2. Presse
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Pressekrise: In Gestalt der Abonnementszeitungen verdanken wir der Presse – als traditionellstem Träger öffentlicher Kommunikation – nach wie vor die vielfältigsten Aufmerksamkeitslandschaften sowie die nachhaltigste Berichterstattung. Die Schweizer Presse befindet sich allerdings in einer tiefgreifenden Krise. Nicht nur die Gratiskultur im Online, sondern vor allem die Gratisprodukte der Presse selbst stellen die täglich erscheinende Abonnementspresse vor eine Existenzkrise. Einzig die Sonntagspresse sowie die Gratiszeitungen können ihre ökonomische Basis einigermassen wahren. In der französischsprachigen Schweiz hat die Gratispresse bereits vor allen anderen Typen der Informationspresse die grösste Verbreitung erreicht. Diese Selbstkonkurrenzierung der Informationspresse durch die Gratiszeitungen verschlechtert vor allem die Situation der Boulevard- und Abonnementszeitungen. Eine zusätzliche Konkurrenz bilden die branchenfremden Informationsportale der Telekommunikationsunternehmen sowie Suchmaschinen (z.B. Google), Pages für Kleinanzeigen sowie das Social Web (z.B. Facebook), während die brancheneigenen Newssites zu wenige Einnahmen generieren, um einen qualitativ guten Journalismus betreiben zu können.
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Konzentration, Abbau und Abschichtung: Die Finanzierungsengpässe und der gesteigerte Konkurrenzdruck durch die Gratiszeitungen verschärfen nochmals die bereits hohe Konzentrationsdynamik im Pressesektor. Abbau, Umbau, Fusionen und Zusammenlegungen von Redaktionen, die Reduktion von Korrespondentennetzen sowie die Verbreitung des Mantelzeitungswesens nehmen weiter zu. Die prominentesten Beispiele dieser Entwicklung sind die Fusion zwischen Tamedia und Edipresse, die Neuformierung der Besitzverhältnisse in der Region Zürich und der Ostschweiz zwischen Tamedia und der Freien Presse Holding AG (NZZ-Gruppe) auch auf Kosten unabhängiger Anbieter, der Abbau des Korrespondentennetzes bei der NZZ sowie die Teilzusammenlegung der Redaktionen von Tages-Anzeiger und Bund. Die rasante Zunahme von Newssites im Internet, die intensivierte Verbreitung billig zu produzierender Softnews, crossmediale Mehrfachverkäufe der gleichen Inhalte, der vermehrte Einkauf vorgefertigter Inhalte sowie die verstärkte Zielgruppenfokussierung sind weitere Begleiterscheinungen der Pressekrise. Dies befördert insgesamt die Abschichtungstendenz in der Pressearena: Printmedien orientieren sich – zurückhaltender allerdings die überregionalen Abonnementszeitungen NZZ und Le Temps und die eher regional orientierten Tages-Anzeiger und Bund – in ihrer Auswahl, Darstellung und Interpretation der Nachrichten stärker an Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten statt an Informationsbedürfnissen der Staatsbürger.
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Qualitätsgefälle zwischen regionalen und überregionalen Abonnementszeitungen: Die Qualitätsunterschiede zwischen den überregionalen und den regionalen Titeln der Abonnementspresse sind beachtlich. Die regionalen Abonnementszeitungen vernachlässigen die nationale und internationale Politik-, die Wirtschafts- und die Kulturberichterstattung, und sie verfolgen eine Strategie der Regionalisierung und der Boulevardisierung. Diese regionale Zielgruppenfokussierung geht einher mit einer verstärkten Bewirtschaftung lebensweltlicher, beratender und unterhaltender Aspekte. Im Bereich der politischen Auslandsberichterstattung werden die regionalen Abonnementszeitungen sogar von den Boulevardzeitungen übertroffen. Auch bei den überregionalen Abonnementszeitungen werden Korrespondentennetze und Redaktionsstrukturen abgebaut oder zusammengefasst. Darunter leidet insbesondere die Auslands- sowie die (Auslands-)Wirtschaftsberichterstattung. Die grossartige Tradition der schweizerischen Auslandsberichterstattung bricht ausgerechnet in der Ära der Globalisierung ein.
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Gratiszeitungen mit erheblichen Qualitätsdefiziten: Der Publikumstransfer zu den Gratistiteln wird unter Bedingungen tiefer Zahlbereitschaft für Information und gleichzeitiger Nivellierung der Qualität in der Abonnementspresse befördert. Die Gratisblätter bewirtschaften im Vergleich aller Pressetypen ein boulevardisierendes und emotionalisierendes Infotainment und unterhalten ein wenig nachhaltiges, ausgesprochen episodisches Newsmanagement. Human Interest- und Sportthemen beherrschen die Spalten der Gratiszeitungen. Wenn nationale oder internationale Themen von gesellschaftlicher Relevanz auf die Gratisagenda gelangen, so handelt es sich um nicht oder nur geringfügig veränderte Agenturbeiträge. Bei den Gratiszeitungen sind auch die Professionalitätsdefizite hinsichtlich Quellentransparenz und redaktioneller Eigenleistung am grössten. Gratiszeitungen erreichen zunehmend mehr das jüngere Publikum, das gleichzeitig unterdurchschnittlich Abonnementszeitungen nutzt. In Kombination mit den ebenfalls gratis angebotenen Newssites drücken die Gratiszeitungen die publizistische Qualität in der Medienarena somit am meisten nach unten.
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Boulevardzeitungen dem Verdrängungswettbewerb ausgesetzt: Der Boulevard ist durch die starke Verbreitung des Human Interest in den meisten Informationsmedien einem starken Verdrängungswettbewerb in dieser seiner Kernkompetenz ausgesetzt. Die Zahlbereitschaft für die in allen Kanälen verfügbaren Softnews schrumpft durch die Gratiskultur. Inwieweit durch eine weiter gesteigerte Human Interest- und Skandalisierungstendenz die Nachfrage und Kaufbereitschaft für den Boulevard angekurbelt werden kann, ist fraglich. Bislang antwortet der in Bedrängnis stehende Boulevard – wie das Beispiel Ringier zeigt – mit der Errichtung integrierter Newsrooms sowie mit einem crossmedialen Multikanaljournalismus. Im Zuge dieser Entwicklung sollen die entsprechenden Internetplattformen auch zu Verkaufskanälen von Dienstleistungen und Produkten werden, was die redaktionelle Unabhängigkeit unterläuft.
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Thesenjournalismus in Sonntagszeitungen und im emotionalisierenden Magazin: Im Vergleich zu den Abonnementszeitungen führt der Aufmerksamkeitswettbewerb im Sonntagsmarkt zu einer wesentlich stärkeren Personalisierung, Konfliktstilisierung und moralisch-emotionalen Aufladung der Berichterstattung. Die Spezialität der Sonntagszeitungen sind Thesenjournalismus, Enthüllungen (sowie Indiskretionen, die sich auf die Sonntagszeitungen einstellen) und die vertiefte Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Der Verlust an Auslandsberichterstattung in der gesamten Medienarena wird auch durch die sprachregional und national orientierten Sonntagszeitungen nicht wettgemacht. Allerdings können die Sonntagszeitungen gegenüber der Abonnementspresse ihre Nachfrage leicht steigern, mithin das Bedürfnis abdecken, sich einmal wöchentlich vertieft mit dem aktuellen Geschehen auseinanderzusetzen. Ebenfalls binnenorientiert und als Nischenerscheinung ideologisch stark aufgeladen ist das untersuchte Magazin. Die Weltwoche betreibt den radikalsten Thesenjournalismus in der Schweiz, ohne dass ein Nachprüfen der Fakten durch die anderen Medien stattfindet. Ausserdem bewirtschaftet sie ihre Themen in einem stark moralisch-emotionalen Stil. In dieser Disziplin übertrifft sie sogar den SonntagsBlick.
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