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Einleitung

Die Qualität der Medien in der Demokratie

Kurt Imhof

  • Diese Einleitung zeigt, dass die Qualität der öffentlichen Kommunikation die Qualität der Demokratie bestimmt.
  • Um die Qualität der Demokratie zu sichern, entwarf die Aufklärungsbewegung den Bauplan der modernen Gesellschaft, der eine freie Öffentlichkeit zu garantieren hat.
  • Der jüngste Wandel der medienvermittelten Öffentlichkeit und die Krise der Informationsmedien haben zu einer neuen Intensivierung der Debatten über die Qualität der Medien geführt.
  • Weil die Qualität der Demokratie von der Qualität der Öffentlichkeit abhängig ist, sind die Kritik an der Qualität der öffentlichen Kommunikation und der Kanon der Qualitätsnormen so alt wie die moderne Gesellschaft selbst.
  • Der Kanon der Qualitätsansprüche und die Logik eines Nachschlagewerks bedingen die Struktur dieses Jahrbuchs.

1. Die Aufklärung und die Qualität der Öffentlichkeit

Im 5. Jahrhundert v. Chr. entstand im Stadtstaat Athen die wirkmächtigste Utopie der Menschheit: Die Idee, dass die freie öffentliche Kommunikation dem Menschen den «logos», also Vernunft, Sinn und eine entsprechende Gesellschaft ermöglicht. Über den Humanismus der Renaissance im 15. Jahrhundert und über die frühneuzeitliche Wissenschaft wurde diese Utopie zum Kern der Aufklärungsbewegung im 18. Jahrhundert. Dieser Bewegung und der durch sie inspirierten Revolutionen verdanken wir den modernen Rechtsstaat mit seinen Bürger- und Menschenrechten. Für die Aufklärung erfolgt der «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit» (Immanuel Kant) durch das freie Räsonieren freier Bürger. Um dieser Mündigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, entwarf die Aufklärungsbewegung den Bauplan der demokratischen Gesellschaft. Der individuellen Freiheit dient die «Privatheit», aus der die Bürger in die «Öffentlichkeit» hinaustreten, um die gemeinsamen Dinge zu debattieren und über die Kraft des besseren Arguments zu beschliessen. Diesem Zweck dienen die wichtigsten Rechte überhaupt, die Bürger- und Menschenrechte, d.h. die Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Wahlrechte. Diesem Zweck dient auch, dass der Staat durch die Verfassung als Rechtsstaat domestiziert und in seinen Gewalten geteilt wird, damit er nicht partikulären Interessen dient und weder die individuelle Freiheit noch die Öffentlichkeit zerstören kann. Wir verdanken also das Fundament der demokratischen Gesellschaft der Idee, dass die öffentliche Kommunikation beides, individuelle Mündigkeit und eine vernünftige Gesellschaft, ermöglicht. Im Zentrum der Demokratie steht die freie Öffentlichkeit.

Nach rund 200 Jahren Moderne wissen wir, dass wir keine bessere Utopie haben. Nur eine freie Öffentlichkeit erlaubt es, die drei unabdingbaren Wahrnehmungsaufgaben der Demokratie zu lösen:

  • Die Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung und Diskussion der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme. In ihrer Forumsfunktion bildet die Öffentlichkeit den Entdeckungszusammenhang der Gesellschaft.
  • Die Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung der Exekutive, der Legislative und der Judikative. Damit erfüllt sie eine Kontroll- und Legitimationsfunktion den Gewalten des Rechtsstaats gegenüber.
  • Die Öffentlichkeit dient der Selbstwahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger als Mitglieder einer Gesellschaft, die ihre gemeinsamen Dinge demokratisch regeln. Ohne diese Integrationsfunktion liesse sich die Loyalität nicht erzeugen, die zwischen Bürgerinnen und Bürgern nötig ist. Sie bilden, obwohl sie sich nicht kennen, eine Rechtsgemeinschaft, deren Beschlüsse auch von denjenigen anerkannt werden müssen, die die Meinung der Mehrheit nicht teilen.

Diese drei Funktionen der Öffentlichkeit – Forumsfunktion, Legitimations- und Kontrollfunktion sowie Integrationsfunktion – sind in einer Demokratie, deren Bestand davon abhängt, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht immer, aber doch im Grossen und Ganzen davon ausgehen, dass sie die Mitautoren der Gesetze sind, denen sie sich selbst unterziehen, unabdingbar.

Um diese Funktionen der Öffentlichkeit zu gewährleisten, reichen der durch die Verfassung domestizierte und in seinen Gewalten geteilte Rechtsstaat sowie die Bürger- und Menschenrechte freilich nicht aus. Auf der Basis der Überzeugung, dass «ein Publikum sich selbst aufkläre» (Immanuel Kant), also zur individuellen Mündigkeit und zu einer vernünftigen Gesellschaft finde, entwickelten sich auch die Qualitätsanforderungen, denen die Bürger bei öffentlichen Debatten folgen sollen:

  • Damit die doppelte Emanzipation zur individuellen Mündigkeit und zur zivilisierten Gesellschaft gelingt, durften die unterschiedliche ständische Herkunft und die Religionszugehörigkeit in den Versammlungsöffentlichkeiten der Aufklärungsgesellschaften keine Rolle spielen, um Aufmerksamkeit im Wettbewerb der Argumente zu finden. Wenn die Vernunft an die Stelle der Herkunft gesetzt wird, dann müssen alle (begründeten) Meinungen repräsentiert sein, und kein Thema darf prinzipiell dem Zugriff der Vernunft entzogen sein. Die Vernunft ist allen Menschen möglich, deshalb ist sie universell (Universalitätsprinzip).
  • Das aufgeklärte Räsonnement der Teilnehmer verpflichtete zur genauen Darstellung von Sachverhalten, zur sorgfältigen Begründung von Normen und zur Berücksichtigung bereits genannter Argumente jenseits ihrer persönlichen Interessen (Objektivitätsprinzip).
  • Die Mitglieder der Aufklärungsgesellschaften wurden zu Höflichkeit, Ausgewogenheit und Verbindlichkeit angehalten, damit Argumente gegen Argumente und nicht gegen Personen antreten, Vereinseitigungen verhindert werden und die Selbstaufklärung nicht durch Emotionen getrübt werden kann (Ausgewogenheitsprinzip).
  • Mit dem Interesse für das Gesetzmässige und damit Allgemeine hatte sich das Räsonieren auf das für alle Bedeutende zu konzentrieren (Relevanzprinzip).

Mit dem Überlegenheitsanspruch einer Vernunft schaffenden Öffentlichkeit, in der sich die sanfte Gewalt des besseren Arguments durchsetzen soll, trat die Aufklärungsbewegung erfolgreich gegen die geheim praktizierte Herrschaft der Fürsten oder privilegierter Familien in den Anciens Régimes an und forderte die Ablösung von Herrschaft durch die Macht der Vernunft, die dem freien Austausch gleichberechtigter Bürger entspringe und der sich deshalb alle unterziehen können.

Trotz aller Einschränkungen, mit denen die Aufklärungsgesellschaften ihre eigenen Normen erfüllten – Teilnahme nur derjenigen die «ihr eigener Herr sind», also über «Besitz und Bildung» verfügen und dabei «kein Weib und kein Kind» sind (Immanuel Kant) –, gehen die Qualitätsanforderungen an die öffentliche Kommunikation von diesem bürgerlichen Aufklärungsmilieu aus. Diese Normen begleiten seither die Moderne. Die Ansprüche auf Universalität, Objektivität, Ausgewogenheit und Relevanz öffentlichen Räsonierens spiegeln sich in den Erwartungen an die Periodika der Aufklärungsgesellschaften seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das Zeitungswesen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, die elektronischen Medien seit den 1930er Jahren und die Netzwerkmedien seit den 1990er Jahren wider. Sie finden sich in den gesetzlichen Regelungen öffentlicher Kommunikation, insbesondere in den Anforderungen an den öffentlichen Rundfunk, den Leitbildern des Journalismus, redaktionellen Leitlinien, Satzungen von Medienräten, den Erwartungen des Publikums und den Qualitätsanalysen der Sozialwissenschaft. Der Kanon dieser Qualitätsnormen besteht stets aus diesen Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanzansprüchen:

  • Die Universalitätsansprüche sollen den prinzipiellen Ausschluss von Personen und Gruppen, Meinungen und Themen verhindern. Sie werden mit dem Begriff «Vielfalt» zum Ausdruck gebracht («Meinungsvielfalt», «Themenvielfalt», «Akteursvielfalt»).
  • Mit dem Anspruch auf Ausgewogenheit verbindet sich sowohl die angemessene Berücksichtigung dieser Vielfalt als auch diejenige von Normen wie «Fairness» und «Gleichmässigkeit».
  • Die klassischen Objektivitätsansprüche münden in Begriffe wie «Professionalität», «Sachgerechtigkeit», «Neutralität», «Faktentreue» und natürlich «Objektivität».
  • Auch in den Anforderungen an die «Relevanz» und der damit verbundenen «Aktualität» öffentlicher Kommunikation steckt nichts anderes als der Anspruch, dass die für die Allgemeinheit bedeutenden Dinge, und nicht das Private, Episodische und Partikuläre, im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzungen zu stehen haben.

Auch wenn wir den Glauben der Aufklärer an eine absolute Vernunft verloren haben, gilt, dass die drei Leistungsfunktionen der Öffentlichkeit ohne die Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanznormennicht erfüllt werden können. Ein systematischer Ausschluss von Personen, Parteien oder Minderheiten, Meinungen und Themen sowie die Nichtbeachtung der Objektivitäts- und Relevanznormen verhindern die Meinungsbildung über die gemeinsam zu lösenden Probleme (Forumsfunktion), die Legitimation und Kontrolle der staatlichen Institutionen (Legitimations- und Kontrollfunktion) und die Integration der Bürgerinnen und Bürger (Integrationsfunktion). Die Demokratie ist ohne diese Normen schlechthin nicht möglich.

Weiterführende Literatur

Arendt, Hannah, 1985 [1958]: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper.

Dülmen, Richard van, 1986: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Habermas, Jürgen, 1990 [1962]: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Hölscher, Lucian, 1978: Stichwort Öffentlichkeit. S. 413–468 in: O. Brunner/W. Conze/R. Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, 6 Bde., Bd. 4. Stuttgart: Ernst Klett.

Im Hof, Ulrich, 1982: Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung. München: Beck.

Imhof, Kurt, 2006: Die Diskontinuität der Moderne. Theorie des sozialen Wandels. Frankfurt/M.: Campus.

Imhof, Kurt, 2008: Aufklärung – quo vadis? ÖffentlichesWissen in der Wissensgesellschaft. S. 73–110 in: K. Arnold/M. Behmer/B. Semrad (Hrsg.), Kommunikationsgeschichte. Positionen und Werkzeuge. Ein diskursives Hand- und Lehrbuch. Münster: Lit.

Kant, Immanuel, 1912 [1784]: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: E. Cassirer (Hrsg.), Kants Gesammelte Schriften Bd. 8. Berlin: Cassirer.

Kohler, Georg, 1999: Was ist Öffentlichkeit? S. 197–217,Studia philosophica.

Koselleck, Reinhart, 1973 [1959]: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

1.1 Öffentlichkeitskritik und der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit

In den bildungsbürgerlichen Aufklärungsgesellschaften konnten diese Ansprüche durch wechselseitige soziale Kontrolle und unterstützt durch das Streben nach individueller Anerkennung eingeübt werden. Das konnte in einer massenmedial hergestellten Öffentlichkeit nicht gleichermassen funktionieren. Mit dieser rechnete die Aufklärungsbewegung nicht, ohne sie konnte die Demokratisierung, d.h. die Beseitigung des an Besitz gebundenen Wahlrechts (Zensus), die Emanzipation der Untertanen zum Souverän und die Integration des Nationalstaats jedoch nicht gelingen. Deshalb entsteht die Kritik an Form und Inhalt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Aufkommen einer massenmedial vermittelten politischen Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeitskritik ist, bis hin zu den modernen sozialwissenschaftlichen Qualitätsanalysen,ein Kind der Demokratisierung und begleitet und charakterisiert die moderne Gesellschaft genauso wie der Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Bürger- und Menschenrechte. Kurz nacheinander entstehen zwei Traditionen dieser Öffentlichkeitskritik, die bis heute Geltung haben:

  • Die Kritik an der Überformung der Öffentlichkeit durch den Staat, der sich dieser durch die Kontrolle der Öffentlichkeit entziehen kann. Sie bildet auch den Kern aller Totalitarismustheorien.
  • Die Kritik an der Privatisierung der Öffentlichkeit. Sie richtet sich von Anfang an gegen die Ökonomisierung der Öffentlichkeit durch organisierte Privatinteressen, die die öffentliche Meinung durch Definitionsmacht beeinflussen können, und gegen die Durchdringung öffentlicher Kommunikation durch das Private.

Beides verweist darauf, dass sich die Öffentlichkeit, wie das die Aufklärung vorsah, zwischen den Privatinteressen und dem Staat entfalten muss, um dem zudienen, was alle betreffen muss. Dies setzt voraus, dass die Öffentlichkeit weder mit den Mitteln der Staatsgewalt erstickt, noch durch Privatinteressen dominiert wird.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit beerbt beide Traditionen. Sie stellt fest, dass wichtige politische Institutionen nicht mehr der Öffentlichkeit ausgesetzt sind, und dass die Ökonomisierung des Medienwesens die kollektiven Aufmerksamkeitslandschaften gründlich verändert hat.

  • Politische Institutionen ohne Öffentlichkeit: Die Globalisierung hat vor allem seit den 1990er Jahren supranationale politische Machtzentren hervorgebracht, die sich im Unterschied zu den politischen Institutionen des Nationalstaats der öffentlichen Kritik weitgehend entziehen können, weil die Öffentlichkeitsarenen nach wie vor nationalstaatlich begrenzt sind. Die Öffentlichkeit ist wie die Demokratie der Globalisierung von Politik und Wirtschaft nicht nachgewachsen. Damit steht nicht die totalitäre Instrumentalisierung der Öffentlichkeit im Vordergrund – wie in langen Perioden des 20. Jahrhunderts – sondern der Umstand, dass insbesondere die europäische Integration von oben suprastaatliche Institutionen geschaffen hat, die nicht genügend einer kritischen Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Innerhalb der föderalen Nationalstaaten orientieren sich die medial erschlossenen Öffentlichkeitsarenen an Ballungszentren und nicht mehr an den föderalen Einheiten (Kantone) als zweiter Ebene demokratischer Selbstbestimmung. Viele Gemeinden, die dritte Ebene der Demokratie, entbehren sogar ganz einer kritischen Öffentlichkeit (Zeitungssterben). In diesen Gemeinden ist die Demokratie in Agonie: Wenn die Öffentlichkeit fehlt, mangelt es nicht nur an Auseinandersetzungen über das Gemeinwesen, sondern auch die Parteien schwinden, das Milizprinzip leidet, der Status der politischen Ämter wird entwertet, und es lassen sich keine Bürgerinnen und Bürger mehr finden, die diese übernehmen. Kurz: Weil ohne Öffentlichkeit keine demokratische Selbstregulierung möglich ist, macht diese Kritik auf die Folgen der Entschränkung politischer Geltungsräume und der Öffentlichkeit aufmerksam.
  • Ökonomisierung des Medienwesens: Die Medien haben sich von ihren herkömmlichen Trägern, den Parteien, Verbänden, Kirchen und den sozial eingebetteten Verlegerfamilien in Stadt und Land gelöst. Seit der Teilung des Rundfunks in öffentlich-rechtliche und private Radio- und TV-Betreiber (Dualisierung) in den 1980er Jahren bilden sie ein weitgehend marktabhängiges Teilsystem, das sich primär am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger orientiert, wie noch bis in die 1970er Jahre die Parteizeitungen und der öffentliche Rundfunk. Insbesondere durch die damit verbundene Veränderung der öffentlichen Kommunikation wurde die Diskussion über die Medienqualität in jüngster Zeit intensiviert. Die Kommerzialisierung und der Konzentrationsprozess führten zu einer Reduktion der Medienvielfalt und zu einer Durchdringung der Medieninhalte mit dem, was intensive Beachtung findet und mit wenig Aufwand produziert und in möglichst viele Kanäle abgefüllt werden kann. Der Verlust an äusserer (Konzentration) und innerer Medienvielfalt (Angleichung der Inhalte) spiegelt sich in der Nachrichtenauswahl, den Interpretationen und den Darstellungen wider. Durch die Krise des Medienwesens verschärft sich diese Entwicklung. Das primäre Geschäftsmodell der Informationsmedien im Wettbewerb um Medienkonsumenten, nämlich mit Werbung redaktionelle Inhalte zu finanzieren, funktioniert immer weniger, ohne dass die Onlineportale die Ausfallbürgschaft antreten könnten. Die Werbung, wie auch ein Teil der Inhalte, wird durch branchenfremde Akteure (Suchmaschinen, Telekommunikationsunternehmen, social networks) abgezogen und der Wettbewerb durch dieGratisangebote im Internet und in den Pendlerzeitungen verschärft. Seitens der Konsumenten wurde dadurch zusätzlich das Preisbewusstsein für guten Journalismus zerstört.

Beide Entwicklungen beeinflussen die demokratische Selbstregulierung: Im Dreieck von Medien, Politik und Meinungsbildung der Bürgerinnen und Bürger regulieren sich demokratische Gesellschaften. Im Modus aktivierter Öffentlichkeit, d.h. bei intensiven Problematisierungen in der Medienarena, entsteht Definitionsmacht, die Druck auf das politische System ausübt. Wenn dieser Druck gross genug ist, muss die Politik sich dem Problem annehmen und die in der öffentlichen Kommunikation entstandene Definitionsmacht verwandelt sich im Parlament in Entscheidungsmacht, die auf allgemeinen Wahlen gründet. Die Politik reguliert dann in der Sprache des Rechts und mittels administrativer Macht. Diese Verwandlung von Definitionsmacht in Entscheidungs- und in administrative Macht bildet den aktiven Regelkreis demokratischer Regulierung bei intensiven Problematisierungen. Im Modus passiver Öffentlichkeit, d.h. in der einfachen Beobachtung der staatlichen Institutionen, kommt der medienvermittelten Öffentlichkeit eine Legitimations- und Kontrollfunktion zu. In dieser Abfolge passiver und aktiver Öffentlichkeit vollziehen sich fortlaufend die Integration der Gesellschaft und die demokratische Selbstregulierung.

Der jüngste Wandel der Öffentlichkeit beeinflusst diese Regelkreise demokratischer Selbstregulierung in zweifacher Hinsicht:

  • Auf der einen Seite haben wir es durch die Entgrenzung der Politik in Gestalt supranationaler Entscheidungszentren mit Verlusten demokratischer Regulierung zu tun. Die Öffentlichkeit ist der Globalisierung nicht «nachgewachsen». Im Gegenteil: In den Medien hat das städtische Lokale der Ballungszentren an Bedeutung gewonnen, während die aussenpolitische Berichterstattung schwindet.
  • Auf der anderen Seite hat sich das Verhältnis zwischen Medien und Politik durch die Ausbildung eines marktabhängigen Mediensystems verändert. Indem die Medien den Staatsbürger durch den Medienkonsumenten ersetzten, verwandelten sich die medialen Aufmerksamkeitslandschaften unter dem Druck der Kosten und der Nachfrageoptimierung. Die Politik, wie alle anderen Teilbereiche der Gesellschaft, müssen sich den aufmerksamkeitsheischenden Medienlogiken mitsamt ihrem Aktualitätsdruck anpassen.

Dieser neue Strukturwandel der Öffentlichkeit zeitigt bemerkenswerte Effekte:

  • Auf der Ebene der Medienorganisationen haben wir es mit dem Abbau von Ressorts und damit von Spezialwissen über Teilbereiche der Gesellschaft zu tun. Ausserdem fällt die Abfüllung derselben Inhalte in verschiedene einst eigenständige und stolze Titel genauso auf, wie der Zusammenzug unabhängiger Redaktionen in News-Rooms für alle möglichen Titel sowie der Abbau der Korrespondentennetze.
  • Seitens der Journalisten zeigt sich deutliches Unbehagen gegenüber ihrer Berufssituation. Gemäss einer Umfrage von 2009 betrifft das ausgerechnet jene Journalisten am deutlichsten, die die grösste Berufserfahrung haben und in den arrivierten Medien arbeiten.
  • Bezüglich der Medieninhalte sind eine zunehmende Personalisierung, Privatisierung, Konfliktstilisierung und Skandalisierung der Berichterstattung zu konstatieren. Die Elimination von publizistischen Auseinandersetzungen um die Bedeutung und Bewertung von Ereignissen, ein Aufmerksamkeitsverlust gegenüber den Parlamenten zu Gunsten der nachrichtenwerthaltigeren Exekutiven und eine Anpassung der politischen Akteure an die neuen Medienlogiken sind ebenfalls festzustellen.
  • Die neuen Spielregeln des Kampfs um Aufmerksamkeit haben sich auf die Politik übertragen. Die Empörungsbewirtschaftung prägt die Handlungslogiken beider Systeme: Politik wie medienvermittelte Kommunikation treffen sich in empörungsträchtigen Events und Kampagnen, die gleichermassen Aufmerksamkeit für das politische Personal und für die Medien sichern.
  • Hinsichtlich des Publikums ist ein Vertrauensverlust in die Medien festzustellen und durch die Zielgruppenorientierung der letzteren haben wir es mit unterschiedlichen Aufmerksamkeitslandschaften für das Publikum auf der Basis von Bildungsabschlüssen, Generationen, Geschlecht und Herkunft (Herkunftsmedien für Migrationsgruppen) zu tun.

Diese Veränderungen der medienvermittelten Öffentlichkeit durch die journalistische Medienkritik werden kaum mehr reflektiert. Der Medienjournalismus wird unter dem Kostendruck abgebaut, und da, wo er noch besteht, muss er die Angebote des eigenen Verlags schonen. Im Unterschied zu allen anderen Teilbereichen der modernen Gesellschaft, die – wie etwa Politik und Wirtschaft – allesamt von aussen bewertet werden, entbehrt das Medienwesen einer Aussenreferenz.

Um den Wandel der öffentlichen Kommunikation transparent zu machen, braucht es die Sozialwissenschaften. Entsprechend schliesst sich dieses Jahrbuch der Debatte über die Rolle und die Qualität der Medien in der Demokratie an. Es will diese Debatte bereichern, indem es den Wandel der ökonomischen Strukturen des schweizerischen Mediensystems und der Inhalte einer fortlaufenden Beobachtung unterzieht. Das Jahrbuch hat die Aufgabe, den Wandel der publizistischen Versorgung der drei grossen Sprachregionen der Schweiz, den Wandel und die Unterschiede des Informationsangebots sowie der Berichterstattung transparent zu machen.

Diese Transparenz ist Voraussetzung für Medienkompetenz und Auseinandersetzungen mit den Logiken des Medienwesens auf Seiten des Publikums und der Medienmacher:

  • Dem Publikum ist die Einsicht, dass guter Journalismus teuer ist, verloren gegangen. Ihm fehlt weitgehend die Möglichkeit, die Qualitätsunterschiede der Medien selbst zu prüfen. Medien sind tägliche Gewohnheitsgüter, und der Vergleich verschiedener Angebote übersteigt das Zeitbudget. Darüber hinaus entzieht sich der Wandel der Medieninhalte über die Zeit dem Vergleich noch mehr. Allein dadurch prägt das Angebot die Erwartungen. Diese Prägung findet auch deshalb statt, weil wir als Medienkonsumenten ausserhalb unserer persönlichen Erfahrung die Wahrnehmung der Welt über die Medien nicht durch eine andere Wahrnehmung ersetzen können. Weil wir keine andere Möglichkeit haben, die Welt zu beobachten, wissen wir nicht, ob sich diese verändert oder bloss die medienvermittelte Kommunikation über sie. Die Medien färben uns mit ihrer Auswahl, Interpretation und Darstellung die Welt ein und beeinflussen unsere Aufmerksamkeit und unsere Erwartungen. Medien sind deshalb auch Vertrauensgüter. Der Medienkonsument muss sich darauf verlassen können, dass er vielfältig, objektiv und ausgewogen über Relevantes informiert wird, damit er sich als Bürger an der Gesellschaft beteiligen kann. Das Jahrbuch soll dem Publikum hierzu wesentliche Anhaltspunkte zur Verfügung stellen und auch zur Förderung der Medienkompetenz an den Schulen beitragen.
  • Die Medienmacher, d.h. die Journalisten, die Verleger und das Managementpersonal, soll dieses Jahrbuch gerade auch in der Krise der Informationsmedien anregen, der Medienqualität den Stellenwert zu geben, ohne den die Demokratie nicht auskommt: In der Information über die Dinge, die alle etwas angehen, und in ihrer Einordnung liegt der eigentliche Zweck journalistischer Arbeit. Sie ist der wichtigste Service Public überhaupt. Gerade in Zeiten, in denen das in historischer Perspektive nur kurzfristig erfolgreiche Geschäftsmodell – mit der Kombination von redaktionellem Inhalt und Werbung hohe Renditen zu erzielen – nicht mehr funktioniert, wird die Qualität des Journalismus für die Zukunft der Informationsmedien entscheidend. Keine Gesellschaft kann auf Medien verzichten und wenn das Jahrbuch die Qualitätsreflexion im Medienwesen fördert, trägt es auch zu dessen Selbstregulation bei.

Das Bewusstsein für die Qualität der Medien soll also auf beiden Seiten, sowohl beim Publikum als auch bei den Medienmachern, gestärkt werden. Die Schweiz muss sich einen billigen Journalismus mit sinkendem Berufsprestige nicht antun. Klar ist, dass guter Journalismus teurer und dass die Emanzipation aus der Gratiskultur schwierig wird. Wenn das Jahrbuch dazu beisteuert, dass die Qualität der Medien ein wichtiges Thema öffentlicher Kommunikation wird, kann es einen Beitrag dazu leisten.

Weiterführende Literatur

Bentele, Günther/Brosius, Hans-Bernd/Jarren, Otfried (Hrsg.), 2003: Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Bonfadelli, Heinz/Imhof, Kurt/Blum, Roger/Jarren, Otfried (Hrsg.), 2008: Seismographische Funktion von Öffentlichkeit im Wandel. Reihe Mediensymposium, Bd. 10. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Dahrendorf, Ralf, 1965: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München: Piper.

Dewey, John, 1996 [1927]: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Bodenheim: Philo.

Donsbach, Wolfgang/Jarren, Otfried/Kepplinger, Hans Mathias/Pfetsch, Barbara (Hrsg.), 1993: Beziehungsspiele – Medien und Politik in der öffentlichen Diskussion. Fallstudien und Analysen. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Habermas, Jürgen, 1992: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Habermas, Jürgen, 1981: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Imhof, Kurt/Blum, Roger/Bonfadelli, Heinz/Jarren, Otfried (Hrsg.), 2006: Demokratie in der Mediengesellschaft. Reihe Mediensymposium, Bd. 9. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Imhof, Kurt, 2006: Mediengesellschaft und Medialisierung. Medien und Kommunikationswissenschaft, M & K.

Jarren, Otfried/Hasebrink, U. (Hrsg.), 1994: Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Opladen: Leske + Budrich.

Jarren, Otfried/Imhof, Kurt/Blum, Roger (Hrsg.), 2000:Zerfall der Öffentlichkeit? Reihe Mediensymposium, Bd. 6. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Jarren, Otfried/Sarcinelli, Ulrich/Saxer, Ulrich (Hrsg.), 1998: Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Klingemann, Hans-Dieter/Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.), 2000: Zur Zukunft der Demokratie. Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung. Berlin: Edition Sigma.

Münch, Richard, 1995: Dynamik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.), 1964: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der KZfSS. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Peters, Bernhard, 1993: Die Integration moderner Gesellschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Sarcinelli, Ulrich (Hrsg.), 1998: Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft. Beiträge zur politischen Kommunikationskultur. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Sennett, Richard, 1983 [1977]: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt/M.: Fischer.

Tréfás, David/Lucht, Jens (Hrsg.), 2010: Europe on Trial. Shortcomings of the EU with regard to democracy, public sphere, and identity. Innsbruck: Studienverlag.

2. Innere Struktur und Aufbaudes Jahrbuchs

Die Schweiz ist für ein solches Jahrbuch ein interessanter und anforderungsreicher «Fall». Die Schweiz hat eine lange, dichte und im Vergleich hochwertige publizistische Tradition, die durch ihre ausgeprägte Weltzugewandtheit charakterisiert ist. Aus drei grossen Sprachregionen heraus beobachtet der Kleinstaat Schweiz die Welt in Gestalt einer ausgesprochen starken Auslandsberichterstattung. Gleichzeitig finden die politischen Auseinandersetzungen über die Schweiz ebenfalls in drei Sprachregionen statt, deren publizistische Kulturen Eigenständigkeiten aufweisen und zugleich durch die Kulturen in Deutschland, Frankreich und Italien beeinflusst sind. Dies macht es notwendig, dass die Medien der Sprachregionen wichtige Korrespondentenstellen nicht nur im Bundeshaus, sondern auch in den jeweils anderen Sprachregionen unterhalten. Die Schweiz besteht also aus sprachregionalen Medienarenen, die sich selbst, sich wechselseitig und je für sich die Welt beobachten.

Dieses Jahrbuch muss also die publizistische Versorgung der deutsch-, der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz darstellen und das Informationsangebot sowie die Berichterstattung der wichtigen Medien dieser Sprachregionen beleuchten.

2.1 Publizistische Versorgung der Schweiz und der Sprachregionen

Medienarenen lassen sich dadurch charakterisieren, dass sich in ihnen die Medien wechselseitig beobachten, weil sie versuchen, im Wettbewerb die Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse des Publikums derselben Sprachregion (oder Region) zu erfüllen. Dabei sind alle «Mediengattungen» zu berücksichtigen, die als General Interest-Medien oder Informationsmedien Berichterstattung zu allen Teilbereichen der Gesellschaft anbieten, also keine Spartenmedien darstellen (wie Sportmedien, Gesundheits- oder Gartenbaujournale usw.). Es handelt sich bei diesen Mediengattungen um:

  • regionale und überregionale (Sonntags-)Zeitungen und Wochenmagazine
  • Informationsformate des öffentlichen und privaten Radios
  • Informationsformate des öffentlichen und privaten Fernsehens
  • Newssites (Online-Informationsangebote)

Medienarenen werden nicht nur durch diese vier Mediengattungen, sondern auch durch «Medientypen» gebildet. Innerhalb der Mediengattungen müssen die wesentlichen Medientypen repräsentiert sein. Im Bereich der Presse handelt es sich um die folgenden Medientypen:

  • Abonnementszeitungen
  • Boulevardzeitungen
  • Gratiszeitungen
  • Sonntagszeitungen und Wochenmagazine

Beim Radio und Fernsehen sind es folgenden Medientypen:

  • öffentliche Anbieter
  • private Anbieter

Bei den Newssites gilt es die folgenden Informationsangebote zu berücksichtigen:

  • Portale der Abonnementszeitungen
  • Portale des Boulevard
  • Portale der Gratiszeitungen
  • Infoportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen (z.B. Bluewin)

Die Berücksichtigung der erfassten Medien muss repräsentativ sein. Deshalb werden auf der Basis der Auflagen- und der Nutzungszahlen in einer ersten Auswahl all die Medientitel berücksichtigt, die 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung ab 15 Jahren erreichen.

Dies erlaubt es, die publizistische Versorgung der Schweiz auf nationaler und sprachregionaler Ebene zu untersuchen und Veränderungsdynamiken mit Daten aus den Jahren 2001 und 2005 sichtbar zu machen. Von zentralem Interesse sind in den Sprachregionen, neben den unterschiedlichen Mediennutzungsmustern, die folgenden Aspekte:

  • die Verschiebungen innerhalb der Mediengattungen, d.h. etwa der Publikumsfluss von Presse zu Online (mit erheblichen Folgen für die Finanzierung der Zeitungen)
  • die Entwicklung der Werbe- und Gebühreneinnahmen sowie der Verkaufserlöse und deren Auswirkungen auf die Medienvielfalt innerhalb der Gattungen
  • die Besitzverhältnisse und die Vielfalt der Medienunternehmen bzw. die Konzentrationsprozesse, unter anderem bezüglich der Kontrolle von Titeln verschiedener Mediengattungen (Crossmedia)
  • die Entwicklungen hinsichtlich der Schichtung des Medienkonsums gemäss Bildung und Einkommen und der Segmentierung der Medienarenen gemäss Generationen, Geschlecht und Herkunft

Der Wert der Darstellung der Entwicklung der publizistischen Versorgung der Schweiz und der Sprachregionen kommt erst durch die inhaltliche Analyse der Aufmerksamkeitslandschaften hinsichtlich Sprachregionen, Mediengattungen, Medientypen und Medientiteln voll zur Geltung. Deshalb wird die Darstellung der publizistischen Versorgung der Schweiz durch die Untersuchung des Informationsangebots und der Berichterstattung ergänzt.

2.2 Untersuchung des Informationsangebots und der Berichterstattung

Qualitätsnormen können, wie der Begriff der «Vielfalt» bezüglich Medienunternehmen oben schon gezeigt hat, bereits auf der Ebene der publizistischen Versorgung in Anschlag gebracht werden. Auf dieser Ebene diskutiert die sozialwissenschaftliche Qualitätsanalytik neben Konzentrationseffekten auch die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Formen der Medienregulierung – der rechtlichen Regulierung wie der Selbstregulierung etwa in Form von Presseräten – und die Ausbildungsstrukturen des Journalismus. Im Weiteren bezieht sich die Qualitätsanalytik auf die Strukturen und Abläufe innerhalb von Medienorganisationen (Qualitätsmanagement) und auf das Qualitätsverständnis seitens der Medienmacher, insbesondere bei Journalisten. Auf Seite des Publikums bezieht sie sich auf Akzeptanz und Erwartungen. Die wichtigste Qualitätsanalytik stützt sich jedoch seit jeher auf das inhaltliche Angebot, also den Output der Medien, und daraufliegt auch bei diesem Jahrbuch der Schwerpunkt.

Qualitätsansprüche sind per se normativ und die wirkmächtigen Normen stellen historisch gewachsene «faits sociaux» – also soziale Tatsachen – dar, die Erwartungen formieren. Sie strukturieren das Soziale, indem sie das Abweichende zum Problem machen, weshalb die Qualitätsnormen an die öffentliche Kommunikation aus der Aufklärung hergeleitet und direkt mit den notwendigen Leistungsfunktionen der Öffentlichkeit für die Demokratie in Beziehung gesetzt wurden. Der Kanon dieser Qualitätsnormen besteht aus Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanzansprüchen. Die medienvermittelte Öffentlichkeit soll also nicht auf systematische Weise Themen, Meinungen und Akteure ausschliessen, sondern diese ausgewogen berücksichtigen bzw. Vereinseitigungen vermeiden; und sie unterliegt Wahrheits- und Bedeutungsansprüchen.

Im Jahrbuch wird die Universalität medienvermittelter Öffentlichkeit über «Vielfaltsindikatoren» gemessen (vorab: Informationsvielfalt, Meinungsvielfalt, Akteursvielfalt). Die Ansprüche an die Ausgewogenheit und Objektivität werden über «Professionalitätsindikatoren» analysiert (vorab: Argumentationsform, Eigenleistung und Selbstreflexivität, Vermittlung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen) und schliesslich wurden «Relevanz- und Aktualitätsindikatoren» für die Relevanz und die Aktualität der Berichterstattung entwickelt (vorab: Thematisierung wesentlicher Teilbereiche der Gesellschaft wie Politik und Wirtschaft, Bezüge auf Strukturen und Systeme [die Makroebene], Bezüge auf Institutionen und Organisationen [die Mesoebene] sowie Bezüge auf Personen [die Mikroebene]). Dieser Kanon publizistischer Qualitätsnormen entzieht sich im Regelfall einer Stellungnahme des Typs erfüllt/nicht erfüllt. Selbstverständlich ist die Publizistik reich an krasser Unterdrückung von Themen und Meinungen, der Ausgrenzung von Akteuren, der völligen Einseitigkeit der Berichterstattung, der Verbreitung platter Unwahrheiten und der Kolportage vonBelanglosigkeiten. Jenseits dieser Fälle stellen die Qualitätsnormen jedoch Verhältnisse dar, die mehr oder weniger gegeben sind.

Für das Jahrbuch bedeutet das erstens, dass sich die Qualitätsbewertung von medialen Inhalten einer vergleichenden Methode zu bedienen hat. Dieser Vergleich bezieht sich auf die Aufmerksamkeitslandschaften (Themenagenden) von Sprachregionen und Mediengattungen und auf die Inhalte von Medientypen sowie Medientiteln in der Zeit (synchrone Dimension) sowie über die Zeit (diachrone Dimension). Dies erlaubt es, die Qualitätsunterschiede wie die Veränderungen der Medienqualität in den Dimensionen Vielfalt, Professionalität, Relevanz und Aktualität festzustellen. Die vergleichende Untersuchung des Informationsangebots und der Berichterstattung muss den tatsächlichen Inhalten entsprechen. Das lässt sich durch die Vermeidung von vorab festgelegten Inhalten der Berichterstattung realisieren.

Zweitens heisst das für das Jahrbuch, dass sowohl das Informationsangebot – im weitesten Sinne die Ressorts, die Rubriken und das thematische Spektrum – als auch die Inhalte in Form zentraler und peripherer Berichterstattungsthemen, also die Hierarchie der Kommunikationsereignisse, so erhoben werden, wie sie auftreten. Das erfüllt eine induktive Erhebung des Informationsangebots und der Berichterstattungsthemen.

Schliesslich gilt es, die Aufmerksamkeitslandschaftenmedienvermittelter Öffentlichkeit für die gesamte Schweiz repräsentativ zu erfassen, also in allen grossen Sprachregionen und für alle Mediengattungen und Medientypen.

Drittens heisst das für das Jahrbuch, alle Gattungen der Informationsmedien in den grossen Sprachregionen – also Presse, Radio, Fernsehen und Online – zu berücksichtigen. Es bedeutet ausserdem, alle wesentlichen Medientypen einzubeziehen. Bei der Presse bezieht sich das auf Abonnements-, Boulevard-, Gratis- und Sonntagszeitungen sowie Wochenmagazine; beim Radio und Fernsehen auf Nachrichtensendungen, Magazine und Foren, und bei den Newssites auf die Onlineportale der Abonnements-, der Boulevard- und der Gratiszeitungen sowie die Infoportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen. Aufgrund der Verschiedenheit der Mediengattungen und -typen muss diese crossmediale Qualitätsanalyse die Besonderheiten der Gattungen und Typen berücksichtigen.

Damit diese inhaltliche Qualitätsanalyse forschungsökonomisch möglich ist, wird die Zahl der Medientitel (148), die für die Untersuchung der medialen Infrastruktur und der publizistischen Versorgung der Schweiz berücksichtigt werden, gemäss erreichtem Publikum und regionaler Verteilung um rund zwei Drittel auf 46 reduziert.

Weiterführende Literatur

Bader, Miriam/Wehner, Josef/Becker, Barbara (Hrsg.), 2006: Kulturindustrie reviewed. Ansätze zur kritischen Reflexion der Mediengesellschaft. Bielefeld: Transcript.

Blum, Roger/Imhof, Kurt/Bonfadelli, Heinz/Jarren, Otfried (Hrsg.), 2010: Krise der Leuchttürme Öffentlicher Kommunikation – Vergangenheit und Zukunft der Qualitätsmedien. Reihe Mediensymposium, Bd. 11. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bonfadelli, Heinz, 2002: Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.), 2003: Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Grossenbacher, René/Trebbe, Joachim (Hrsg.), 2009: Qualität in Radio und Fernsehen. Die inhaltsanalytische Messung konzessionsrechtlicher Vorgaben für die Radio- und Fernsehprogramme der SRG SSR idée suisse. Zürich: Rüegger.

Jarren, Otfried/Donges, Patrick (Hrsg.), 2007: Ordnung durch Medienpolitik? Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Karmasin, Matthias (Hrsg.), 2002: Medien und Ethik. Stuttgart: Philipp Reclam.

Schatz, Heribert/Schulz, Winfried, 1992: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. S. 690–712, Media Perspektiven.

Trebbe, Joachim, 2004: Fernsehen in Deutschland 2003–2004. Programmstrukturen, Programminhalte, Programmentwicklungen. Berlin: Vistas.

Weischenberg, Siegfried/Loosen, Wiebke/Beuthner, Michael (Hrsg.), 2006: Medien-Qualitäten. Öffentliche Kommunikation zwischen ökonomischem Kalkül und Sozialverantwortung. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Bd. 33. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Weischenberg, Siegfried/Kleinsteuber, Hans J./Pörksen, Bernhard (Hrsg.), 2005: Handbuch Journalismus und Medien. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Weiß, Hans-Jürgen, 2008: Private Fernsehvollprogramme 1998–2007. Eine 10-Jahres-Bilanz der kontinuierlichen Fernsehprogrammforschung der Landesmedienanstalten. S. 37–66 in: Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten ALM (Hrsg.), Fernsehen in Deutschland. Programmforschung und Diskurs. Berlin: Vistas.

Weßler, Hartmut/Matzen, Christiane/Jarren, Otfried/Hasebrink, Uwe (Hrsg.), 1997: Perspektiven der Medienkritik. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit öffentlicher Kommunikation in der Mediengesellschaft. Dieter Roß zum 60. Geburtstag. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Wyss, Vinzenz, 2002: Redaktionelles Qualitätsmanagement. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

2.3 Aufbau des Jahrbuchs

Jahrbücher sind Nachschlagewerke, die besondere Anforderungen an die Orientierung stellen. Das, was interessiert, muss in den wesentlichen Ergebnissen rasch erfasst werden können, um dann allenfalls ein Thema zu vertiefen. Für dieses Jahrbuch wird deshalb der einfachst mögliche Aufbau gewählt und die wichtigsten Resultate stehen in jedem Kapitel gleich am Anfang. Dieser Logik folgt das ganze Buch:

  • Das Kapitel Hauptbefunde enthält die wichtigsten Resultate des gesamten Jahrbuchs.
  • Kapitel I behandelt die mediale Infrastruktur, die publizistische Versorgung der Schweiz sowie die Qualitätsvalidierung mit primärem Blick auf die Unterschiede der Sprachregionen und zwischen den Mediengattungen und -typen.
  • Kapitel II–V sind je den einzelnen Mediengattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online sowie deren Medientypen gewidmet. Dabei werden die publizistische Versorgung der Schweiz und der Sprachregionen ebenso berücksichtigt wie die Inhalte.
  • Kapitel VI lässt Raum für Vertiefungsanalysen spezifischer Berichterstattungsthemen. In diesem Jahrbuch werden die Berichterstattung zur Minarettinitiative sowie die Entwicklung der Wirtschaftsberichterstattung unter besonderer Berücksichtigung der Krise einer detaillierten Untersuchung unterzogen.
  • Der Schluss des Jahrbuchs wird durch zwei Annexe gebildet. Der erste Annex enthält die Beschreibung der Forschungsmethoden, im zweiten Annex werden die publizistischen Profile aller analysierten Medien wiedergegeben. Im Anhang findet sich ein Glossar, das alle Begriffe erklärt, die für das Verständnis dieses Jahrbuches wichtig sind. Mit bezeichnete Begriffe sind in diesem Glossar zu finden.

Zum Schluss bleibt noch Folgendes zu erwähnen: Das Jahrbuch erscheint als physisches Buch und hat eine eigene Plattform auf dem Internet. Hier kann auch seine Entstehung verfolgt werden. Die Internetplattform enthält das abgeschlossene Jahrbuch, periodische Zwischenabschlüsse der laufenden Analysen hinsichtlich Kommunikationsereignishierarchien in den Sprachregionen und Mediengattungen sowie Vertiefungsanalysen zu einzelnen Berichterstattungsthemen oder Ressorts.

Auf der Internetplattform werden ausserdem laufend weitere Forschungsergebnisse des fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft – zum sozialen und Strukturwandel sowie zu Themen der politischen Soziologie und Wirtschaftssoziologie präsentiert.