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IV.2 Qualitätsvalidierung
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IV.2.3 Aktualität

Der Qualitätsindikator der Aktualität begründet sich durch den Anspruch, dass Informationsmedien trotz des Drucks, «neueste Nachrichten» zu vermitteln, auch Kontext- und Hintergrundinformation bereitstellen sollen. Aktualität bemisst sich daher nicht bloss daran, über Ereignisse zuerst (Primeur) bzw. möglichst rasch zu berichten (vgl. Rager, 2000, S. 80). Vielmehr soll der schnelle Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft nicht zu einer punktualistischen, kontextlosen Berichterstattung führen. Um diesen Qualitätsanspruch zu überprüfen, werden die Nachrichtensendungen, Foren und Magazine des privaten und öffentlichen Fernsehens detailliert untersucht. Denn nur wenn der Sendeumfang eine ausgedehnte Einordnung des Geschehens erlaubt, sind die Voraussetzungen für eine nicht nur auf Episoden ausgerichtete Berichterstattung gegeben.

Für die Beitragsanalyse wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen. Berichte mit einem episodischen Charakter stellen Einzelfälle oder Ereignisse ins Zentrum und vermitteln isoliert betrachtetes Geschehen. Berichte mit einem thematischen Charakter ordnen hingegen Ereignisse und Sachverhalte ein, d.h. sie fokussieren längerfristige Prozesse und übergeordnete Bezugsprobleme. Diese Qualitätsvalidierung wird auf zwei Ebenen vorgenommen.

1. Informationsangebotsanalytik: Untersucht werden zu diesem Zweck die Nachrichtensendungen, die auf Hintergrundinformation spezialisierten Magazine sowie Forumssendungen öffentlicher und privater Fernsehanbieter basierend auf einer Wochenstichprobe im Zeitraum vom 23. bis zum 29. November 2009.

2. Aufmacheranalytik: Die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung werden mit Hilfe einer Beitragsanalyse untersucht. Die Unterscheidung der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung wird basierend auf allen Beiträgen im letzten Quartal 2009 realisiert.

Aktualität

Eine aktuelle und trotzdem hochwertige Berichterstattung lässt sich nach dem aktualisierten Zeithorizont unterscheiden. Qualitativ hochwertig ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursachen- und Wirkungszusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen auf Messers Schneide der Gegenwart dar und interpretiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen. Die Forums-, Legitimations-, Kontroll- und Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation kann daher nur erfüllt werden, wenn der Temporalität politischen und wirtschaftlichen Handelns in der Berichterstattung Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsberichterstattung nicht gewährleisten.

IV.2.3.1 Informationsangebotsanalyse

Esther Kamber

Im Rahmen des Vergleichs des Informationsangebots werden pro Fernsehveranstalter in einem ersten Schritt alle Sendungen erfasst, die als Nachrichten-, Magazin- oder Forumsformat identifiziert werden können. In einem zweiten Schritt werden diese Informationsformate inhaltlich analysiert und gemäss ihrer Ausrichtung auf gemischte News, Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder Human Interest klassifiziert. Damit werden in der Informationsangebotsanalytik alle Informationsformate, d.h. über die Informationsformate mit gesellschaftspolitischem Fokus – zumeist Nachrichten mit gemischten News – hinaus, auch diejenigen berücksichtigt, die sich speziell auf Wirtschaft, Kultur, Sport oder Human Interest konzentrieren (vgl. Kapitel IV.1). Erst dadurch wird das Spektrum des Informationsangebots im Fernsehen sichtbar und die Informationsangebote zwischen den Gattungen vergleichbar.

Informationsangebot und Informationsformate

Das Informationsangebot im Fernsehen wird aufgrund der zunehmenden Vermischung von Information und Unterhaltung (Infotainment) wie folgt eruiert und inhaltlich klassifiziert.

Als Informationsformate im engeren Sinn werden Sendungstitel berücksichtigt, die die klassischen Formate der Informationsvermittlung und Meinungsbildung darstellen. Anhand formaler Kriterien werden die Informationsformate Nachrichten, Magazin und Forum unterschieden und ihr Aufkommen gemessen.

Ausserdem werden alle eruierten Informationsformate des Typs Nachrichten, Magazin und Forum inhaltlich evaluiert und als Sendungen gemäss ihrem Fokus auf die Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Human Interest bzw. News (gemischte Inhalte) klassifiziert.

Die gemischten News im Format der Nachrichten sind auch beim Fernsehen – wie beim Radio – die gängigste Weise der Informationsvermittlung. Im Zuge der Diversifizierung der Medieninhalte hat sich das Format Nachrichten spezialisiert, indem Sendungen bezüglich Wirtschaft oder Sport ebenfalls im Nachrichtenformat stattfinden. Das vertiefende Format des Magazins sowie das Forum als Format der Diskussion sind im Fernsehen inhaltlich unterschiedlich ausgerichtet. Sie können sich beide innerhalb einer Sendung oder über diese hinweg verschiedenen Themen zuwenden – ihr Inhalt wird dann als gemischte News klassifiziert – oder sich ausschliesslich auf bestimmte Gesellschaftssphären fokussieren.

Der Qualitätsindikator Aktualität bezieht sich in der Informationsangebotsanalytik auf die gemischten Nachrichtenformate und die für die öffentliche Kommunikation wesentlichen, inhaltlich spezialisierten Magazine und Diskussionsforen. Dabei werden erstens die gemischten Nachrichtenformate detailliert untersucht, indem Nachrichtentypen unterschieden und ihr Anteil im Wochenangebot verglichen wird. Von Interesse ist, inwieweit das Newsangebot derart programmiert wird, dass die Voraussetzung für eine längerfristige und einordnende Berichterstattung geschaffen wird. Zweitens zeigt der detaillierte Vergleich der inhaltlichen Ausrichtung von Magazinen und Foren auf die für die öffentliche Kommunikation wesentlichen Informationsbereiche – News, Politik, Wirtschaft und Kultur –, in welchen Bereichen eine kontextuierende Berichterstattung ermöglicht wird. Die so operationalisierte Aktualitätsorientierung wird im Vergleich der privaten und öffentlichen Fernsehsender analysiert und bei den ersten Programmen des öffentlichen Fernsehens hinsichtlich sprachregionaler Unterschiede vertieft.

Nachrichtentypen des Newsangebots: Vergleich des privaten und öffentlichen Fernsehens

Bei der Umfangsvalidierung der gemischten Nachrichtenformate hinsichtlich der Möglichkeit vertiefender kontextuierender Berichterstattung werden verschiedene Typen von Nachrichtenformaten unterschieden: Hauptnews (Hauptausgaben), Kurznews (<10 Min.) und Regionalnews. Im Vergleich des gemischten Nachrichtenangebots schaffen höhere Anteile von Hauptnews und Regionalnews die Voraussetzung für eine einordnende thematische Berichterstattung, während hohe Anteile an Kurznews eine primär episodische Berichterstattung nach sich ziehen.

Die Programmierung von Newssendungen unterscheidet sich im Fernsehen wesentlich von jener des Radios. Beim Letzteren sind die Newssendungen hoch repetitiv und häufig kurz (vgl. Kapitel III.2.3.1), während diese im Fernsehen täglich aus einer oder wenigen Ausgaben bestehen, aber deutlich länger sind (vgl. Darstellung IV.2.26). Der Dauerstrom des Radios existiert beim Fernsehen nicht. Kurznews im Fernsehen dienen fast ausschliesslich der Ankündigung der folgenden Hauptsendung in Form der wichtigsten Schlagzeilen. Beim privaten Fernsehen konzentriert sich das Newsangebot auf eine (werk-)tägliche Hauptausgabe: Ticino News von Tele Ticino, Le Journal von Léman Bleu, Aktuell von Tele M1 und Züri News von Tele Züri. In diesen Hauptausgaben wird auch über nationale und manchmal internationale Ereignisse berichtet. Regionalnews mit engem geografischem Fokus senden über die Hauptausgabe hinweg nur Tele Züri im an Züri News anschliessenden Format Züri Info, wobei der Moderationseinsatz gleichbleibt. Die öffentlichen Fernsehanstalten senden im Gegensatz hierzu mehrere Hauptausgaben pro Sendetag und auch beachtliche Anteile an Regionalnews.

Die ersten Programme des öffentlichen Fernsehens der drei Sprachregionen beginnen mit der Ausstrahlung von Hauptausgaben am Morgen. Eine Ausnahme bildet SF1, das die ersten Nachrichten am Mittag sendet (vgl. Darstellung IV.2.27). Allerdings ist die Morgenausgabe bei TSR1 eine Sendungsübernahme, ausgestrahlt werden Euronews in halbstündiger Länge. Generell werden vier bis fünf Ausgaben täglich gesendet, wobei in allen drei Programmen die längsten Sendungen abends in der Prime Time rund eine halbe Stunde dauern, während die Ausgaben der Randzeiten meist nur den halben Umfang aufweisen. Auf SF1 werden zudem die Hauptnachrichten Telesguard für die rätoromanische Schweiz ausgestrahlt. Einen marginalen Umfang haben die Kurznews in Form von Schlagzeilen bei SF1, während das Telegiornale flash von LA1 etwa zehn Minuten dauern kann und auch die Nachtausgabe von TSR1 ähnlichen Charakter hat. Die Ausgabe der Regionalnews wird auf SF1 (Schweiz aktuell) und TSR1 (Couleurs locales) werktäglich gesendet, während LA1 mit Il Quotidiano nicht nur täglich sendet, sondern darüber hinaus dem Regionalen den doppelten Umfang zumisst.

Fazit

Auffallend ist die sehr unterschiedliche Newsprogrammierung im Fernsehen und im Radio. Den wenigen prominenten Hauptausgaben des Fernsehens stehen die vielen repetitiven Kurzausgaben des Radios gegenüber.

Die formale Programmierung des Newsangebots im Fernsehen unterscheidet sich nur geringfügig – abgesehen vom Umfang – zwischen dem öffentlichen und privaten Fernsehen einerseits und den ersten Programmen des öffentlichen Fernsehens der drei Sprachregionen andererseits. Am markantesten ist noch die stärker regionale Ausrichtung von LA1 mit dem hohen Anteil an Regionews.

Magazine und Foren mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten: Vergleich des privaten und öffentlichen Fernsehens

Eine thematisch orientierte und einordnende Berichterstattung ist insbesondere in umfangreicheren Magazinformaten gut umsetzbar. Der Vergleich der inhaltlichen Ausrichtung der Magazinformate zeigt die nicht-vorhandenen Vertiefungsmöglichkeiten des privaten Fernsehens hinsichtlich des aktuellen Zeitgeschehens, denn es fehlen Magazine in den Informationsbereichen News und Politik (vgl. Darstellung IV.2.28). Die beim Privatfernsehen am stärksten vertretenen Wirtschaftsmagazine haben einen beratenden Charakter, sind werbeattraktiv und bieten zudem die Möglichkeit von Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen. Neben den verlautbarenden und beratenden Wirtschaftsformaten (Léman Bleu: Les vendredis de l’immobilier; Tele M1: GeldTipp; Tele Züri: Börsentrend), differenzieren doch Léman Bleu mit Eco & Co sowie Tele Ticino mit Future halbstündige Sendungen aus, die eine Vertiefung erlauben. Die Kulturmagazine beziehen sich bei Léman Bleu (Ticket, Popcorn & Grand Ecran) und Tele M1 (Kino) auf die aktuellen Kulturagenden, während Tele Ticino mit Il Ponte ein Migrationsmagazin produziert. Im Gegensatz hierzu ist die Ausdifferenzierung von hintergrundvermittelnden Formaten im öffentlichen Fernsehen wesentlich vielfältiger.

Im öffentlich-sprachregionalen Fernsehen wird das gesellschaftspolitische Zeitgeschehen in allen ersten Programmen vertieft (vgl. Darstellung IV.2.29), auf TSR1 mit dem Politikmagazin Mise au point sowie mit hintergrundaufarbeitenden Newsmagazinen auf SF1 (Rundschau) und auf LA1 (Contesto). Beachtlich ist die werktägliche Ausstrahlung von Contesto, während die anderen Magazine wöchentlich ausgestrahlt werden. Auf SF1 sorgt zudem das Presse TV für vertiefende Magazine zum Zeitgeschehen (NZZ und Basler Zeitung).

Die umfangreichen Kulturmagazine zu Kultur und Kunst im engeren Sinn sowie zur Wissenschaft, Geschichte und zu sozialen Phänomenen in den öffentlichen ersten Programmen vermitteln vertiefende Einblicke in spezielle Bereiche. Geschichtliches programmiert vor allem LA1 (z.B. Il filo della storia), Wissenschaft vermittelt SF1 (Einstein und nano) sowie TSR1 (Nuovo), Letzterer sendet darüber hinaus mit Temps présent ein Sozialmagazin.

Umfangreiche wöchentliche Wirtschaftsendungen sind in allen drei öffentlichen Fernsehprogrammen die Konsumentenmagazine. SF1 sendet das Konsumentenmagazin Kassensturz, TSR1 jenes unter dem Titel A bon entendeur – ABEund bei LA1 heisst dieses Patti chiari. Darüber hinaus wird je ein halbstündiges, wöchentliches Wirtschafts- und Finanzmagazin von SF1 (Eco) und von TSR1T.T.C. – Toutes Taxes Comprisesproduziert.

Kontextuierend und meinungsbildend ist das Format des Forums. Allerdings ist die Gestalt und Qualität von Foren den Inszenierungslogiken sowohl den Medienmachern als auch den auftretenden Öffentlichkeitsakteuren unterworfen. Dieses Format eröffnet Möglichkeiten für moralisch-emotionale Aufladung sowie Konfliktstilisierung und Skandalisierung.

Aufgrund der vergleichsweise kostengünstigen Produktion, der Inszenierungsmöglichkeiten und der Attraktivität für Öffentlichkeitsakteure, hat das Forumsformat im Bereich der News- und Politikvermittlung einen grossen Anteil im Privatfernsehen, während Letzteres keine News- und Politikmagazine ausdifferenziert (vgl. Darstellung IV.2.30). Eine sehr gewichtige Stellung haben die Newsforen im Tele Züri mit der werktäglichen Ausstrahlung von Talk Täglich und dem Sonntagsformat SonnTalk. Ebenfalls werktäglich und am Sonntag lässt Léman Bleu in den Politikforen Genève à chaud und Grand Oral debattieren. Tele M1 (Duell Aktuell) und Tele Ticino (Matrioska) senden je ein wöchentliches Newsforum. Léman Bleu hat zudem als einziges Privatfernsehen ein wöchentliches Kulturforum (Quartier libre).

Ähnlich wie im Privatfernsehen sind die Foren auch in den öffentlichen Fernsehprogrammen auf News, Politik und Kultur ausgerichtet. Wirtschaftsforen gibt es in keinem der untersuchten Fernsehprogramme. Und im öffentlichen Fernsehen wie im Privatfernsehen sind die Foren der Fernsehsender der französischsprachigen Schweiz ebenso enger auf Politik fokussiert, während die anderen Sprachregionen gemischte Newsmagazine programmieren.

Im Vergleich der öffentlich-sprachregionalen ersten Programme ist das Fehlen eines Forums im LA1, also dem Programm der italienischsprachigen Schweiz, erstaunlich (vgl. Darstellung IV.2.31), während der Privatsender Tele Ticino ein solches programmiert. Je zwei Foren haben SF1 und TSR1 im Bereich der News (Arena, Club) bzw. der Politik (Infrarouge, Point de rencontre). Die Kulturmagazine dieser beiden öffentlichen Programme befassen sich vertiefend mit Kunst, Philosophie (Sternstunde Kunst, Sternstunde Philosophie), Medien und Religion (TSR1). Einmal mehr zeigt sich die Spezialisierung des Rundfunks der französischsprachigen Schweiz im Bereich der Kultur.

Fazit

Zwischen den privaten und öffentlichen Fernsehsendern ist hinsichtlich der hintergrundvermittelnden Magazine ein deutliches Qualitätsgefälle festzustellen. Im Vergleich programmieren die öffentlichen Fernsehsender Magazine mit relevanten Inhalten in einem Umfang von rund 20 Stunden, die privaten in einem Umfang von rund 3 Stunden. Auffallend ist, dass das Privatfernsehen zu den Informationsbereichen News und Politik keine Magazine aufweist. Die Wirtschafts- und Kulturmagazine des Privatfernsehens haben beratenden Charakter, nur Léman Bleu und Tele Ticino senden ein halbstündiges Wirtschafts- und Finanzmagazin. Die Voraussetzungen für eine thematisch orientierte, also einordnende Berichterstattung in allen öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereichen sind nur in den wöchentlichen Informationsprogrammen des öffentlichen Fernsehens gegeben.

Umgekehrt spielen die Foren im Informationsangebot des Privatfernsehens eine wichtige Rolle. Sie dienen der Politisierung aktueller Fragen und leben von der moralisch-emotionalen Aufladung sowie der Konfliktstilisierung. Das Privatfernsehen Léman Bleu produziert als einziger privater Anbieter – wenn auch mit einiger öffentlicher Unterstützung – ein Kulturforum. Auch die gesellschaftspolitischen Foren des öffentlichen Fernsehens unterliegen den medialen und politischen Inszenierungslogiken, während die Foren zu Kunst, Medien und Religion stärker der diskursiven Auseinandersetzung dienen.

IV.2.3.2 Aufmacheranalytik

Patrik Ettinger

Die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung sowie die Besonderheiten des öffentlichen und privaten Fernsehens werden mit Hilfe einer Beitragsanalyse untersucht. In dieser wird der Anteil der thematischen im Vergleich zur episodisch orientierten Berichterstattung auf der Basis aller Aufmacherbeiträge im letzten Quartal 2009 erfasst. Zudem werden die 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse im Fernsehen ebenfalls hinsichtlich der Anteile kontextuierender Berichterstattung analysiert.

Aufmacheranalytik: Beitragsfokus hinsichtlich Temporalität

Im Gattungsvergleich zeigt sich, dass das Fernsehen (78%) stärker episodisch berichtet als die Presse (72%) und das Radio (74%), jedoch stärker thematisch als die Onlinemedien (85%). Dieser Befund stützt die generelle These, dass der Aktualitätsdruck und der Zwang zur Visualisierung einerseits sowie – bezogen auf die privaten Rundfunkanbieter und die Onlinemedien – das Fehlen ausdifferenzierter Redaktionsstrukturen mit entsprechendem Know-how andererseits zu einer stärker episodischen Berichterstattung führen.

Weit stärker als die Gattungsunterschiede sind jedoch die Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Sendern. Während das öffentliche Fernsehen in seinen Nachrichtenbeiträgen zu 28% eine einordnende Berichterstattung pflegt, dominiert in den Beiträgen der privaten Sender ein Berichterstattungsstil, der sich auf partikuläre Themen mit einer starken Human Interest-Prägung konzentriert und diese aus der Perspektive der Betroffenen vermittelt. Aufgrund dieser Ausrichtung sinkt der Anteil der kontextuierenden Berichterstattung in den Nachrichtensendungen des privaten Fernsehens auf 10%, was den Werten der Boulevardpresse (12%) und der Gratispresse (10%) entspricht (vgl. Kapitel II.2.3.2). Die stärker thematische Berichterstattung im öffentlichen Fernsehen verdankt sich der Hauptnachrichtensendung von TSR,Le Journal (37%), und dem Nachrichtenmagazin 10vor10 (43%) von SF DRS. Aufgrund der Ausrichtung des privaten Fernsehens auf das Episodische akzentuiert sich im Vergleich zum Radio (vgl. Kapitel III.2.3.2) der Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Sendern im Fernsehen.

Im sprachregionalen Vergleich zeigt sich, dass sowohl das private als auch das öffentliche Fernsehen der Romandie eine stärker kontextuierende Berichterstattung betreiben.

Aufmacherbeiträge: Temporalität der relevanten Themen

Fernsehen ist ausgeprägter noch als das Radio ein verdichtendes und, im Unterschied zum Print bzw. Radio, stärker zum Episodischen affines Medium. Anders als bei der Presse und den Onlinemedien konzentriert sich die Nachrichtenberichterstattung des Fernsehens auf eine beschränkte Zahl von Beiträgen. Zudem führt der Zwang zur Visualisierung zu einer Aufwertung des Episodischen. Die Redaktionen sehen sich zu einer rigideren Auswahl von Beiträgen, für die entsprechendes Bildmaterial beschafft werden kann, gezwungen. Dieser Auswahlprozess zeigt sich auch auf der Agenda der Aufmacherbeiträge.

Die Agenda des Fernsehens ist durch die Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens geprägt. Von den Beiträgen zu den 20 wichtigsten Themen stammen 79% von den öffentlichen Sendern. Dies liegt vor allem daran, dass die Nachrichtensendungen der privaten Fernsehsender gemäss ihrer Konzession, aber vor allem aufgrund ihrer Marktorientierung, auf lokale bzw. regionale Themen mit einem starken Human Interest-Aspekt setzen. Diese partikulären Themen werden von anderen Nachrichtensendungen jedoch nicht aufgegriffen und schaffen es deshalb nicht auf die nationale Agenda.

Auch die kontextuierende Berichterstattung zu den zentralen politischen Themen wird primär durch die Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens geleistet. Dies gilt nicht nur für jene Themen, an deren Berichterstattung sich die Privaten nur marginal beteiligen, da sie vor allem auf langwierige Politikprozesse fokussieren (z.B. Rüstungsprogramm Schweiz mit einem Anteil von 46% kontextuierender Berichterstattung in den Nachrichtensendungen der öffentlichen Anbieter oder Gesundheitsreform KVG mit einem solchen von 73%), sondern auch für jene Themen, die auch die privaten Sender prominent behandeln. Die Berichterstattung zur Minarettinitiative ist in den Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens zu 29% kontextuierend, jene des privaten Fernsehens nur zu 9%. Auch in der Berichterstattung zur Schweinegrippe (29 bzw. 13%), zur Integrationspolitik der Schweiz (33 bzw. 0%) und zum Konjunkturverlauf in der Schweiz (36 bzw. 0%) sind die Anteile der kontextuierenden Berichterstattung zwischen den Nachrichtensendungen des öffentlichen und des privaten Fernsehens ähnlich ungleich verteilt.

Fazit

Trotz des höheren Aktualitätsdrucks und des Zwangs zur Verdichtung und Visualisierung, die der Mediengattung Fernsehen inhärent sind, leisten die Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung zentraler innenpolitischer wie internationaler Themen, zur rationalen Begründung gesellschaftlicher Probleme (Forumsfunktion der Öffentlichkeit) und zur informierten Wahrnehmung der Exekutive, Legislative und Judikative (Legitimations- und Kontrollfunktion). Die Nachrichtensendungen des privaten Fernsehens fokussieren hingegen nicht nur stärker auf partikuläre Themen aus der Region, sondern berichten auch deutlich episodischer über jene Themen der nationalen Politik, denen sie Aufmerksamkeit schenken. Im Gattungsvergleich insgesamt zeigt sich, dass das Fernsehen generell eine hohe Affinität zur episodischen Berichterstattung hat.

Lesehilfe IV.2.26
Lesehilfe IV.2.26

Newsangebot – Nachrichtentypen im privaten und öffentlichen Fernsehen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Nachrichtentypen Hauptnews, Regionalnews und Kurznews für jeden Fernsehtyp erhalten. Sie basiert auf allen Nachrichtentypen zum Informationsbereich News der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 54).

Lesebeispiel: Das private Fernsehen bringt Nachrichten im Newsangebot in Form von Hauptnews (91%) und Regionalnews (9%).

Lesehilfe IV.2.27
Lesehilfe IV.2.27

Newsangebot – Nachrichtentypen des öffentlichen Fernsehens nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Nachrichtentypen Hauptnews, Regionalnews und Kurznews im öffentlichen Fernsehen für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Nachrichtentypen zum Informationsbereich News der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 45).

Lesebeispiel: Das Newsangebot in der italienischsprachigen Schweiz besteht zu 64% aus Hauptnews, zu 26% aus Regionalnews und zu 9% aus Kurznews.

Lesehilfe IV.2.28
Lesehilfe IV.2.28

Magazinsendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte im privaten und öffentlichen Fernsehen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Magazinsendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jeden Fernsehtyp erhalten. Sie basiert auf allen Magazinsendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 23).

Lesebeispiel: Das private Fernsehen fokussiert in Magazinsendungen zu 70% auf Wirtschaft und zu 30% auf Kultur, wohingegen das öffentliche Fernsehen neben Kultur (56%) und Wirtschaft (19%) auch News (21%) sowie Politik (4%) sendet.

Lesehilfe IV.2.29
Lesehilfe IV.2.29

Magazinsendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte des öffentlichen Fernsehens nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Magazinsendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Magazinsendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 20).

Lesebeispiel: Das öffentliche Fernsehen der französischsprachigen Schweiz sendet in Magazinsendungen keine News, dafür zu 26% Politik, zu 33% Wirtschaft und zu 41% Kultur.

Lesehilfe IV.2.30
Lesehilfe IV.2.30

Forumssendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte im privaten und öffentlichen Fernsehen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Forumssendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jeden Fernsehtyp erhalten. Sie basiert auf allen Forumssendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 15).

Lesebeispiel: Das private Fernsehen sendet in Forumssendungen überwiegend News (54%), gefolgt von Politik (40%), während im öffentlichen Fernsehen der Kultur (43%) die News (41%) folgen.

Lesehilfe IV.2.31
Lesehilfe IV.2.31

Forumssendungen – öffentlichkeitsrelevante Inhalte des öffentlichen Fernsehens nach Sprachregionen

Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der zeitlichen Dauer, die die Forumssendungen für die öffentlichkeitsrelevanten Informationsbereiche News, Politik, Wirtschaft und Kultur für jede Sprachregion erhalten. Sie basiert auf allen Forumssendungen mit öffentlichkeitsrelevanten Inhalten der Wochenstichprobe vom 23. bis zum 29. November 2009 (Summe Stunden = 13).

Lesebeispiel: Im öffentlichen Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz fehlen Forumssendungen zu öffentlichkeitsrelevanten Inhalten gänzlich. Das öffentliche Fernsehen der französischsprachigen Schweiz konzentriert sich mit seinen Forumssendungen auf Kultur (57%) und Politik (43%), während es auf News verzichtet.