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II.2 Qualitätsvalidierung
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II.2.2 Relevanz

Der Qualitätsindikator Relevanz begründet sich durch den Anspruch, dass das Allgemeine gegenüber dem Privaten bzw. das Gesellschaftliche gegenüber dem Individuellen und Partikulären Vorrang hat. Bezüglich Relevanz interessiert vorab die zentral beobachtete Sozialebene (Makro-, Meso-, Mikroebene). Dieser Indikator erfasst, inwieweit die Berichterstattung auf die Makroebene der Gesamtgesellschaft und auf gesellschaftliche Teilbereiche (Gesellschaftssphären wie Politik, Wirtschaft, Kultur) konzentriert ist, oder inwieweit sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Mesoebene der Institutionen und Organisationen oder auf die Mikroebene von Personen bezieht. Darüber hinaus ermöglicht die Kommunikationsereignisanalyse – also die Untersuchung, welche Themen in der Pressearena im vierten Quartal 2009 die meiste Aufmerksamkeit erlangten – eine Untersuchung der relevantesten Themen in der Pressearena. Dabei werden die Kommunikationsereignisse ebenfalls hinsichtlich ihrer Makro-, Meso- und Mikrothematisierung analysiert. Wie alle Qualitätsvalidierungen in diesem Jahrbuch wird diese auf zwei Ebenen vorgenommen:

1. Informationsangebotsanalytik: Aus dem Informationsangebot werden die Kernressorts Politik, Wirtschaft bzw. das gemischte Ressort News einer Beitragsanalyse unterzogen, die die jeweils zentrale Thematisierung hinsichtlich der Sozialebene festhält. Auf die Untersuchung des in fast allen Pressetypen marginalen Kulturressorts wird erneut verzichtet. Diese Informationsangebotsanalytik basiert auf allen Beiträgen der Ressorts Politik, Wirtschaft und News im Rahmen der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009.

2. Frontseitenanalytik: Die Untersuchung der thematischen Bezüge zu den Sozialebenen wird auch auf den Frontseiten durchgeführt. Die Frontseitenanalytik stützt sich auf alle Frontseitenbeiträge im Zeitraum vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009. Im Vergleich zur Informationsangebotsanalytik stellt sich hier im Besonderen die Frage, inwiefern Personalisierung und Privatisierung Aufmerksamkeit erzeugen. Darüber hinaus werden die zwanzig bedeutendsten Kommunikationsereignisse auf den Fronseiten untersucht. Dieser Relevanzindikator konzentriert sich auf die thematisch gebündelte Berichterstattung (Kommunikationsereignisse) und prüft folgende Fragen: Auf welche Gesellschaftssphären beziehen sich die relevantesten Themen und welche Sozialebenen werden darin fokussiert? Was tragen die verschiedenen Pressetypen zu diesen Themen bei? Erzeugen bestimmte Pressetypen im Vergleich zur gesamten Pressearena spezielle Kommunikationsereignisse? Und schliesslich: Unterscheiden sich die relevantesten Kommunikationsereignisse in den Sprachregionen bzw. gibt es eine sprachregional übergreifende Relevanz in der öffentlichen Kommunikation?

Relevanz

Relevant sind Thematisierungen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und gesellschaftlicher Teilbereiche, den Gesellschaftssphären (Makroebene). Ebenfalls von Bedeutung sind Thematisierungen von entsprechenden Institutionen und Organisationen (Mesoebene). Liegt der Fokus der Berichterstattung auf Einzelpersonen (Mikroebene) gilt es verschiedene Arten der Personenthematisierung zu unterscheiden: Die anonyme Thematisierung von Personen (Mikroebene anonym) ist häufig ein rhetorisches Mittel der Problemthematisierung und die Berichterstattung über Personen in ihren Funktionsrollen (Mikroebene rollennah). Im Rahmen von Institutionen und Organisationen ist von einer auf das Private und Partikuläre abhebenden Thematisierung (Mikroebene rollenfern) zu unterscheiden. Insgesamt nimmt die Relevanz der Berichterstattung mit einer Gewichtung ab, die sich von Makro-Meso auf Meso-Mikro verlagert und einen hohen Anteil an privater Personenfokussierung (Mikroebene rollenfern) aufweist.

II.2.2.1 Informationsangebotsanalytik

Seyhan Bayraktar, Esther Kamber

Der Qualitätsindikator der Relevanz bezieht sich in der Informationsangebotsanalytik auf die Ressorts Politik und Wirtschaft und auf das gemischte Ressort News. Diese wichtigen Berichterstattungsbereiche sollen das Allgemeine thematisieren, was sich anhand der zentral fokussierten Sozialebene zeigt.

Politik-, Wirtschafts- und Newsressort: Beitragsfokus auf Sozialebene

Die Politikberichterstattung (vgl. Darstellung II.2.12) der Boulevard- (19% Mikro rollenfern) und Gratiszeitungen (23% Mikro rollenfern) ist mit der grössten Privatisierungstendenz verbunden. Darüber hinaus zeigt die Boulevardpresse eine starke Tendenz zur Personalisierung im Politikressort (44% Mikro rollennah), während die Gratiszeitungen in ihrer Politikberichterstattung aufgrund der zahlreichen Agenturberichte (vgl. Kapitel II.2.4.1) auch häufig auf die Makroebene fokussieren (40% Makro). Für eine starke Makro- und Mesothematisierung im Politikressort sorgen die Abonnementszeitungen, gefolgt von den Sonntagszeitungen. Pressetypen mit ausdifferenzierten Politikressorts fokussieren demnach stärker auf die relevanten Sozialebenen öffentlicher Kommunikation.

Der in allen Pressetypen kleine Umfang des Wirtschaftsressorts und seine Fokussierung auf Wirtschaftsthemen (vgl. Kapitel II.2.1.1) führen auch zu einer Konzentration auf gesellschaftliche und organisationelle Thematisierungen (vgl. Darstellung II.2.13). Insofern ist das Wirtschaftsressort im Vergleich zu den anderen Kernressorts in allen Pressetypen klar umrissen. Allerdings ist hinsichtlich des Wirtschaftsressorts ein Einfluss der PR-Industrie zu vermuten, so dass insbesondere die Berichterstattung über Organisationen (Meso) durch Informationsübernahmen gekennzeichnet sein kann. Die Sonntagszeitungen zeichnen sich, wie im Politikressort, durch eine Personalisierung der Berichterstattung (17% Mikro rollennah) aus.

Ein ähnliches Bild wie im Politikressort zeigt sich auch im Newsressort (vgl. Darstellung II.2.14): Die Pressetypen mit differenzierten Ressortstrukturen fokussieren wesentlich stärker auf die relevanten Sozialebenen (Abonnements- sowie Sonntagszeitungen und Magazin). Generell gilt, dass mit der Grösse des Umfangs des gemischten Newsressorts die Bezüge zu Human Interest (vgl. Kapitel II.2.1.1), die Personalisierung und die Privatisierung der Berichterstattung steigen. Die Boulevard- und Gratiszeitungen sind dabei die klaren Vorreiter, wobei auch die Sonntagszeitungen und das Magazin in abgeschwächter Form dazu tendieren. Allerdings überwiegt bei Letzteren die gesellschaftliche und organisationelle Fokussierung.

Fazit

Generell unterscheiden sich die Pressetypen im Newsressort am klarsten. Die Gratis- und Boulevardzeitungen beziehen sich am häufigsten auf private Themen. Die Privatisierung öffentlicher Kommunikation ist demnach am grössten bei Pressetypen mit grossen gemischten Newsressorts. Die Abonnementszeitungen konzentrieren sich in allen Kernressorts am wenigsten auf die Ebene individueller Akteure. Obwohl die Abonnementszeitungen im Pressetypenvergleich die relevanteste Berichterstattung vorweisen, gibt es auf der Ebene der Pressetitel beträchtliche Unterschiede, bei der sich auch sprachregionale Differenzen zeigen: Mit 23% personalisierter Politikberichterstattung (Mikro rollennah) kommt Le Temps bei den Abonnementszeitungen auf den höchsten Wert gefolgt von der Tribune de Genève mit 20% und dem Corriere del Ticino mit 16%. Während die Basler Zeitung sowohl im sprachregionalen Vergleich als auch im Gesamtvergleich am wenigsten personalisiert (7% Mikro rollennah im Politikressort), bewegen sich die Werte der anderen Abonnementszeitungen zwischen 11 und 15%.

II.2.2.2 Frontseitenanalytik

Linards Udris

Die Personalisierung und Privatisierung der Berichterstattung lässt sich vor allem auch auf den Frontseiten beobachten. Denn Personalisierung und Privatisierung sind ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Vergleich zur Informationsangebotsanalyse ist daher ein höheres Niveau der Thematisierung auf der Mikroebene – also mit Fokus auf Personen insbesondere mit privaten Bezügen – zu erwarten. Dies wird erstens anhand aller Frontseitenbeiträge und zweitens anhand der Kommunikationsereignisse untersucht.

Frontseiten: Beitragsfokus auf Sozialebene

Fokussieren Beiträge auf der Frontseite auf die Ebene der Gesamtgesellschaft (Makro), auf Institutionen und Organisationen (Meso) oder eher auf Einzelpersonen (Mikro)? In Verbindung mit den thematisierten Gesellschaftssphären (Politik, Wirtschaft, Kultur) müssen dabei sorgfältige Unterscheidungen getroffen werden. Auf der einen Seite ist eine Human-Interest-Berichterstattung zwar generell stärker durch persönliche Bezüge (Mikro) geprägt. Dennoch kann eine Makrothematisierung im Human-Interest-Bereich (Makro) – z.B. «Aus Angst: Frauen verhüten ohne Pille» – Relevanz als politisch zu lösendes Problem erhalten. Auf der anderen Seite wird bei politischen Themen eine gesellschaftliche, institutionelle oder organisationelle Fokussierung (Makro, Meso) erwartet. Eine personalisierte Berichterstattung von Politikern in ihren Funktionsrollen – z.B. Bundeskanzlerin Angela Merkel – in Verbindung mit Vorgängen, Organisationen und Institutionen ist jedoch relevant und häufig zu beobachten. Eine privatisierende Berichterstattung führt dagegen vom Allgemeininteresse weg: Die Verdrängung des Allgemeinen durch das Private – z.B. US-Präsident Obama, der auf einer Dienstreise in Afrika seinen Halbbruder trifft – geht auf Kosten einer Darstellung von Strukturen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen.

Pressetypen mit bedeutenden Politikressorts und einer starken Themenbildung im Bereich der Politik (vgl. Kapitel II.2.1.1) fokussieren am häufigsten auf die für die Allgemeinheit bedeutende Makro- und Mesoebene (vgl. Darstellung II.2.15). Die Boulevard- und Gratispresse rückt mit ihren gewichtigen gemischten und unterhaltenden Ressorts sowie ihren vielen Human-Interest-Themen auch auf ihren Frontseiten deutlich öfter das Persönliche, Private und Partikuläre ins Zentrum. Allerdings spielt die Personalisierung (Mikro rollennah) bei den Sonntagszeitungen und dem Magazin vor allem auch in Verbindung mit ihrer enthüllenden, skandalisierenden und lebensweltlich orientierten Berichterstattung (vgl. Kapitel II.2.1.2) eine wichtige Rolle.

Diese Unterschiede zwischen den Pressetypen ergeben sich aber nicht bloss daraus, dass sich Boulevard- und Gratiszeitungen öfter mit Sport und Human Interest beschäftigen, sondern sie haben auch bei der Thematisierung der Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur einen personalisierenden und privatisierenden Stil. Der Anteil an einer Thematisierung der Mikroebene (in allen drei Ausprägungen) im Bereich Politik beträgt in der Boulevardpresse 48%, in der Gratispresse 31%, im Typ Sonntagszeitung und Magazin 29% und in der Abonnementspresse 19%.

Gratis- und Boulevardzeitungen thematisieren Politiker und Wirtschaftsvertreter aber nicht nur in ihren Funktionsrollen, sondern auch in privaten, rollenfernen Kontexten. So fokussieren beispielsweise rund 10% (Boulevard) bzw. 15% (Gratis) der politischen Berichterstattung auf Politiker als Privatpersonen, während diese Werte bei den Abonnements- und Sonntagszeitungen rund 3% betragen. Die strukturelle Vermischung von Gegenstandsbereichen sowie eine starke Human-Interest-Orientierung führen demnach zu einer Abnahme der Relevanz über alle Berichterstattungsbereiche hinweg.

Die Rollenfokussierung bei Personen – z.B. Bundesrätin Leuthard als neugewählte Bundespräsidentin – lässt sich aber in allen Pressetypen beobachten und kann als breitangewandte Strategie der Medien interpretiert werden, (politische) Vorgänge anhand von zentralen Figuren zu beschreiben. Sie ist, im Unterschied zur Privatisierung, nur insofern ein teilweise neues Phänomen und gerade dort besonders stark, wo das politische System bestimmten Amtsträgern eine herausgehobene Funktion verleiht (z.B. US-Präsident Obama, Frankreichs Staatspräsident Sarkozy). So zeichnet sich beispielsweise die politische Berichterstattung in zirka jedem siebten Beitrag durch eine Fokussierung auf einzelne politische Rollenträger aus.

Fazit

Die Analyse der Frontseiten hinsichtlich der unterschiedlichen Bedeutung der Bezüge zu den Sozialebenen Makro, Meso und Mikro ergibt ein ähnliches Bild wie beim gemischten Ressort News in der Informationsangebotsanalytik: Die Boulevard- und Gratiszeitungen bringen auf der Fronseite sehr viel stärker Geschichten mit partikulären und personalisierten Human-Interest-Themen oder bereiten die Vorgänge auf diese Weise auf. Im Vergleich dazu fokussieren insbesondere die Abonnementszeitungen auf die Ebene der Gesellschaft und der Organisationen.

Frontseiten: Relevante Themen

Hinsichtlich der Qualitätsdimension der Relevanz sind, über den Charakter der Frontseitenberichterstattung hinaus, die wichtigsten Kommunikationsereignisse der Presse im vierten Quartal 2009 (vgl. Darstellung II.2.16) interessant. Diese Aufmerksamkeitslandschaft ergibt sich aus dem Zusammenspiel der einzelnen Pressetitel und -typen im Zuge der jeweiligen Themendynamiken. Allerdings tragen die Pressetitel und -typen in unterschiedlichem Mass zu dieser Agenda der 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse bei.

Der Anspruch auf Relevanz zielt dabei vor allem darauf, inwieweit Kommunikationsereignisse aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Agenda bestimmen und inwiefern bei der Thematisierung dieser Gesellschaftssphären die Makro- und die Mesoebene statt das Persönliche und Partikuläre (Mikroebene) im Zentrum stehen.

Die Agenda der 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse wird vor allem durch politische Themen und einige Wirtschaftsthemen bestimmt; eine kulturelle Themenbildung findet nicht statt (vgl. Kapitel II.2.2.1). Dafür finden vier sportliche Grossanlässe und ein Sportskandal sowie das Boulevardcasting des Blick auf den Frontseiten derart hohe Beachtung, dass diese Ereignisse rund ein Viertel der Aufmerksamkeit unter den wichtigsten 20 Themen der Pressearena absorbieren.

Politische Themen sind tendenziell stärker durch eine Fokussierung auf Kollektivakteure und gesellschaftliche Bezugsprobleme gekennzeichnet als Sport- und Human-Interest-Themen, in denen Personen (z.B. die Blick-Girls) oder Gruppen (z.B. das schweizerische U17-Fussballteam) im Mittelpunkt stehen. Jedoch sind diejenigen Politik- und Wirtschaftsereignisse sehr prominent, die sich durch eine starke Fokussierung auf einzelne Personen auszeichnen. Dies trifft besonders auf die Libyenaffäre, die Personaldiskussion um die Leitung der Post und auf die Entwicklung der UBS zu. Damit gehen Konfliktzuspitzungen und Skandalisierungen einher, die die Brisanz solcher Diskussionen erhöhen.

Die strukturelle Vernachlässigung der Wirtschaft (vgl. Kapitel II.2.1.1.) zeigt auch Folgen für die wirtschaftliche Themenbildung auf den Frontseiten. Schon seit den 1990er Jahren überwiegt in der Wirtschaftsberichterstattung eine auf Performanz orientierte Fokussierung auf Finanzunternehmen und die Finanzbranche, während die Realwirtschaft nur durch personenzentrierte Skandale und Affären etwa in Betrieben des Service Public Resonanzchancen erhält (vgl. Kapitel VI.2 Wirtschaftsberichterstattung in der Krise). Demgegenüber dringt eine Berichterstattung über die Finanz- und Weltwirtschaftskrise mit kontextuellen Bezügen (Makro), also eine «Systemdebatte», nicht auf die Frontseiten vor. Debatten über die «too big to fail»-Problematik, das Bankgeheimnis und die damit verbundenen «Crossborder-Geschäfte» oder eine sich über skandalisierbare Einzelfälle erhebende Auseinandersetzung über Entlohnungssysteme, haben keine Resonanzchancen. Die Finanzkrise aktualisiert sich «nur» an unmittelbaren Ereignissen (UBS-Krisenbewältigung) sowie anhand des Drucks auf den Finanzplatz Tessin.

Berücksichtigt man die resonanzstarken Kommunikationsereignisse mit starken Bezügen auf der Makroebene (Gesellschaftsrelevanz), dann finden sich in der Agenda der schweizerischen Pressearena sechs wichtige Themen. Als überwiegend gesellschaftsrelevant, mithin auf der Makroebene, werden zunächst die Klimapolitik, der Druck auf den Finanzplatz Tessin und der Konjunkturverlauf in der Schweiz thematisiert. Das Thema der Klimapolitik ist von starken Problematisierungen geprägt, während die Lösungen kaum greifbar sind. Der Druck auf den Finanzplatz Tessin ist – wie erwähnt – vor allem eine Systemfrage im Tessin. Und der Konjunkturverlauf erhält Brisanz durch den Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise, wobei keine Ursachen- oder Lösungsthematisierung der Krise stattfindet.

Die Minarettinitiative, die Gesundheitsreform und das Erinnerungsereignis «Schatten des Kalten Krieges» werden ebenfalls als überwiegend gesellschaftsrelevant thematisiert. Die Diskussion über die Minarettinitiative zeigt eine hohe Brisanz und Konfliktivität und wird vor allem nach der Abstimmung als Grundfrage über das Verhältnis von Demokratie und Rechtsstaat thematisiert. Bis zur Abstimmung erhalten die Befürworter des Minarettverbots und muslimische Akteure hohe Resonanzwerte (vgl. Kapitel VI.1 Vertiefungsstudie zur Minarettinitiative). Obwohl die Gesundheitsreform als systemrelevantes Thema behandelt wird, sind hier Akteure zentral: einerseits hinsichtlich der vielen Interessengruppen im Gesundheitsbereich und andererseits bezüglich der exemplarischen Falldarstellungen, die Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Schliesslich ist das Erinnerungsereignis «Schatten des Kalten Krieges» trotz der Aktualisierung von vornherein reflexiv und tangiert Identitätsfragen.

Fazit

Die Agenda der 20 grössten Kommunikationsereignisse im letzten Quartal 2009 zeigt, welche Ereignisse oder Vorgänge gute Resonanzchancen haben und somit die kollektive Aufmerksamkeitslandschaft bestimmen können. Gute Chancen haben Sportereignisse, personalisier- und skandalisierbare Konflikte, insbesondere bei den Regiebetrieben des Bundes, Bedrohungsszenarien wie die Schweinegrippe und auch reine Human-Interest-Themen. Die politisch und wirtschaftpolitisch relevanten Grundfragen erhalten durch die direkte Demokratie und nur im Kontext von hohem Entscheidungsdruck und von Konflikten Aufmerksamkeit.

Frontseiten: Themenbildung im Vergleich der Pressetypen

Die Themenbildung im Vergleich der Pressetypen zeigt sich, wenn pro Typ die Abweichung vom Durchschnitt der gesamten Pressearena berechnet wird. Auf diese Weise lässt sich feststellen, inwieweit die einzelnen Pressetypen und -titel ähnliche oder unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften ausbilden und was sie zur Themendynamik insgesamt beitragen.

Die Aufmerksamkeitslandschaften der Pressetypen, wie sie durch die Frontseiten prominent vermittelt werden, unterscheiden sich beträchtlich. Dies bedeutet auch, dass unterschiedliche Nutzergruppen mit einer unterschiedlichen Auswahl, Interpretation und vor allem Darstellung der Themen konfrontiert sind. Die gesellschaftsrelevanten Themen hinsichtlich der fokussierten Gesellschaftssphären und Sozialebenen gelangen hauptsächlich durch die Abonnements- sowie die Sonntagszeitungen und das Magazin auf die Presseagenda (vgl. Darstellung II.2.17). Darüber hinaus ist die Resonanz dieser Politik- und Wirtschaftsthemen in der Abonnements- und Sonntagspresse gleichmässiger verteilt und in diesem Sinne vielfältiger.

Im Speziellen trägt die Abonnementspresse zu denjenigen Kommunikationsereignissen bei, in denen auf gesellschaftlich relevante Bezugsprobleme und nicht primär auf einzelne Figuren fokussiert wird. Die insgesamt an Auflagenstärke verlierenden Abonnementszeitungen thematisieren zudem vergleichsweise stärker relevante politische Vorgänge im Ausland (z.B. Neuordnung in Afghanistan, Reformprozess im Iran, Schatten des Kalten Krieges). Die gewachsenen Nutzergruppen, die keine Abonnementszeitungen konsumieren, werden daher, abgesehen von personenorientierten und konfliktiven Themen wie der Libyenaffäre, immer weniger über relevante Themen aus dem Ausland oder auf globaler Ebene informiert. Die Sonntagszeitungen und das Magazin konzentrieren sich stärker auf nationale wirtschaftliche Themen, z.B. Druck auf den Finanzplatz Tessin und UBS-Krisenbewältigung.

Die Aufmerksamkeitslandschaft der Gratis- und Boulevardpresse unterscheidet sich deutlich von derjenigen der Abonnements- und Sonntagszeitungen sowie des Magazins durch das grosse Gewicht, das Sport und Human-Interest-Themen einnehmen (vgl. Kapitel II.2.1.1.). Mit dem Girl auf der Frontseite des Blick geht täglich ein neuer Stern am Boulevardhimmel auf, und bei allen sportlichen Grossereignissen tragen die Gratis- und Boulevardzeitungen wesentlich zur Themendynamik bei: Fussball-WM 2010, U17-Fussball-WM 2009 und Skiweltcup 2009/2010. Zudem finden diejenigen Themen Beachtung, die deshalb Aufmerksamkeit generieren, weil personalisierbare Konflikte mit Sieg-/Niederlage-Dynamiken, Bedrohungen (Schweinegrippe) und skandalisierbares Behördenversagen (Libyenaffäre) im Zentrum stehen. Von diesem Muster weichen nur die Minarettinitiative und die Personaldebatte bei der Post teilweise ab.

Die gesellschaftsrelevanten Themen der globalen Klimapolitik, der Druck auf den Finanzplatz Tessin oder auch die Gesundheitsreform sind in der Boulevard- und Gratispresse jeweils deutlich untervertreten. Damit trägt die Boulevard- und Gratispresse in viel geringerem Mass zur Bildung von relevanten Themen bei.

Fazit

Die gesellschaftsrelevanten Themen der Presseagenda, die einer politischen Problembearbeitung bedürfen, sowie die Beleuchtung aussen- und wirtschaftspolitisch relevanter Themen sind auf die Abonnements- sowie Sonntagszeitungen und das Magazin beschränkt. Zur Eventisierung, Personalisierung und Konfliktstilisierung tragen die anderen beiden Pressetypen wesentlich bei: Die Aufmerksamkeitslandschaften, die von den Boulevard- und Gratismedien aufgebaut werden, lassen neben dem Sport personalisierbare Konflikte und Bedrohungen hervortreten.

Frontseiten: Spezielle Themen der Pressetypen

Diese Befunde unterschiedlicher Aufmerksamkeitslandschaften akzentuieren sich, wenn die Presseagenda mit den jeweiligen Agenden der einzelnen Pressetypen verglichen wird. Für diesen Vergleich wurden aus den Agenden der Pressetypen diejenigen Kommunikationsereignisse ausgewählt, die nur in einem der 4 Pressetypen zu den 20 grössten der jeweiligen Agenda gehören.

Die zahlreichen Titel der regional orientierten Abonnementszeitungen dominieren die Agenda der Pressearena. Sie sorgen, wie gezeigt, für eine Themenbildung, die vor allem auf die gesellschaftsrelevanten Teilbereiche und Sozialebenen fokussieren. Da die einzelnen Titel aber im Vergleich zu den Gratis- sowie Sonntagszeitungen und zum Magazin viel weniger auflagenstark sind, jedoch gemeinsam in etwa die gleiche Abdeckungsquote der Bevölkerung erreichen (vgl. Kapitel II.2), interessiert vor allem, welche anderen Themen die Aufmerksamkeitslandschaft der Gratis- sowie Sonntagszeitungen und jene der weniger auflagenstarken Boulevardtitel auszeichnen.

Sehr deutlich wird einmal mehr die starke Human-Interest- und Sportorientierung der Boulevardpresse (vgl. Darstellung II.2.18). Wie das Blick-Girl sind auf der Frontseite von Le Matin tägliche Beiträge in Form von allgemeinen Lebenshilfen («Guide») und Ratgebern, etwa zur Haltung von Tieren, ebenfalls repetitiv. Unfall, Verbrechen und Sport sind die weiteren Besonderheiten der Aufmerksamkeitslandschaft der Boulevardpresse. Bei den Gratiszeitungen sind die Spezialitäten ihrer Agenden – neben den Human-Interest-, Sport- und Kulturthemen (neueste Kinofilme) – die boulevardesken Politikthemen (Michelle Obama und Attacke auf Berlusconi) und lebensweltlich gut anschliessbare Politikthemen zur Arbeitslosigkeit und zur Lehrerausbildung. Die Sonntagszeitungen und das Magazin schenken auf den Frontseiten ausgesprochen stark umstrittenen, nationalen und bilateralen Politik- sowie Konfliktthemen besondere Aufmerksamkeit. Ihre Auswahl orientiert sich damit an Themen mit Konfliktpotential, die aber an politischen Prozessen orientiert sind.

Mit dieser Logik befördern die Sonntagszeitungen und das Magazin im Verbund mit der Gratis- und Boulevardpresse Themen, die ihre Dynamik durch die Darstellung besonders abweichender Einzelfälle erhalten. So ist das Kommunikationsereignis «Integrationspolitik Schweiz» auf allen Agenden unter den 20 grössten zu finden, ausser auf jener der Abonnementspresse, wobei fast ausschliesslich Repräsentanten von fundamentalistischen muslimischen Gruppen Aufmerksamkeit erhalten. Hier wird deutlich, dass die neueren Pressetypen (Gratis- und Sonntagszeitungen) wie die Boulevardzeitungen und das Magazin (Weltwoche) bei politischen Problemdefinitionen und Prozessen oft ausgesprochen punktuell intervenieren und dadurch öffentliche Debatten sowie politisches Handeln massiv beeinflussen. Mit Blick auf die wachsende Leserschaft, besonders der Gratiszeitungen, bedeutet dies, dass vor allem die junge Bevölkerungsgruppe der 15- bis 34-Jährigen mit Aufmerksamkeitslandschaften konfrontiert wird, in denen die Politik auf boulevardeske Weise und Themen unter einer lebensweltlichen Perspektive Resonanz erhalten.

Fazit

Insgesamt sorgen die Agenden der täglichen Abonnementszeitungen noch für eine nachhaltige Berichterstattung bei gesellschaftsrelevanten innenpolitischen Themen und – allerdings mit grossen Unterschieden – in der Beleuchtung aussenpolitischer bzw. weltinnenpolitischer Vorgänge. Die Gratis- und Boulevardmedien favorisieren deutlich den Sport, den personalisierbaren Konflikt und den Human Interest auch hinsichtlich politischer Akteure. Nutzergruppen der Boulevardmedien und jüngere Alterskohorten mit überdurchschnittlichem Konsum von Gratiszeitungen werden mit einer Agenda konfrontiert, in der gesellschaftsrelevante Themen zugunsten des Unterhaltenden und Partikulären in den Hintergrund treten. Die Sonntagszeitungen, das Magazin und auch die Boulevard- sowie Gratispresse intervenieren bei politischen und wirtschaftlichen Themen punktualistisch und spitzen die Berichterstattung auf das Spektakuläre und Abweichende hin zu. Der Newswert wird im harten Sonntagszeitungsmarkt aktiv bearbeitet.

Frontseiten: Sprachregionale Themenschwerpunkte

Eine Segmentierung des Publikums ist für die Schweiz durch die sprachregionalen Medienarenen von vornherein gegeben. Inwieweit werden die Sprachbarrieren überwunden, so dass ähnliche Relevanzstrukturen in der öffentlichen Kommunikation ausgebildet werden? Oder haben wir es mit unterschiedlichen Aufmerksamkeitslandschaften und damit Bedeutsamkeitsbewertungen zu tun? Von entscheidender Bedeutung ist diesbezüglich das politische System auf nationaler Ebene. Auf dieses richten sich die politischen Bestrebungen und Erwartungen hinsichtlich der allgemeinverbindlichen Lösung von Ordnungsproblemen, weil sich hier die Entscheidungskompetenzen bündeln und nationale Souveränitätsfragen stellen. Der Input von Problemen, der Throughput dieser Probleme durch die nationalen politischen Institutionen und der Output von Problemlösungen bilden die Aufmerksamkeitsfokusse, die der notwendigen sozialen, sachlichen und zeitlichen Synchronisierung öffentlicher Kommunikation in der Demokratie dienen.

Insbesondere in einem sprachregional segmentierten, konfessionell heterogenen, ausgesprochen föderalen Staatswesen wie der Schweiz, bilden die politischen Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene das massgebliche Integrationsmoment. Entsprechend schaffen Souveränitätsfragen wie die Europapolitik nach aussen (Tresch, 2008) und die Identitätspolitik nach innen sowie nationale Ordnungsprobleme sprachgrenzen-übergreifende Aufmerksamkeitsstrukturen. In diesen Fragen behandeln die Medien der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz – wie sich bei der Europapolitik zeigt (Tresch, 2008) – zur selben Zeit dieselben Probleme mit denselben Problemperspektiven. Zur Prüfung einer sprachregional übergreifenden Relevanz in der öffentlichen Kommunikation werden die Agenden der Presse jeweils pro Sprachregion berechnet und miteinander verglichen sowie je kontrastiert zur Schweizer Presseagenda.

Der Vergleich der sprachregionalen Agenden und ihr jeweiliger Kontrast zur gesamten Presseagenda zeigt dieses Bild der Aufmerksamkeitszentrierung über die Sprachregionen hinweg bei politisch brisanten Fragen (vgl. Darstellungen II.2.19, II.2.20 und II.2.21). Die grössten vier Kommunikationsereignisse sowie ein mittelgrosses Thema der Schweizer Presseagenda im letzten Quartal 2009 finden in allen Sprachregionen Aufmerksamkeit: die Minarettinitiative, die Libyenaffäre, die Schweinegrippe und die Konjunkturentwicklung. Ausserdem schafft es das weltinnenpolitische und nationale Thema Klimapolitik anlässlich der Konferenz in Kopenhagen ebenfalls in allen Sprachregionen auf die Agenda.

Nach diesen nationalen politischen Themen zeigt sich – vor allem, aber nicht nur dank der Gratis- und Boulevardmedien – die ausserordentliche Bedeutung von nationalen Sportereignissen für die schweizweite Synchronisierung von Aufmerksamkeit: Die bevorstehende Fussball-WM in Südafrika und die entsprechenden Qualifikationsspiele schaffen es auf alle Agenden, der Erfolg der schweizerischen U17-Mannschaft an der Weltmeisterschaft in Nigeria erzielt hohe Aufmerksamkeitswerte in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, und die Eishockeymeisterschaft sowie der Skiweltcup schaffen dasselbe in der italienisch- und französischsprachigen Schweiz.

Neben den nationalen politischen Konflikten und Bedrohungen und dem Sport überwiegen jedoch die Unterschiede. Die Arena der deutschsprachigen Schweiz beschäftigt sich deutlich am meisten mit Ereignissen, die die ganze Schweiz betreffen. Dieser starke Fokus auf nationale Politik- und Wirtschaftsthemen (Gesundheitsreform, Rüstungsprogramm, SBB und Konjunkturverlauf) verdankt sich Titeln der Abonnementspresse wie etwa der Basler Zeitung oder der Südostschweiz, die im Vergleich etwa mit 24 heures oder der Tribune de Genève jeweils (auch) nationale Fragen breit thematisieren.

Auffallend ist die «Insularität» der Pressearena der französischsprachigen Schweiz: Während die Aufmerksamkeitsstrukturen in der deutsch- und der italienischsprachigen Schweiz, trotz unterschiedlicher Gewichtung, immerhin noch innen- und aussenpolitische Themen gemeinsam beinhalten (Druck auf den Finanzplatz Tessin, Gesundheitsreform und Krieg in Afghanistan), ist die Aufmerksamkeitslandschaft in der französischsprachigen Schweiz mit Ausnahme des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und Frankreich, das auch die Presse der italienischsprachigen Schweiz prominent thematisiert, im Vergleich zu den anderen Sprachregionen autark. Gleichzeitig ist sie ausgesprochen stark am französischen Kulturraum sowie an französischen und europäischen Politikagenden orientiert. Entsprechend schaffen es nur hier der Unfall Johnny Hallydays, die Verhaftung Roman Polanskis, der Tod des Literaten Jacques Chessex und die Neubesetzung von Spitzenfunktionen in der EU unter die wichtigsten Kommunikationsereignisse. Beim Rest der Spitzenthemen handelt es sich um solche mit (sprach-)regionalen Bezügen (Staatsratswahlen Kanton Genf, Mouvement Citoyens Genevois) oder um Lebenshilfeserien der Boulevardpresse.

Eine geringere Orientierung am «Next-Door Giant» Italien zeigt sich für die Presseagenda der italienischsprachigen Schweiz. Der Druck auf den Finanzplatz Tessin dominiert als unmittelbares Konfliktereignis mit dem «Next-Door Giant» die Presseagenda und auch das Strafverfahren Berlusconis erscheint noch auf der zwanzigsten Position. Ausgeprägt ist dafür die Binnenaufmerksamkeit der Pressearena der italienischsprachigen Schweiz. Ein Viertel der Agenda sind binnenorientierte Kommunikationsereignisse (AET-Affäre Brunett, Haushaltspolitik Kanton Tessin, FDP Kanton Tessin, Situation Prostitution im Kanton Tessin), d.h. auf die eigene (Sprach-)Region fokussierte Kommunikationsereignisse. Hinsichtlich der Aufmerksamkeit für national relevante Themen nimmt die italienischsprachige Schweiz eine Mittelstellung zwischen der deutschsprachigen Schweiz und der diesbezüglich deutlich abfallenden französischsprachigen Schweiz ein. In der italienischsprachigen Schweiz ist ein Fünftel der Agenda auf nationale Fragen hin orientiert, während die Arena der französischen Schweiz nur zu einem Zehntel national fokussierte Kommunikationsereignisse aufweist.

Die italienischsprachige Pressearena ohne Vertreter des Typs Gratis- und Boulevardpresse thematisiert darüber hinaus mit den Kommunikationsereignissen zur Finanzmarktkrise und zur Finanzmarktregulierung weltinnenpolitische bzw. innenpolitische Problemlagen. Umgekehrt sind die Agenden der zwei diversifizierten Pressearenen mit Boulevard- und Gratisvertretern am stärksten mit boulevardsken Themen und Sportereignissen durchsetzt: Auf der Presseagenda der französischsprachigen Schweiz erscheinen zu einem Fünftel Sport- und zu einem Zehntel Boulevardthemen, während jene der deutschsprachigen Schweiz zu rund je einem Siebtel Boulevard- und Sportthemen aufweist. Generell ist der Human Interest in der Presse primär (sprach-)regional orientiert. Je mehr Geltung also Human-Interest-Themen erhalten, desto kleiner werden die Aufmerksamkeitshorizonte, die die Sprachregionen überwölben. Dasselbe gilt evidenterweise für die Regionalisierung der Aufmerksamkeit, einer gewichtigen Strategie der Medienunternehmen im Kampf um Konsummärkte.

Fazit

Geteilte Aufmerksamkeit ist der wichtigste Faktor nationaler Integration. Nimmt man die Resultate des Agendenvergleichs der Pressearenen der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz, dann wird die Nation durch Souveränitätsprobleme (Libyenaffäre), Bedrohungen (Schweinegrippe, Klima und Konjunktur), Auseinandersetzungen in der direkten Demokratie (Minarettinitiative) und durch Sportereignisse zusammengehalten. Hohe Personalisierungswerte und bilateraler Streit (Libyen), Bedrohungen, identitätspolitische Auseinandersetzungen (Minarettinitiative) und Sport haben gute Chancen, nationale Aufmerksamkeit zu generieren.

Die wichtigsten Unterschiede lassen sich wie folgt benennen: Die Eigenlogik der Pressearena der französischsprachigen Schweiz ist auffallend hoch, was im Untersuchungszeitraum zur kleinsten national orientierten Agenda aller drei Sprachregionen führt. Der «Next-Door Giant»-Effekt wirkt hier am stärksten und gleichzeitig sind die regionalen Aufmerksamkeitsbezüge unter den 20 grössten Kommunikationsereignissen ausgeprägter als in der deutschsprachigen Schweiz. Demgegenüber ist die Presseagenda der italienischsprachigen Schweiz am meisten binnenorientiert, d.h. auf die eigene (Sprach-)Region gerichtet und im Vergleich zu den Bezügen der französischsprachigen Schweiz zu Frankreich weniger auf Italien fokussiert. Die deutschschweizerische Pressearena lässt im untersuchten Zeitraum keinen «Next-Door Giant»-Effekt erkennen.

In den diversifizierten Medienmärkten der französisch- und deutschsprachigen Schweiz mit starken Vertretern der Boulevard- und Gratispresse ist der Anteil von Sport- und Human-Interest-Themen ausserordentlich hoch: Acht bzw. sechs der 20 grössten Kommunikationsereignisse befassen sich mit Softnews. Von der grossen Tradition der schweizerischen Publizistik in der Auslandsberichterstattung ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Schweiz ist ausgerechnet in der Ära der Globalisierung weltinnenpolitisch dümmer geworden; freilich unterscheidet sie sich darin nicht (mehr) von anderen Zentrumsnationen.

Lesehilfe II.2.12
Lesehilfe II.2.12

Politikressort – Beitragsfokus auf Sozialebenen

Die Darstellung zeigt für das Politikressort jeden Pressetyps die prozentualen Anteile der thematisierten Sozialebenen. Sie basiert auf allen Beiträgen des Politikressorts der Tagesstichprobe vom 25. November 2009, mit Ausnahme der Kategorie «nicht anwendbar» (n = 739).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Pressetypen haben die Gratis- (23%) und Boulevardpresse (19%) den höchsten Anteil privatisierender Berichterstattung (Mikro rollenfern) im Politikressort.

Lesehilfe II.2.13
Lesehilfe II.2.13

Wirtschaftsressort – Beitragsfokus auf Sozialebenen

Die Darstellung zeigt für das Wirtschaftsressort jeden Pressetyps die prozentualen Anteile der thematisierten Sozialebenen. Sie basiert auf allen Beiträgen des Wirtschaftsressorts der Tagesstichprobe vom 25. November 2009, mit Ausnahme der Kategorie «nicht anwendbar» (n = 311).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Pressetypen thematisiert die Abonnementpresse im Wirtschaftsressort mit 51% am stärksten volkswirtschaftlich bzw. gesellschaftlich relevante Vorgänge (Makro).

Lesehilfe II.2.14
Lesehilfe II.2.14

Newsressort – Beitragsfokus auf Sozialebenen

Die Darstellung zeigt für das Newsressort jeden Pressetyps die prozentualen Anteile der thematisierten Sozialebenen. Sie basiert auf allen Beiträgen des Newsressorts der Tagesstichprobe vom 25. November 2009, mit Ausnahme der Kategorie «nicht anwendbar» (n = 471).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Pressetypen hat die Berichterstattung der Abonnementpresse im Newsressort mit einem gesellschaftlichen (Makro = 45%) und institutionellen bzw. organisationalen (Meso = 25%) Thematisierungsanteil die höchste Relevanz.

Lesehilfe II.2.15
Lesehilfe II.2.15

Frontseite – Beitragsfokus auf Sozialebenen

Die Darstellung zeigt für die Frontseiten jeden Pressetyps die prozentualen Anteile der thematisierten Sozialebenen. Sie basiert auf allen Beiträgen der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009, mit Ausnahme der Kategorie «nicht anwendbar» (n = 4720).

Lesebeispiel: Im Vergleich der Pressetypen hat die Boulevardpresse auf ihren Frontseiten mit 38% den höchsten Anteil privatisierender Berichterstattung (Mikro rollenfern).

Lesehilfe II.2.16
Lesehilfe II.2.16

Presseagenda Schweiz – fokussierte Sozialebenen der Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Pressearena Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die gestapelten Balken geben für jedes KE den Anteil der fokussierten Sozialebenen an der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE an. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen zu den Top-20-KE der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 1313).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Minarettinitiative erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit (Rang 1) in der Schweizer Pressearena. Auf die Minarettinitiative entfallen 14.2% der Berichterstattung der Top-20-KE. Die Thematisierung dieses KE auf der Makroebene nimmt 9.8% der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE ein (bzw. 69% innerhalb des KE).

Lesehilfe II.2.17
Lesehilfe II.2.17

Presseagenda Schweiz – Aufmerksamkeitslandschaften der Pressetypen bei den Top-20-Kommunikationsereignissen

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Pressearena Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die Balken zeigen für jeden Pressetyp die Abweichung vom durchschnittlichen Anteil des KE an der Gesamtberichterstattung der Top-20-KE. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen zu den Top-20-KE der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 1313).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Minarettinitiative erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit (Rang 1) in der Schweizer Pressearena. Auf die Minarettinitiative entfallen 14.2% der Berichterstattung der Top-20-KE (vgl. Darstellung II.2.16). Innerhalb der Agenda der Boulevardpresse beträgt die Resonanz dieses KE 6.6% und ist damit um 7.6%-Punkte tiefer als in der Agenda Presse Schweiz.

Lesehilfe II.2.18
Lesehilfe II.2.18

Agenden der Pressetypen – spezifische Themenschwerpunkte

Die Darstellung zeigt pro Pressetyp die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) gemessen am Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE innerhalb eines Pressetyps. Abgebildet werden davon diejenigen KE, die nur in einem der vier Pressetypen zu den Top-20-KE gehören. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE in den jeweiligen Pressetypen (n = 1460).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Neuordnung in Afghanistan zieht im Untersuchungszeitraum innerhalb der Top-20-KE der Agenda der Abonnementpresse im Untersuchungszeitraum 4.9% der Resonanz auf sich. Dieses KE – wie auch vier weitere KE – gehört nur bei den Abonnementzeitungen, nicht aber bei den anderen drei Pressetypen, zu den Top-20-KE.

Lesehilfe II.2.19
Lesehilfe II.2.19

Presseagenda der Deutschschweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Presse in der Deutschschweiz. Die KE sind hierarchisiert nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE. Die dunkelgrauen Balken geben für jedes KE den Anteil der Berichterstattung an der Gesamtberichterstattung der Top 20 innerhalb der Presse der Deutschschweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda der Presse aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Pressearena Deutschschweiz n = 902; Pressearena Schweiz n = 1295)

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Minarettinitiative erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit. Auf die Minarettinitiative entfallen in der Pressearena Deutschschweiz 12.8% der Berichterstattung der Top-20-KE und damit eine um 2.4%-Punkte unterdurchschnittliche Resonanz im Vergleich mit der Pressearena Schweiz (14.2%).

Lesehilfe II.2.20
Lesehilfe II.2.20

Presseagenda der französischsprachigen Schweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Presse in der französischsprachigen Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE hierarchisiert. Die orangefarbenen Balken geben den Anteil der Presse innerhalb der französischsprachigen Schweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda der Presse aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31.Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Pressearena französischsprachige Schweiz n = 344; Pressearena Schweiz n = 1022).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Libyenaffäre erhält im Untersuchungszeitraum hohe Aufmerksamkeit (Rang 2). Auf die Libyenaffäre entfallen in der Pressearena der französischen Schweiz 11.1% der Berichterstattung der Top-20-KE und damit eine um 2.1%-Punkte überdurchschnittliche Resonanz im Vergleich mit der Pressearena Schweiz (9%).

Lesehilfe II.2.21
Lesehilfe II.2.21

Presseagenda der italienischsprachigen Schweiz – Top-20-Kommunikationsereignisse

Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) der Presse in der italienischsprachigen Schweiz. Die KE sind nach ihrem Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top 20 KE hierarchisiert. Die roten Balken geben den Anteil innerhalb der Presse der italienischsprachigen Schweiz an, die hellgrauen Balken den Anteil auf der Agenda der Presse aller Sprachregionen zusammen. Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Frontseitenanalyse vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE (Pressearena italienischspraachige Schweiz n = 182; Pressearena Schweiz n = 1013).

Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Druck auf Finanzplatz Tessin erhält im Untersuchungszeitraum die höchste Aufmerksamkeit (Rang 1). Auf den Finanzplatz Tessin entfallen in der Pressearena der italienischsprachigen Schweiz 17.6% der Berichterstattung der Top-20-KE und damit eine um 12.6%-Punkte überdurchschnittliche Resonanz im Vergleich mit der Pressearena Schweiz (5%).