II.2 Qualitätsvalidierung
Die Validierung der Qualität der Medienberichterstattung erfolgt anhand der vier Dimensionen Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Die empirische Basis bildet jeweils die Analyse des Informationsangebots auf der Basis aller publizierten Beiträge der untersuchten Pressetitel während einer natürlichen Woche einerseits und ihrer Frontseitenbeiträge im letzten Quartal 2009 andererseits. Der Qualitätsindikator Vielfalt (Kapitel II.2.1) begründet sich durch den Anspruch auf die Universalität der Öffentlichkeit. Er wird anhand der Vielfalt der Ressorts, der fokussierten Themenbereiche und der geografischen Bezugsräume gemessen. Relevanz (Kapitel II.2.2) wird über die Abdeckung der zentralen Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur operationalisiert und über die Bezüge, die in der Berichterstattung auf gesellschaftliche Prozesse und auf Organisationen (Makro/Meso) statt auf individuelle Befindlichkeiten (Mikro) gemacht werden. Der Qualitätsindikator Aktualität (Kapitel II.2.3) wird – in Abgrenzung zu seinem umgangssprachlichen Gebrauch – operationalisiert, indem der Anteil der thematisch orientierten Berichterstattung gemessen wird, die aktuelle Ereignisse in längerfristige Ursachen- und Wirkungszusammenhänge einbettet und so Kontextwissen vermittelt. Professionelle Qualität (Kapitel II.2.4) – wie sie hier gemessen wird – bedeutet: Quellentransparenz, redaktionelle Eigenleistung, sachgerechter und ausgewogener Einsatz journalistischer Darstellungsformen und Vermittlung in einem überwiegend sachlich-argumentativen, d.h. kognitiv-normativen Stil.
Sprachregionale Arenen und Auswahl der Pressetitel für die Inhaltsanalyse
Der Pressemarkt der deutschsprachigen Schweiz ist mit 16 Abonnements-, 1 Boulevard-, 3 Gratis- sowie 6 Sonntagszeitungen und Magazinen am meisten diversifiziert (vgl. Darstellung II.2.1). Im sprachregionalen Vergleich ist die hohe Zahl von 5 Sonntagszeitungen sowie einem Magazin (Weltwoche) auffallend. Durch die Einstellung von News und .ch ging die Anzahl der Gratistitel 2009 auf 2 zurück. Von diesen insgesamt 26 Pressetiteln wurden 14 für die Inhaltsanalyse ausgewählt. Die 14 ausgewählten Titel erreichen mit Ausnahme des Boulevards pro Pressetyp rund 10 bis 15% der sprachregionalen Bevölkerung. Ein ähnliches Verhältnis der Bevölkerungsabdeckung zeigt sich auch für die ausgewählten Titel der französisch- und italienischsprachigen Region. Die beiden Boulevardzeitungen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz decken nur knapp 5% der Bevölkerung ab.
Die französischsprachige Schweiz weist ebenfalls einen diversifizierten Pressemarkt auf, allerdings vereint dieser «nur» 12 Abonnements-, 1 Boulevard-, 2 Gratis- sowie 2 Sonntagszeitungen und Magazine. Obwohl also der französischsprachige Pressemarkt nur knapp ein Drittel der Titel des deutschschweizerischen Pressemarktes umfasst, erreichen diese in allen Pressetypen dieselbe Abdeckungsquote hinsichtlich der Bevölkerung. Kleinere Pressemärkte führen daher nicht zu einer schlechteren Abdeckung der Bevölkerung. Auffallend ist die hohe Auflagenzahl der beiden Gratistitel. Die Zahl sinkt 2010, da Le Matin Bleu im Herbst 2009 eingestellt wurde und diese Einstellung einen Leserverlust nach sich zog.
Der Pressemarkt in der italienischsprachigen Schweiz ist aufgrund seiner geringen Grösse am wenigsten diversifiziert. Des Weiteren scheint hier auch das Konsumverhalten des grossen Nachbarn Italien eine Rolle zu spielen. Die Pressekonsumrate in Italien ist deutlich niedriger als z.B. diejenige in Deutschland, dafür ist die TV-Nutzung sehr hoch (Hasebrink/Herzog, 2009, S. 141, 144); ein Befund, der sich auch für die italienischsprachige Schweiz feststellen lässt (vgl. Kapitel IV.1.1). Boulevard- und täglich erscheinende Gratistitel sind hier nicht zu finden. Allerdings werden die Sonntagszeitungen Il Caffè und Il Mattino della Domenica gratis verteilt, was auch die hohe Auflagenzahl der Sonntagszeitungen in der italienischsprachigen Schweiz erklärt. Im Gegensatz zur deutsch- und französischsprachigen Schweiz, auf deren Pressemärkten starke medienökonomische Konzentrationstendenzen zu beobachten sind, ist der Pressemarkt der italienischsprachigen Schweiz diesbezüglich diversifizierter. Hinter den sechs für die Untersuchung relevanten Titeln stehen vier Medienunternehmen.
Auswahl der Pressetitel für die Inhaltsanalyse
Um die Qualität inhaltsanalytisch zu überprüfen, wird aus allen Pressetiteln, die gemäss dem Kriterium der Reichweite von mindestens 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung erfasst worden sind (vgl. vorangehendes Kapitel «Publizistische Versorgung»), eine Auswahl getroffen (vgl. Darstellung II.2.2). Diese Auswahl orientiert sich am Aufkommen der Pressetypen in den drei Sprachregionen und bedeutet eine proportionale Reduktion entlang der Pressetypen in den Sprachregionen. Berücksichtigt werden je die grössten Vertreter pro Pressetyp und Sprachregion, allerdings mit Bevorzugung von Pressetiteln, wenn diese insgesamt eine möglichst umfassende regionale Abdeckung gewährleisten.
Das für die Inhaltsanalyse ausgewählte Sample vereint insgesamt 22 Pressetitel, hinsichtlich der Sprachregionen 14 deutsch-, 6 französisch- und 2 italienischsprachige Titel sowie in Bezug auf die Pressetypen 11 Abonnements-, 2 Boulevard-, 2 Gratis- und 7 Sonntagstitel bzw. Magazine. Die gemäss den genannten Kriterien getroffene Auswahl der Pressetitel, die im Folgenden hinsichtlich ihres Inhalts analysiert werden, führt zu einer leichten Übervertretung der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz. 72% der Schweizer Bevölkerung leben in der deutschsprachigen, 24% in der französischsprachigen und 4% in der italienischsprachigen Schweiz. Bei der Auswahl der Medien im Pressebereich sind 64% der Titel aus der deutschsprachigen, 27% aus der französischsprachigen und 9% aus der italienischsprachigen Schweiz.