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Kapitel IV: Fernsehen
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IV. Fernsehen

Zusammenfassung

Esther Kamber, Kurt Imhof, Mark Eisenegger

Das Fernsehen löst das Radio in den 1960er Jahren als audiovisuelles Hauptinformationsmedium ab und bleibt seither mit den Informationssendungen der öffentlichen Programme ein wesentlicher Vermittler öffentlicher Kommunikation. Allerdings wird das Fernsehen vorwiegend als Unterhaltungsmedium genutzt. Seit der Dualisierung des Rundfunks ist im Fernsehbereich ein Kampf um Einschaltquoten und Werbegelder im Unterhaltungssektor auch über die Landesgrenzen hinaus entstanden. In diesem Spannungsbogen von Informationsvermittlung und aufmerksamkeits- bzw. werbeträchtiger Unterhaltung unterliegt das Fernsehen, verstärkt noch durch die visuelle Inszenierung, starken Tendenzen zum Infotainment. In jüngster Zeit kommt die Qualität der Informationsvermittlung im Fernsehen massiv unter Druck. Zum einen durch die weitere Werbeliberalisierung in der Neufassung des RTVG 2007, von der vor allem ausländische Werbefenster profitieren, sowie durch die Defizite der SRG seit 2006, wobei weder eine Gebührenerhöhung noch steigende Werbeeinnahmen in Aussicht stehen. Insgesamt haben die schweizerischen Fernsehveranstalter hinsichtlich der Werbegelder einen derzeitigen Einnahmestand, der faktisch dem Niveau des Jahres 1999 entspricht. Zum anderen kommt das öffentliche Fernsehen durch den Wandel der Publikumsnutzung unter Druck. Das nationale Fernsehen wird zunehmend von älteren Kohorten genutzt, während bei den jüngeren Kohorten die Affinität zu Onlinemedien und Gratiszeitungen wächst. Dadurch sinkt auch die Nutzung der Informationsangebote im Fernsehen. Zudem nutzen Migrantenpopulationen aufgrund der digitalen Verbreitungsmöglichkeiten immer weniger die nationalen Fernsehsender, sondern ihre Herkunftsmedien.

Die Untersuchung der publizistischen Versorgung durch das Fernsehen sowie die Analyse ihres Informationsangebots und ihrer Hauptinformationssendungen erbringen die folgenden zentralen Ergebnisse:

  • Dualisierung und Deregulierung: Die nach der Dualisierung des Rundfunks 1983 entstandenen sprachregionalen Privatsender und ausländischen Programmfenster sowie ihr Scheitern zeigen grundsätzlich die Schwierigkeiten des begrenzten Fernsehmarkts in der Schweiz. Die Verankerung des Service Public bei der SRG im RTVG von 2007 erscheint vor diesem Hintergrund folgerichtig, zumal die gleichzeitige weitere Liberalisierung des Werbemarkts nicht den privaten Veranstaltern in der Schweiz zugutekommt, sondern primär den Werbefenstern der ausländischen Anbieter. Informationsjournalismus im Fernsehen bleibt ein überwiegend gebührenfinanziertes «Heimprodukt», während die Werbeeinnahmen nicht vorwiegend dem Privatfernsehen in der Schweiz, sondern den zur Unterhaltung genutzten ausländischen Privatprogrammen zufliessen. Unter diesen Bedingungen hat sich mit Ausnahme des Privatsenders Léman Bleu, der von der öffentlichen Hand (Stadt Genf) mitgetragen wird, kaum ein relevanter Informationsjournalismus privater Anbieter entwickelt. Der Service Public im Informationsbereich ist nach wie vor die Aufgabe der öffentlichen Programme, auch wenn deren Informationsangebot und Hauptinformationssendungen deutlich stärker als jene des Radios durch Infotainment geprägt sind.
  • Integrationsrundfunk: Die Fernsehagenda der Schweiz erzeugt politische Themen mit gesellschaftsweiter Relevanz, wobei vor allem die ersten Programme des öffentlichen Fernsehens dazu beitragen. Die Integrationsleistung ist allerdings – verglichen mit der des Radios – geringer, da die Fernsehberichterstattung personalisierter, konflikt- und skandalzentrierter und gleichzeitig episodischer ist (Visualisierungszwang). Diese Boulevardisierung schmälert den Beitrag des Fernsehens zu national relevanten Themen insgesamt. Die Privatfernsehen konzentrieren sich auf wenige Topthemen, häufig im Verbund mit moralisch-emotionaler Aufladung. Daneben bevorzugen sie Themen aus Sport und Human Interest. Die Human InterestThemen sind zudem häufig lokal oder regional geprägt und befördern dadurch sprachregional unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften.
  • Infotainment, Personalisierung und Emotionalisierung: Auf der Ebene des Informationsangebots zeigt sich die Bedeutung des Infotainments allein schon an der Ausdifferenzierung von Informationssendungen für den Human Interest nicht nur bei den Privaten, sondern auch bei den öffentlichen Anbietern. Diese Human Interest-Orientierung führt auch in den Hauptinformationssendungen zu einer stärkeren Emotionalisierung, Personalisierung und, insbesondere im Vergleich zum Radio, zu einer episodischeren Berichterstattung. Obwohl die Spezialisierung von Informationssendungen beim Fernsehen insgesamt höher ist als beim Radio, neigt das Fernsehen auch in den vertiefenden Informationsformaten Magazin und Diskussionsforum zu einer stärkeren Vermittlung von Softnews. Demgegenüber fällt die bescheidene Spezialisierung auf eine vertiefende Vermittlung des Wirtschaftsgeschehens auf.
  • Vielfältigere und relevantere öffentliche Fernsehsender: Die relevanten Themen der Fernsehagenda werden durch die öffentlichen Fernsehsender geprägt, die einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung gesellschaftsweit relevanter innenpolitischer und internationaler Themen leisten. Die Aufbereitung dieser Themen ist deutlich weniger episodisch als bei den Privaten und trägt stärker zur Forums-, Legitimations- und Kontroll- sowie Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation bei. Allerdings bleibt die Vielfalt und Relevanz der Auslandsberichterstattung des Fernsehens hinter jener des Radios zurück. Die Voraussetzungen für diese Vermittlungsleistung sind ausgedehnte Hauptinformationssendungen, die in ein Informationsangebot mit vertiefenden Magazinen und Foren eingebettet sind. Nicht nur die hintergrundvermittelnden Magazine und die Diskussionsforen zum aktuellen gesellschaftspolitischen Zeitgeschehen, sondern auch die Kulturmagazine und kulturellen Foren setzen den Leistungsauftrag des öffentlichen Fernsehens im Informationsbereich um. Demgegenüber ist im Privatfernsehen zum einen der Umfang des Informationsangebots deutlich geringer, was die mögliche Vermittlungsleistung von vornherein deutlich einschränkt. Zum anderen konzentrieren sich die Privaten auch beim vertiefenden Magazinformat überwiegend auf Human Interest, produzieren ein beachtliches Infotainmentangebot und betreiben eine wesentlich stärker auf der Mikroebene der Personalisierung angesiedelte Berichterstattung.
  • Lokalisierung, Partikularisierung und Eventisierung bei den privaten Sendern: Insgesamt präsentiert sich das Qualitätsgefälle zwischen den öffentlichen und privaten Fernsehveranstaltern ähnlich wie beim Radio. Die Agenden der Privatfernsehen sind stark mit Human Interest-Themen durchsetzt: nämlich mit (Lokal-)Prominenz und Affären, Wetter, Unfällen sowie Mord und Totschlag. Darüber hinaus hat die Berichterstattung über die relevanten Politik- und Wirtschaftsthemen der privaten Anbieter in der Deutschschweiz oft einen skandalisierenden sowie einen personalisierenden und privatisierenden Charakter und entbehren eines einordnenden Journalismus. Diese Eventorientierung sowie die im Vergleich mit dem öffentlichen Fernsehen höhere Emotionalisierung und Personalisierung ist Ausdruck eines ressourcenarmen Allroundjournalismus, der Aufmerksamkeit mit Hilfe von Inszenierungslogiken bindet.