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V.1 Publizistische Versorgung
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V.1 Publizistische Versorgung

Jens Lucht

Die Nutzung der Onlinemedien ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. 77% der Bevölkerung nutzen das Internet mindestens mehrmals wöchentlich, die meisten davon täglich, und die tägliche Nutzungszeit ist von 10 auf 38 Minuten gestiegen (Quelle: BfS, Mediapulse, UNIVOX-Bericht 2009). Gesamthaft werden im Internet vor allem regionale und lokale Informationen gesucht (72.2% der User gaben das als wichtiges Interesse an; Quelle: NET-Metrix). Aber auch Informationen über nationale und internationale Politik (51.3%) sowie Wirtschaft (38.9%) werden neben anderen Informations- und Unterhaltungsangeboten deutlich nachgefragt. Die Nutzung der Onlinemedien, die entsprechende Informationen zur Verfügung stellen, hat sich im Untersuchungszeitraum dieser Analyse von 2006 bis 2009 deutlich erhöht, zum Teil verdoppelt (s.u.). 61.8% der wachsenden Gruppe der Internetuser nutzen heute täglich oder fast täglich Onlineangebote zu tagesaktuellen Nachrichten oder News (Quelle: NET-Metrix).

Die Onlinemedien in Gestalt von Newssites übernahmen ursprünglich primär Inhalte anderer Medien – vor allem aus dem Printbereich. Erst im Laufe der Entwicklung bildeten sich eigene Onlineredaktionen aus, die aber vielfach von den «Stammmedien» abhängig blieben. Die Onlinemedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie von allen Mediengattungen am schnellsten in der Lage sind, aktuelle Geschehnisse aufzugreifen. Sie wurden durch die rasante Entwicklung des Internet in den letzten 15 Jahren zu einem wichtigen Faktor der Informationsvermittlung. Speziell junge Menschen informieren sich vorab aus Onlinemedien. Im folgenden Kapitel wird daher zunächst auf die Entwicklung der Onlinemedien eingegangen und gezeigt, wie sich diese Gattung insgesamt, aber auch hinsichtlich der einzelnen Onlinetypen (Abonnement-Online, Boulevard-Online, Gratis-Online sowie Onlineportal) verändert hat. Insbesondere wird dabei die Veränderung der Nutzung der Onlinemedien und ihre medienökonomische Situation beleuchtet und aufgezeigt, welche redaktionellen Ressourcen ihnen im Vergleich zu anderen Mediengattungen zur Verfügung stehen. Auch werden vor dem Hintergrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Onlinemedien aktuell diskutierte Refinanzierungsmodelle reflektiert.

Wichtige Ereignisse 2009/2010:

  • Rupert Murdoch will ab Sommer 2010 alle Onlineangebote der britischen Times, von The Sun und News of the World nur noch kostenpflichtig anbieten. Der Axel Springer Verlag erwägt, diesem Beispiel zu folgen.
  • Die New York Times will in Zusammenarbeit mit Apple eine spezielle Ausgabe nur für das iPad herausbringen, die kostenpflichtig ist. Sie hat bereits mit dem Times Reader 2.0 ein multimediales Paket auf den Markt gebracht, um die «Gratisspirale» zu durchbrechen.
  • Der Tages-Anzeiger plant die Lancierung einer kostenpflichtigen iPad-Ausgabe. Diese bietet die komplette Druckausgabe des Tages-Anzeigers in digitaler Form an. Die geplante iPad-Ausgabe ist für Abonnenten kostenlos.
  • Die Mehrheit der Medienschaffenden der Schweiz steht diesen Projekten interessiert, aber skeptisch gegenüber. Die Einführung von Paid-Content ist ihrer Meinung nach nur im Rahmen einer konzertierten Aktion sinnvoll.

Vorgeschichte der Onlinemedien

Die Onlinemedien sind die jüngste und in ihrer Entwicklung dynamischste der hier untersuchten Mediengattungen. Mit ihren Möglichkeiten der Multimedialität, also der Wahl des jeweils geeigneten Kommunikationsmittels zur Aufbereitung von Inhalten, können die Newssites des Internet die Merkmale aller drei klassischen Massenmedien (Presse, Radio, TV) verbinden.

Die in der vorliegenden Studie interessierenden Onlinemedientitel mit primärem Verwendungszweck als Informationsmedien entwickelten sich überwiegend aus Aktivitäten bereits etablierter Medienhäuser, vornehmlich aus dem Printbereich. Gegenüber den Offlineangeboten sind die Onlineangebote aktueller, da sie von Erscheinungszyklen und Programmschemata unabhängig sind und einfache Feedbackmöglichkeiten bestehen. Ausserdem kann der Inhalt durch Hyperlinks mit weiteren internen oder externen Informationsangeboten verbunden oder es kann Zugriff auf ein Archiv ermöglicht werden. Für den User sind jederzeit verschiedene Medien verfügbar und dies auch in multimedialer Form (Video, Audio). Das bisherige Hauptproblem der Gebundenheit an ein technisches Endgerät wird durch die Entwicklung portabler Geräte reduziert.

Handelte es sich bei den Internetangeboten Ende der 1990er Jahre zunächst noch um schlichte Übernahmen der jeweiligen Angebote des Hauptmediums (vor allem im Printbereich), wandelten sich diese im Laufe der Zeit unter dem Stichwort «Crossmedia» zu Informationsmedien und -portalen, die die technischen Möglichkeiten des Internet nutzten und eigenständige Redaktionen ausbildeten (Mögerle, 2007, S. 46/47).

Die Möglichkeiten des Internet wurden in den 1990er Jahren unter anderem auch im Hinblick auf seine demokratiefördernden Potenziale diskutiert und sehr positiv, bisweilen euphorisch bewertet. Es kam die Überzeugung auf, dass es durch das Internet möglich sei, eine neue, «ungefilterte» Öffentlichkeit herzustellen, die die interaktive Kommunikation innerhalb der Bürgerschaft und zwischen Bürgern und Regierenden ermöglichen sollte. Das Internet wurde als demokratiefördernder Motor einer von staatlichen und ökonomischen Einflüssen emanzipierten Öffentlichkeit gesehen (Bühl, 1996, S. 228). Vor allem in den USA brach ein eigentlicher Internethype in Bezug auf Öffentlichkeit und Politik aus: Der Republikaner Newt Gingrich und seine «Libertarians» entwarfen die Vorstellung von der «Telepolis», dem virtuellen Gemeinwesen, in der staatliche Regelungen weitgehend entfallen und die Bürger sich – virtuell direktdemokratisch – selbst regieren. Der Cyberspace wurde nach der Agrikultur und der Industrialisierung als dritte Welle in der Menschheitsentwicklung angesehen (Dyson et al., 1995).

Sehr bald wurde jedoch deutlich, dass das Internet zwar eine Fülle von ungefilterten, gleichzeitig aber auch nicht authentisier- und verifizierbaren Informationen zur Verfügung stellt. Damit stellt sich im Internet das Problem, aus der Flut von Informationen das Relevante auszuwählen: «Es fehlen die zentralen Orientierungspunkte, die einen gemeinsamen, wenn auch kleinsten Relevanznenner erzeugen können. Schliesslich: Wo alles relevant ist, ist nichts mehr relevant.» (Marschall, 1997, S. 317). Im Internet wird die Auswahl der relevanten Themen zum zentralen Problem der gesellschaftlichen Koorientierung und Willensbildung. Daher ist es nicht überraschend, dass die newsorientierten Rezipienten die Internetangebote der klassischen Medien sehr früh zur Informationsbeschaffung nutzten, weil diese einen Reputations- und Authentizitätsvorsprung vor anderen Angeboten im Netz haben.

Internetverbreitung und -nutzung in der Schweiz

Die Schweiz ist im europäischen Vergleich bezüglich Verbreitung und Nutzung des Internet im vorderen Drittel zu finden. 74% der Haushalte haben einen Internetzugang, dabei können 33% das Internet mit einem Hochgeschwindigkeitszugang nutzen (Zahlen 2007, 2008). Damit liegt die Zahl der Haushalte mit Internetzugang deutlich über dem EU-Durchschnittswert (60%); im Bereich der Hochgeschwindigkeitszugänge liegt die Schweiz europaweit auf Platz 4 (Quelle:

BfS). Bezüglich der Sprachregionen ist die deutschsprachige Schweiz am besten mit privaten Internetzugängen erschlossen (75%), vor der französischsprachigen Schweiz mit 72%. Die italienischsprachige Schweiz fällt mit 63% deutlich ab. In Bezug auf die soziodemografischen Merkmale zeigt sich ein «Digital Divide» bezüglich Geschlecht, Alter und Bildung: Onlineangebote werden nach wie vor überwiegend von Männern genutzt, auch wenn der Abstand sich in den letzten Jahren verringert hat. So nutzten 2009 80% der Männer das Internet mindestens mehrmals wöchentlich, aber auch 67% der Frauen. Des Weiteren lässt sich das Internet als ein Medium bezeichnen, das vor allem von den jungen Kohorten der bis 29-Jährigen genutzt wird. Hierbei ist die Bildungsschicht der hochgebildeten (Hochschulbildung bzw. -ausbildung) mit 92% am online-affinsten, ebenso gehört die Gruppe des einkommensstärksten Bevölkerungsteils (Monatseinkommen von mehr als 10 000 Franken) zu der Gruppe, in der die Onlineangebote am meisten genutzt werden (Quelle: BfS).

Wurde das Internet im Jahr 2000 noch überwiegend vom Arbeitsplatz aus genutzt, hat sich dies seither deutlich geändert. Das Internet ist zum alltäglichen Medium auch im privaten Umfeld geworden. 70% der Nutzer, die das Internet mehrmals wöchentlich gebrauchen, geben an, das Internet primär von zu Hause aus zu nutzen. Dabei wird das Internet hauptsächlich als Kommunikationsmedium verwendet. So gaben 88% der Nutzer das Senden und Empfangen von E-Mails als primären Verwendungszweck an. Auf Platz 2 folgt die Suche von Informationen über Suchmaschinen oder die Konsultation von Seiten mit Nachrichteninhalten (Quelle: BfS).

Gemäss einer im Auftrag von gfs-Zürich 2009 von Heinz Bonfadelli durchgeführten UNIVOX-Studie geben 56% der Nutzer an, das Internet nie zur Information über politische Belange zu verwenden. Nur 8% gaben an, dass sie dies häufig tun, 36% gelegentlich (Bonfadelli, 2010, S. 12/13). Allerdings wurde in dieser Studie die Nutzung politischer Informationsangebote des Internet allgemein und nicht spezifisch in Bezug auf Onlinemedien von etablierten Verlagshäusern erfragt. Auch bei der Erhebung von NET-Metrix steht das Konsumieren von politischen Informationen nicht an der Spitze. Die Gesamtheit der Internetuser, also auch derjenigen, die Onlinemedien eher selten nutzen, geben als starkes oder eher starkes Interesse «lokale und regionale Informationen» (72.2%) sowie «Musik» (62.9%) an. «Nationale und internationale Politik» nimmt bei dieser Befragung mit 51.3% hinter den Themen «Reisen» und «Gesundheit» allerdings einen prominenten Platz ein und wird damit deutlich häufiger genannt als bei der UNIVOX-Studie. Informationen aus dem Wirtschaftsbereich interessieren 38.9% der Internetuser. Das Bild der Bedeutung von Onlinemedien als politische Informationsquelle verändert sich also, wenn man die Interessen der wachsenden Gruppe der «Heavy Users» betrachtet, also der Gruppe derjenigen, die das Internet täglich oder fast täglich nutzen. Darin sind die Gutgebildeten und Gutverdienenden sowie Männer und die junge Alterskohorte (15–29) in Bezug auf den Bevölkerungsschnitt übervertreten (Quelle: NET-Metrix) – das Interesse für Politik und Wirtschaft ist hier deutlich höher. Informationen zum Bereich «Nationale und internationale Politik» stossen in dieser Gruppe bei 54.7% der User auf starkes Interesse und sind bei diesem Nutzersegment auf Platz 4 der Nutzungshierarchie. Nachrichten aus dem Bereich der Wirtschaft interessieren 42% der Heavy User (Quelle: NET-Metrix). Somit steht bei der informationsorientierten Mediennutzung das Internet noch hinter den «klassischen» Medien Zeitung, Fernsehen und Lokalradio. Es ist aber aufgrund der Wachstumsdynamik der letzten Jahre damit zu rechnen, dass die Onlinemedien hier künftig an Boden gewinnen und weitere klassische Medien als Hauptinformationsquelle ablösen werden. Die Heavy User rufen bereits heute zu 68.8% tagesaktuelle Nachrichten und News aus dem Internet ab. Dies belegen auch die Nutzungszahlen der Onlinemedien, die hauptsächlich Informationsinhalte anbieten: So stieg beispielsweise die tägliche Nutzerzahl von Tagesanzeiger.ch zwischen 2006 und 2009 von 91 450 auf 174 640, die von NZZ Online von 103 250 auf 166 970 und von 20minuten.ch von 112 690 auf 243 080. In der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz zeigt sich der gleiche Trend: Lematin.ch von 34 810 auf 72 860 oder die italienische Ausgabe von teletext.ch von 3600 auf 7370 (Quelle: NET-Metrix).

Merkmale, Typen und Nutzung von Onlineinformationsangeboten

Die in der vorliegenden Studie interessierenden Onlinemedientitel mit primärem Verwendungszweck als Informationsmedien entwickelten sich ganz überwiegend aus Onlineaktivitäten bereits etablierter Medienhäuser, vornehmlich aus dem Printbereich.

Grundsample der Topografie der schweizerischen Onlinelandschaft

Das Grundsample von 2006 bis 2009 umfasst über die Stichprobenjahre hinweg insgesamt 26 verschiedene Onlinetitel; hinsichtlich der Sprachregionen 11 deutschsprachige, 11 französischsprachige und 4 italienischsprachige Titel sowie bezüglich der Onlinetypen 8 Abonnement-Online-, 2 Boulevard-Online-, 2 Gratis-Online- und 14 Online-Portaltitel.

Es können vier verschiedene Medientypen im Onlinebereich unterschieden werden: Abonnement-Online, Boulevard-Online und Gratis-Online verweisen schon begrifflich auf ihre Herkunft aus den entsprechenden Printangeboten, die sich aber durch eigene Redaktionen und zumindest zum Teil auch durch eigenständig produzierte Informationsangebote auszeichnen. Davon abgrenzen lassen sich Onlineportale, die kaum Informationsleistungen anbieten, die von der Onlineredaktion selbst hergestellt wurden. Onlineportale sind entweder dadurch gekennzeichnet, dass sie praktisch ausschliesslich vorgefertigte Inhalte ihrer «Muttermedien» übernehmen (vor allem Bild- und Tonmaterial) und/oder dass sie auf die Bereitstellung gemischter Dienstleistungen ausgerichtet sind (Agenturticker und Kommunikationsfunktionen wie Mailservices). Beispiele solcher Onlineportale sind die Onlineangebote von SRG oder Bluewin.ch.

Die Darstellung V.1.1 zeigt, dass seit dem ersten Messpunkt (Quelle: NET-Metrix) alle Onlinetypen unterschiedlich hinzugewonnen haben. Bereits 2006 waren die Onlineportale mit Abstand die am meisten genutzten Newssites, wobei hier Bluewin.ch mit jeweils etwa 10% Abdeckungsquote (2009) heraussticht. Zu erklären ist dies dadurch, dass Onlineportale andere Funktionen neben der Informationsbeschaffung erfüllen. So wird Bluewin.ch oder GMX.ch in beträchtlichem Mass für den E-Mail-Verkehr genutzt − zwar nutzen in der deutschsprachigen Schweiz 39% der User von Bluewin.ch auch die dortige «News»-Seite, in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz liegt dieser Wert jedoch deutlich tiefer (Quelle: NET-Metrix) − und die Onlineportale der SRG SSR idée suisse werden zumindest auch zur Unterhaltung genutzt. Von 2006 bis 2009 stieg bei allen Onlinetypen die Abdeckungsquote deutlich an, häufig haben sich die Werte verdoppelt. 2009 haben die Onlineportale bereits eine Abdeckungsquote von je etwa 25% pro Sprachregion, was der Abdeckungsquote aller Abonnementszeitungen entspricht, die eine Auflage von mehr als 0.5% des sprachregionalen Universums erreichen (vgl. Zahlen Kapitel II.1).

Im Gegensatz zum Print- zeigt sich im Onlinesektor kein Siegeszug der Newssites der Gratismedien. Das einzig relevante Angebot (Nutzung über 0.5% des Universums) 20minuten.ch bzw. 20minutes.ch zeigt zwar auch Zuwachsraten, bleibt aber hinter der Gruppe der Abonnement-Online- und der Boulevard-Onlinesites zurück.

Aufgrund der Tatsache, dass Medienanbieter aller Mediengattungen auf dem Onlinesektor tätig sind, sind weniger Konzentrationstendenzen zu beobachten als bei Presse, Radio oder TV. Allerdings übertragen sich bei einzelnen Onlinetypen Konzentrationseffekte: Im Abonnement-Online-, Boulevard-Online- und Gratis-Onlinebereich finden sich die grossen Player aus dem Pressebereich wieder. So macht in der deutschsprachigen Schweiz das Newsnetz des Tages-Anzeigers drei der vier hier relevanten Onlineabonnementstitel aus (Tagesanzeiger.ch, Baslerzeitung.ch, Bernerzeitung.ch; der vierte Titel ist NZZ Online).

Insgesamt werden die Onlinetypen Abonnement-Online, Boulevard-Online und Gratis-Online in der deutschsprachigen Schweiz von Tamedia, der NZZ-Gruppe und Ringier beherrscht. In der französischsprachigen Schweiz werden diese Onlinetypen überwiegend von Tamedia/Edipresse (s.u.) kontrolliert. Der Bereich des Medientyps Onlineportal wird zum einen durch die Angebote branchenfremder Unternehmen wie der Swisscom (Bluewin.ch) bzw. der GMX GmbH Deutschland und zum anderen durch die SRG SSR idée suisse sowie durch sprachregionale Unternehmen wie Timedia (ticinonline.ch) kontrolliert.

Wirtschaftliche Entwicklung im Onlinesegment

Das Volumen der Onlinewerbung ist auch in den vergangenen Baisse-Jahren gestiegen, und zwar um 58% auf 119 Mio. Franken im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr (Quelle: Stiftung Werbestatistik), und dies im Gegensatz zu anderen Mediengattungen. Allerdings ist der Anteil am Gesamtwerbemarkt mit knapp 2.5% weiterhin klein und liegt leicht hinter dem Volumen der Radiowerbung (vgl. Kapitel I.1). Nach einer Studie der Publicom AG, die einen Ausblick auf den Werbemarkt 2015 vornimmt, ist mit einem weiteren Anwachsen der Onlinewerbung auf Kosten der klassischen Medien zu rechnen (Grossenbacher, 2010). Allerdings wird sich die bisherige Onlinewerbung insofern ändern, als die Werbebranche vermehrt auf Werbung in den Social Networks wie Facebook oder Xing setzen will. Auch mobile Apps sollen verstärkt in die Werbung mit einbezogen werden.

Trotz des zunehmenden Werbemarkts reichen die Einnahmen vielfach nicht aus, um die entsprechenden Onlineredaktionen selbstständig zu finanzieren (Mögerle, 2007, S. 46; Wyss, 2009). Daher sind Onlineinformationsangebote im Bereich der allgemeinen politischen Information fast immer Teil grösserer Medienhäuser, die diese Redaktionen finanziell alimentieren. Eigenständige Onlineangebote im Format von Newssites ohne Anbindung an ein grösseres Medienunternehmen fehlen bislang gänzlich (Trappel, 2006, S. 107).

Onlineredaktionen: Mangel an Ressourcen und an journalistischer Qualität

Die schlechte wirtschaftliche Situation schlägt sich auf die Ausstattung der Redaktionen im Onlinebereich nieder. Durchschnittlich sind in Schweizer Onlinemedien lediglich zehn Personen mit journalistischen Aufgaben betraut, deutlich weniger als in den Printredaktionen der entsprechenden Stammmedien. In Österreich sind 15.6 und in Deutschland 17.8 Personen in einer Onlineredaktion beschäftigt (wobei in Deutschland die Spiegel-Onlineredaktion mit etwa 60 Mitarbeitenden den Schnitt nach oben drückt; Trappel, 2006, S. 113). Aufgrund der finanziellen Gegebenheiten haben die Onlineredaktionen mit knappen finanziellen Budgets und personellen Restriktionen zu kämpfen, was kaum eigenständige Investitionen in journalistische Kapazität erlaubt.

Durch den Ressourcenmangel und den enormen Aktualitätsdruck bei den Onlinemedien sind die Zeitbudgets für eigene Recherchen äusserst knapp. Daher kommt Josef Trappel in seiner breitangelegten Studie zu Onlinemedien zu einem pessimistischen Bild in Bezug auf deren journalistische Kapazität: «Während der Präsenzzeit sind die Journalistinnen und Journalisten damit beschäftigt, den Nachrichtenfluss der Agenturen zu sichten, umzuschreiben, zu gewichten, zu bebildern und schliesslich die bearbeiteten Meldungen online zu stellen. Die eigene journalistische Leistung beschränkt sich bei dieser Tätigkeit auf das Redigieren und in eher seltenen Fällen auf das telefonische Nachfragen sowie eine Onlinerecherche in anderen Internetquellen» (Trappel, 2006, S. 114). Trappel stellt in seiner Untersuchung weiter fest, dass alle von ihm untersuchten Onlinemedien aus dem Bereich der politischen und gesellschaftlichen Informationsangebote «für die aktuellen Meldungen den Basisdienst der einschlägigen Nachrichtenagenturen nutzen, wobei vor allem die kleineren Onlinemedien auf den automatischen News-Feed der jeweils nationalen Agenturen zurückgreifen. Aus diesem Feed werden dann die obersten Plätze der Website befüllt, ohne dass die Onlineredaktion eine eigene Auswahl zu treffen hat» (Trappel, 2006, S. 118).

Bezüglich der personellen Auswahl der Journalistinnen und Journalisten kommt Wyss auf der Grundlage einer Befragung von 29 Onlineredaktoren im Sommer 2002 zu einem ernüchternden Ergebnis. Beim Personal der Onlineredaktionen sei eine Veränderung in Richtung einer Dequalifikation und Deprofessionalisierung festzustellen (Wyss, 2004, 113). Im Onlinebereich bilden ausgebildete oder erfahrene Journalisten gegenüber Quereinsteigern die Minderheit.

Darüber hinaus kam es vor dem Hintergrund der angespannten wirtschaftlichen Situation der Medienhäuser (vgl. Kapitel I.1) vor allem in den letzten beiden Jahren im redaktionellen Bereich vermehrt zur Schaffung sogenannter «Newsdesks» bzw. «Newsrooms» (vgl. Kapitel II.1). Von dieser Entwicklung sind die Onlineredaktionen massiv betroffen, weil sie teilweise wieder in diesen Newsrooms aufgehen. Im zentralen Newsroom wird dann entschieden, über welche Kanäle die Meldung veröffentlicht wird (vgl. Bsp. Blick-Gruppe, Kapitel II.1).

Die Zukunft: Gratiskultur oder Paid Content?

Vor dem Hintergrund der Refinanzierungsprobleme ist die Frage der Wirtschaftlichkeit von Onlineangeboten eine zentrale Herausforderung. Insbesondere wird diskutiert, ob nicht wieder das Konzept des «Paid Content» eingeführt werden soll, d.h., dass für Onlineangebote im Newsbereich bezahlt werden muss, wie es einige Medien schon zu Beginn der 2000er Jahre für die Nutzung ihrer Sites verlangt hatten. So denken Medienmogul Rupert Murdoch oder der Axel Springer Verlag über die Einführung von Paid Content nach. Murdoch will ab Sommer 2010 alle News der britischen Times, von The Sun und der News of the World nur noch kostenpflichtig anbieten (Schmalz, 2009). Tatsächlich funktioniert im Informationsjournalismus das Geschäftsmodell «Gratis im Internet» nicht, wie die geschilderten Entwicklungen belegen. Der Werbemarkt im Onlinebereich ist nicht in der Lage, guten Journalismus zu finanzieren. Im Moment sind folgende Angebotsmodelle in der Diskussion: a) weiterhin werbefinanzierte Gratisinhalte für Endnutzer; b) kostenpflichtige Downloadmodelle (z.B. pro Artikel); c) Abonnementsysteme und d) Premiummodell (Basisinhalte sind frei, aber Premiuminhalte sind kostenpflichtig). Es gibt aber noch weitere Wege, wie sie beispielsweise die New York Times aufzeigt: Über den Times Reader 2.0 verkauft sie für 3.45 US-Dollar pro Woche die normale Timesausgabe plus Zugang zu Videonews, Suchfunktionen und interaktiven Kreuzworträtseln (Schmalz, 2009).

Die Einführung des iPad hat in der Zeitungsbranche einige Hoffnungen ausgelöst, die problematische Situation zu verbessern. Auch für das iPad soll eine digitale Variante der New York Times kreiert werden. Sie soll zwischen 10 und 30 US-Dollar monatlich kosten. An diesem Betrag partizipiert dann aber auch die branchenfremde Firma Apple. Der Tages-Anzeiger arbeitet ebenfalls an einer kostenpflichtigen iPad-Ausgabe. Diese soll die komplette Druckausgabe des Tages-Anzeigers in digitaler Form enthalten, 185 Franken pro Jahr kosten und für Abonnenten des Tages-Anzeigers kostenlos sein. Die Erfolgsaussichten werden eher kritisch bewertet, da das Angebot allgemein als zu teuer bewertet wird. Vor allem aber ist es solange wirtschaftlich sinnlos, wie die New York Times ein kostenloses Onlineangebot anbietet (Wilhelm, 2010). Solche Projekte sind nur dann sinnvoll, wenn alle internationalen Qualitätsmedien einerseits und die wesentlichen Zeitungsanbieter eines Landes andererseits ihre Gratis-Onlineangebote vom Netz nehmen.

So sind hinsichtlich dieser Optionen auch die Medienschaffenden der Schweiz getrennter Meinung. Teilweise wird behauptet, dass die Einführung von Paid Content funktioniere, weil davon ausgegangen werden kann, dass die User es wieder «erlernen» könnten, für Inhalte zu zahlen (so Marc Walder, CEO von Ringier Schweiz auf persoenlich.com). Überwiegend wird aber davon ausgegangen, dass Paid Content keinerlei Erfolg hat, da dies – wenn überhaupt – nur in einer konzertierten Aktion aller reputierten Newsprovider eingeführt werden könne, denn «Medienhäuser werden niemals Geld für Inhalte bekommen, die es zusätzlich auch unentgeltlich gibt» (Kurt W. Zimmermann auf persoenlich.com). Lediglich für spezielle Angebote, die sonst bei anderen Newsprovidern nicht erhältlich sind und einen Unique Content darstellen, hält die Branche kostenpflichtige Sites für möglich. Diese sind aber im Bereich der politischen Berichterstattung kaum zu etablieren.

Fazit

Insgesamt hat die Nutzung von Onlineinformationsangeboten in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Abdeckungsquote in der gesamten Schweiz hat sich von 2006 bis 2009 fast verdoppelt. Aufgrund der geringen personellen und finanziellen Ressourcenausstattung sowie aufgrund des ausgeprägten Aktualitätsdrucks ist die Eigenleistungsquote im Onlinebereich weit unterdurchschnittlich. Es dominiert ein Abfüllen von Agenturmeldungen sowie eine Fokussierung auf billig produzierbare (Soft-)News. Dieser Befund korreliert mit dem Ausbildungsgrad der im Onlinebereich tätigen Journalistinnen und Journalisten sowie mit der überdurchschnittlichen Zahl fachfremder Quereinsteiger. Der ursprüngliche Plan, die Internetangebote der klassischen Medien über Werbung selbst zu finanzieren bzw. die Stammmedien zu alimentieren, hat sich nicht realisiert. Im Gegenteil ist es durch die Einführung der Gratiskultur zu einer Selbstkannibalisierung traditioneller Medien gekommen, d.h., dass auf der einen Seite die klassischen Stammmedien vor allem im Printbereich durch die Zurverfügungstellung der Gratisangebote an Leserschaft verlieren, während sich auf der anderen Seite die Onlineangebote nicht in ausreichendem Mass durch Werbung refinanzieren können. Dieser Befund wiegt umso schwerer, als hauptsächlich junge Menschen (überwiegend Männer) mit hohem Bildungsstand den Onlinebereich nutzen und durch ihn sozialisiert bzw. zu Gratisnutzern werden. Daher wird über die Einführung kostenpflichtiger Angebote im Onlinebereich nachgedacht. Diesem Szenario werden allerdings so lange geringe Erfolgschancen eingeräumt, wie sich die verschiedenen Medienhäuser nicht zu einer konzertierten Aktion entschliessen können.

Weiterführende Literatur

Bonfadelli, Heinz, 2010: UNIVOX-Bericht «Kommunikation und Medien» 2009 im Auftrag des gfs-zürich.

Bühl, Achim, 1996: Cybersociety, Mythos und Realität der Informationsgesellschaft. Köln: Papyrossa Verlag.

Dyson, Esther/Gilder, George/Keyworth, George/Toffler, Alvin, 1995: A Magna Charta for the Knowledge Age. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. August 1995.

Grossenbacher, René, 2010: Werbetrends. Vortrag gehalten am 21. April 2010 am IPMZ/Universität Zürich.

Marschall, Stefan, 1997: Politik «online» − Demokratische Öffentlichkeit dank Internet? S. 305–324, Publizistik 3/1997.

Mögerle, Ursina, 2007: Substitution oder Komplementarität? Die Nutzung von Online- und Print-Zeitungen im Wandel. Konstanz: UVK.

Schmalz, Gisela, 2009: Sind Bezahl-Inhalte der Schlüssel zum Glück? www.persoenlich.com, 1. Dezember 2009.

Trappel, Josef, 2006: Onlinemedien zwischen Service Public und Geschäft. Die demokratiepolitische Leistungsfähigkeit von Onlinemedien als Resultat ordnungspolitischer Institutionalisierung. Forschungsbericht (unterstützt durch das Bundesamt für Kommunikation BAKOM).

Wilhelm, Zsolt, 2010: New York Times interner Kampf ums ipad. Der Standard vom 17. Februar 2010.

Wyss, Stefan, 2009: Online-Shops vergolden Schweizer Nachrichtenportale noch nicht. www.persoenlich.com, 16. Februar 2009.

Wyss, Vinzenz, 2004: Online-Journalismus zwischen Emanzipation und Reproduktion. S. 95–115 in: H. Bonfadelli/M. Leonarz/W. A. Meier (Hrsg.), Informationsgesellschaft Schweiz. Medien, Organisationen und Öffentlichkeit im Wandel. Zürich: Seismo.

Zimmer, Jochen, 2009: Die Entwicklung des Internets in globaler Perspektive. S. 164–174 in: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.), Internationales Handbuch Medien. Baden-Baden: Nomos.

Lesehilfe V.1.1
Lesehilfe V.1.1

Abdeckungsquote – Entwicklung der Onlinetypen in den Sprachregionen von 2006 bis 2009

Die Darstellung zeigt die Abdeckungsquote der sprachregionalen Bevölkerung pro Onlinetyp und Stichprobenjahr. Die gestapelten Säulen zeigen das Verhältnis der kumulierten Nutzungszahlen zur sprachregionalen Bevölkerung ab 15 Jahren. In den Säulen ist die Anzahl der gemäss den Erfassungskriterien berücksichtigten Onlinetitel angegeben (2006: n = 21; 2009: n = 26).

Lesebeispiel: In der deutschsprachigen Schweiz gibt es 2009 vier Abonnement-Newssites, die jeweils über 0.5% der sprachregionalen Bevölkerung abdecken. Die kumulierte Nutzungszahl dieser Newssites entspricht 9% der Bevölkerung der deutschsprachigen Schweiz über 15 Jahre (Quelle Nutzungszahlen: NET-Metrix).