6. Vertiefungsstudien
6.1 Qualität der Medienberichterstattung zur Minarettinitiative
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Ziele und Methodik: Die Vertiefungsstudie untersuchte die Qualität der Berichterstattung zur Minarettinitiative in Leitmedien der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz. Überprüft wurden die Akteurs- und Meinungsvielfalt sowie die Diskursqualität in Form der wechselseitigen Berücksichtigung von Positionen, der Vermeidung von pauschalisierenden Aussagen sowie der Vermittlung von Hintergrundinformationen. Die Ergebnisse beruhen auf einer Inhaltsanalyse aller Beiträge des Kommunikationsereignisses «Minarettinitiative» in 17 Leitmedien der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz, die im Zeitraum vom April 2006 bis zum November 2009 erschienen sind. Die Vertiefungsstudie erbrachte die folgenden zentralen Ergebnisse.
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Hoher Anteil pauschalisierender Negativtypisierungen gegenüber Muslimen: Die Berichterstattung über die Minarettinitiative steht im Kontext einer auf internationale Konfliktereignisse (Krieg, Terror) und auf die Libyenaffäre ausgerichteten Medienaufmerksamkeit für den Islam und für Muslime. In diesem konfliktgeladenen Kontext mit Fokus auf islamistische Terroristen erhalten pauschalisierende Typisierungen und rigide Differenzsemantiken gegenüber muslimischen Akteuren breite mediale Resonanz.
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Episodische, kaum reflexive und an Formfragen orientierte Berichterstattung: In der intensivsten Phase der Berichterstattung während der letzten zwei Monate vor der Abstimmung herrscht eine episodische Berichterstattungsform vor, die sich wenig reflexiv mit der Thematik auseinandersetzt. Die Dynamik der Berichterstattung wird lange Zeit fast ausschliesslich von der Debatte über das Minarettplakat und das Internetminarettspiel bestimmt. Das Plakat wie das Minarettspiel erweisen sich als ausgezeichnete Kampagneninstrumente, weil sie die Medienlogiken ideal bedienen und dadurch den eigentlichen Abstimmungskampf auslösen und weitgehend bestimmen. Die Diskussion ist zudem in dieser Phase stark durch eine Fokussierung auf Formfragen (Stil, Tabubrüche) anstatt auf Inhalte charakterisiert. Auseinandersetzungen um die Angemessenheit der Problematisierungen der Muslime in der Schweiz oder um das Verhältnis von Rechtsstaat und Demokratie können sich vor der Abstimmung medial kaum Gehör verschaffen.
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Ungleichvertretung der Befürworter/Gegner, Kommunikationsstörung: Auffallend ist die ausgeprägte Ungleichverteilung zwischen den das Minarettverbot befürwortenden Parteien (drei Viertel der Parteienresonanz) und den ablehnenden Parteien (ein Viertel der Parteienresonanz). Damit kehren sich in der Medienberichterstattung die Mehrheitsverhältnisse zwischen Gegnern und Befürwortern der Vorlage im Parlament exakt um. Zudem manifestiert sich im medialen Diskurs eine folgenschwere Kommunikationsstörung. Gegner wie Befürworter der Initiative setzen sich praktisch nicht mit den Argumenten der jeweils anderen Seite auseinander. Selbst pauschalisierende Stereotypisierungen bleiben unwidersprochen im medialen Raum stehen.
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Fazit: Erstens erhielt im Kontext internationaler Konfliktereignisse und durch die Themenbewirtschaftung der Minarettgegner das Bild eines militanten Islamismus nachhaltig Geltung in der medienvermittelten Öffentlichkeit. Auf diese pauschalisierende und damit implizit auch die Muslime in der Schweiz einschliessende Deutung gehen zweitens die Gegner der Initiative kaum ein. Umgekehrt widersprechen die Befürworter der zentralen Argumentation der Gegner nicht, die darauf verweisen, dass ein Minarettverbot die Religionsfreiheit tangiere. Die Argumentationen beider Lager laufen also systematisch aneinander vorbei. Drittens zeigt sich eine – gemessen an den Mehrheitsverhältnissen im Parlament – markante Übervertretung der die Initiative befürwortenden Parteien im medialen Diskurs. Viertens schliesslich inszenieren die Medien den Abstimmungskampf nicht in erster Linie als Auseinandersetzung zwischen den politischen Akteuren (Befürworter und Gegner), sondern zwischen den Befürwortern und der muslimischen Minderheit in der Schweiz.
6.2 Wirtschaftsberichterstattung in der Krise
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Ziele und Methodik: In Krisenperioden wird regelmässig die Frage nach der Frühwarnfunktion der Medien in Bezug auf unerwünschte Entwicklungen gestellt. Das heisst, es stellt sich die Frage nach der seismografischen Qualität des medial vermittelten öffentlichen Diskurses. Diese bemisst sich danach, inwieweit die Medienöffentlichkeit in der Lage ist, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und hinsichtlich der Folgen angemessen einzuordnen. Diese Vertiefungsstudie überprüft dementsprechend die Qualität der Wirtschaftsberichterstattung am Gegenstand der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Untersuchung basierte auf einer Inhaltsanalyse von wichtigen nationalen und internationalen Medien im Zeitraum von 2005 bis 2009. In einer Längsschnittuntersuchung wurde zudem der langfristige Wandel der Wirtschaftsberichterstattung im Zeitraum von 1962 bis 2009 analysiert. Die Vertiefungsstudie erbrachte die folgenden zentralen Ergebnisse.
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Versagen der seismografischen Funktion: Die seismografische Funktion, frühzeitig vor der Finanzmarktkrise zu warnen, wurde von den Schweizer wie auch von den internationalen Leitmedien nicht erfüllt. Zwar wurde von einigen wenigen Medien bereits seit 2005 vereinzelt auf die risikoträchtige Bubble-Bildung vor allem im US-Immobilienmarkt hingewiesen. Diese Interpretation blieb jedoch peripher und sie reflektierte nicht die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Die Krise wurde in den Medien erst sehr spät, d.h. seit der zweiten Hälfte 2007 erkannt. Dies erfolgte zu einem Zeitpunkt, als bereits bekannt war, dass Hypothekenbanken schwerwiegende Probleme haben, und dass Hedge Funds von Grossbanken (z.B. UBS Dillon Read) katastrophale Verluste verzeichneten. Selbst in dieser Phase blieb die Berichterstattung der Fokussierung auf einzelne Unternehmen, Wirtschaftszweige und Weltregionen verhaftet. Eine übergeordnete Thematisierung möglicher Systemrisiken fand kaum statt.
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Ereignisgetriebene Wirtschaftsberichterstattung: Während im amerikanischen Subprimesektor eine gewaltige Blase heranwuchs, beherrschten über lange Zeit die Umsatz- und Gewinnerfolge der Grossbanken einerseits sowie die Skandalisierung der Managerlöhne andererseits die Schlagzeilen der Medien. Diese stark ereignisgetriebene Wirtschaftsberichterstattung mit Fokus auf Einzelakteure (Unternehmen, CEOs) machte blind für die Risiken einer auf derivative Finanzprodukte fixierten globalen Finanzindustrie. Der im Unterschied zu den 1960er und 1970er Jahren geschwächte Makrofokus auf gesamtgesellschaftliche bzw. volkswirtschaftliche Prozesse in der Wirtschaftberichterstattung zugunsten eines Meso- und Mikrofokus auf Unternehmen, Performanz und Personen in den 1990er und 2000er Jahren verhinderte es auch, den fundamentalen Wandel des klassischen Bankengewerbes zu einer globalen Finanzindustrie adäquat journalistisch zu beleuchten. Dementsprechend wurden die möglichen Folgen für die Stabilität wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung nicht annähernd richtig eingeschätzt. Erst nach dem Beinahezusammenbruch dieser Finanzindustrie wurden Ursachen und Folgen problematisiert.
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Eruptive Inflation und rasche Deflation: Mit der dramatischen Verschärfung der Krise im Kontext von Lehman Brothers und der UBS fand auch in den Medien seit Herbst 2008 eine starke Intensivierung der Berichterstattung statt. Erst jetzt sprangen auch die elektronischen Medien und die Boulevardpresse auf das Thema auf. Dieser späten Inflation der Krisenberichterstattung folgte jedoch eine noch raschere Deflation der Krisenthematisierung. Parallel zur Rückkehr der ersten Quartalserfolge von Grossbanken und dem Anziehen der Börsenwerte im Frühjahr 2009 trat die Krise zurück, obwohl die grundlegenden Probleme nicht gelöst waren bzw. sich neue schwerwiegende Probleme (drohende Staatsbankrotte, Schuldenkrise) ankündigten. Entsprechend verdankt sich die Debatte über Lerneffekte aus der Krise eher politischen Akteuren und dem politischen Journalismus mit Bezug auf die Auseinandersetzungen in supranationalen politischen Institutionen (EU, G-8, G-20, IMF, OECD) einerseits, den Voten der Schweizerischen Nationalbank andererseits.
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Fazit: Der real existierende Wirtschaftsjournalismus benötigt mit Ausnahme ganz weniger internationaler Qualitätsprodukte eine Reset-Taste, mehr Ressourcen und mehr Kontroversen. Er hat aus der gleichartigen Berichterstattung vor der dot.com-Krise nichts gelernt, und er ist deutlich zu wenig kontrovers. Die vor allem in den 1990er Jahren gewachsenen Wirtschaftsressorts wurden gerade nicht zu dem, was sie hätten werden müssen, nämlich publizistische Sphären der Auseinandersetzung über Probleme und Chancen der globalen Wirtschaftsgesellschaft.
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