III.2.4 Professionalität
Patrik Ettinger
Die Qualitätsansprüche, die mit Professionalität verknüpft werden, gründen im klassischen Gebot der Objektivität des öffentlichen Räsonierens. In den Binnennormen des Journalismus (vgl. www.impressum.ch) wird die Professionalität der Berichterstattung entsprechend mit Ansprüchen auf Sachgerechtigkeit, Sachlichkeit, Neutralität, Faktentreue, Transparenz, Ausgewogenheit und thematischer Kompetenz verbunden. Für dieses Kapitel wird die Professionalität der Berichterstattung – neben den Vertiefungsanalysen zum Minarettverbot und zur Wirtschaftsberichterstattung (vgl. Kapitel VI) – in allen Radiotypen und -titeln durch die unterschiedliche Bedeutung eines sachlich-argumentierenden (kognitiv-normativen) gegenüber einem emotionalisierenden (moralisch-emotionalen) Stil der Berichte erfasst. Diese Qualitätsvalidierung wird anhand der Aufmacherbeiträge vorgenommen:
Aufmacheranalytik: Die Validierung der Professionalität der Berichterstattung wird für alle Beiträge, die von den Redaktionen durch Aufmacher besonders hervorgehoben werden, d.h. beispielsweise anmoderiert wurden, im letzten Quartal 2009 (5. Oktober bis 31. Dezember 2009) durchgeführt. Dabei wird geprüft, welcher Bericherstattungsstil (kognitiv-normativ vs. moralisch-emotional) vorherrscht. Ausserdem interessiert der Unterschied der Berichterstattungsstile in den Radiotypen und -sendungen über die wichtigsten Kommunikationsereignisse im genannten Zeitraum.
Professionalität
Professionalität wird hier mit Hilfe des kognitiv-normativen vs. moralisch-emotionalen Berichterstattungsstils untersucht. Dieser Indikator bezieht sich auf die Professionalitätsnorm Sachlichkeit. Professionelle Qualität – wie sie hier gemessen wird – bedeutet eine sachliche, argumentativ abwägende Vermittlung in einem überwiegend kognitiv-normativen Stil.
Aufmacheranalytik: Berichterstattungsstil
Die Analyse der Aufmacher in den Nachrichtensendungen der öffentlichen sowie privaten Radios erfasst die Anteile der durch einen kognitiv-normativen Stil gekennzeichneten Berichterstattung und grenzt sie gegenüber Beiträgen mit einem moralisch-emotionalen Stil ab.
Ein dominant kognitiv-normativer Berichterstattungsstil ist das zentrale Merkmal der Nachrichtensendungen im Radio (vgl. Darstellung III.2.28), das diese von allen anderen Mediengattungen unterscheidet. Er bestimmt nicht nur die Berichterstattung über Politik (91%) und Wirtschaft (92%), sondern selbst jene zu Human Interest-Themen (83%). Dies gilt gleichermassen für die Nachrichtensendungen des öffentlichen wie des privaten Radios. Der generelle Trend der (lokalen) Privatradios zu einer emotionalisierenden Berichterstattung wirkt sich somit nicht auf ihre Nachrichtensendungen aus.
Allerdings unterscheiden sich die beiden Radiotypen hinsichtlich der Ursachen für diese Dominanz des kognitiv-normativen Berichterstattungsstils. In den Kurznachrichten der Privatradios verdankt er sich einer stark am Agenturstil orientierten, jedoch deutlich überwiegend episodischen Berichterstattung (vgl. Kapitel III.2.3.2). In den Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios geht dieser kognitiv-normative Berichterstattungsstil mit einer stärker kontextualisierenden und Hintergründe vermittelnden Berichterstattung einher. Die in klassische Ressorts (Ausland, Inland, Wirtschaft, Sport) ausdifferenzierten Redaktionen und ein Netz von (Auslands-)Korrespondenten einerseits sowie die im Vergleich zu den Nachrichtensendungen der Privatradios deutlich längeren Sendezeiten andererseits erlauben eine ausgeprägte Hintergrundberichterstattung. Der kognitiv-normative Berichterstattungsstil ist hier Ergebnis einer fundierten Recherche und Vermittlung von Fakten sowie ihrer Ursachen- und Wirkungs-Zusammenhänge vermittelnden Bewertung.
Aufmacherbeiträge: Berichterstattungsstil der relevanten Themen
Die Dominanz des kognitiv-normativen Berichterstattungsstils zeigt sich auch bei den 20 grössten Kommunikationsereignissen (vgl. Darstellung III.2.29).
Dies erklärt sich durch die weitgehende Abwesenheit von stärker moralisch-emotional aufgeladenen Human Interest-Themen und Sportereignissen unter den 20 wichtigsten Themen der Radioarena. Zwar betreffen knapp die Hälfte aller Kommunikationsereignisse in den privaten Radios Themen des Human Interest und des Sports (vgl. Kapitel III.2.1.2), doch handelt es sich hierbei um exklusive Kommunikationsereignisse, die oft nur von einem spezifischen Radiosender bewirtschaftet werden. Vergleichbares gilt auch für die Regionalberichterstattung in den privaten Radios, die auf partikuläre Vorgänge fokussiert. Diese lokalen/regionalen Kommunikationsereignisse werden durch die senderübergreifende Agenda der 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse in der Radioarena nicht entsprechend abgebildet.
Andererseits erklärt sich die Dominanz des kognitiv-normativen Berichterstattungsstils in jenen Kommunikationsereignissen, die sowohl die privaten als auch die öffentlichen Radios thematisieren, durch einen stark an Agenturmeldungen orientierten Kurzmeldungsstil der Nachrichtensendungen des Privatradios.
Partielle Ausnahmen bei den relevanten Themen bilden erstens die Berichterstattung zur Libyenaffäre, in der die Skandalisierung von Bundesrat Merz und des libyschen Staatsoberhaupts Gaddafi sowie die Diskussion über den Zustand der schweizerischen Geiseln in einem stark moralisch-emotionalisierenden Stil erfolgt. Zweitens ist die Thematisierung des Nahostkonflikts, die durch die Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios geleistet wird, durch eine ebenfalls vergleichsweise stark moralisch-emotionale Berichterstattung (30%) geprägt, was sich durch den Umstand erklärt, dass auf Gefühlslagen beteiligter Akteure bereits beim Aufmachen des Beitrags prominent hingewiesen wird (z.B. «Enttäuschung bei den Palästinensern»). Der drittens ebenfalls vergleichsweise hohe Anteil an moralisch-emotionaler Berichterstattung beim Kommunikationsereignis zur Reflexion über das Ende des Kalten Krieges kommt dadurch zustande, dass Exponenten der Bürgerrechtsbewegung der DDR mit persönlichen Statements zu Wort kommen.
Während beide Radiotypen also ihre Thematisierung relevanter Vorgänge vorwiegend in einem kognitiv-normativen Berichterstattungsstil betreiben, fokussieren nur die öffentlichen Sender zugleich auch auf langfristige Entwicklungsprozesse und sorgen so für eine Kontextualisierung der Ereignisse, besonders im Ausland. Insofern kann das öffentliche Radio als Leitmedium der politischen Kommunikation bezeichnet werden, das zentrale politische Themen auf rationale Weise vermittelt.
Fazit
Trotz des höheren Aktualitätsdrucks und des Zwangs zur Verdichtung, die der Mediengattung Radio inhärent sind, leisten die Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung zentraler innenpolitischer wie internationaler Themen, zur rationalen Begründung gesellschaftlicher Probleme (Forumsfunktion der Öffentlichkeit) und zur informierten Wahrnehmung der Exekutive, Legislative und Judikative (Legitimations- und Kontrollfunktion). Damit leisten sie letztlich auch einen Beitrag zur Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation.
Weiterführende Literatur
Imhof, Kurt, 1999: Das «Private» in der «Öffentlichkeit». Zur Karriere des Gefühls und des Intimen in den Massenmedien, in: Talk about Radio. Zur Sozialgeschichte des Radios, hg. von Mäusli, Theo, Zürich, S. 127–142.
Iyengar, Shanto, 1991: Is Anyone Responsible? How Television Frames Political Issues, Chicago.
Rager, Günther, 2000: Ethik – eine Dimension von Qualität?, in: Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft, hg. von Schicha, Christian/Brosda, Carsten, Münster, S. 76–89.