Jens Lucht
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Topografie der Schweizer Presselandschaft gründlich verändert. Daher wird die Entwicklung der Presse in der Schweiz hier in einem grösseren Zusammenhang dargestellt und die zwei jüngsten markanten Veränderungsphasen werden beschrieben. Anhand von Auflagen, Reichweiten und medienökonomischen Daten werden die Entwicklung der Gattung Presse und der einzelnen Pressetypen (Abonnements-, Boulevard-, Gratis- sowie Sonntagszeitungen und Magazine) und auch der Wandel der Medienunternehmen und der redaktionellen Strukturen aufgezeigt. Dies ermöglicht die langfristige Einordnung der jüngsten Entwicklungen.
Für die Presse in der Schweiz lassen sich in den letzten Jahrzehnten zwei markante Entwicklungsphasen unterscheiden. Die erste Phase, von 1960 bis 2000, ist durch die Merkmale Diversifizierung und Kommerzialisierung des Pressemarktes sowie Konzentration und Zeitungssterben charakterisiert. Die zweite Phase, ab den beginnenden 2000er Jahren, lässt sich als zunehmende Krise der Informationspresse beschreiben: zu verzeichnen sind eine verschärfte Konzentration auf Kosten der Pressevielfalt sowie ein Einbruch der Auflagenzahlen, Reichweiten und Werbeeinnahmen, die durch den Siegeszug der Gratispresse und der wachsenden Bedeutung der Onlinemedien ausgelöst und durch die Wirtschaftkrise verschärft werden. Insgesamt wird das bisherige Finanzierungsmodell der Informationspresse dadurch in Frage gestellt.
Erste Phase: Diversifizierung, Ökonomisierung, Konzentration und Zeitungssterben
Die erste Phase des Pressewandels, von 1960 bis 2000, lässt sich durch die Merkmale Diversifizierung und Ökonomisierung des Pressemarkts sowie Zeitungssterben und Konzentration beschreiben.
In der Schweiz waren Pressetitel von ihrer Entstehungsgeschichte her eng mit politischen und gesellschaftlichen Trägern (Parteien, Verbände, Konfessionen und sozial eingebettete Verlegerfamilien) verbunden. Seit den 1960er Jahren lösen sie sich von diesen Trägern ab. Waren 1960 noch rund ein Drittel der 30 grössten Pressetitel der Schweiz mit politischen und gesellschaftlichen Akteuren verbunden, sinkt dieser Anteil 1980 auf zirka 20% und in den 1990er und frühen 2000er Jahren auf nur noch 6% (Udris/Lucht, 2009, S. 23).
Diese Kommerzialisierung der Presselandschaft geht mit der Diversifizierung der Presse durch das Aufkommen neuer Presseformate einher. Die neuen Formate sind durchwegs Produkte von ökonomisch orientierten Medienunternehmen. Im internationalen Vergleich gesehen kommen Boulevardmedien in der Schweiz spät auf den Markt. 1959 erschien der Blick und in der französischen Schweiz entwickelte sich aus der Tribune de Lausanne 1984 die Boulevardzeitung Le Matin. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre kam es zu neuen Titeln im Bereich der Finanz- und Wirtschaftspresse: 1977 wurde das Wirtschaftsmagazin Bilanz lanciert, 1989 das Wirtschaftsmagazin Cash, das 2007 eingestellt wurde. In den 1980er Jahren entstand die erste Sonntagszeitung, ein Typ, der in der Folge und in sehr unterschiedlicher Ausrichtung von verschiedenen Medienverlagen lanciert wurde und sich im schrumpfenden Zeitungsmarkt seit den beginnenden 2000er Jahren als relativ stabil erweist.
In diesem Prozess der Ökonomisierung und Diversifizierung sinkt die Auflage der politisch und gesellschaftlich eingebetteten Pressetitel deutlich im Vergleich zu Titeln rein ökonomisch orientierter Akteure. Dies bedeutet insbesondere das Ende der traditionsreichen und in der Geschichte der Schweiz gewichtigsten Leitmedien der politischen Kommunikation: der Parteizeitungen. Noch bis Ende der 1980er Jahre stieg die Gesamtauflage der Presse auf über vier Millionen an und blieb in den 1990er Jahren weitgehend stabil (Quelle: Verband Schweizer Presse). Gleichzeitig aber verminderte sich die Zahl der Pressetitel stetig. Diese Entwicklung war vor allem während der 1990er Jahre massiv. Es verschwand ein Drittel der eigenständigen Tageszeitungen, während die Gesamtauflage um 4% zurückging. Die Auflagen der eingestellten Titel wurden also durch Fusionen oder Übernahmen noch fast ausgeglichen (Kradolfer, 2007, S. 9; Meier, 2009, S. 592).
Die Folge war, dass bedeutende Zeitungen entweder ganz eingestellt, als Renditeprodukte neu lanciert oder mit anderen Titeln bzw. Verlagen fusioniert wurden. So fusionierte z.B. die katholisch-konservative Zeitung Vaterland 1991 mit dem liberalen Luzerner Tagblatt zur Luzerner Zeitung. Diese wiederum wurde durch die Fusion mit den Luzerner Neuesten Nachrichten 1995 zur Neuen Luzerner Zeitung. In einem weiteren, zeitgleich ablaufenden Schritt der Konzentration blieben zwar die eigenständigen Pressetitel erhalten, wurden aber durch die Verbreitung des Kopfblatt- bzw. Mantelzeitungswesens angeglichen. So wurden die Inhalte der Zeitungen Neue Urner Zeitung, Neue Schwyzer Zeitung, Neue Obwaldner Zeitung, Neue Nidwaldner Zeitung und Neue Zuger Zeitung bis auf den jeweiligen Regionalteil zentral von der Neuen Luzerner Zeitung hergestellt (Mantel); als Titel blieben diese Zeitungen aber erhalten (Kopfblattsystem).
Zweite Phase: Die Presse in der Krise
Nach der Jahrtausendwende setzt sich der Konzentrationsprozess fort, während die Ökonomisierung der Presse weitgehend vollzogen ist. Die ab 2001 beginnende und ab 2002 voll einsetzende Pressekrise ist nicht nur durch die sinkenden Werbeeinnahmen, sondern auch dadurch gekennzeichnet, dass die Abonnements- und Boulevardzeitungen mit deutlich sinkenden Auflagenzahlen zu kämpfen haben, was vor allem durch die Gratiszeitungen und die zusätzliche Abwanderung junger Mediennutzer in den Onlinebereich verursacht wird (vgl. Kapitel I.1).
Massgeblich für die Gratiskultur ist die folgenreichste Innovation in der Schweizer Presselandschaft: die Einführung von sprachregionalen Gratiszeitungen ab 1999. Ihr Erfolg macht sie zu wesentlichen Akteuren auf dem Werbemarkt, weil sie aufgrund ihrer Reichweite eine attraktive Werbeplattform bieten. Frühe Titelgründungen dieser Pendlermedien, die verstärkt vom jungen Publikum der 15- bis 34-Jährigen und im Gegensatz zur Kauf- und Abonnementszeitung quer durch alle Bildungsschichten hindurch gelesen werden, sind 20 Minuten und Metropol, die 1999 in der deutschen Schweiz lanciert wurden (Metropol wurde 2001 bereits wieder eingestellt). Vor allem in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz ist seither ein klarer Trend weg von der Abonnementszeitung und hin zur Gratispresse zu beobachten.
Vor dem Hintergrund der Folgen der konjunkturellen Krise (dot.com-Krise) hat die Abonnements- und Boulevardpresse neben der sich durchsetzenden Gratiskonkurrenz generell mit sinkenden Werbeeinnahmen zu kämpfen, vor allem auf dem Markt für Stelleninserate. Diese Entwicklung wird durch die steigende Bedeutung des Internets verstärkt: Vermehrt wandern Anzeigen und Inserate in den Onlinebereich ab. So sank der Werbeumsatz des gesamten Pressebereichs 2002 im Vergleich zum Vorjahr um fast 12% (vgl. auch Kapitel I). Am stärksten waren davon die Tageszeitungen (Abonnement und Boulevard) betroffen, die fast 14% an Werbeumsatz verloren (Quelle: WEMF). Den sinkenden Werbeeinnahmen und Auflagenzahlen entsprechend brechen die Umsätze der Medienunternehmen in der sich verschärfenden Pressekrise ein. Der Umsatz von Tamedia beispielsweise sank von 2000 bis 2003 von 817,9 Mio. auf 574,4 Mio. Franken. Der Umsatz der NZZ-Gruppe sank im gleichen Zeitraum von 531,9 Mio. auf 461,4 Mio. Franken (Quelle: Media Trend Journal 1–2010).
Nach einer leichten Konsolidierungsphase zwischen 2004 und 2007 wird das Wegbrechen der Finanzierungsgrundlage der Presse ab 2008 noch durch die Finanz- und Wirtschaftskrise beschleunigt. Unter dem Titel «Annus horribilis – 2009 war ein schreckliches Jahr für die Schweizer Medien» veröffentlichte das Media Trend Journal im Dezember 2009 die Nettoumsatzzahlen der Anzeigenstatistik der Schweizer Presse. Der Nettoumsatz im gesamten Anzeigenbereich sank im Jahresdurchschnitt 2009 (Zahlen bis Oktober 2009) um 22,1% gegenüber 2008. Das ergibt in absoluten Zahlen einen Verlust von 370 Mio. Franken. Dabei verloren die Abonnements- und Boulevardzeitungen 145 Mio. Franken an Umsatz (Werbewoche 3, 25. Februar 2010). Relativ gesehen hat die Sonntagspresse zwischen 2008 und 2009 am meisten Werbeumsatz verloren (35,4%). Noch drastischer sind die Zahlen im mittelfristigen Vergleich: Der Publicitasindex, der die Werbeausgaben der Tagespresse erfasst, hat im Oktober 2009 den niedrigsten Stand seit 1993 erreicht (Quelle: Media Trend Journal Dezember 2009, S. 2).
Die Strategien der Presseverlage auf diese Herausforderungen sind vielfältig. Defizitäre Titel werden eingestellt, redaktionelle Zusammenarbeitsformen forciert und Ausgaben zusammengelegt. Auch in den Onlinebereich wird investiert, und zwar nicht nur in Informationsangebote, sondern auch in werbeträchtige, aber branchenfremde Aktivitäten wie Onlineshops oder Datingplattformen. Der Konzentrationsprozess intensivierte sich insbesondere in Form von Übernahmen kleinerer Medienhäuser durch die grossen Medienkonzerne. Daniel Bürki, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, geht davon aus, dass nur 2–3 Anbieter auf Dauer überleben werden. Vor allem mittelgrosse Verlage hätten kaum Überlebenschancen (Raos, 2009, S. 9–10).
Anhand der Tamedia lassen sich die Konzentrationsprozesse sowohl in der Gattung Presse als auch über die Gattungen hinweg exemplarisch zeigen: Mit der Börsenkotierung im Jahr 2000 engagiert sich die Tamedia verstärkt im Onlinebereich und übernimmt zu 100% die Aktien der Verlag Finanz und Wirtschaft AG. 2003 steigt sie bei der Gratiszeitung 20 Minuten ein und kündigt die Übernahme an, die 2006 vollzogen wird. Zum 1. März 2007 übernimmt Tamedia von der NZZ-Tochter Freie Presse Holding AG ein Aktienpaket von 25% des Tagblatts der Stadt Zürich und besitzt nun 85% der Aktien. 2008 wird dann die Espace Media Groupe als Espace Mittelland in die Tamedia integriert. Während dieser Zeit weitet Tamedia ihre Aktivitäten im Rundfunk-, vor allem aber auch im Onlinebereich stetig aus (vgl. crossmediale Aktivitäten der Medienunternehmen, Kapitel I.1). Am 3. März 2009 geben Edipresse und Tamedia bekannt, dass sie ihr Geschäft in der Schweiz zusammenführen, und Tamedia beteiligt sich mit 49.9% am Aktienkapital von Edipresse Schweiz (Quelle: Geschäftsbericht und Chronik Tamedia AG). Im April 2010 geben Tamedia und die NZZ-Gruppe einen Tausch von Zeitungen bekannt: Während die Thurgauer Zeitung von Tamedia an die Freie Presse Holding AG, eine Tochter der NZZ-Gruppe, übergeht, übernimmt Tamedia im Gegenzug von der Freien Presse Holding AG die Beteiligungen an den Zürcher Landzeitungen Zürcher Unterländer, Zürichsee-Zeitung und Zürcher Oberländer. Darüber hinaus verkauft die Verlegerfamilie Gut ihre Mehrheitsbeteiligung an der Zürichsee-Zeitung an Tamedia.
Damit hat Tamedia in der deutschsprachigen Schweiz 2009 einen Anteil von 42% am hier erfassten Pressemarkt, das heisst eine Auflage von mindestens 0.5% der jeweiligen sprachregionalen Bevölkerungszahl von Personen ab 15 Jahren. Dieser deckt knapp 65% der Bevölkerung der deutschsprachigen Schweiz ab. Somit haben die Pressetitel von Tamedia eine Abdeckungsquote der Bevölkerung von 27%. Zusammen beherrschen die drei grössten Medienhäuser Tamedia, Ringier und die NZZ-Gruppe 77% des Pressemarkts in der deutschsprachigen Schweiz. Noch drastischer sind diese Zahlen in der französischsprachigen Schweiz: Hier gibt es als nennenswerte Medienunternehmen nur noch Edipresse (59%) und Tamedia (20%), die nach ihrer Fusion 2010 fast 80% des hier erfassten Pressemarktes kontrollieren.
Wichtige Ereignisse 2009/2010:
- Bekanntgabe der Fusion von Tamedia und Edipresse.
- Einstellung der Gratiszeitungen Le Matin Bleu, News und .ch.
- Expansion der AZ Medien durch Kauf der Vogt-Schild Holding.
- Verkauf der Basler Zeitung an den Tessiner Financier Tito Tettamanti und den Basler Medienanwalt Martin Wagner.
- Die Thurgauer Zeitung geht von Tamedia an die Freie Presse Holding AG, eine Tochter der NZZ-Gruppe, über. Im Gegenzug übernimmt Tamedia von der Freien Presse Holding AG die Beteiligungen an den Zürcher Landzeitungen Zürcher Unterländer, Zürichsee-Zeitung und Zürcher Oberländer. Gleichzeitig verkauft die Verlegerfamilie Gut ihre Mehrheitsbeteiligung an der Zürichsee-Zeitung an Tamedia.
Topografie der schweizerischen Presselandschaft
Der Verlust an Werbemitteln und Abonnementseinnahmen trifft auf einen Pressemarkt, der weitgehend ökonomisiert ist und an Reichweite verliert. Die Untersuchung der bedeutendsten Pressetitel in den drei Sprachregionen für die Stichprobenjahre 2001, 2005 und 2009 zeigt eine fast vollständige Kommerzialisierung: Im Jahr 2001 haben 50 Pressetitel eine höhere Auflage als die im Jahrbuch gesetzte Universumsgrenze, 2005 sind dies 45 Titel und 2009 49. Von diesen 49 Titeln sind im Jahr 2009 nur noch drei mit politischen bzw. gesellschaftlichen Akteuren verbunden, zwei davon in der italienischsprachigen Schweiz. In diesem äusserst kleinen Pressemarkt haben politische und soziale Träger noch Bedeutung. Einer dieser Titel ist das Giornale del Popolo, das von der katholischen Kirche (mit-)kontrolliert wird. Einen anderen Titel gibt es in der italienischsprachigen Schweiz seit 1990 mit der Sonntagszeitung Il Mattino della Domenica, einer neue Parteizeitung, die von der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi herausgegeben wird. Ebenfalls sozial eingebettet ist Le Courrier in der französischsprachigen Schweiz, der vom Verein Nouvelle Association du Courrier getragen wird.
Grundsample der Topografie der schweizerischen Presselandschaft
Das Grundsample von 2001 bis 2009 umfasst, mit geringen Veränderungen über die Stichprobenjahre hinweg, insgesamt 57 verschiedene Pressetitel. Die Verteilung über die Sprachregionen setzt sich aus 31 deutschsprachigen, 20 französischsprachigen und 6 italienischsprachigen Titeln zusammen. Die Pressetypen sind in 37 Abonnements-, 2 Boulevard-, 6 Gratis- und 12 Sonntagstitel bzw. Magazine aufgeteilt.
Im Pressemarkt der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz hat sich die Gratiskultur in kurzer Zeit durchgesetzt. Hatten die Abonnementszeitungen 2001 in jeder Sprachregion noch die höchste Abdeckungsquote, d.h. die kumulierte Auflagenzahl aller Abonnementszeitungen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl, so haben sie diese Stellung 2009 eingebüsst (vgl. Darstellung II.1.1). In der französischsprachigen Schweiz haben zwei Gratistitel (Le Matin Bleu, 20 minutes) eine höhere Auflage als alle zwölf Abonnementstitel zusammen und erreichen eine Abdeckungsquote von annähernd 30% der Bevölkerung. Ein ähnliches Bild haben wir in der italienischsprachigen Schweiz. Auch hier erreichen die Abonnementszeitungen nicht mehr die grösste Abdeckung, sondern die Sonntagszeitungen mit einer Quote von fast 40% der Bevölkerung. In der deutschsprachigen Schweiz sind die Abonnementszeitungen in Bezug auf die Abdeckungsquote zwar noch die stärkste Gruppe, sie sind aber von 28% im Jahr 2001 auf 23% im Jahr 2009 gesunken.
In der gleichen Zeit stieg die Abdeckungsquote der Gratiszeitungen in der deutschsprachigen Schweiz von 13%, mit einem zwischenzeitlichen Einbruch auf 8% (2005), auf 18.5%. In absoluten Zahlen ist die Auflage der Gratiszeitungen in der deutschsprachigen Schweiz im Jahr 2001 von 610 000 zunächst durch die Einstellung von Metropol im Jahr 2005 auf 380 000 gesunken, aber im Jahr 2009 wieder auf 861 000 gestiegen. Neben der Auflagenzahl ist auch die Zahl der Leserkontakte ein Indikator für die Verbreitung und Nutzung von Pressetiteln. Hier zeigt sich, dass die Tageszeitungen (Abonnement und Boulevard) in der deutschsprachigen Schweiz von 2004 bis 2009 632 000 Leserkontakte verloren haben, die Gratispresse aber 1,5 Millionen Kontakte gewonnen hat (Media Trend Journal, Mach Special 2010-1, S. 5).
Der Siegeszug der Gratiszeitungen läuft Ende 2009 bei hoher Marktsättigung und einer herausgehobenen Marktstellung aus. In der französischsprachigen Schweiz kommt es durch die Einstellung von Le Matin Bleu zu deutlich rückläufigen Auflage- und Kontaktzahlen. In der deutschsprachigen Schweiz hat sich 2009 die Zahl der Gratistitel durch die Einstellung von News von drei auf zwei verringert (der bereits im Frühjahr 2009 eingestellte Gratistitel .ch ist in der Darstellung 1 nicht berücksichtigt, da nur solche Medientitel erfasst wurden, die 2009 mindestens sechs Monate auf dem Markt waren; vgl. Anhang 1: Methodik).
Fast alle Presstitel, die im Rahmen dieser Untersuchung erfasst wurden, haben sinkende Auflagenzahlen zu verzeichnen oder sind eingestellt worden. Lediglich fünf Pressetitel haben im Zeitraum von 2001 bis 2009 insgesamt steigende Auflagenzahlen. Am deutlichsten ist der Anstieg bei 20 Minuten, dem Gewinner des Verdrängungswettbewerbs unter den Gratiszeitungen. Das Blatt konnte seine Auflage in der deutschen Schweiz von 300 000 (2001) auf 536 000 (2009) erhöhen. Auch die NZZ am Sonntag, die sich im noch relativ stabilen Sonntagszeitungsmarkt behauptet, kann leichte Zuwächse verzeichnen. Das gilt auch für die Abonnementszeitungen La Liberté, St. Galler Tagblatt und Thuner Tagblatt, die auch von Zusammenlegungen bzw. der Einführung des Kopfblattsystems profitierten.
Im internationalen Vergleich ist die geringe Zahl und Auflagenstärke der Boulevardmedien auffallend. In den beiden grösseren Sprachregionen gibt es lediglich zwei Vertreter dieses Typs: den Blick in der deutschsprachigen und Le Matin in der französischsprachigen Schweiz. Beide haben sinkende Auflagenzahlen.
Etabliert sind die Sonntagszeitungen, die in der deutschsprachigen und in der italienischsprachigen Schweiz ihre Marktposition behaupten konnten. Offensichtlich befriedigen sie ein Bedürfnis, sich zumindest einmal in der Woche vertiefend zu informieren. Allerdings führt die Erhöhung der Titelzahl in der deutschsprachigen Schweiz von zwei auf fünf Sonntagszeitungen zwischen 2001 und 2009 nicht zu einer höheren Abdeckungsquote der Bevölkerung; dieser Markt ist offenbar gesättigt. Lediglich die 2005 hinzukommende NZZ am Sonntag konnte ihre Auflage bis 2009 erhöhen, während SonntagsBlick und SonntagsZeitung seit 2001 kontinuierlich an Auflage verloren. Der Sonntag AZ und die Südostschweiz am Sonntag sind erst seit 2009 in der Messung. Bei den Magazinen ist Facts 2007 eingestellt worden, die Weltwoche konnte von 2001 bis 2005 zunächst zunehmende Auflagen verzeichnen, ist jetzt aber leicht unter das Niveau von 2001 gefallen. In der französischsprachigen Schweiz sind Rückgänge auf relativ hohem Niveau zu verzeichnen. Die Sonntagszeitung Le Matin Dimanche verliert von 2001 bis 2009 knapp 10% ihrer Auflage; das Magazin L’Hebdo hat knapp 5% seiner Auflage verloren, bei zuletzt aber steigender Tendenz.
Abbau und Wandel der Redaktionsstrukturen
Am gravierendsten aus Sicht der publizistischen Qualität ist der mit dem Kostendruck verbundene Abbau von redaktionellen Strukturen. Die jüngsten und prominentesten Beispiele der grossen Medienhäuser lassen sich auflisten. Die NZZ-Gruppe kündigt im Dezember 2008 Sparmassnahmen mit dem Abbau von 24 Vollzeitstellen bzw. der Entlassung von 29 Mitarbeitenden an. Bei Ringier wird im März 2009 durch die Einstellung der Printausgabe des Wirtschaftsmagazins Cash ein Stellenabbau beschlossen, der 23 Personen betrifft. Die AZ Medien kündigen im Juni 2009 Sparmassnahmen an, die einen Abbau von insgesamt 65 Stellen, davon 45 Entlassungen, bedingen. Im Mai 2009 erfolgt durch Tamedia die Neuorganisation der Redaktion des Tages-Anzeigers mit einem Abbau von insgesamt 50 Vollzeitstellen in der Redaktion sowie 7 weiteren Vollzeitstellen im Zeitungsdruck. Dies ist ein Viertel der bisherigen redaktionellen Belegschaft des Tages-Anzeigers (SF Tagesschau vom 26. Mai 2009). Im Zuge dieser Kostenreduktion wird die Zusammenarbeit von Bund und Tages-Anzeiger beschlossen, woraus sich eine Schmälerung der Bund-Redaktion von 54 auf 35 Stellen ergibt. Ebenfalls im Mai 2009 werden Kostensenkungsmassnahmen sowie eine Neuaufstellung der Verlagsorganisation von Espace Media vollzogen, die zum Abbau von 3 Vollzeitstellen, davon 2 in der Redaktion der Berner Zeitung, führen. Im September 2009 führen Edipresse und Tamedia die Gratiszeitungen Le Matin Bleu und 20 minutes zusammen. Die Folge davon ist die Kündigung von 10 Mitarbeitenden. Im Dezember 2009 werden durch die Einstellung der Gratiszeitung News 20 Stellen abgebaut.
Parallel zu diesem Abbau werden die Redaktionsstrukturen durch sogenannte «Newsdesks» oder «Newsrooms» auf einen rationalisierten Informationsoutput verändert. Der Newsdesk ist bei angelsächsischen Zeitungen entstanden und beinhaltet den Bedeutungsabbau oder die gänzliche Aufhebung von spezialisierten Ressorts der Informationsvermittlung innerhalb der Redaktionen. Newsrooms sind die Steigerung der Newsdesks. Hier werden auch die medienspezifischen Redaktionen aufgelöst, um die gleichzeitige Belieferung verschiedenster Medienkanäle mit «News» zu gewährleisten. So wird im März 2010 bei der Blick-Gruppe (Blick, Blick am Abend, SonntagsBlick und Blick.ch) ein Newsroom eingeführt. Daraus resultieren laut Verlagsangaben 25 Entlassungen, ausserdem die Auflösung des Mandatsverhältnisses mit 2 freien Mitarbeitenden und 3 vorzeitige Pensionierungen (Medienmitteilung Ringier vom 12. Januar 2010).
Die Journalistinnen und Journalisten sind durch Multikanalanforderungen einem höheren Produktionsdruck ausgesetzt, und sie müssen in der Lage sein, kurzfristig Meldungen für verschiedene Medien und über verschiedene Berichterstattungsbereiche herzustellen. Durch die angeschlossenen Onlineplattformen wird der Aktualitäts- und damit der Zeitdruck für die Journalistinnen und Journalisten erhöht, die Recherchekapazität reduziert und die Abhängigkeit von Agenturmeldungen gesteigert. Das wiederum hat die Arbeitszufriedenheit bei den Journalistinnen und Journalisten deutlich verschlechtert. Ausgerechnet in den Medien mit dem höchsten Status ist dies am ausgeprägtesten der Fall (vgl. Spichiger/Kamber, 2009). Dazu Ivo Bachmann, früherer Chefredaktor des Beobachters und der Basler Zeitung: «Man träumt von journalistischen Alleskönnern, die bereitwillig zusätzliche Aufgaben übernehmen und flink alle möglichen Plattformen bespielen. Das wird scheitern – wenn nicht an der fehlenden Bereitschaft der Mitarbeitenden, dann an der fehlenden Qualität ihrer Arbeit» (Bachmann, 2009, S. 23).
Fazit
Die fast vollständige Kommerzialisierung der Informationspresse, die sinkenden Auflagenzahlen und die zurückgehenden Werbe- und Abonnementseinnahmen haben zur Folge, dass sich die Informationspresse weniger denn je am Staatsbürger, sondern vorzugsweise am Medienkonsumenten und an Ballungszentren orientiert und die Auswahl-, Darstellungs- und Interpretationslogiken daran ausrichtet (vgl. Kapitel II.2). Die Kernbereiche öffentlicher Kommunikation (Politik, Wirtschaft und Kultur) stehen dadurch nicht nur in scharfer Konkurrenz zu privaten, lebensweltlichen und unterhaltenden Medieninhalten (Sport, Human Interest), sondern auch die Kosten der publizistischen Leistungen werden durch eine Informationsvermittlung gesenkt, bei der möglichst billige Information in möglichst viele Kanäle abgefüllt wird. Die Qualität der Informationspresse leidet unter dieser Entwicklung. Der Presse geht mit dem Verlust von Personal Wissen und Erfahrung und somit Recherchekapazität und -kompetenz verloren. Durch die Zusammenlegung von Redaktionen und die Abschaffung von Ressorts verringert sich zusätzlich das spezialisierte Fachwissen. Unter Berücksichtigung der intensiven Konzentration bedeutet dies, dass immer weniger Medienanbieter kostengünstiger, d.h. mit geringerem Rechercheaufwand, News produzieren und diese mehrfach verwerten. Durch dieses «more of the same» bei den Medieninhalten verringert sich die Unterschiedlichkeit zwischen den Bezahlzeitungen und den Gratistiteln.
Sowohl in den Gratismedien als auch in den Bezahlmedien verliert der Journalismus aufgrund seiner Entprofessionalisierung durch den Abbau der Ressorts, der Recherchekompetenzen und -kapazitäten an Berufsprestige zugunsten eines Multikanaljournalismus. Vermehrt werden Praktikanten für die Textproduktion eingesetzt und langfristige Mitarbeiterverhältnisse aufgelöst. Weil die Presse von allen Medien das aktuelle Geschehen am ausführlichsten und differenziertesten behandelt, ist diese Qualitätsreduktion besonders bedauerlich.
Es ist zu erwarten, dass sich die beschriebenen Entwicklungen weiter verstärken, diese den Service Public der Informationspresse schmälern und die Verschiebungen zu Softnews über People und Privates beschleunigen. Neben den Boulevardmedien gehen die Gratistitel in dieser Entwicklung voran. Sie berücksichtigen in hohem Mass Themen des Human Interest, sind durch eine stark episodische Berichterstattung geprägt und setzen ihre Inhalte mittels sehr hoher Anteile an Agenturmeldungen zusammen (vgl. Kapitel II.2). Die Aufmerksamkeitslandschaften der Gratismedien sind entsprechend durch politische und wirtschaftliche Ereignisse mit hohem Personalisierungs- und Skandalisierungs-Potential geprägt: Die Welt jenseits der Schweiz tritt hauptsächlich in Gestalt von Katastrophen, Krisen und Affären auf. Da die Gratistitel überdurchschnittlich stark von der jungen Bevölkerungsgruppe, der 15- bis 34-Jährigen genutzt werden (Quelle: WEMF), die auch in der Onlinenutzung die stärkste Kohorte stellt, wirken die sozialisierenden Effekte der Gratiskultur hier besonders stark und erschweren zusätzlich den Transfer zu den Bezahlmedien.
Literatur
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Zeitschriften:
– Edito
– Media Trend Journal
– Werbewoche