Hilfe (neues Fenster)

III.2 Qualitätsvalidierung
Startet die Suche

III.2.2 Relevanz

Der Qualitätsindikator Relevanz begründet sich durch den Anspruch, dass das Allgemeine gegenüber dem Privaten, das Gesellschaftliche gegenüber dem Individuellen und Partikulären Vorrang hat. Relevanz wird einerseits durch eine Fokussierung auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Informationsformate und Themen erreicht. Andererseits ist für die Produktion relevanter Information das jeweilige Gewicht der Thematisierung auf der Makro-, Meso- und Mikroebene entscheidend (Makro: gesamtgesellschaftliche Vorgänge; Meso: Organisationen/Institutionen; Mikro: Personen). Eine Berichterstattung ist dann relevant, wenn sie sich in ausreichendem Mass auf gesamtgesellschaftliche (Makro) oder organisational-institutionelle (Meso) Vorgänge konzentriert. Ein Blick auf die Welt, der sich hauptsächlich an Personen orientiert, fördert in der Summe hingegen eine subjektive, partikuläre Weltsicht von geringerer Relevanz. Das gilt dann besonders stark, wenn sich das Persönliche mit dem Privaten verbindet, d.h., privatisierende Personendarstellungen Überhand nehmen. Auch diese Qualitätsvalidierung wird auf zwei Ebenen vorgenommen:

1. Informationsangebotsanalytik: Das Informationsangebot wird zuerst hinsichtlich der Bedeutung inhaltlich spezialisierter Hardnewssendungen (politische, wirtschaftliche und kulturelle Informationsvermittlung) von Formaten mit gemischter Informationsvermittlung (News) und von Softnews vermittelnden Sendungen (Sport und Human Interest) bewertet. Im Weiteren wird dann das öffentlichkeitsrelevante Politik-, Wirtschafts-, Kultur- und Newsangebot hinsichtlich der formalen Vielfalt in Gestalt von Nachrichten, Magazin und Forum detailliert validiert. Inwieweit also werden die Themenbereiche mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz in Form von aktuell informierenden Nachrichten, Hintergrund vermittelnden Magazinen bzw. Diskussion ermöglichenden Foren behandelt? Diese Informationsangebotsanalytik basiert auf allen identifizierten Informationsformaten im Rahmen der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009.

2. Aufmacheranalytik: Diese untersucht die redaktionell durch Anmoderation hervorgehobenen Hauptbeiträge hinsichtlich ihrer Akzentuierung von Makro-, Meso- und Mikrobezügen. Sie stützt sich auf alle Aufmacherbeiträge im Zeitraum vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009. Darüber hinaus werden die 20 bedeutendsten Kommunikationsereignisse im letzten Quartal 2009 basierend auf allen Aufmacherbeiträgen untersucht. Der Relevanzindikator dieser Kommunikationsereignisagenden prüft folgende Fragen: Auf welche Gesellschaftssphären (Politik, Wirtschaft, Kultur, Human Interest usw.) beziehen sich die grössten Themen der verschiedenen Radiotypen und -titel? Zu welchem Anteil werden Sphären von gesellschaftlicher Relevanz (Politik, Wirtschaft und Kultur) bzw. von partikulärer Relevanz (Sport, Unterhaltung) behandelt? Auf welcher Sozialebene werden die Kommunikationsereignisse gerahmt? Wird das Geschehen mehrheitlich mikroperspektivisch (Personen) beleuchtet, oder dominieren stärker relevante meso- oder gar makroperspektivische Zugänge (Organisationen, Institutionen, Gesellschaft)? Was tragen die verschiedenen Radiotypen zu diesen Themen bei? Welche spezifischen Kommunikationsereignisse kennzeichnen die Agenden öffentlicher und privater Radioanbieter? Und schliesslich: In welchem Ausmass unterscheiden sich die relevantesten Kommunikationsereignisse in den Sprachregionen? Wie stark werden relevante Kommunikationsereignisse in allen Sprachregionen auf die Agenda gesetzt, so dass die Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation greift?

III.2.2.1 Informationsangebotsanalytik

Esther Kamber

Im Rahmen des Vergleichs des Informationsangebots werden pro Radioveranstalter in einem ersten Schritt alle Sendungen erfasst, die klar abgrenzbare Einheiten bilden, einen festen Sendeplatz im Programm haben und als Nachrichten-, Magazin- oder Forumsformat identifiziert werden können. In einem zweiten Schritt werden diese Informationsformate inhaltlich analysiert und gemäss ihrer Ausrichtung auf gemischte News, Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder Human Interest klassifiziert.

Informationsangebot und Informationsformate

Das Informationsangebot im Radio wird aufgrund der zunehmenden Vermischung von Information und Unterhaltung (Infotainment) wie folgt eruiert und inhaltlich klassifiziert.

Als Informationsformate im engeren Sinn werden Sendungstitel berücksichtigt, die die klassischen Formate der Informationsvermittlung und Meinungsbildung darstellen. Anhand formaler Kriterien werden die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum unterschieden und ihr Aufkommen gemessen.

Ausserdem werden alle eruierten Informationsformate des Typs Nachrichten, Magazin und Forum inhaltlich evaluiert und als Sendungen gemäss ihrem Fokus auf die Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest bzw. auf News (gemischte Inhalte) klassifiziert.

Die gemischten News im Format der Nachrichten sind beim Radio die gängigste Weise der Informationsvermittlung. Im Zuge der Diversifizierung der Medieninhalte hat sich das Format Nachrichten ausserdem spezialisiert, indem auch Sendungen bezüglich Wirtschaft, Kultur oder Sport im Nachrichtenformat stattfinden. Das vertiefende Format des Magazins sowie das Forum als Format der Diskussion sind im Radio Chamäleons. Sie können sich beide innerhalb einer Sendung oder über diese hinweg verschiedenen Themen zuwenden – ihr Inhalt wird dann als gemischte News klassifiziert – oder ausschliesslich auf bestimmte Gesellschaftssphären fokussieren.

Damit werden in der Informationsangebotsanalytik alle Informationsformate, d.h. über die Informationsformate mit gesellschaftspolitischem Fokus − zumeist Nachrichten mit gemischten News – hinaus, auch diejenigen berücksichtigt, die sich auf Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest konzentrieren (vgl. Kapitel III.1). Erst dadurch wird das Spektrum des Informationsangebots im Rundfunk sichtbar und werden die Informationsangebote zwischen den Gattungen vergleichbar.

Der Qualitätsindikator der Relevanz bezieht sich in der Informationsangebotsanalytik zuerst auf das Gewicht öffentlichkeitsrelevanter Inhalte (News, Politik, Wirtschaft und Kultur) im Informationsangebot. Im Weiteren wird dann die formale Vielfalt in Gestalt von Nachrichten, Magazinen und Foren innerhalb der öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur untersucht. Erst durch Hintergrund vermittelnde Magazine und Diskussion ermöglichende Foren wird den Kernbereichen öffentlicher Kommunikation besondere Relevanz verliehen.

Weil das Informationsangebot der Privatradios weder inhaltlich noch formal vielfältig ist (vgl. Kapitel III.2.1.1), d.h. ihr Angebot fast ausschliesslich aus einer gemischten Newsvermittlung im Nachrichtenformat besteht, ist eine weitergehende Relevanzanalyse zwecklos. Im Folgenden werden daher nur die drei sprachregionalen öffentlichen Radioprogramme verglichen.

Relevante Inhalte des Informationsangebots bei den öffentlich-sprachregionalen Radiosendern

Im Vergleich der öffentlichen Radiosender hinsichtlich spezieller Relevanzerzeugung durch inhaltlich spezialisierte Sendungen mit Fokus auf die Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest zeigt sich, dass eine Spezialisierung nur in geringem Mass stattfindet. Das Wochenangebot des ersten Programms des öffentlichen Radios der Deutschschweiz (DRS1) konzentriert sich auf die gemischte Newsvermittlung, dicht gefolgt vom ersten Programm der italienischsprachigen Schweiz (Rete Uno). Nur im ersten Programm der französischsprachigen Schweiz (La 1ère) erhalten Kultursendungen im wöchentlichen Informationsangebot eine vergleichsweise hohe Bedeutung.

Dafür ist die spezialisierte Informationsvermittlung zur Wirtschaft bei La 1ère äusserst gering, während bei DRS1 und Rete Uno zumindest rund 5% des Wochenangebots Sendungen mit Fokus auf die Wirtschaft vorbehalten ist. Die geteilte Sportprogrammierung zwischen den ersten, zweiten und dritten Programmen der deutsch- bzw. französischsprachigen Schweiz führt dazu, dass nur Rete Uno Sportsendungen im ersten Programm aufweist. Schliesslich lancieren DRS1 und La 1ère aus aktuellem Anlass der Abstimmungen im Rahmen der Wochenstichprobe politische Sondersendungen, während bei Rete Uno die Abstimmungsberichterstattung in die Nachrichtenformate eingebettet ist.

Im generellen gattungsübergreifenden Trend, hauptsächlich gemischte News zu vermitteln, liegt insbesondere das erste Programm der Deutschschweiz (DRS1). DRS1, als das Programm mit der grössten Reichweite in der Schweiz, zeigt also eine nur geringe Ausdifferenzierung inhaltlich fokussierter Sendungen. Einen höheren Anteil an ausdifferenzierten Sendungen mit Fokus Kultur weist einzig La 1ère auf. Nur im Ausnahmefall, d.h. aus aktuellem Anlass, schalten DRS1 und auch La 1ère inhaltlich spezialisierte Sondersendungen zum politischen Geschehen. Die vorherrschende gemischte Informationsvermittlung mit Ausrichtung auf Aktualität wird möglicherweise durch die zunehmende gattungsübergreifende Aufmerksamkeitskonkurrenz, insbesondere auch durch die Newssites im Online gefördert. Allerdings würde eine Spezialisierung des Informationsangebots beim öffentlichen Radio eine Profilierungsmöglichkeit darstellen.

Relevanzerzeugung durch Formatvielfalt in den Informationsbereichen News, Politik, Wirtschaft und Kultur

Inwieweit bildet das Radio neben dem Format Nachrichten auch vertiefende Magazine und meinungsbildende Forumsformate aus, die sich den öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereichen News, Politik, Wirtschaft und Kultur zuwenden? Die Bewertung von Relevanz bemisst sich in dieser Hinsicht am zeitlichen Aufkommen von Magazinen und Foren im wöchentlichen Informationsangebot und ihrer Ausrichtung auf die Kernbereiche öffentlicher Kommunikation. Nur wenn das öffentlichkeitsrelevante Informationsangebot neben den Nachrichtenformaten in ausreichendem Mass auch Formate aufweist, die Hintergründe vermitteln und der demokratischen Diskussions- und Meinungsbildung dienen, kann die öffentliche Kommunikation ihre Forums-, Kritik- und Integrationsfunktion wahrnehmen.

Im umfangreichsten Informationsbereich zum aktuellen Geschehen (News) konzentriert sich der grösste Teil des Wochenangebots beim ersten Programm der italienischen Sprachregion (Rete Uno) auf das Format der Nachrichten (vgl. Darstellung III.2.11). Die ersten Programme der anderen beiden Sprachregionen (dt: DRS1 und frz: La 1ère) verfügen über einen bedeutend höheren Anteil an Magazinen, wobei La 1ère führend ist. Hier werden deutlich stärker auch Hintergründe vermittelt, die die Einordnung der Ereignisse ermöglichen und somit dem Verständnis und der Orientierung dienlich sind. Insgesamt ist die Relevanz des Informationsangebots bei Rete Uno geringer einzustufen, da vertiefende Informationsformate ein geringeres Gewicht aufweisen.

Spezialisierte Politiksendungen werden, wie oben gezeigt (III.2.1.1), bei den öffentlichen Radios kaum ausdifferenziert. Werden solche Gefässe in Form von Sondersendungen zu den Abstimmungen bei DRS1 und La 1ère programmiert, so haben Forumsformate bei La 1ère und Abstimmungsmagazine mit Analysen bei DRS1 ein grösseres Gewicht (vgl. Darstellung III.2.12). Politik erhält damit nur punktuell in Form von Sondersendungen namentlich zu Abstimmungen hohe und vielfältige Relevanz in Form von Forums- und Magazinformaten. Eine Ausnahme bildet Rete Uno, das auch bei Wahlen und Abstimmungen kaum Magazine ausbildet. Die Vermittlung von Hintergrundinformationen ist hier also auch im Kontext politischer Grossereignisse wenig ausgeprägt.

Die im Informationsangebot wenig gewichtigen Wirtschaftssendungen der öffentlichen Radioprogramme (vgl. Kapitel III.2.1) sind überwiegend Kurznachrichten (vgl. Darstellung III.2.13). Nur bei DRS1 dominiert das ausgedehnte werktäglich ausgestrahlte Konsumentenmagazin Espresso und das samstäglich gesendete Wirtschaftsmagazin Trend im Verhältnis zum wöchentlichen Wirtschaftsrückblick im Nachrichtenformat. Die Wirtschaftsnachrichten von La 1ère und Rete Uno werden werktäglich gesendet, wobei das Format Bollettino finanziario von Rete Uno mit einem Umfang von rund einer Viertelstunde vergleichsweise umfangreicher ist. Durch den höheren Umfang wird bei DRS1 und Rete Uno den Wirtschaftssendungen insgesamt geringe, aber immerhin mehr Relevanz verliehen.

Kulturgefässe sind eine Spezialität des ersten Programms der französischsprachigen Schweiz (vgl. Darstellung III.2.14). Das Informationsangebot von La 1ère verfügt unter anderem über ausdifferenzierte Magazine zu Literatur, Wissenschaft, Religion und sogar zum Medienwandel (Médialogues), häufig unter Einbezug von Experten. Darüber hinaus sendet La 1ère auch kulturelle Foren im Morgen- sowie Wochenendprogramm. Rete Uno programmiert neben Veranstaltungs- und Neuerscheinungshinweisen in Nachrichtenform kulturelle und wissenschaftliche Magazine. Aktuelles Wissen und allerlei kulturelle Tipps dominieren bei DRS1 das Kulturangebot, wobei wöchentlich ein Forum mit Auslandschweizern gesendet wird. Die Relevanz von Kultursendungen ist bei DRS1 durch die fast ausschliessliche Beschränkung auf kurze Nachrichten zum Kulturgeschehen deutlich geringer. Kulturelle Magazin- und Forumsformate fehlen hier gänzlich.

Im Vergleich der ersten Radioprogramme der drei Sprachregionen ist auffallend, dass die Programmierung der unterschiedlichen Informationsformate Nachrichten, Magazine und Foren bei La 1ère ausgeprägter ist. Dies führt zu einer stärkeren Ausdifferenzierung von Magazinen, die im Informationsangebot entsprechend gewichtiger sind (vgl. dazu auch Kapitel III.2.1.1). Dadurch wird auch hintergrundvermittelnden Formaten gebührend Platz einräumt und die Relevanz des Informationsangebots erhöht. Aufgrund der geringer differenzierenden Programmstrukturierung von Rete Uno und DRS1 ähneln diese zwei ersten Programme dem Privatradio stärker als La 1ère. Charakteristisch für eine schwächer strukturierte Informationsvermittlung ist ein höheres Gewicht an gemischter Nachrichtenvermittlung. Hardnews werden häufiger durch Softnews ergänzt und vertiefende Hintergrundinformationen durch repetitive Kurzinformationen ersetzt, was einem Trend zur Boulevardisierung gleichkommt.

Fazit

Bei allen ersten Programmen des öffentlichen Radios dominiert die Tendenz zur gemischten Informationsvermittlung. Rete Uno differenziert zwar werktägliche Wirtschaftsnachrichten aus und DRS1 Wirtschaftsmagazine. In allen drei öffentlichen Radioprogrammen fehlen aber insbesondere auf Politik spezialisierte Sendungen. Führend in der Ausdifferenzierung von inhaltlich spezialisierten Magazinen und Foren zur Kultur ist La 1ère gefolgt von Rete Uno. Diese Sendungen ähneln einem Fliessprogramm insofern, als auch sie meist von Musik unterbrochen werden, aber eine sendungsspezifische Moderation aufweisen und auf gesellschaftsrelevante Themen – Kunst, Religion, Wissenschaft und Medien – fokussieren.

Spezialisierte Informationssendungen namentlich zu Politik, Wirtschaft und Kultur sind generell selten. Diese mangelhafte Ausdifferenzierung spezialisierter Radioangebote birgt die Gefahr, dass spezifisch Relevantes nicht beachtet wird, weil es im Strom der wenig spezialisierten Informationsvermittlung untergeht.

III.2.2.2 Aufmacheranalytik

Linards Udris

Auch bei den redaktionell besonders hervorgehobenen Aufmacherbeiträgen bemisst sich die Relevanz daran, inwieweit die für das Funktionieren der Gesellschaft besonders bedeutsamen Bereiche Politik, Wirtschaft und Kultur thematisiert werden. Ausserdem kommt Relevanz dadurch zustande, dass der Berichterstattungsfokus auf der Makro- (Gesellschaft) und der Mesoebene (Organisationen/Institutionen) beleuchtet wird. Allerdings sind Personalisierung und Privatisierung (Mikroebene) ein beliebtes mediales Stilmittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu binden. Dementsprechend ist auch beim Radio zu erwarten, dass im Rahmen der redaktionell hervorgehobenen Aufmacherbeiträge ein erhöhtes Mass personalisierender und privatisierender Darstellungen auftritt. Dies wird einerseits anhand aller Aufmacherbeiträge und andererseits anhand der Kommunikationsereignisse untersucht.

Relevanz

Relevant sind Thematisierungen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und von gesellschaftlichen Teilbereichen, den Gesellschaftssphären (Makroebene). Ebenfalls von Bedeutung sind Thematisierungen von entsprechenden Institutionen und Organisationen (Mesoebene). Liegt der Fokus der Berichterstattung auf Einzelpersonen (Mikroebene), gilt es verschiedene Arten der Personenthematisierung zu unterscheiden: Die anonyme Thematisierung von Personen (Mikroebene anonym) ist häufig ein rhetorisches Mittel der Problemthematisierung und die Berichterstattung über Personen in ihren Funktionsrollen (Mikroebene rollennah) im Rahmen von Institutionen und Organisationen ist von einer auf das Private und Partikuläre abhebenden Thematisierung (Mikroebene rollenfern) zu unterscheiden. Insgesamt nimmt die Relevanz der Berichterstattung ab, und zwar mit einer Gewichtung die sich von Makro – Meso auf Meso – Mikro verlagert und einen hohen Anteil an privater Personenfokussierung (Mikroebene rollenfern) aufweist.

Aufmacherbeiträge: Beitragsfokus auf Sozialebenen

In welchem Ausmass fokussieren Aufmacherbeiträge auf die stärker relevanten Ebenen der Gesamtgesellschaft (Makro) und Institutionen und Organisationen (Meso) oder auf die weniger relevante Ebene der Einzelpersonen (Mikro)? In Verbindung mit den thematisierten Gesellschaftssphären (Politik, Wirtschaft, Kultur) müssen dabei sorgfältige Unterscheidungen getroffen werden. Auf der einen Seite kann eine Human Interest-Berichterstattung dann Relevanz erlangen – z.B. «Alkoholmissbrauch bei jungen Frauen nimmt zu» –, wenn dadurch Erwartungen an politische Akteure zur Problemlösung gerichtet werden. Auf der anderen Seite können Mikrobezüge auf Personen dann relevant sein, wenn sie Personen in ihren Funktionsrollen ins Zentrum stellen (z.B. Politiker, Amtsdirektoren usw.). Eine privatisierende Berichterstattung führt hingegen stets vom Allgemeininteresse weg. Die Verdrängung des Allgemeinen durch das Private – z.B. US-Präsident Obama, der auf einer Dienstreise in Afrika seinen Halbbruder trifft – geht auf Kosten einer Darstellung von Strukturen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen.

Die öffentlichen Radiotypen, die eine stärkere Differenzierung von relevanten Informationsgefässen (Nachrichten, Magazin, Foren) kennen (vgl. Kapitel III.2.1.1), fokussieren auch in den Nachrichtensendungen und -magazinen am häufigsten auf die für die Allgemeinheit relevanten Makro- und Mesoebenen (vgl. Darstellung III.2.15). 53% aller Beiträge in den öffentlichen Sendern beziehen sich auf die Makro-, 21% auf die Meso- und 26% auf die Mikroebene. In den privaten Sendern hingegen sind nur 34% aller Beiträge auf die Makroebene fokussiert, während die Meso- und die Mikroebene mit 31 bzw. 34% deutlich häufiger dargestellt werden als bei den öffentlichen Radiostationen.

Die Unterschiede zwischen den öffentlichen und privaten Radiotypen ergeben sich vor allem daraus, dass sich Privatsender öfter mit Sport und Human Interest beschäftigen, in denen generell das Persönliche, Partikuläre und Private im Vordergrund steht (vgl. Kapitel III.2.1.2). Kaum Unterschiede lassen sich hingegen bei der Berichterstattung über Politik feststellen. Hier sind sowohl bei den privaten wie auch den öffentlichen Anbietern knapp 20% der Sendungen auf die Mikroebene fokussiert. Damit ist die Personalisierung und Privatisierung der Politik beim Radio im Gattungsvergleich schwächer ausgeprägt. Bei den Radiotypen am häufigsten verbreitet ist die Rollenfokussierung bei Personen (z.B. auf US-Präsident Obama), die mit 10% insofern eine verbreitete Strategie der Medien darstellt, (politische) Vorgänge mit dem Nachrichtenwert der Prominenz aufzuwerten bzw. für ein breites Laienpublikum attraktiver zu gestalten. Sogar die Privatisierung findet – wenn auch nur in rund 4% aller Beiträge über Politik – Eingang in die Berichterstattung beider Radiotypen. Wenn Personalisierung und Privatisierung in der Politikberichterstattung überhaupt vorkommen, sind sie kein Merkmal der ansonsten Human Interest-orientierten Privatradios. Diese in beiden Radiotypen gleichermassen hohe Personalisierung und Privatisierung der Politikberichterstattung hat verschiedene Gründe und hängt vom unterschiedlich hohen Grad der journalistischen Intervention ab. Während die Magazine der öffentlichen Sender in einigen Fällen mit Eigenleistungen anhand von (Privat-)Personen politisch relevante Sachverhalte darzustellen versuchen (z.B. Schicksal der Schweizer Geiseln in Libyen), verhindert die hohe Orientierung der Privatsender in den Nachrichtensendungen an nüchternen Agenturmeldungen und die damit verbundene «vermeldende» Darstellung, dass die Personalisierungs- und Privatisierungsrate – entgegen der ansonsten dominierenden Klatsch- und Smalltalkkultur jenseits von Nachrichtensendungen – höher ausfällt.

Fazit

Die öffentlichen Sender fokussieren mit einer vergleichsweise intensiven Politik- und Wirtschaftsberichterstattung öfter auf die relevanten Ebenen der Gesellschaft und der Organisationen/Institutionen. Die privaten Sender schalten durch ihre Orientierung an Human Interest-Themen hingegen häufiger Aufmacherbeiträge mit partikulären und personalisierten Elementen. In der Politikberichterstattung allerdings, die sich im Gattungsvergleich durch eine insgesamt nur schwache Personalisierung auszeichnet, sind die Unterschiede in Bezug auf die Personalisierung zwischen den beiden Typen weniger ausgeprägt. Dies hängt damit zusammen, dass die Privatradios in den Nachrichtensendungen primär Agenturbeiträge vermelden, die kaum personalisiert oder privatisiert sind.

Aufmacherbeiträge: Relevante Themen

Der Blick auf die wichtigsten Kommunikationsereignisse erlaubt es, die Relevanz der Berichterstattung beider Radiotypen weiter aufzuschlüsseln. Untersucht wurde zu diesem Zweck die Agendenproduktion im vierten Quartal 2009. Es interessiert, zu welchem Grad die verschiedenen Radiotypen und -stationen an der Produktion der 20 grössten Kommunikationsereignisse in der untersuchten Radioarena beitragen. Für eine relevante Berichterstattung ist hier von zentraler Bedeutung, inwieweit sich die verschiedenen Radiotypen und Sender an den gesellschaftlich relevanten Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur beteiligen und inwiefern bei der Thematisierung dieser Gesellschaftssphären die Makro- und Mesoebene anstatt des Persönlichen und Partikulären (Mikroebene) im Zentrum stehen.

Die Agenda der 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse (vgl. Darstellung III.2.16) wird vor allem durch politische und einige Wirtschaftsthemen bestimmt. Eine kulturelle Themenbildung findet – trotz der insgesamt höheren Bedeutung der Kultur in einigen Sendungen wie Echo der Zeit – nicht statt (vgl. Kapitel III.2.1.2). Insgesamt schaffen es auch zwei sportliche Anlässe unter die wichtigsten 20 Themen der Radioarena, ebenso politisierte Themen mit bestimmten Human Interest-Aspekten (Verhaftung Roman Polanskis, Prozess zum Lawinenunglück Jungfrau). «Reine» Human Interest-Themen ohne jegliche Bezüge zur Politik schaffen es vor allem deshalb nicht auf die Agenda, weil die einzelnen (Privat-)Sender solche Themen jeweils nur kurzfristig und episodisch ins Zentrum rücken (z.B. Autounfälle) und sich diese Agenden entsprechend zerstückeln.

Politische Themen sind tendenziell stärker durch eine Fokussierung auf Kollektivakteure und gesellschaftliche Bezugsprobleme gekennzeichnet als Sport- und boulevardeske Themen, in denen Personen (z.B. Polanski) oder Gruppen (z.B. das schweizerische U17-Fussballteam) im Mittelpunkt stehen. Auf die Agenda gelangen jedoch auch diejenigen Politik- und Wirtschaftsereignisse, die sich durch eine starke Fokussierung auf einzelne Personen auszeichnen. Dies trifft besonders auf die Libyenaffäre und die Personaldiskussion um die Leitung der Post zu. Damit gehen Konfliktzuspitzungen und Skandalisierungen einher, die die Brisanz solcher Diskussionen erhöhen. Ausserdem gelangen jene Kommunikationsereignisse auf die Agenda, bei denen bereits der Anlass selbst personalisiert ist (z.B. Verleihung des Nobelpreises an US-Präsident Barack Obama). In der Summe sind, im Vergleich zu den Gattungen Presse und Online, Personendarstellungen im Radio allerdings seltener.

Auffallend ist, dass Wirtschaftsthemen im Radio ausgeprägter gewichtet sind als bei den anderen Gattungen. Vier Wirtschaftsthemen figurieren auf der Top-20-Agenda der Radioarena. Allerdings bestätigt sich auch hier der in der gesamten Medienarena generell geltende Trend, wonach die Wirtschaftsberichterstattung seit den 1990er Jahren zunehmend stärker die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit insbesondere der Finanzbranche nachzeichnet. Darüber hinausgehende Problembezüge von gesamtgesellschaftlicher Relevanz – z.B. zu Blasenbildungen in der Wirtschaft – werden hingegen vernachlässigt. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass eine Berichterstattung über die Finanz- und Weltwirtschaftskrise, also eine «Systemdebatte» (Makro), nicht in die Top 20 der wichtigsten Radiothemen eingeht. Debatten über die «too big to fail»-Problematik, das Bankgeheimnis und die damit verbundenen «Crossborder-Geschäfte» oder eine sich über skandalisierbare Einzelfälle erhebende Auseinandersetzung über Entlöhnungssysteme haben keine Resonanzchancen. Die Finanzkrise aktualisiert sich «nur» an unmittelbaren Ereignissen (UBS-Krisenbewältigung) sowie anhand des Drucks auf den Finanzplatz Tessin. Immerhin führt die Wahrnehmung der Finanz- und Wirtschaftskrise dazu, dass der Konjunkturverlauf insgesamt äusserst hohe Aufmerksamkeit erfährt und als gesellschaftsrelevant thematisiert wird. Im Gegensatz zur Finanzwirtschaft erhält zudem die Realwirtschaft nur durch personenzentrierte Skandale und Affären, etwa in Betrieben des Service Public, Resonanzchancen (vgl. Kapitel VI.2).

Mit der Minarettinitiative, der Gesundheitsreform in der Schweiz, der ALV-Diskussion, dem Nahostkonflikt und dem Erinnerungsereignis «Schatten des Kalten Krieges» gehen Kommunikationsereignisse in die Top-20-Themenagenda des Radios ein, die überwiegend mit einem Fokus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene (Makro) beleuchtet werden. In diesen gesellschaftspolitischen Themen produziert die Medienarena Relevanz. Die Diskussion über die Minarettinitiative beispielsweise wird vor allem nach der Abstimmung als Grundfrage über das Verhältnis von Demokratie und Rechtsstaat dargestellt. Die Gesundheitsreform wird vorwiegend unter dem Aspekt steigender Kosten und der Auswirkungen für die Bevölkerung thematisiert. Die Diskussion über die Höhe des Arbeitslosengeldes wird in erster Linie entlang der entsprechenden Debatten und Beschlüsse im Parlament verfolgt – insofern trägt das Radio zur Transparenz politischer Verfahren bei. Der Nahostkonflikt, ein fast ausschliesslich durch Echo der Zeit (SR DRS) gepflegtes Thema, wird anhand der Siedlungspolitik Israels und der Vermittlungsversuche der USA diskutiert. Schliesslich zeichnet sich das Erinnerungsereignis Schatten des Kalten Krieges/1989 durch einen reflexiven Charakter aus und tangiert Identitätsfragen.

Fazit

Die Radioarena produziert gesellschaftlich relevante Kommunikationsereignisse hauptsächlich im Bereich der Gesellschaftspolitik (Minarettinitiative, Gesundheitsreform, ALV-Debatte usw.). Hier übernimmt die Radioarena eine wichtige Öffentlichkeitsfunktion, selbst für die ansonsten vernachlässigte parlamentarische Arena. Im Radio zeigt sich somit ebenso eine Vernachlässigung relevanter Wirtschaftsthemen, wenn diese im Gattungsvergleich auch weniger ausgeprägt ist. Trotz ihrer Tragweite schafft es die globale Finanz- und Wirtschaftskrise nicht in die Top 20. Sofern gesellschaftspolitische Relevanz produziert wird, stammt diese vor allem von den öffentlichen Radiosendern. Kulturthemen gelangen trotz einer erhöhten Beachtung durch das Echo der Zeit nicht auf die Gesamtagenda. Wenn private Radiostationen relevante Themen (Politik, Kultur, Wirtschaft; Makro/Meso) beleuchten, so handelt es sich überwiegend um eine «importierte» Relevanz, die fast ausschliesslich auf Agenturbeiträgen beruht. Generell haben auch im Radio Sportereignisse, personalisier- und skandalisierbare Konflikte sowie Bedrohungsszenarien wie die Schweinegrippe gute Resonanzchancen. Auf diese Form der Themenbewirtschaftung ist vor allem das Privatradio spezialisiert.

Aufmacherbeiträge: Vergleich der Themenbildung bei den Radiotypen

Die unterschiedliche Themenbildung bei den Radiotypen zeigt sich deutlicher, wenn pro Typ die Abweichung vom Durchschnitt der gesamten Radioarena berechnet wird. Auf diese Weise lässt sich feststellen, inwiefern die einzelnen Radiotypen und auch -sendungen ähnliche oder unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften ausbilden und was sie zur Themendynamik in der Radioarena beitragen.

Die Aufmerksamkeitslandschaften öffentlicher und privater Radiotypen (vgl. Darstellung III.2.17) unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihrer unterschiedlich starken Fokussierung auf relevante Vorgänge im In- und Ausland. Während sich die Nachrichtensendungen der privaten Radiosender – gemessen an ihrem eigenen, insgesamt aber deutlich geringeren Sendevolumen – stärker an nationalen Themen beteiligen, richtet sich der Fokus der öffentlichen Radiosender stärker auf Politikthemen aus dem Ausland wie beispielsweise die weltweite Klimapolitik. Die hohe Beteiligung der privaten Radiosender an den national relevanten Themen (Minarettinitiative, Gesundheitsreform, Konjunktur Schweiz usw.) ist allerdings insofern zu relativieren, als diese Thematisierung sich in den meisten Fällen auf die Wiedergabe von Agentur- und Kurzmeldungen beschränkt und kaum mit weiterführenden Hintergrundinformationen angereichert wird (vgl. Kapitel III.2.3.2).

Aufmacherbeiträge: Spezielle Themen der Radiotypen

Deutlich unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften zeigen sich, wenn Kommunikationsereignisse betrachtet werden, die exklusiv entweder nur bei den privaten oder den öffentlichen Radiostationen in der Top-20-Agenda figurieren.

Sehr deutlich wird bei diesen grössten Kommunikationsereignissen die starke Orientierung am Sport, Human Interest sowie an Skandalen bei den privaten Sendern (vgl. Darstellung III.2.18). Dort gehören die Eishockeymeisterschaft und der Erfolg der schweizerischen U17-Fussball-Mannschaft, der Kälterekord kurz vor Weihnachten sowie die Affäre um ein ehemaliges Mitglied der Tessiner Elektrizitätswerke AET zu den Themen mit den höchsten Resonanzwerten. Würde man die Agenden der Privatradios für die einzelnen Nachrichtensendungen abbilden, so würde sich die Dominanz von regionalen Human Interest-Themen noch stärker zeigen. Bis zu einem Viertel der Top-20-Kommunikationsereignisse dieser Agenden lässt sich auf solche Themen zurückführen. Sie erscheinen aus zwei Gründen kaum auf der gemeinsamen Agenda aller Privatradios. Erstens werden solche regionalen Ereignisse jeweils exklusiv von nur einem Sender bewirtschaftet – ein Wasserrohrbruch am Zürichberg beispielsweise schafft es auf die Topagenda von Radio 24, eine Brandserie im Sottoceneri auf diejenige von Radio 3iii, aber über die Region hinaus finden diese Ereignisse keinerlei Resonanz und damit auch nicht Eingang auf die Gesamtagenda. Zweitens sind die Nachrichtensendungen der Privatsender jeweils stark von einer hohen Zahl episodischer, resonanzschwacher Kommunikationsereignisse zu Unfällen geprägt, die je für sich nur aus einem einzigen Beitrag bestehen (mit partieller Ausnahme des Journal von Lausanne FM). Eine solche Berichterstattung – z.B. nach einer Massenkarambolage auf der A1 auf Radio Argovia oder nach einem Unfall in Losone auf Radio 3iii – führt in den folgenden Tagen kaum zu Anschlussbeiträgen, und das einzelne Ereignis schafft es so nicht auf die Topagenda.

Von den wenigen Problemen, die die verschiedenen Privatsender gemeinsam thematisieren, nehmen ausländerpolitische Themen eine vergleichsweise hohe Bedeutung auf der Agenda der Privatsender ein. Diese «Problematisierung des Fremden», die sowohl für Gratis- als auch für Boulevard- und Onlinemedien charakteristisch ist, erklärt sich durch den hohen Nachrichtenwert, der dieser Form der Bewirtschaftung von diffusen Ängsten medial in der Bevölkerung zugeschrieben wird.

Im Gegensatz dazu dominieren längerfristig orientierte Themen die Agenda der öffentlichen Sender. Nichtbefriedete Konflikte (Nahostkonflikt, Krieg in Afghanistan, Terrorismus in Pakistan, Reformprozess im Iran) und reflexive Debatten zum Kalten Krieg (Jubiläum 20 Jahre Ende des Ost-West-Dualismus), zum Klimawandel oder zur globalen Entwicklungspolitik/-hilfe erhalten hohe Resonanz. Auch politische Verfahren wie die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Frankreich über ein neues Doppelbesteuerungsabkommen werden prominent beleuchtet. Von stärker episodischem Charakter ist hingegen die Verleihung des Friedensnobelpreises an US-Präsident Barack Obama.

Fazit

Wenn sich die Privatsender gesellschaftlich relevanten Themen zuwenden, so verleihen diese insbesondere Berichten aus Sport und Human Interest, Angelegenheiten mit hohem Konflikt- und Skandalpotenzial sowie ausländerpolitischen Fragen Gewicht. Die Sendungen der öffentlichen Radiosender hingegen leisten einen ungleich höheren Beitrag zur Beleuchtung aussenpolitischer und globaler Vorgänge.

Aufmacherbeiträge: Sprachregionale Themenschwerpunkte

Die Existenz von sprachregionalen Medienarenen stellt die schweizerische Gesellschaft vor besondere Herausforderungen, sollten diese Medienarenen je eigene Relevanzstrukturen ausbilden und kaum Vorgänge von schweizweitem Interesse thematisieren. Während eine Orientierung an gesamtschweizerischen statt lokalen, partikulären Vorgängen bei den regional oder lokal konzessionierten Privatsendern weniger zu erwarten ist, kommt dem gebührenfinanzierten öffentlichen Rundfunk hingegen die besondere Aufgabe zu, einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration der verschiedenen Landesteile zu leisten.

Die Agenden der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz zeigen eine grosse Konvergenz übereinstimmend thematisierter Kommunikationsereignisse (vgl. Darstellungen III.2.19, III.2.20 und III.2.21). Die grössten vier Kommunikationsereignisse mit Schweizbezug sowie drei mittelgrosse Themen der Schweizer Radioagenda im letzten Quartal 2009 finden in allen drei Sprachregionen Aufmerksamkeit: die Minarettinitiative, der Konjunkturverlauf in der Schweiz, die Schweinegrippe, die Libyenaffäre, die Gesundheitsreformen (KVG) und die Affären Polanski und Postchef Béglé. Zu diesen sprachregional übergreifenden Themen tragen sowohl öffentliche als auch private Sender in allen drei Sprachregionen bei. Ausserdem schaffen es die Themen Klimapolitik – anlässlich der Konferenz in Kopenhagen – sowie die Reformbemühungen im Iran auf die Agenden aller Sprachregionen; dies allerdings nur, weil die öffentlichen Anbieter eine jeweils ähnliche Themenbewirtschaftung in den drei Sprachregionen aufweisen, nicht jedoch die Privatsender. Letztere beteiligen sich, wie bereits oben gezeigt, kaum an relevanten Themen aus dem Ausland oder auf globaler Ebene.

Der unterschiedlich hohe Grad der Boulevardisierung wirkt sich jedoch auf die sprachregional spezifische Themenauswahl aus und produziert Abweichungen zwischen den Agenden der untersuchten Sprachregionen. Aufgrund der starken Stellung der Nachrichtenmagazine schafft es kein einziges reines Sportkommunikationsereignis auf die Topagenda der Deutschschweiz (vgl. Darstellung III.2.19). Dafür werden Prozesse wie die Finanzmarktregulierung, das Rüstungsprogramm sowie Kriege/Konflikte in Afghanistan und Nahost stärker begleitet.

Die im Vergleich zur Deutschschweiz etwas stärkere Human Interest-Orientierung des öffentlichen Senders Le 12h30 sowie des Privatsenders Lausanne FM sorgen hingegen dafür, dass in der französischsprachigen Schweiz (vgl. Darstellung III.2.20) auch Sportereignisse prominent auf der Agenda auftauchen (Skiweltcup, U17-Fussball-Weltmeisterschaft, Tennisturnier in Basel). Des Weiteren lassen sich in Ansätzen (sprach-)regionenspezifische Aufmerksamkeitsstrukturen beobachten (Geschäftsgang Edipresse, Tod Jacques Chessex’), die aber im Vergleich zur Presse weniger ausgeprägt sind. Sowohl das öffentliche als auch das private Radio fokussiert insgesamt also relativ wenig auf die eigene Region. Stattdessen dominiert eine sprachregionenübergreifende Themenstruktur, die neben Politik und Wirtschaft auch den Sport umfasst.

Die italienischsprachige Schweiz (vgl. Darstellung III.2.21) zeigt im sprachregionalen Vergleich die am stärksten abweichende Radioagenda. Dies ist auf die im Vergleich zum öffentlichen Radio der Deutschschweiz etwas stärkere Human Interest-Orientierung von Rete Uno sowie auf die starke Boulevardisierung des Privatsenders Radio 3iii zurückzuführen. Die italienischsprachigen Radiosender beteiligen sich zwar an den wichtigsten relevanten Themen der anderen Sprachregionen. Die Radioagenda der italienischsprachigen Schweiz ist aber darüber hinaus durch eine starke Fokussierung auf Sportereignisse und Human Interest-Themen geprägt (Beispiele: Brandserie im Sottoceneri sowie der Kälterekord vor Weihnachten) und zeigt eine überdurchschnittlich grosse Selbstfokussierung der Themenbewirtschaftung (bzw. die Nichtberücksichtung der italienischsprachigen Schweiz in den anderen Landesteilen), indem sowohl Rete Uno als auch Radio 3iii äusserst stark auf den Druck auf den Finanzplatz Tessin fokussieren und der Affäre um die Tessiner Elektrizitätswerke AET hohe Aufmerksamkeit schenken.

Fazit

Die Radiotypen in den drei Sprachregionen weisen zu einem hohen Grad übereinstimmende Themenagenden auf. Insbesondere die öffentlichen Radiosender leisten einen substanziellen Beitrag zur nationalen Integration. Auch die privaten Sender sind zwar an diesen nationalen Themen beteiligt, allerdings ist dies vor allem eine Folge der Fokussierung auf knappe, kaum Hintergrundwissen vermittelnde Agenturbeiträge. Zudem sind die Topagenden der einzelnen Privatsender jeweils bis zu einem Viertel von Human Interest-Themen aus der Region geprägt. Mit Blick auf die sprachregional übergreifende Radioagenda wird die Nation durch Souveränitätsprobleme (Libyenaffäre), Bedrohungen (Schweinegrippe, Klimaentwicklung und Konjunktur), Auseinandersetzungen in der direkten Demokratie (Minarettinitiative), aber auch durch langwierige politische Sachfragen (Gesundheitsreform) zusammengehalten. Personalisierungsintensive Themen (Polanski), Konflikte und Affären (Libyen), Bedrohungen, identitätspolitische Auseinandersetzungen (Minarettinitiative), weniger aber Sportereignisse haben gute Chancen, im Radio schweizweite Aufmerksamkeit zu erhalten. Nur die Radiosender der SRG, kaum aber die Privatradios, sorgen dafür, dass die drei Sprachregionen darüber hinaus in ähnlicher Weise über wichtige globale und Probleme anderer Länder informiert werden.

Lesehilfe III.2.11
Lesehilfe III.2.11

Newsangebot – Informationsformate des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum im Informationsbereich News für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Informationsformaten des Informationsbereichs News der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 77).

Lesebeispiel: Das Newsangebot des öffentlichen Radios in der italienischsprachigen Schweiz wird zu 76% im Nachrichtenformat, zu 11% im Magazinformat und zu 13% im Forumsformat aufbereitet.

Lesehilfe III.2.12
Lesehilfe III.2.12

Politikangebot – Informationsformate des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum im Politikangebot des öffentlichen Radios für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Informationsformaten des Informationsbereichs Politik der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 7).

Lesebeispiel: Das Politikangebot des öffentlichen Radios in der französischsprachigen Schweiz wird zu 67% im Magazinformat und zu 33% im Forumsformat aufbereitet.

Lesehilfe III.2.13
Lesehilfe III.2.13

Wirtschaftsangebot – Informationsformate des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum im Wirtschaftsangebot des öffentlichen Radios für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Informationsformaten des Informationsbereichs Wirtschaft der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 4).

Lesebeispiel: Das Wirtschaftsangebot des öffentlichen Radios in der deutschsprachigen Schweiz wird zu 100% im Magazinformat aufbereitet.

Lesehilfe III.2.14
Lesehilfe III.2.14

Kulturangebot – Informationsformate des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum im Kulturangebot des öffentlichen Radios für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Informationsformaten des Informationsbereichs Kultur der Wochenstichprobe vom 23. bis 29. November 2009 (Summe Stunden = 25).

Lesebeispiel: Das Kulturangebot des öffentlichen Radios in der deutschsprachigen Schweiz wird zu 98% im Nachrichtenformat und zu 2% im Forumsformat aufbereitet.

Lesehilfe III.2.15
Lesehilfe III.2.15

Aufmacherbeiträge – Beitragsfokus auf Sozialebenen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der thematisierten Sozialebenen für die Aufmacherbeiträge der Radiotypen. Sie basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009, mit Ausnahme der Kategorie «nicht anwendbar» (n = 2341).

Lesebeispiel: Von allen in den öffentlichen Radiosendern erfassten Beiträgen fokussieren 49% auf die (gesamt-)gesellschaftliche Ebene (Makro), 23% auf die Ebene von Organisationen (Meso), 7% auf die Ebene von (anonymisierten) Individuen (Mikro anonym), 15% auf Individuen in ihren Rollen (Mikro rollennah) und 6% auf Individuen in privaten und lebensweltlichen Kontexten (Mikro rollenfern).

Lesehilfe III.2.16
Lesehilfe III.2.16

Radioagenda Schweiz – fokussierte Sozialebenen der Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Radioarena Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die gestapelten Balken geben für jedes KE den Anteil der fokussierten Sozialebenen an der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE an. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen zu den Top-20-KE der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 643).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Minarettinitiative erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit (Rang 1) in der Schweizer Radioarena. Auf die Minarettinitiative entfallen 13.2% der Berichterstattung der Top-20-KE. Die Thematisierung dieses KE auf der Makroebene nimmt 9.2% der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE ein (bzw. 70% innerhalb des KE).

Lesehilfe III.2.17
Lesehilfe III.2.17

Radioagenda Schweiz – Aufmerksamkeitslandschaften der Radiotypen bei den Top-20-Kommunikationsereignissen

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Radioarena Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die Balken zeigen für jeden Radiotyp die Abweichung vom durchschnittlichen Anteil des KE an der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen zu den Top-20-KE der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 643).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Klimapolitik UNO erhält in der Schweizer Radioarena im Untersuchungszeitraum hohe Aufmerksamkeit (Rang 5). Auf das KE entfallen 8.4% der Berichterstattung der Top-20-KE (vgl. Darstellung III.2.16). Innerhalb der Agenda der privaten Radiosender beträgt die Resonanz dieses KE 3.3% und ist damit um 5.1%-Punkte tiefer als in der Agenda Radio Schweiz.

Lesehilfe III.2.18
Lesehilfe III.2.18

Agenden der Radiotypen – spezifische Themenschwerpunkte

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) pro Radiotyp gemessen am Anteil der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE innerhalb eines Radiotyps. Abgebildet werden davon diejenigen KE, die nur in einem der beiden Radiotypen zu den Top-20-KE gehören. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE in den jeweiligen Radiotypen (n = 687, davon 406 Beiträge bei den öffentlichen, 281 bei den privaten Radiosendern).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Wetter/Kälterekord zieht im Untersuchungszeitraum innerhalb der Top-20-KE der Agenda des privaten Radios im Untersuchungszeitraum 2.5% der Resonanz auf sich. Dieses KE – wie auch acht weitere – gehören nur beim Privatradio, nicht aber bei den öffentlichen Anbietern zu den Top-20-KE.

Lesehilfe III.2.19
Lesehilfe III.2.19

Radioagenda der Deutschschweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) des Radios in der Deutschschweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die dunkelgrauen Balken geben für jedes KE den Anteil der Berichterstattung an der Gesamtberichterstattung der Top 20 innerhalb des Radios der Deutschschweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda des Radios aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Radioarena Deutschschweiz n = 267; Radioarena Schweiz n = 605).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Nahostkonflikt erhält im Untersuchungszeitraum hohe Aufmerksamkeit (Rang 9). Auf das KE entfallen in der Radioarena Deutschschweiz 4.5% der Berichterstattung der Top-20-KE und damit eine um 2%-Punkte höhere Resonanz im Vergleich mit der Radioarena Schweiz (2.5%).

Lesehilfe III.2.20
Lesehilfe III.2.20

Radioagenda der französischsprachigen Schweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) des Radios in der französischsprachigen Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die orangefarbenen Balken geben für jedes KE den Anteil der Berichterstattung an der Gesamtberichterstattung der Top 20 innerhalb des Radios der französischsprachigen Schweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda des Radios aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Radioarena französischsprachige Schweiz n = 218; Radioarena Schweiz n = 572).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Schweinegrippe erhält im Untersuchungszeitraum hohe Aufmerksamkeit und ist auf Rang 2 platziert. Auf die Schweinegrippe entfallen in der Radioarena französischsprachige Schweiz 12.4% der Berichterstattung der Top-20-KE und damit eine um 2.4%-Punkte höhere Resonanz im Vergleich mit der Radioarena Schweiz (10%).

Lesehilfe III.2.21
Lesehilfe III.2.21

Radioagenda der italienischsprachigen Schweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) des Radios in der italienischsprachigen Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die roten Balken geben für jedes KE den Anteil der Berichterstattung an der Gesamtberichterstattung der Top 20 innerhalb des Radios der italienischsprachigen Schweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda des Radios aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Radioarena italienischsprachige Schweiz n = 220; Radioarena Schweiz n = 604).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Druck auf den Finanzplatz Tessin erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit. Auf das KE entfallen in der Radioarena italienischsprachige Schweiz 10.5% der Berichterstattung der Top-20-KE. Das ist eine um 5.7%-Punkte höhere Resonanz im Vergleich zur Radioarena Schweiz (4.8%).