Hilfe (neues Fenster)

1. Medienarena Schweiz
Navigationslinks überspringenNews > Jahrbuch Qualität der Medien 2010 > Hauptbefunde > 1. Medienarena Schweiz  
Startet die Suche

1. Medienarena Schweiz

  • Fundamentale Umwälzungen: Die schweizerische Medienarena steht in einem Transformationsprozess. Erstens ist mit der Onlinegattung ein neuer Medienkanal entstanden, der vornehmlich junge Publikumssegmente von den traditionellen Gattungen Presse, Radio und Fernsehen abzieht. Zweitens hat sich eine Gratiskultur Online und Offline etabliert, die die crossmediale Mehrfachverwertung gleicher Inhalte vorantreibt und im Pressesektor einer Selbstkannibalisierung der Bezahlmedien gleichkommt. Drittens hat sich auch als Folge der aktuellen Wirtschaftskrise die finanzielle Situation der meisten Informationsmedien in der Schweiz verschlechtert. Die Werbemittel, die bei den privatwirtschaftlich betriebenen Medien den Grossteil der Einnahmen ausmachen, sind auf dramatische Weise weggebrochen. Das trifft vor allem die Kaufpresse (Abonnements-, Boulevard-, Sonntagszeitungen und Magazine) in existenzieller Weise. Aus allen Entwicklungen resultiert ein Abschichtungs- und Segmentierungseffekt, von dem die gesamte Medienarena betroffen ist: Auf der Basis schwächer gewordener Ressourcen und im Wettbewerb um knappe Aufmerksamkeit und Werbeeinnahmen versuchen die Informationsmedien, die Bedürfnisse der Medienkonsumenten mit billigerer Information zu decken. Bei allen Mediengattungen (Presse, Radio, Fernsehen, Online) zeigt sich – wenn auch unterschiedlich stark – eine Bedeutungssteigerung billig zu produzierender Softnews. Da dieser Effekt insbesondere bei den qualitativ schwächeren Gratismedien auftritt, ergeben sich je nach Nutzungsgruppen (vorab Bildung und Alter) unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften.
  • Medienkrise Schweiz: Im neuen Konkurrenzverhältnis der Informationsmedien sind die klassischen Gattungen (Presse, Radio, Fernsehen) von der zunehmenden Nutzung der Gattung Online vor allem ab 2005 betroffen. Das Fernsehen erleidet generell einen Reichweitenverlust bei jüngeren Alterskohorten, beim Radio und Fernsehen geht die Nutzung der Informationsformate zurück und die Presse hat Newssites lanciert, die das Publikum von den Printausgaben abziehen und deren eigenständige Refinanzierung bislang nicht gesichert werden kann. Die Newssites bleiben ein Zuschussunternehmen der ohnehin darbenden Presse. Sie profitieren von der Reputation ihrer Mutterhäuser, deren Ruf sie gleichzeitig belasten, weil die eingesetzten Ressourcen einen qualitativ guten Journalismus nicht erlauben. Vor dem Gratisangebot Online kam bereits ab 1999 das Gratisangebot Offline im Pressebereich auf. In kürzester Zeit etablierten sich in der deutschsprachigen Schweiz die Gratiszeitungen 20 Minuten und Metropol und setzten die Boulevard- und Abonnementszeitungen unter Druck. 2001 hatten die beiden Gratiszeitungen bereits fast die doppelte Auflage wie die etablierte Boulevardzeitung Blick. Der Siegeszug der Gratiszeitungen ging danach rasant weiter: In der französischsprachigen Schweiz sind sie der Zeitungstyp mit der höchsten Auflage und in der deutschsprachigen Schweiz ist 20 Minuten die grösste Tageszeitung. Im einstigen «Presseland Schweiz» verlieren dagegen die in publizistischer Hinsicht zentralen Abonnementszeitungen bezüglich Auflagen, Nutzung und Einnahmen an Terrain. Ihre Geschäftsmodelle sind insgesamt zu stark auf die krisenanfälligen und fluiden Werbeeinnahmen angewiesen, die darüber hinaus durch branchenfremde Akteure (Suchmaschinen und Social Web) abgezogen werden. Gleichzeitig hat die Gratiskultur das Kostenbewusstsein für Journalismus aufseiten der Medienkonsumenten zerstört. Diese Verlagerungen von Kauf- zu Gratismedien fördern den Konzentrationsprozess, um Skaleneffekte und crossmediale Mehrfachverkäufe zu ermöglichen. Aufgrund der Tatsache, dass das historisch nur kurzfristig funktionierende Geschäftsmodell, zentrale Informationsmedien nicht mit gesinnungsethischen Motiven oder mit Konzessionsgeldern, sondern unter reinen Renditeaspekten zu betreiben, ausläuft, ist die Medienpolitik in der Demokratie gefordert.
  • Qualitätsunterschiede und -defizite: Der Beitrag der verschiedenen Medientypen zur Qualität der Berichterstattung in der Schweiz differiert stark. Die Informationssendungen der öffentlichen audiovisuellen Medien (v.a. das Radio, etwas weniger das Fernsehen) und die Abonnementszeitungen steuern am meisten Themen von gesellschaftlicher Relevanz bei. So sind die Kommunikationsereignisse, die sich auf gewichtige und komplexe Gesetzgebungsprozesse beziehen, sowie die Beleuchtung aussen- und wirtschaftspolitisch relevanter Themen vor allem auf das öffentliche Radio und auf die Abonnementspresse zurückzuführen. Dagegen konzentrieren sich die Boulevard- und Gratiszeitungen, die Privatsender sowie die Onlinemedien primär auf Partikuläres und bewirtschaften vor allem personenzentrierte Human Interest- oder Sportthemen. Die zentralen Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur werden in diesen Medientypen viel stärker personalisierend, privatisierend und emotionalisierend aufbereitet. Daneben lassen das private Fernsehen und Radio sowie die Onlinemedien den Sport sowie personalisierbare Konflikte, Bedrohungen und Themen des Human Interest hervortreten. Insofern sind bei den Boulevardzeitungen und den privaten TV-Sendern, insbesondere aber bei den Gratiszeitungen und den Onlinemedien, die Vielfalt und die Relevanz stark eingeschränkt, und die Forumsfunktion, d.h. der argumentative Austausch und die Auswahl der Themen, die um eine politische Lösung kandidieren, wird nur bedingt erfüllt.
  • Integrationsfunktion: Die Abonnementszeitungen und die öffentlichen Radio- und Fernsehsender erfüllen eine wichtige Integrationsfunktion. Vor allem die Radiosender der SRG versorgen die drei grossen Sprachregionen mit Informationen von nationaler, aber auch internationaler Relevanz. Dasselbe gilt für die Sonntagszeitungen und das Magazin. Der Beitrag zum nationalen Zusammenhalt ist dagegen beim regional fokussierten Privatradio und vor allem beim ebenfalls regional/lokal ausgerichteten Privatfernsehen und bei den Onlinemedien bescheiden. Wenn überhaupt, so nähern sich die Onlinearenen der Sprachregionen nur bei Human Interest-Themen etwas an, während sie bei gesellschaftspolitischen Themen tendenziell auseinanderdriften. Nimmt man die Resultate des Agendenvergleichs aller Mediengattungen in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz aus dem letzten Quartal 2009 zum Massstab, dann wird die Schweiz primär durch Souveränitätsprobleme (Libyenaffäre), Bedrohungen (Schweinegrippe), Auseinandersetzungen in der direkten Demokratie (Minarettinitiative) und durch Sportereignisse zusammengehalten. Komplexere politische und wirtschaftliche Themen von schweizweiter Bedeutung (z.B. KVG-Revision) haben es dagegen schwer, unter vergleichbaren Relevanzgesichtspunkten sprachregional übergreifende Aufmerksamkeit zu finden.
  • Wachsende Binnenorientierung auf Kosten der Auslandsberichterstattung: Ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung schwindet die Weltbeobachtung zugunsten einer Bedeutungsaufwertung des Nationalen und vor allem des Regionalen. Die Binnenorientierung der schweizerischen Medienarena auf Kosten der Auslandsberichterstattung hat im Zeitverlauf bemerkenswert zugenommen. Die öffentlichen Rundfunkprogramme, vor allem das Radio, sowie die überregionalen Abonnementszeitungen tragen (wie auf nationaler Ebene) am meisten zu einer relevanten Auslandsberichterstattung bei. Allerdings ist auch hier die Welt geschrumpft bzw. das Wissen über die Welt, das gerade im Kleinstaat Schweiz über die intensive Beobachtung des Weltgeschehens aus drei Sprachräumen heraus akkumuliert wurde, ist kleiner geworden. Die neuen Medien – Gratiszeitungen und die Newssites –, jedoch auch gewichtige regionale Abonnementszeitungen reduzieren die Welt auf Agenturmeldungen. Nutzergruppen, die diese Medien konsumieren, nehmen eine Welt jenseits der Schweiz zur Kenntnis, die nur noch aus einer Abfolge von Krisen, Kriegen, Katastrophen und Affären besteht. Bei der regionalen Orientierung im privaten Rundfunk und auch bei der regionalen Abonnementspresse ist darüber hinaus eine journalistische Orientierung festzustellen, die dem Human Interest und dem Sport Bedeutung verleiht.
  • Softnews und Allroundjournalismus: Primär die Abonnementszeitungen, die Sonntagszeitungen, die öffentlichen Programme des Radios sowie etwas weniger das öffentliche Fernsehen sorgen für eine einordnende, Hintergrundinformationen vermittelnde Berichterstattung. Damit verbunden ist ein höherer Anteil an Hardnews mit geringerer Personalisierung, Emotionalisierung und Privatisierung der Berichterstattung. Dagegen betreiben die Newssites, die Boulevard- und Gratiszeitungen sowie die Nachrichtensendungen des Privatfernsehens einen kaum spezialisierten, stark Softnews-orientierten Allroundjournalismus. Die zentrale Aufgabe journalistischer Tätigkeit, die Einordnung von Ereignissen auf der Basis profunder Recherche, findet in diesen Medien kaum noch statt (eine Ausnahme bilden Kapitalverbrechen im Boulevard).
  • Qualitätsschwache Medien im Vormarsch: Die Kaufpresse steckt in einer grundsätzlichen Finanzierungskrise und die Nutzung von Gratiszeitungen und Onlinemedien wird im Vergleich zu Presse, Radio und Fernsehen weiter zunehmen, da vor allem die jüngeren Alterskohorten zwischen 15 und 35 in einer qualitätsschwachen Gratiskultur sozialisiert wurden. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass in Zukunft die Bedeutung gerade derjenigen Typen und Gattungen weiter zunehmen wird, die bereits heute schon weniger zur Qualität beitragen. Dies wiederum wird dem qualitätsorientierten Journalismus weiter Ressourcen entziehen und den Human Interest in den Themenagenden der sprachregionalen Arenen und der schweizerischen Medienarena befördern. Bis jetzt werden die politischen und volkswirtschaftlichen Kosten der Reduktion der Auslandsberichterstattung, der Zunahme von Softnews sowie des episodischen zum Nachteil des thematischen, recherchierenden und einordnenden Journalismus, der Erosion des Berufsprestiges des Journalismus und des Siegeszuges der Gratiskultur noch kaum diskutiert. Dieses Jahrbuch wird die Entwicklung weiter verfolgen.