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Kapitel III: Radio
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III. Radio

Zusammenfassung

Mark Eisenegger, Kurt Imhof, Esther Kamber

Das Radio ist, wie die Presse, ein traditioneller Träger öffentlicher Kommunikation. Allerdings unterscheidet sich seine Berichterstattungslogik wesentlich von der älteren Gattung der Presse. Modernes Radio als Begleitmedium ist ein Dauerstrom von Information und Unterhaltung mit einer repetitiven Aktualitätsorientierung, einer geringen Spezialisierung und einer Tendenz zum Infotainment. In jüngster Zeit kommt die Qualität der Informationsvermittlung im Radio unter verstärkten Druck, erstens durch den Aufstieg der Onlinemedien und der Gratiszeitungen und zweitens durch die weitere Deregulierung des Radiomarkts seit der Neufassung des RTVG im Jahr 2007. In der Tradition des öffentlichen Radios seit den 1920er Jahren kann der gebührenfinanzierte öffentliche Hörfunk allerdings bislang eine qualitativ hochwertige Informationsvermittlung in den wesentlichen Informationsformaten aufrechterhalten. Damit bleibt er ein zentraler Träger öffentlicher Kommunikation, wenn auch diese Informationsformate v.a. durch den Aufstieg der Online- und Gratismedien weniger genutzt werden. Die Tradition der Hintergrundberichterstattung im öffentlichen Radio und der gesetzliche Leistungsauftrag führen zu einer gesamtgesellschaftlich relevanten, sprachregional übergreifenden und vielfältigen Abdeckung von Themen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Relevanz. Dadurch wird ein Service Public aufrechterhalten, der für die Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation unverzichtbar ist. Inwieweit beim Privatradio der teilweise vorhandene gesetzliche Leistungsauftrag und Gebührenzuschuss einen qualitativ hochwertigen Service Public im lokalen und regionalen Bereich hervorbringt, erscheint aufgrund der Forschungsresultate bislang fraglich.

Die Analyse der publizistischen Versorgung durch das Radio sowie die Untersuchung von dessen Informationsangebot und Hauptinformationssendungen erbringen die folgenden zentralen Ergebnisse:

  • Dualisierung und Deregulierung: Die Deregulierung des Rundfunks durch die Dualisierung 1983 und die Liberalisierung von weiteren Marktsegmenten im RTVG von 2007 haben bislang bei den privaten Anbietern kaum relevanten Informationsjournalismus hervorgebracht. Die öffentlichen Sender bleiben bei den Nachrichten und den auf Hintergrundinformation spezialisierten Informationsformaten hinsichtlich der journalistischen Qualität konkurrenzlos. Die Privatsender haben teilweise sogar in ihrer Domäne, den Lokal- und Regionalnachrichten, an Qualität eingebüsst. Der Informationsjournalismus privater Sender beschränkt sich vorwiegend auf Kurznews in einem wenig strukturierten Fliessprogramm. Unter dem ökonomischen Druck und aufgrund ihrer Tendenz zum Infotainment ist die durch das RTVG angestrebte Informationsqualität bei Privatradios nicht zu erwarten. Der Service Public im Radiosektor obliegt dem öffentlichen Rundfunk, der allerdings aufgrund sinkender Nutzungszahlen bei den Informationssendungen und in Konkurrenz zu den neuen Formaten Online und Gratis vor die Herausforderung gestellt ist, den erreichten Qualitätsstandard in den Informationsformaten Magazin und Hauptnachrichten aufrechtzuerhalten.
  • Integrationsfunktion: Die Radiosender in den drei Sprachregionen weisen zu einem grossen Grad übereinstimmende Themenagenden auf. Insbesondere die öffentlichen Radiosender leisten mit ihren Hintergrundwissen vermittelnden Informationsformaten einen substanziellen Beitrag zur nationalen Integration. Der Beitrag zum nationalen Zusammenhalt der privaten Sender bleibt hingegen auf die Vermittlung von kurzen Agenturbeiträgen beschränkt. Sofern die Privatsender nationale Kommunikationsereignisse auf die Agenda setzen, so sind es vor allem personalisierungsintensive Themen (Polanski), Konflikte und Affären (Libyen), Bedrohungen (Schweinegrippe, Klimaentwicklung und Konjunktur) und identitätspolitische Auseinandersetzungen (Minarettinitiative). Eine vertiefende, Hintergrundinformationen vermittelnde Berichterstattung zu diesen Themen findet nicht statt. Darüber hinaus sorgen die Radiosender der SRG – kaum aber die Privatradios – dafür, dass die drei Sprachregionen in ähnlicher Weise über wichtige globale und Probleme anderer Länder informiert werden.
  • Eventisierung und mangelnde Spezialisierung: Die Berichterstattungslogik des modernen Radios mit Ausrichtung auf Aktualität und gemischte News mit Hardnews- und Softnewsanteilen führt bei der Programmierung des Informationsangebots zu einer geringen Spezialisierung der Informationsformate und zu einer Eventisierung der Nachrichten. Generell dominiert eine strukturelle Vernachlässigung von spezialisierten Formaten, die auf die für das Gemeinwesen, den Zusammenhalt und die Demokratie besonders bedeutsamen Gesellschaftssphären der Politik, Wirtschaft und Kultur fokussieren. Der kurze und stark repetitive Charakter der gemischten Nachrichten sowie die überwiegend kurzen Wirtschafts-, Kultur- und Sportnachrichten nicht nur, aber vor allem der privaten Radioprogramme reduzieren die Vermittlungsleistung auf einen mehrheitlich verlautbarenden und vermeldenden Nachrichtenjournalismus. Bei den privaten Sendern ist generell kaum Raum – nicht nur in Nachrichtenformaten – für eine einordnende Berichterstattung. Zudem konkurrenzieren Hard- und Softnews bei den Privatsendern um die ohnehin schon stark limitierte Sendezeit im Nachrichtenjournalismus. Die öffentlichen Radiostationen schaffen primär in den Magazinen und Hauptinformationssendungen die Voraussetzung für eine thematische, einordnende Berichterstattung, die Raum lässt für eine Kontextuierung und Vermittlung von Hintergründen.
  • Vielfältigere und relevantere öffentliche Radiosender: Die öffentlichen Radiosender bewirtschaften im Quervergleich aller Gattungen am häufigsten Kommunikationsereignisse, die sich auf parlamentarische Prozesse beziehen (z.B. Gesundheitsreform, ALV-Debatte). Hier übernehmen die öffentlichen Radiosender eine wichtige Vermittlungsleistung für die in den anderen Gattungen vernachlässigte parlamentarische Arena. Im Vergleich der öffentlichen und privaten Radios zeigt sich hinsichtlich Vielfalt und Relevanz ein deutliches Qualitätsgefälle: Der Umfang und die formale sowie inhaltliche Vielfalt des Informationsangebots und der Informationsvermittlung der öffentlichen Radioveranstalter sind deutlich grösser. Die öffentlichen Sender fokussieren mit einer intensiven Politik- und Wirtschaftsberichterstattung öfter auf die relevante Makroebene der Gesamtgesellschaft und die Mesoebene der Organisationen/Institutionen. Die relevante Inland- und Auslandsberichterstattung erhält insbesondere bei den öffentlichen Sendern der Deutschschweiz viel Gewicht. Damit kompensieren die öffentlichen Radiosender ihr strukturelles Defizit an spezialisierten Sendungen über Politik, Wirtschaft und Kultur durch ein insgesamt vielfältiges Angebot an relevanten Themen. Demgegenüber sind die Privatsender doppelt eingeschränkt. Bei der Thematisierung nationaler Vorgänge spielen Hintergrundinformationen kaum eine Rolle. Und die stark ausgebaute Lokal- und Regionalberichterstattung ist bei der Mehrzahl der Titel mit einer starken Orientierung am Human Interest statt an politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Themen des regionalen Raums verbunden.
  • Vernachlässigung der Wirtschaft: Auch im Radio zeigt sich eine Vernachlässigung relevanter Wirtschaftsthemen. Trotz ihrer Tragweite schafft es die globale Finanz- und Wirtschaftskrise nicht in die Radioagenda der 20 grössten Kommunikationsereignisse. Sofern gesellschaftspolitische Relevanz produziert wird, so stammt diese vor allem von den öffentlichen Radiosendern. Kulturthemen gelangen trotz einer erhöhten Beachtung etwa durch das Echo der Zeit nicht auf die Gesamtagenda. Wenn private Radiostationen relevante Themen (Politik, Kultur, Wirtschaft; Makro/Meso) beleuchten, so handelt es sich überwiegend um eine übernommene Relevanz, die fast ausschliesslich auf Agenturbeiträge abstellt.
  • Lokalisierung, Partikularisierung, Eventisierung bei den privaten Sendern: Generell ist die Agenda der privaten Sender ausgesprochen stark mit regionalen/lokalen Softnewsthemen durchsetzt. Bis zu einem Viertel der Kommunikationsereignisse sind auf solche Human Interest-Themen zurückzuführen, die zudem häufig exklusiv von einem einzelnen Privatanbieter bewirtschaftet werden. Die profilgebende, weil exklusive Themenstruktur der privaten Radiossender ist also durch eine starke Tendenz einer lokalen Human Interest-Orientierung gekennzeichnet (z.B. Wasserrohrbruch am Zürichberg unter den Topthemen der News von Radio 24; Brandserie im Sottoceneri auf der Topagenda des Radiogiornale von Radio 3iii). Die privaten Radiosender produzieren zudem im Gegensatz zu den öffentlichen Sendern deutlich weniger nachhaltige Berichterstattungsfolgen, sondern lösen das beobachtete Geschehen in eine episodische Eventberichterstattung auf.