Zusammenfassung
Esther Kamber, Kurt Imhof, Mark Eisenegger
Die Presse ist die traditionelle Trägerin öffentlicher Kommunikation. Insbesondere in Gestalt der Abonnementszeitungen verdanken wir ihr nach wie vor die differenziertesten Aufmerksamkeitslandschaften und die nachhaltigste Berichterstattung. Verglichen mit den Abonnementszeitungen sind die Agenden der Informationssendungen von Radio und Fernsehen wesentlich kurzlebiger und umfassen engere Nachrichtenhorizonte. Allerdings kann sich auch die Presse der generellen Entwicklungsdynamik in der gesamten Medienarena nicht entziehen. Die Presse ist einem erhöhten Aktualitätsdruck und einer verschärften Newsorientierung ausgesetzt und reagiert auch aus Gründen des Kostendrucks mit einer steigenden Übernahme vorgefertigter Informationen. Wesentlich ist dabei auch ihre Verlängerung ins Internet in Form von Newssites, in denen die Newsagenda schneller getaktet ist. Generell auffallend sind die tiefen Anteile rechercheintensiver Berichte, die moralisch-emotionale Aufladung der Frontseite und, bezüglich der Gesamtagenda der Schweizer Presse, die grosse Wahrscheinlichkeit, dass Sportereignisse, personalisierbare Konflikte und Bedrohungsszenarien unter die grössten zwanzig Kommunikationsereignisse in allen drei grossen Sprachregionen gelangen.
Die Untersuchung der Topografie der Schweizer Presselandschaft und der Aufmerksamkeitslandschaften der Pressetypen (Abonnements-, Gratis-, Boulevard-, Sonntagszeitungen und Magazin) erbringt die folgenden zentralen Resultate:
-
Pressekrise: Die im Jahr 2001 beginnende Einnahmekrise, vor allem der Abonnementspresse, wird im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise weiter verschärft und erfasst die gesamte Informationspresse. Der inzwischen fast vollständig ökonomisierten Informationspresse bricht die Finanzierungsgrundlage weg. Sowohl die Auflagen als auch die Werbeeinnahmen sind rückläufig. Durch den Auflagen- und Einnahmenrückgang findet ein Verdrängungskampf zwischen den Pressetypen statt. Im Wettbewerb um die 2009 weiter gesunkenen Werbeeinnahmen hat die Gratispresse in der französischsprachigen Schweiz bereits vor allen anderen Typen der Informationspresse die grösste Verbreitung erreicht. Diese Selbstkonkurrenzierung der Informationspresse durch die Gratiszeitungen verschlechtert die Situation vor allem für Boulevard- und Abonnementszeitungen. Die branchenfremden Newssites im Internet bilden eine zusätzliche Konkurrenz, während die brancheneigenen Newssites, wenn überhaupt, dann viel zu wenig Einnahmen generieren, um einen qualitativ hochwertigen Journalismus aufrechterhalten zu können.
-
Konzentration, Abbau, Zielgruppenfokussierung, Abschichtung: Diese Krise der Informationspresse verschärft die bereits hohe Konzentrationsdynamik zusätzlich. Fusionen, Abbau, Umbau und Zusammenlegungen von Redaktionen, die Reduktion von Korrespondentennetzen sowie die weitere Verbreitung des Mantelzeitungswesens nehmen weiter zu. Die Fusion zwischen Tamedia und Edipresse, die Neuformierung der Besitzverhältnisse in der Region Zürich und der Ostschweiz zwischen Tamedia und der Freien Presse Holding AG (NZZ-Gruppe) auch auf Kosten unabhängiger Anbieter, der Abbau des Korrespondentennetzes bei der NZZ sowie die Teilzusammenlegung der Redaktionen von Tages-Anzeiger und Bund sind die prominentesten Beispiele dieser Entwicklung. Neben den genannten Massnahmen reagieren die Verlage auf die Herausforderung sinkender Einnahmen mit der Etablierung von Newssites im Internet, mit crossmedialen Mehrfachverkäufen der gleichen Inhalte, mit dem vermehrten Einkauf vorgefertigter Inhalte sowie mit einer verstärkten Zielgruppenfokussierung. Dies führt insgesamt zu einer Abschichtung des Medienangebots im Hinblick auf Bildungsschichten und Generationenkohorten. Die Medien der Gattung Presse orientieren sich in der Auswahl, Darstellung und Interpretation der Nachrichten zunehmend stärker am Medienkonsumenten und immer weniger am Staatsbürgerpublikum.
-
Journalismus: Die Entprofessionalisierungstendenzen in Form des Abbaus ganzer Redaktionen und Ressorts sowie der Verlust an Recherchekapazität und -kompetenz unterminiert das journalistische Berufsprestige. Die ressourcenintensiven Vermittlungsformate Porträt und Reportage sind selten anzutreffen. Dadurch steigt die Unzufriedenheit mit der eigenen Berufssituation im Printbereich, insbesondere bei den Journalisten arrivierter Titel.
-
Abonnementszeitungen: Bei den Abonnementszeitungen verstärken sich die Unterschiede zwischen den überregionalen und den regionalen Titeln. Die regionalen Abonnementszeitungen vernachlässigen die nationale und internationale Politik-, Wirtschafts- und auch die Kulturberichterstattung und verfolgen eine Strategie der Regionalisierung und der Boulevardisierung des Informationsangebots. Diese regionale Zielgruppenfokussierung geht mit einer verstärkten Bewirtschaftung lebensweltlicher, beratender und unterhaltender Aspekte einher. Bei den überregionalen Abonnementszeitungen werden Korrespondentennetze und Redaktionsstrukturen abgebaut bzw. zusammengefasst. Darunter leidet insbesondere die Auslands- sowie die (Auslands-)Wirtschaftsberichterstattung. Die grosse Tradition der schweizerischen Publizistik in der Auslandsberichterstattung bricht ausgerechnet in der Ära der Globalisierung ein.
-
Gratiszeitungen: Die regionalen Abonnementszeitungen geraten in einen verschärften Wettbewerb mit der Gratispresse. Unter Bedingungen tiefer Zahlbereitschaft für Information und gleichzeitiger Nivellierung der Qualität wird der Transfer zu den Gratistiteln befördert, die insbesondere das junge Publikum erreichen, das weit unterdurchschnittlich Abonnementszeitungen nutzt und durch die Sozialisationseffekte durch die Gratismedien (Gratiszeitungen/Online) nur schwer für die anforderungsreicheren und weniger unterhaltenden Abonnementszeitungen zu gewinnen sind. Die Gratiszeitungen drücken die publizistische Qualität am meisten nach unten. Im Vergleich der Pressetypen betreiben Gratisblätter eine ausgeprägte Boulevardisierung und Eventisierung, Privatisierung, Personalisierung und Konfliktstilisierung der Berichterstattung, sorgen für ein grosses Angebot an Infotainment und unterhalten ein wenig nachhaltiges, ausgesprochen episodisches Newsmanagement. Die Welt ausserhalb der Schweiz erscheint in Gestalt von Krieg und Affären und die Wirtschaftsberichterstattung bleibt ausschliesslich auf das Episodische begrenzt. Bei den Gratiszeitungen sind auch die Professionalitätsdefizite hinsichtlich Quellentransparenz und redaktioneller Eigenleistung und die Abhängigkeit von Agenturmeldungen am grössten.
-
Boulevardzeitungen: Durch die Vervielfältigung des Human Interest in allen Informationsmedien und darüber hinaus im Social Web präsentiert sich die Boulevardpresse in einer besonders misslichen Lage hinsichtlich dieser Kernkompetenz. In diesem Bereich stellen die Gratiszeitungen für die Boulevardzeitungen die grösste Bedrohung dar, deren Newsmanagement ebenfalls episodisch sowie auf Human Interest fixiert ist. Durch die Gratiskultur beim Human Interest schrumpft die Zahlungsbereitschaft für die Boulevardzeitungen, die im Rahmen einer Vorwärtsstrategie in der Entwicklung von Crossmedia und der Errichtung eines Newsrooms den Journalismus unter Multikanalbedingungen am stärksten vorantreiben.
-
Sonntagszeitungen/Magazin: Zwischen dem jüngsten Pressetyp der Gratiszeitung und dem ältesten Typ der Abonnementspresse positionieren sich die Sonntagszeitungen – mit Ausnahme des Sonntagsboulevards – und das berücksichtigte Magazin. Die Sonntagszeitungen ähneln ihren «Schwesterblättern» von der Abonnementspresse und sorgen für ein vergleichsweise differenziertes und relevantes, wenn auch weniger nachhaltiges Informationsangebot. Der Aufmerksamkeitswettbewerb im Sonntagsmarkt führt allerdings im Vergleich zu den Abonnementszeitungen zu einer stärkeren Personalisierung, Konfliktstilisierung und moralisch-emotionalen Aufladung der Berichterstattung. Enthüllungen und Skandale sind die Spezialität der Sonntagszeitungen, wobei sie sich stark auf nationale Politik- und Wirtschaftsthemen konzentrieren. Der Verlust an Aussenberichterstattung wird durch die Sonntagszeitungen nicht wettgemacht. Ebenfalls binnenorientiert und als Nischenerscheinung ideologisch stark aufgeladen ist das untersuchte Magazin Die Weltwoche. Sie bewirtschaftet ihre Themen ausgeprägt thesenjournalistisch und in einem stark moralisch-emotionalen Modus. Darin übertrifft sie sogar den SonntagsBlick.