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III.2 Qualitätsvalidierung
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III.2.3 Aktualität

Der Qualitätsindikator der Aktualität begründet sich durch den Anspruch, dass Informationsmedien trotz des Drucks, «neueste Nachrichten» zu vermitteln, auch Kontext- und Hintergrundinformation bereitstellen sollen. Aktualität bemisst sich in diesem Jahrbuch daher nicht bloss daran, über Ereignisse zuerst (Primeur) oder rasch zu berichten (vgl. Rager, 2000, S. 80). Vielmehr soll der schnelle Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft nicht zu einer punktualistischen, kontextlosen Berichterstattung degenerieren. Um diesen Qualitätsanspruch zu überprüfen, werden die Nachrichtensendungen und Magazine privater und öffentlicher Radiostationen detailliert untersucht. Denn nur wenn die Sendungen eine Einordnung des Geschehens betreiben, sind die Voraussetzungen für eine nicht nur auf Ereignisse ausgerichtete Berichterstattung, sondern auf eine aktuelle und kontextualisierende Darstellung gegeben.

Für die Beitragsanalyse wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen. Berichte mit einem episodischen Charakter stellen Einzelfälle oder Ereignisse ins Zentrum und vermitteln isoliertes Geschehen. Berichte mit einem thematischen Charakter kontextualisieren hingegen Ereignisse und Sachverhalte, d.h., sie betten Vorgänge in längerfristige Prozesse ein und machen Bezüge zu verbundenen oder übergeordneten Sachverhalten deutlich. Diese Qualitätsvalidierung wird auf zwei Ebenen vorgenommen.

1. Informationsangebotsanalytik: Untersucht werden zu diesem Zweck die Nachrichtensendungen, die auf Hintergrundinformation spezialisierten Magazine sowie Forumssendungen öffentlicher und privater Radioanbieter basierend auf einer Wochenstichprobe im Zeitraum vom 23. bis zum 29. November 2009.

2. Aufmacheranalytik: Die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung sowie die Besonderheiten des öffentlichen und privaten Radios werden mit Hilfe einer Beitragsanalyse untersucht. Die Unterscheidung der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung wird basierend auf allen Beiträgen im letzten Quartal 2009 (5. Oktober bis 31. Dezember 2009) durchgeführt.

Aktualität

Eine aktuelle und qualitativ gute Berichterstattung lässt sich nach dem aktualisierten Zeithorizont unterscheiden: Qualitativ gut ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursache- und Wirkungszusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen hingegen auf Messers Schneide der Gegenwart dar und thematisiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen. Forums-, Kontroll- sowie Kritik- und Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation können daher nur erfüllt werden, wenn der Temporalität politischen und wirtschaftlichen Handelns in der Berichterstattung Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsberichterstattung nicht gewährleisten.

III.2.3.1 Informationsangebotsanalyse

Esther Kamber

Im Rahmen des Vergleichs des Informationsangebots werden pro Radioveranstalter in einem ersten Schritt alle Sendungen erfasst, die klar abgrenzbare Einheiten bilden, einen festen Sendeplatz im Programm haben und als Nachrichten-, Magazin- oder Forumsformat identifiziert werden können. In einem zweiten Schritt werden diese Informationsformate inhaltlich analysiert und gemäss ihrer Ausrichtung auf gemischte News, Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder Human Interest klassifiziert.

Informationsangebot und Informationsformate

Das Informationsangebot im Radio wird aufgrund der zunehmenden Vermischung von Information und Unterhaltung (Infotainment) wie folgt eruiert und inhaltlich klassifiziert.

Als Informationsformate im engeren Sinn werden Sendungstitel berücksichtigt, die die klassischen Formate der Informationsvermittlung und Meinungsbildung darstellen. Anhand formaler Kriterien werden die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum unterschieden und ihr Aufkommen gemessen.

Ausserdem werden alle eruierten Informationsformate des Typs Nachrichten, Magazin und Forum inhaltlich evaluiert und als Sendungen gemäss ihrem Fokus auf die Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest bzw. auf News (gemischte Inhalte) klassifiziert.

Die gemischten News im Format der Nachrichten sind beim Radio die gängigste Weise der Informationsvermittlung. Im Zuge der Diversifizierung der Medieninhalte hat sich das Format Nachrichten ausserdem spezialisiert, indem auch Sendungen bezüglich Wirtschaft, Kultur oder Sport im Nachrichtenformat stattfinden. Das vertiefende Format des Magazins sowie das Forum als Format der Diskussion sind im Radio Chamäleons. Sie können sich beide innerhalb einer Sendung oder über diese hinweg verschiedenen Themen zuwenden – ihr Inhalt wird dann als gemischte News klassifiziert – oder sich ausschliesslich auf bestimmte Gesellschaftssphären fokussieren.

Damit werden in der Informationsangebotsanalytik alle Informationsformate, d.h. über die Informationsformate mit gesellschaftspolitischem Fokus − zumeist Nachrichten mit gemischten News – hinaus, auch diejenigen berücksichtigt, die sich auf Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest konzentrieren (vgl. Kapitel III.1). Erst dadurch wird das Spektrum des Informationsangebots im Rundfunk sicht- und werden die Informationsangebote zwischen den Gattungen vergleichbar.

Der Qualitätsindikator Aktualität bezieht sich in der Informationsangebotsanalytik auf die gemischten Nachrichtenformate und die für die öffentliche Kommunikation wesentlichen, inhaltlich spezialisierten Magazine. Dabei werden einerseits die gemischten Nachrichtenformate detailliert untersucht, indem Nachrichtentypen unterschieden werden und ihr Anteil im Wochenangebot verglichen wird. Von Interesse ist, inwieweit das Newsangebot derart programmiert wird, dass die Voraussetzung für eine längerfristige und kontextuierende Berichterstattung geschaffen wird. Andererseits zeigt der detaillierte Vergleich der inhaltlichen Ausrichtung von Magazinen auf die für die öffentliche Kommunikation wesentlichen Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur, in welchen Bereichen eine kontextuierende Berichterstattung ermöglicht wird. Zu diesem Zweck wird die Aktualitätsorientierung der privaten und öffentlichen Radiosender verglichen und bei den ersten sprachregionalen Programmen des öffentlichen Radios weiter vertieft.

Nachrichtentypen des Newsbereichs: die privaten und öffentlichen Radios im Vergleich

Bei der Umfangsvalidierung der gemischten Nachrichtenformate hinsichtlich der Möglichkeit vertiefender kontextuierender Berichterstattung werden verschiedene Typen von Nachrichtenformaten unterschieden: Hauptnews (längste Hauptausgaben), durchschnittlich lange News (010 min), Kurznews (<10 min) und Regionalnews. Im Vergleich des gemischten Nachrichtenangebots schaffen höhere Anteile von Hauptnews, News und Regionalnews die Voraussetzung für eine vertiefende thematische Berichterstattung mit einem höheren Anteil an Hintergrundinformationen, während hohe Anteile an Kurznews eine primär episodische Berichterstattung nach sich ziehen.

Die Privatradios programmieren ihre News überwiegend in Form von Kurznews (vgl. Darstellung III.2.22). Mit meist stündlicher Wiederholung und aktuellen Ergänzungen sendet Radio Argovia zusätzlich kurze repetitive Regionalnachrichten. Diese Kurz- und Regionalnews haben pro Ausgabe kaum eine Länge, die über drei Minuten hinausgeht. Ausnahmen bilden Radio 24 und Radio 3iii, bei denen einzelne Ausgaben immerhin die Länge von sechs bis neun Minuten erreichen. Da diese Kurznews das ganze Themenspektrum abdecken und mehrere Einzelbeiträge umfassen, ist eine vertiefende thematische Berichterstattung mit einer Vermittlung von Hintergrundinformation kaum möglich. Die Informationsvermittlung konzentriert sich stattdessen auf eine vermeldende, ereignisorientierte Berichterstattung. Die Programmierung der Newssendungen ist bei den öffentlichen Radioprogrammen strukturierter, und Hauptnews, News und Regionalnews werden in etwa zu gleichen Anteilen ausdifferenziert (je rund 20%). Allerdings spielen auch die Kurznews im Newsangebot der ersten Programme eine beachtliche Rolle (rund 40%). Die aktuelle repetitive Vermeldung von Neuigkeiten ist damit ein Charakteristikum des Newsangebots im Nachrichtenformat aller Radioprogramme.

Trotz der generell stärkeren Ausdifferenzierung von umfangreicheren Typen des Nachrichtenformats im öffentlichen gegenüber dem privaten Radio zeigen sich im Vergleich der drei ersten Programme der SRG beachtliche Unterschiede (vgl. Darstellung III.2.23). Die Nachrichtenformate sind beim ersten Programm der Deutschschweiz (DRS1) am stärksten auf kurze repetitive Kurznews ausgerichtet, während die ersten Programme der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz (La 1ère und Rete Uno) einen beachtlichen Umfang an Hauptnews ausdifferenzieren (rund 30%).

Bei DRS1 werden die Hauptnews allerdings quasi ersetzt durch so genannte Nachrichtenmagazine, die neben einem Nachrichtenüberblick aus mehreren vertiefenden Beiträgen mit hohem Anteil an Hintergrundinformation bestehen (vgl. unten). Das trifft auf die Sendungen Rendez-vous und Echo der Zeit zu. Diese Nachrichtenmagazine wurden dem Format Magazin zugerechnet und werden daher in der Darstellung III.2.23 nicht ausgewiesen. Trotzdem setzt insbesondere La 1ère auf den Typ der durchschnittlich langen News und schafft somit Möglichkeiten einer thematischen Berichterstattung in den repetitiven News. Weil die Regionalnews kaum wiederholt werden und in ihren längsten Versionen einen beachtlichen Umfang (rund 30 Min.) aufweisen, schaffen DRS1 und Rete Uno gute Voraussetzungen für eine thematische, nicht nur auf Einzelereignisse fokussierte Berichterstattung.

Bei der Programmierung von Newssendungen im Nachrichtenformat besteht ein deutliches Qualitätsgefälle zwischen den öffentlichen und privaten Radios hinsichtlich umfangreicheren Newsgefässen, die erst eine thematisch orientierte, kontextuierende und auf Hintergrundinformation abstellende Berichterstattung ermöglichen. Im Vergleich der ersten Programme des öffentlichen Radios ähneln vor allem DRS1, aber auch Rete Uno wegen ihrer bedeutend kleineren Anteile an durchschnittlichen News und der höheren Anteile an Kurznews hinsichtlich einer repetitiven Programmierung von Kurznews stärker den Privatradios.

Magazine mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten: die privaten und öffentlichen Radios im Vergleich

Eine thematisch orientierte und kontextuierende Berichterstattung ist insbesondere in umfangreicheren Magazinformaten gut umsetzbar. Der Vergleich der inhaltlichen Ausrichtung der Magazinformate verdeutlicht nochmals die auf Kürze ausgerichtete Programmierungsstrategie der Privatradios (vgl. Darstellung III.2.24). Obwohl Radio Argovia, Radio 24 und Radio 3iii vertiefende Infomagazine programmieren, bleibt der Umfang dieser vertiefenden Beiträge gering und ist zudem thematisch wenig spezifisch, d.h., er ist auf das ganze Spektrum der General-Interest-Themen bezogen. Die Möglichkeiten vertiefter, thematisch orientierter und kontextuierender Berichterstattung in den für die öffentliche Kommunikation wesentlichen Informationsbereichen der Politik, Wirtschaft und Kultur bleiben damit eingeschränkt, insbesondere dann, wenn in diesen Magazinformaten Soft- und Hardnews gleichgewichtig Berücksichtigung finden.

Die im Radio generell tiefe Ausdifferenzierung von inhaltlich spezialisierten Magazinen (vgl. Kapitel III.2.1.1) führt bei den ersten Programmen des öffentlichen Radios auch zu schlechten Voraussetzungen für eine spezialisierte Informationsvermittlung. Die Magazinformate sind vorab dem gemischten Newsbereich gewidmet, allerdings auch mit Spezialisierungen auf die besonders relevanten Sphären Politik, Wirtschaft und Kultur (vgl. Darstellung III.2.25). Aufgrund der beachtlichen Sendungsumfänge (30 bis 60 Min.) ist die Voraussetzung für eine Kontextualisierung und die Vermittlung von Hintergründen gegeben. Allerdings hängt die Qualität im Newsbereich vom Verhältnis der Soft- zu den Hardnews ab. Denn qualitativ hochwertig wird eine thematisch orientierte und kontextuierende Berichterstattung erst mit einer Ausrichtung auf Politik, Wirtschaft und Kultur. Die besondere Informationsleistung von DRS1 besteht im Angebot von Wirtschaftsmagazinen und jene von La 1ère und Rete Uno im Angebot von Kulturmagazinen.

Fazit

Zwischen den privaten und öffentlichen Radiosendern besteht bei den Nachrichten und Magazinen ein deutliches Qualitätsgefälle hinsichtlich einer Formatgestaltung, die die Voraussetzungen für eine thematisch orientierte und kontextuierende Berichterstattung schafft. Privatradios tendieren zu einer auf Kürze und Neuigkeiten ausgerichteten Programmierungsstrategie. Bei den privaten Sendern besteht kaum Raum für eine vertiefende und Hintergrundinformation vermittelnde Berichterstattung. Zudem konkurrenzieren sich Hard- und Softnews um die ohnehin schon stark limitierte Sendezeit.

Die öffentlichen Radiostationen schaffen primär in den Magazinformaten die Voraussetzung für eine thematische Berichterstattung, die Raum für eine Kontextualisierung und Vermittlung von Hintergründen lässt. Dagegen überwiegt auch bei den öffentlichen Sendern – mit Ausnahme von La 1ère – das Episodische in den kurzen Nachrichtenformaten. Dadurch werden die Bedingungen für eine qualitativ hochstehende Aktualitätsorientierung verschlechtert.

Vielfalt und Relevanz in den Kernbereichen öffentlicher Kommunikation (Politik, Wirtschaft und Kultur) sowie eine thematisch orientierte Berichterstattung muss das Radio auch in den Newssendungen gewährleisten, wenn eine im allgemeinen Trend liegende Boulevardisierung und Eventisierung der Informationsvermittlung verhindert werden soll.

III.2.3.2 Aufmacheranalytik

Patrik Ettinger

Weil die Informationsvermittlung aufgrund der geringen Zahl vertiefender Formate im Radio überwiegend in zeitlich stark limitierten Nachrichtensendungen stattfindet, wird im Folgenden untersucht, ob innerhalb der Hauptnachrichtensendungen Kontextbezüge vorgenommen werden oder sich die Thematisierung in einer episodischen Berichterstattung erschöpft. Zu diesem Zweck werden die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung sowie die Besonderheiten des öffentlichen und privaten Radios anhand der Aufmacherbeiträge untersucht. Dazu werden jene Beiträge erfasst, denen die Redaktionen besondere Bedeutung zuschreiben und die sie entsprechend hervorheben. Die Unterscheidung der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung wird basierend auf allen Aufmacherbeiträgen im letzten Quartal 2009 (5. Oktober bis 31. Dezember 2009) durchgeführt. Zudem werden die 20 wichtigsten Themen im Radio hinsichtlich der Anteile episodischer vs. thematischer Berichterstattung analysiert.

Aufmacheranalytik: Beitragsfokus hinsichtlich Temporalität

Die in der Informationsangebotsanalyse beschriebenen Unterschiede zwischen den Nachrichtenformaten des öffentlichen und des privaten Radios – zeitlich umfangreiche Nachrichtensendungen und Magazine mit vertiefenden Beiträgen vs. Kurznachrichten mit entsprechenden Kurzmeldungen im Agenturstil – sowie die dahinter stehende unterschiedliche Ressourcenausstattung der Redaktionen (ausdifferenzierte Ressortstrukturen beim öffentlichen Radio) wirken sich deutlich auf die in der Aufmacheranalytik gemessenen Anteile kontextuierender Berichterstattung aus.

Die Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios vermitteln in einem Drittel ihrer Beiträge Hintergrundinformationen, die es dem Hörer erlauben, aktuelle Vorgänge zu kontextuieren und Ursachen sowie Auswirkungen zu verstehen (vgl. Darstellung III.2.26). Dieser Wert entspricht jenem der Abonnements- oder der Sonntagszeitungen und Magazine. Als Vorbild einer qualitativ hoch stehenden Berichterstattung fungiert das Echo der Zeit. In diesem Nachrichtenmagazin ist rund die Hälfte der Beiträge durch eine thematische und somit kontextuierende Berichterstattung gekennzeichnet.

Die Nachrichtensendungen der Privatradios, die zumeist nur Kurznachrichten bringen, vermitteln zwar auch – mit Ausnahme internationaler Beiträge – relevante Themen (vgl. unten), sind dabei aber viel stärker auf das aktuelle Ereignis fokussiert und betten dies nur in 17% aller Beiträge in einen Kontext ein. Damit wird es den Hörern dieser Nachrichtensendungen erschwert, Ursachen und Wirkungen der berichteten Ereignisse zu erkennen.

Aufmacherbeiträge: Temporalität der relevanten Themen

Sowohl Radio als auch Fernsehen sind Verdichtermedien. Anders als bei der Presse und den Onlinemedien konzentriert sich die Nachrichtenberichterstattung des Radios auf eine eingeschränkte Zahl von Beiträgen. Damit sehen sich die Redaktionen zu einer verstärkten Selektion gezwungen. Dieser Selektionsprozess bildet sich auf der Agenda der Aufmacherbeiträge ab.

Die Agenda des Radios ist stark durch politische Themen geprägt. Unter den 20 wichtigsten Kommunikationsereignissen in der Radioarena (vgl. Darstellung III.2.27) finden sich nur zwei teilweise durch Human Interest geprägte Themen (Verhaftung Roman Polanskis, Prozess zum Lawinenunglück Jungfrau) und beide weisen zudem ausgeprägte politische Aspekte auf. Auch Sportthemen finden sich, im Vergleich mit den Arenen anderer Mediengattungen, deutlich seltener auf der Agenda.

Allerdings unterscheiden sich das öffentliche und das private Radio erheblich hinsichtlich der Schwerpunktsetzung und der Aktualitätsorientierung der Berichterstattung. So verdankt sich die Bedeutung der Auslandsberichterstattung (Rang 8: Neuordnung in Afghanistan; Rang 11: Reformprozess im Iran) ausschliesslich den Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios, während umgekehrt die prominente Platzierung des Kommunikationsereignisses «Verhaftung Roman Polanskis» (Rang 10) auf die privaten Radios zurückzuführen ist (vgl. Kapitel III.2.2.2).

Auch hinsichtlich der politischen Themen der Schweiz, über die beide Radiotypen prominent berichten, unterscheiden sie sich im Grad der Aktualitätsorientierung (episodisch vs. thematisch). So ist beispielsweise die Berichterstattung über die Minarettinitiative im öffentlichen Radio zu 36% thematisch und vermittelt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, während nur 13% der Berichte zum gleichen Thema im privaten Radio eine kontextuierende Leistung erbringen. Durch diese Orientierung an Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen der öffentlichen Radios sind daher vor allem diejenigen Themen der Radioagenda durch eine vergleichsweise thematische, kontextuierende Berichterstattung geprägt, an denen sich die öffentlichen Sender überdurchschnittlich stark beteiligen. Ausnahmen stellen die Thematisierung des Konjunkturverlaufs und der Gesundheitsreform dar, bei denen auch die privaten Sender einen Beitrag zur Kontextuierung, z.B. durch das Präsentieren von Studien, leisten.

Fazit

Die Unterschiede zwischen den Nachrichtenformaten des öffentlichen und des privaten Radios – zeitlich umfangreiche Nachrichtensendungen und Magazine mit vertiefenden Beiträgen vs. Kurznachrichten mit entsprechenden Kurzmeldungen im Agenturstil – sowie die dahinter stehende unterschiedliche Ressourcenausstattung der Redaktionen (ausdifferenzierte Ressortstrukturen beim öffentlichen Radio) wirken sich deutlich auf die Aktualitätsorientierung der beiden Typen aus. Der Anteil einer thematischen Berichterstattung mit einer Orientierung an Zusammenhängen sowie die Vermittlung von Kontexten ist im öffentlichen Radio deutlich stärker ausgeprägt als bei den privaten Sendern. Themen, die vor allem durch die öffentlichen Radios auf die Agenda gesetzt werden, werden in der Regel auch stärker kontextuiert.

Lesehilfe III.2.22
Lesehilfe III.2.22

Newsangebot – Nachrichtentypen im privaten und öffentlichen Radio

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Nachrichtentypen Hauptnews, News, Regionalnews und Kurznews erhalten für jeden Radiotyp. Sie basiert auf allen Nachrichtentypen zum Informationsbereich News der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 69).

Lesebeispiel: Nachrichten im Newsangebot des öffentlichen Radios bestehen zu 20% aus Hauptnews, zu 20% aus (durchschnittlichen) News, zu 20% aus Regionalnews und zu 40% aus Kurznews.

Lesehilfe III.2.23
Lesehilfe III.2.23

Newsangebot – Nachrichtentypen des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Nachrichtentypen Hauptnews, News, Regionalnews und Kurznews im öffentlichen Radio für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Nachrichtentypen zum Informationsbereich News der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 43).

Lesebeispiel: Das Newsangebot des öffentlichen Radios in der französischsprachigen Schweiz besteht zu 34% aus Hauptnews, zu 49% aus (durchschnittlichen) News und zu 17% aus Kurznews.

Lesehilfe III.2.24
Lesehilfe III.2.24

Magazinsendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte im privaten und öffentlichen Radio

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Magazinsendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jeden Radiotyp bereitstellen. Sie basiert auf allen Magazinsendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 59).

Lesebeispiel: Die Magazinsendungen des privaten Radios widmen sich zu 100% den News.

Lesehilfe III.2.25
Lesehilfe III.2.25

Magazinsendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte des öffentlichen Radios nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Magazinsendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jede Sprachregion bereitstellen. Sie basiert auf allen Magazinsendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 51).

Lesebeispiel: Die Magazinsendungen des öffentlichen Radios in der deutschsprachigen Schweiz widmen sich zu 60% den News, zu 26% der Politik und zu 14% der Wirtschaft.

Lesehilfe III.2.26
Lesehilfe III.2.26

Aufmacherbeiträge – Temporalität der Beiträge

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile von thematischen und episodischen Beiträgen sowie deren jeweilige Abweichung vom Durchschnittswert thematischer Berichterstattung in der Gattung Radio für die Aufmacherbeiträge jeden Radiotyps. Sie basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 2415).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Radiotypen weist das Privatradio den geringsten Anteil thematischer Berichterstattung auf (17%). Es liegt damit 9% unter dem Durchschnittswert in der Gattung Radio.

Lesehilfe III.2.27
Lesehilfe III.2.27

Radioagenda Schweiz – Temporalität der Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Radioarena Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die gestapelten Balken geben für jedes KE den Anteil thematischer und episodischer Berichterstattung an der Gesamtberichterstattung an. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (n = 643).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Minarettinitiative erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit (Rang 1) in der Schweizer Radioarena. Auf die Minarettinitiative entfallen 13.2% der Berichterstattung der Top-20-KE. Beiträge mit einem thematischen Fokus nehmen 3.4% der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE ein (bzw. 26% innerhalb des KE).