IV.2.4 Professionalität
Patrik Ettinger
Die Qualitätsansprüche, die mit Professionalität verknüpft werden, gründen im klassischen Gebot der Objektivität des öffentlichen Räsonnierens. In den Binnennormen des Journalismus (vgl. etwa www.impressum.ch) wird die Professionalität der Berichterstattung entsprechend mit Ansprüchen auf Sachgerechtigkeit, Sachlichkeit, Neutralität, Faktentreue, Transparenz, Ausgewogenheit und thematischer Kompetenz verbunden. Für dieses Kapitel wird die Professionalität der Berichterstattung – neben den Vertiefungsanalysen zum Minarettverbot und zur Wirtschaftsberichterstattung (vgl. Kapitel VI) – in allen Fernsehtypen und -titeln durch den Vergleich eines sachlich-argumentierenden (kognitiv-normativen) gegenüber einem emotionalisierenden (moralisch-emotionalen) Stil der Berichte erfasst. Diese Qualitätsvalidierung wird anhand der Aufmacherbeiträge vorgenommen.
Aufmacheranalytik: Die Validierung der Professionalität der Berichterstattung wird für alle Beiträge, die von den Redaktionen durch Aufmacher besonders hervorgehoben werden, im letzten Quartal 2009 durchgeführt. Dabei wird geprüft, welcher Bericherstattungsstil (kognitiv-normativ vs. moralisch-emotional) vorherrscht. Ausserdem interessiert der Unterschied der Berichterstattungsstile in den Fernsehtypen und -sendungen der wichtigsten Kommunikationsereignisse im genannten Zeitraum.
Professionalität
Professionalität wird hier mit Hilfe des kognitiv-normativen vs. moralisch-emotionalen Berichterstattungsstils untersucht. Dieser Indikator bezieht sich auf die Professionalitätsnorm Sachlichkeit. Professionelle Qualität – wie sie hier gemessen wird – bedeutet eine sachliche, argumentativ abwägende Vermittlung in einem überwiegend kognitiv-normativen Stil.
Aufmacheranalytik: Berichterstattungsstil
Die Analyse der Aufmacher in den Nachrichtensendungen der öffentlichen wie privaten Fernsehsender erfasst die Anteile der durch einen kognitiv-normativen Stil gekennzeichneten Berichterstattung und grenzt sie gegenüber personalisierenden und moralisierenden Beiträgen mit einem entsprechend moralisch-emotionalen Stil ab.
Im Gattungsvergleich ist die Berichterstattung im Fernsehen mit einem Durchschnittswert von 27% deutlich stärker moralisch-emotional als jene im Radio (11%) und auch als jene in der Presse (21%). Nur das jüngste Medium Online weist noch leicht höhere Werte (29%) auf. Dies kommt vor allem durch die Berichterstattung des privaten Fernsehens zustande, denn diese Nachrichtensendungen sind – sowohl im Vergleich zu den Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens (vgl. Darstellung IV.2.34) wie auch im Vergleich zu den Nachrichtensendungen des privaten Radios (vgl. Kapitel III.2.4) – durch einen moralisch-emotionalen Berichterstattungsstil geprägt.
Die deutlichen Differenzen zwischen dem Berichterstattungsstil der Nachrichtensendungen des öffentlichen und des privaten Fernsehens erklären sich einerseits aus der stärkeren Human Interest-Orientierung des privaten Fernsehens. Andererseits werden aber auch politische Themen (z.B. Innere Sicherheit BWIS) anhand von Individuen und ihrer subjektiven Perspektive dargestellt. Generell dominiert bei den Nachrichtenbeiträgen der privaten Sender ein Erzählstil, der abstrakte Themen aus der Position (möglicher) Betroffener erzählt und damit eine subjektivistische Perspektive einnimmt. Dies erklärt sich unter anderem auch aus dem Umstand, dass die Nachrichtenredaktionen der privaten Sender im Vergleich mit jenen des öffentlichen Fernsehens deutlich kleiner und weniger differenziert sind. Der Zwang, in kurzer Zeit zu unterschiedlichen Themen ohne breites Vorwissen Beiträge produzieren zu müssen, befördert eine Berichterstattung, die sich dem Thema anhand von Statements (möglicher) Betroffener personalisierend und emotionalisierend nähert.
Aufmacherbeiträge: Berichterstattungsstil in den relevanten Themen
Die hohe Ladung moralisch-emotionaler Kommunikation in einzelnen Themen ergibt sich vor allem durch die Beiträge der privaten Sender, wobei die Züri News von Tele Züri mit ihrer überwiegend moralischemotionalen Berichterstattung (63%) hervorstechen. Bei den Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens ist 10vor10 mit 33% der Spitzenreiter.
Besonders deutlich wird dies in der Berichterstattung über die Integrationspolitik der Schweiz (vgl. Darstellung IV.2.35). Während in den Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens der Anteil moralisch-emotionaler Berichterstattung zu diesem Thema 20% beträgt, erreicht er im privaten Fernsehen sehr hohe 71%. Die Integrationspolitik der Schweiz – und dies bedeutet konkret vor allem das Verhältnis zu Muslimen – wird im privaten Fernsehen überwiegend über Emotionen vermittelt, ohne dass diese Emotionen ausreichend in eine kognitive Berichterstattung eingebettet werden, die Ursachen- und Wirkungszusammenhänge vermittelt.
Fazit
Der im Gattungsvergleich hohe Anteil moralisch-emotionalen Berichterstattungsstils im Fernsehen kommt einerseits über die Berichterstattung in 10vor10 als jüngstem Nachrichtenformat des öffentlichen Fernsehens mit einer stärkeren Infotainmentausrichtung zustande. Andererseits – und noch deutlich stärker – tragen hierzu die privaten Sender bei, die ihre Themen – gerade auch jene zur nationalen Politik – überwiegend aus der Perspektive von Betroffenen erzählen und entsprechend moralisch-emotional aufladen.
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