III.2 Qualitätsvalidierung
Die Analyse der publizistischen Versorgung hat bereits gezeigt, dass die öffentlichen Sender im Bereich der Informationsvermittlung eine überragende Stellung einnehmen. Privatradios haben hier, ganz überwiegend auf der lokalen Ebene, nur eine komplementäre Funktion.
Für die Qualitätsvalidierung werden nun aus der Topografie der schweizerischen Radiolandschaft die verbreiteten Hauptinformationssendungen ausgewählt, um einerseits das Informationsangebot des Radioveranstalters, in das sie eingebettet sind, und andererseits Aufmacherbeiträge der Hauptinformationssendung detailliert zu untersuchen. Die Validierung der Qualität des Informationsangebots des jeweiligen Radioveranstalters, der die Hauptinformationssendung produziert, und der Berichterstattung der Hauptinformationssendung selbst erfolgt auch hier anhand der vier Dimensionen Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität.
Die empirische Basis bildet die Analyse des Informationsangebots der wichtigsten öffentlichen und privaten Radioveranstalter während einer natürlichen Woche einerseits und der Aufmacherbeiträge der Hauptinformationssendungen im letzten Quartal 2009 andererseits. Der Qualitätsindikator Vielfalt (Kapitel III.2.1) begründet sich durch den Anspruch der Öffentlichkeit auf Universalität. Er wird anhand der Vielfalt der Informationsformate, der fokussierten Themenbereiche und der geografischen Bezugsräume gemessen. Relevanz (Kapitel III.2.2) wird über die Abdeckung der zentralen Informationsbereiche bzw. der Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur operationalisiert und anhand der Bezüge, die in der Berichterstattung auf gesellschaftliche Prozesse und auf Organisationen (Makro/Meso) anstatt auf individuelle Befindlichkeiten (Mikro) gemacht werden. Der Qualitätsindikator Aktualität (Kapitel III.2.3) wird einerseits anhand des Angebots in aktuellen, gemischten Nachrichtenformaten untersucht. Andererseits wird dieser Indikator so operationalisiert, dass jener Anteil der thematisch orientierten Berichterstattung erfasst wird, welcher aktuelle Ereignisse in längerfristige Ursache- und Wirkungszusammenhänge einbettet und so Kontextwissen vermittelt. Professionelle Qualität (Kapitel III.2.4) wird anhand der Differenz eines kognitiv-normativen zu einem moralisch-emotionalen Berichterstattungsstil gemessen.
Sprachregionale Arenen und Auswahl der Radioveranstalter für die Informationsangebotsanalyse bzw. der Radiotitel für die Inhaltsanalyse
Der Radiomarkt in der Schweiz ist aufgrund der medienpolitischen Regulierung von einem nach wie vor starken öffentlichen Rundfunk geprägt, der, besonders im Hinblick auf die vertiefenden Informationsformate Magazin und Forum, ein diversifiziertes Informationsangebot aufweist (vgl. Kapitel III.1). Die privaten Sender liefern ganz überwiegend Kurznachrichten, die sich zumeist auf das Lokale beziehen.
In der deutschsprachigen Schweiz lassen sich neun Nachrichtensendungen, neun Magazine und zwei Forumssendungen bestimmen, die eine Nutzungsquote von mehr als 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung aufweisen (vgl. Darstellung III.2.1). Die französischsprachige Schweiz ist im Nachrichtenbereich mit acht Nachrichtensendungen und drei Forumssendungen ähnlich stark positioniert, allerdings fällt der Bereich der Magazinsendungen mit einer Sendung (On en parle/RSR) zurück. Die italienischsprachige Schweiz weist im Magazinbereich zwei Sendungen auf, die ebenfalls vom öffentlichen Radio produziert werden. In der italienischsprachigen Schweiz lassen sich mit den öffentlichen Angeboten Rete Uno/RSI und Rete Due/RSI lediglich die Angebote zweier weiterer Privatsender, nämlich Radio 3iii und Radio Fiume Ticino bestimmen, die eine Nutzungsquote von mindestens 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung aufweisen. Daher sind neben den genannten Magazinsendungen nur drei Nachrichtensendungen und eine Forumssendung im Sample der publizistischen Versorgung vertreten.
Über alle drei Sprachregionen hinweg weisen die Informationsformate Magazin und Forum insgesamt die höchste Abdeckungsquote auf, wobei die Forumssendungen die Nachrichtensendungen im Laufe der Untersuchungsperiode (2001, 2005 und 2009) hinter sich gelassen haben.
Im sprachregionalen Vergleich zeigt sich, dass in der deutschsprachigen Schweiz die auf Hintergrundinformation spezialisierten Formate wie das Magazin eine besonders hohe Abdeckung aufweisen. Dies hängt damit zusammen, dass die Mehrheit der Magazintitel von Radio DRS stammt (sechs von insgesamt neun) und eine deutlich höhere Nutzung aufweist als beispielsweise die Nachrichtenformate der privaten Sender, die nach wie vor primär lokal genutzt werden.
In der Regel haben die Informationsformate der öffentlichen Sender über alle Sprachregionen hinweg eine drei- bis zehnmal so hohe Nutzung wie jene der Privatradios in den jeweiligen Sprachregionen. In der französischsprachigen Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild, hier allerdings mit einer Dominanz von Forumssendungen, die wiederum ausschliesslich von öffentlichen Anbietern stammen (Le Grand 8, Forum, L’invité du Journal). Ein ähnliches Bild wie in der deutschsprachigen Schweiz sehen wir in der italienischsprachigen Schweiz: Ausschliesslich die Magazinsendungen der öffentlichen Radioveranstalter weisen eine starke Stellung auf. Die Nachrichtensendungen figurieren hier an zweiter Stelle, was fast gänzlich auf das Radiogiornale 12.30 von Rete Uno zurückzuführen ist, das die sehr hohe Abdeckungsquote von 18% aufweist und damit eine überragende Stellung in der italienischsprachigen Schweiz einnimmt.
Die medienökonomischen Konzentrationstendenzen sind im Radiobereich aus zwei Gründen nicht ausgeprägt. Erstens ist der Radiosektor in öffentliche und private Radiosender unterteilt und zweitens verlangt das RTVG, dass jeder private Rundfunkveranstalter nur maximal je zwei Sendekonzessionen im TV- und im Radiobereich besitzen darf. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass das öffentliche Radio in der Schweiz – auch im internationalen Vergleich (vgl. Hasebrink/Herzog, 2009, S. 142) – eine herausgehobene Stellung innehat. Durchschnittlich zwei Drittel der Radionutzung in der Schweiz beziehen sich auf die öffentlichen Sender, in der italienischsprachigen Schweiz sogar über 80% (s.o.). Hinzu kommt die bessere finanzielle Ausstattung der öffentlichen Sender im Vergleich zur privaten Konkurrenz. Diese finanzielle Sonderstellung ist insofern gerechtfertigt, als die Untersuchung zeigt, dass die vertiefenden Informationsformate fast ausschliesslich von den öffentlichen Sendern zur Verfügung gestellt – und von der Bevölkerung auch genutzt – werden.
Auswahl der Radioveranstalter für die Informationsangebotsanalyse bzw. der Radiotitel für die Aufmacheranalyse
Um die Qualität des Informationsangebots und der Hauptinformationssendungen zu überprüfen, wird aus allen Radiotiteln, die gemäss den Kriterien des Informationsformats mit gesellschaftspolitischem Fokus und der Reichweite von mindestens 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung erfasst worden sind, eine Auswahl getroffen (vgl. Darstellung III.2.2). Diese Auswahl orientiert sich am Aufkommen der Informationsformate in den drei Sprachregionen und bedeutet eine proportionale Reduktion in den Sprachregionen. Berücksichtigt werden jeweils die umfangreichsten und am weitesten verbreiteten Hauptinformationssendungen des öffentlichen und des privaten Radios sowie das gesamte Informationsangebot der Radioveranstalter, die die jeweilige Hauptinformationssendung produzieren.
Untersuchungsleitend war in allen Sprachregionen die Analyse mindestens einer Hauptinformationssendung bzw. des gesamten Informationsangebots eines öffentlichen sowie eines privaten Radios. Während die umfangreichsten und am weitesten verbreiteten Hauptinformationssendungen der öffentlichen Radioveranstalter in der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz dem Format Nachrichtensendung zugehören, sind dies in der deutschsprachigen Schweiz so genannte Nachrichtenmagazine. Entsprechend werden jeweils die Hauptnachrichten bzw. die Hauptnachrichtenmagazine berücksichtigt. Weil die Privatradios demgegenüber nur repetitive Kurznachrichten ausdifferenzieren, wurde bei diesen jeweils jene Ausgabe ausgewählt, die die weiteste Verbreitung hat. Entsprechend wurden immer die Mittagsausgaben berücksichtigt.
Das auf diese Weise ausgewählte Sample umfasst insgesamt 8 Radiotitel, hinsichtlich der Sprachregionen 4 deutsch-, 2 französisch- und 2 italienischsprachige Titel sowie in Bezug auf die Informationsformate 6 Nachrichten- und 2 Magazinsendungen. Diese Auswahl der Radiotitel und -veranstalter führt zu einer Untervertretung der deutsch- und zu einer Übervertretung der italienischsprachigen Schweiz. 72% der Schweizer Bevölkerung leben in der deutsch-, 24% in der französisch- und 4% in der italienischsprachigen Schweiz. Bei der Auswahl der Medien im Radiobereich sind 50% der Titel aus der deutsch- und je 25% aus der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz.
Durch das dargestellte Vorgehen wurden die nachfolgend aufgeführten Hauptinformationssendungen und Programme für die Analyse des Informationsangebots und der Berichterstattung ausgewählt (vgl. Darstellung III.2.2). Öffentliches Radio: Rendez-vous und Echo der Zeit von DRS1, Le 12h30 von La 1ère, Radiogiornale 12.30 von Rete Uno. Privatradio: News von Radio 24, Nachrichten von Radio Argovia, Journal von Lausanne FM,Radiogiornale von Radio 3iii.