionsbedingungen und der Gesetzestreue (z.B. Einhaltung des Jugendschutzes). Die hier verwendeten zentralen Qualitätsdimensionen öffentlicher Kommunikation – Relevanz, Vielfalt, Aktualität und Professionalität – begründen sich durch die Grundfunktionen, die die Öffentlichkeit in Demokratien erfüllen muss: Die Forumsfunktion bildet den Entdeckungszusammenhang allgemeinverbindlich zu lösender Probleme, die Legitimations- und Kontrollfunktion sorgt für die Geltung und die Fortentwicklung der rechtsstaatlich verfassten Normen und Institutionen, und die Integrationsfunktion ist unabdingbar für die demokratische Selbstregulierung. Ohne einen auf relevante Themen hin orientierten, vielfältigen, aktuellen und professionellen Informationsjournalismus lassen sich diese Grundfunktionen öffentlicher Kommunikation nicht erfüllen.
Auswahl der Medientitel für die Inhaltsanalyse des Informationsangebots
Um die Qualität inhaltsanalytisch zu überprüfen, wird aus allen Medientiteln aller Gattungen der Informationsmedien (Print, Radio, TV, Online), die gemäss dem Kriterium der Reichweite von mindestens 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung erfasst worden sind, eine Auswahl getroffen. Diese Auswahl orientiert sich am Aufkommen der Gattungen und der Medientypen (z.B. öffentlicher und privater Rundfunk) innerhalb der Gattungen in den drei Sprachregionen und bedeutet eine proportionale Reduktion entlang der Medientypen in den Sprachregionen. Berücksichtigt werden je die grössten Vertreter pro Medientyp und Sprachregion, mit Bevorzugung von Titeln, die insgesamt eine möglichst umfassende regionale Abdeckung gewährleisten.
Das für die Inhaltsanalyse ausgewählte Sample vereint dadurch insgesamt 46 Medientitel. Hinsichtlich der Sprachregionen handelt es sich hierbei um 26 Titel aus der deutschsprachigen, 14 aus der französischsprachigen und 6 aus der italienischsprachigen Schweiz. Bezüglich der Mediengattungen handelt es sich um 22 Presse-, 8 Radio-, 8 Fernseh- und 8 Onlinetitel (vgl. Anhang 1: Methodik).
Die gemäss den genannten Kriterien getroffene Auswahl der Medientitel führt zu einer Untervertretung der deutschsprachigen und zu einer Übervertretung der französisch- und italienischsprachigen Schweiz. 72% der Bevölkerung der Schweiz leben in der deutsch-, 24% in der französisch- und 4% in der italienischsprachigen Schweiz. Bei der Auswahl der Medientitel sind 56% der Titel aus der deutsch-, 30% aus der französisch- und 13% aus der italienischsprachigen Schweiz.