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Kapitel V: Online
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V. Online

Zusammenfassung

Mark Eisenegger, Kurt Imhof, Esther Kamber

Von den Onlinemedien geht zusammen mit den Gratiszeitungen die grösste Veränderungskraft in der Schweizer Medienarena aus. Die jüngste aller untersuchten Mediengattungen vermag die Publikumsflüsse erfolgreich von den traditionellen Trägern der Publizistik wegzulenken – den Abonnementszeitungen und dem öffentlichen Radio (vgl. Kapitel I.1). Dabei weisen die Onlinemedien von allen untersuchten Gattungen als Folge der unzureichenden finanziellen und personellen Ressourcenausstattung die grössten Qualitätsdefizite auf. Sie betreiben eine weniger vielfältige und relevante sowie eine stark ereignisgetriebene und an Massenaufmerksamkeit orientierte Auswahl-, Darstellungs- und Interpretationslogik. Daraus resultiert eine Nivellierung traditioneller publizistischer Qualitätsstandards mit negativen Folgen für die gesamte Medienarena. Es dominiert ein aktualitätsgetriebener Eventjournalismus, der im Vergleich aller Gattungen der Informationsmedien am stärksten vom Einkauf und der Vielfachverwertung vorgefertigter Inhalte lebt. Die Newssites konkurrenzieren als Gratisprodukte ihre dringend auf Einnahmen angewiesenen physischen Pressetitel, ohne dabei selbst ausreichend finanzielle Mittel zu erwirtschaften.

Im Einzelnen erbringt die Untersuchung zu den verschiedenen Onlinetypen (Abonnement-Online, Boulevard-Online, Gratis-Online sowie Onlineportale von Rundfunk und von branchenfremden Anbietern) die folgenden zentralen Resultate:

  • Nutzungszunahme, Qualitätsprobleme: Insbesondere bei jungen Bürgerinnen und Bürgern steigt die Nutzung von Onlineangeboten rasant an. Die Abdeckungsquote hat sich in der gesamten Schweiz von 2006 bis 2009 fast verdoppelt. Dabei stehen die steigende Nachfrage und Verbreitung von Onlineangeboten bis in den Mobiltelefonbereich hinein im Widerspruch zur produzierten Qualität. Die Wachstumsdynamik des Onlineangebots vor allem bei der jungen Alterskohorte auf Kosten der Presse und des Fernsehens produziert negative Sozialisationseffekte auf Seiten der Nutzer, die durch die Rezeption der Onlinemedien kaum mehr ein Qualitäts- und Kostenbewusstsein entwickeln.
  • Finanzierungsprobleme, Lancierung von Paid-Angeboten: Die Refinanzierung der Internetangebote ist trotz steigender Werbeeinnahmen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Von der Gratiskultur geht sowohl online als auch offline ein starker Veränderungsdruck in Richtung Zunahme billiger Softnews aus, der sich auf die gesamte Medienarena auswirkt. Durch die Einführung der Gratiskultur ist es zu einer Selbstkannibalisierung traditioneller Medien gekommen. Die klassischen Stammmedien vor allem im Pressebereich verlieren an Leserschaft, während sich auf der anderen Seite die Onlineangebote nicht in ausreichendem Mass durch Werbung refinanzieren können. Aufgrund dieser negativen Auswirkungen der Gratiskultur sind derzeit verstärkt Bestrebungen im Gang, kostenpflichtige Onlineangebote zu lancieren (international u.a.: Times und Sunday Times der News Corp; New York Times; Schweiz: kostenpflichtige iPad-Ausgabe des Tages-Anzeigers). Viele Experten stehen diesem Vorhaben allerdings skeptisch gegenüber, solange konzertierte Aktionen ausbleiben und die Gratis-Onlineangebote gewichtiger Medientitel bestehen bleiben.
  • Aktualitätsdruck, tiefe Eigenleistungsquote: Die Onlineredaktionen stehen unter enormem Aktualitätsdruck, sind aber finanziell und personell schlecht ausgestattet. Zudem sind die Onlinemitarbeitenden in journalistischer Hinsicht unterdurchschnittlich ausgebildet. Die Arbeitsweise der Redaktionen ist von der mehr oder weniger direkten Übernahme vorgefertigter Informationen geprägt. Dies führt zu einer Kultur der Doppelzeichnung von (minimal) abgeänderten Agenturbeiträgen sowie einer Rezyklierung vorgefertigter Inhalte der gesamten Publikationstätigkeit des entsprechenden Medienhauses. Werden Beiträge bearbeitet, so beschränkt sich dies häufig auf eine zuspitzende, emotionalisierende Titelgebung.
  • Boulevardisierung: Der Onlinebereich ist durch einen stark boulevardesken Berichterstattungsstil geprägt. Alle Newssites weisen durchwegs höhere Werte an emotionalisierender Berichterstattung auf als ihre Offlineausgaben. Die Onlineagenda ist, im Vergleich zur Presseagenda, deutlich weniger durch Kommunikationsereignisse von gesellschaftlicher Relevanz geprägt. Dafür dominieren Human Interest- und Sportereignisse und es wird eine überdurchschnittlich starke, medienpopulistische Problematisierung des Fremden erkennbar. Dieser Boulevardisierungstrend ist für die Qualität der öffentlichen Kommunikation in doppelter Weise problematisch. Einerseits verzeichnen die Informationsangebote im Onlinebereich einen starken Zuwachs der Nutzungsraten, andererseits besteht die Gefahr einer Reputationseinbusse der entsprechenden Mutterblätter.
  • Konvergenz: Auffallend im Onlinebereich ist die hohe Konvergenz der bewirtschafteten Themen. Es dominieren einige wenige Topthemen mit klarer Favorisierung von Softnews. Dadurch wird die Vielfalt des Themenspektrums in Onlinemedien stark eingeschränkt. Sofern politische Themen die sprachregionalen Grenzen überwinden, handelt es sich hierbei ausschliesslich um das schmale Feld jener Topthemen, die sich zur Konfliktstilisierung oder zur Darstellung bedrohungsreicher Szenarien eignen. Wenn überhaupt, so nähern sich die Onlinearenen der Sprachregionen nur im Human Interest-Segment an, während sie im gesellschaftspolitischen Bereich tendenziell auseinanderdriften. Dadurch, dass im Onlinebereich nur wenige Themen von schweizweiter politischer Relevanz sprachregional übergreifende Aufmerksamkeit erhalten, ist die Integrationsfunktion dieser Gattung klein.
  • Dominanz des Episodischen: Das Onlineinformationsangebot ist durch die Marginalität von Hintergrundinformationen geprägt, die das Geschehen auf ihre Ursachen hin beleuchten und mögliche Folgen abschätzen. Zusammen mit dem gattungsspezifischen Aktualitätsdiktat fördert dieser Mangel an Zusammenhang die «Klickmentalität» der Onlinenutzer direkt. Der Aktualitätsdruck in Form des 24/7-Journalismus rund um die Uhr und die direkt messbare Erfahrung dieser habitualisierten «Klickmentalität» wiederum erfassen die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass längerfristige politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kaum mehr reflektiert werden. Konsumenten, die die Welt über die Newssites wahrnehmen, werden nicht in die Lage versetzt, aus der Fülle des Episodischen relevante Erklärungsmuster für den rasend erscheinenden Verlauf der Dinge abzuleiten.
  • Abonnement-Online: Der im Onlinebereich generell dominierende Boulevardisierungstrend wird auch in den Onlineausgaben der traditionellen Abonnementszeitungen nicht gebrochen. Die Onlineausgaben der Abonnementszeitungen thematisieren die relevanten Sphären Politik, Wirtschaft und Kultur mit wenigen Ausnahmen deutlich weniger als ihre Pendants der Presse. Trotzdem fokussieren die Newssites der Abonnementmedien im Quervergleich aller Onlinemedien am stärksten auf gesamtgesellschaftlich relevante Sachverhalte sowie auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Organisationen und Institutionen. Sie weisen aber im Vergleich zu den Offlineausgaben auch die stärkste Nivellierung dieser relevanten Themenbereiche nach unten auf. Der Typus Abonnement-Online passt sich den Mustern der Themenbewirtschaftung der Typen Gratis und Boulevard an. Sehr stark in diese Richtung positionieren sich Tagesanzeiger.ch und die Newssites von Tribune de Genève und 24 heures, umgekehrt orientiert sich das Onlineportal der Neuen Zürcher Zeitung am meisten an der Mutter.
  • Boulevard-Online und Gratis-Online: Die Newssites der Boulevardmedien sind durch die Vernachlässigung politischer und wirtschaftlicher Themenbereiche zugunsten einer Human Interest-Berichterstattung über Unfälle, Verbrechen und lebensweltliche Kuriositäten charakterisiert. Die im Vergleich zu ihren Offlineausgaben leicht erhöhten Anteile an Politik-, Wirtschafts- und Auslandthemen im Boulevard-Online und Gratis-Online sind in erster Linie eine Folge der Verwertung von Agenturbeiträgen des 24/7-Journalismus. Berichten diese beiden Onlinetypen über Relevantes, so werden vorproduzierte Inhalte in die Onlineseiten gefüllt. In den tieferliegenden Onlineangebotsstrukturen findet der Nutzer bei beiden Typen hingegen wenig Vertiefendes, sondern mehrheitlich Softnews.