V.2.3 Aktualität
Der Qualitätsindikator der Aktualität begründet sich durch den Anspruch, dass Informationsmedien zwar aktuell berichten, aber trotz des Drucks, «neueste Nachrichten» zu vermitteln, auch Kontext- und Hintergrundinformation bereitstellen. Aktualität bemisst sich daher nicht bloss daran, über Ereignisse zuerst (Primeur) bzw. möglichst rasch zu berichten (vgl. Rager, 2000, S. 80). Vielmehr soll der Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft nicht zu einer punktualistischen, kontextlosen Berichterstattung führen. Um diesen Qualitätsanspruch zu validieren, wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen. Berichte mit einem episodischen Charakter stellen Einzelfälle oder Ereignisse ins Zentrum und vermitteln konkretes, aber isoliert betrachtetes Geschehen. Berichte mit einem thematischen Charakter kontextuieren dagegen Ereignisse und Sachverhalte, d.h., sie fokussieren auf längerfristige Prozesse und übergeordnete Bezugsprobleme. Diese Qualitätsvalidierung wird auf zwei Ebenen vorgenommen.
1. Informationsangebotsanalytik: Bei diesem Zugang basiert die Qualitätsvalidierung der Onlinemedien auf allen Beiträgen ausgewählter Standardressorts (vgl. Kapitel V.2.1) einer Tagesstichprobe vom 27. November 2009. Die Anteile der thematisch bzw. episodisch orientierten Berichterstattung sowie die Abweichung der Onlinetypen vom Durchschnitt der Onlinearena wird für die Kernressorts Politik und Wirtschaft sowie für das gemischte Ressort News untersucht.
2. Frontseitenanalytik: Dieselbe Qualitätsvalidierung wird auch auf der Basis aller Frontseitenbeiträge im letzten Quartal 2009 im Zeitraum vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 durchgeführt. Auch hier wird der Anteil episodisch und thematisch orientierter Berichterstattung geprüft. Zusätzlich wird der Berichterstattungsstil für die 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse ausgewiesen.
Aktualität
Eine aktuelle und hochwertige Berichterstattung lässt sich nach dem aktualisierten Zeithorizont unterscheiden: Qualitativ hochwertig ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursache- und Wirkungszusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen dagegen auf des Messers Schneide der Gegenwart dar und interpretiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich allenfalls beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Prozesse adäquat zu erfassen. Die Forums-, Kontroll- sowie Kritik- und Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation kann daher nur erfüllt werden, wenn der längerfristigen Temporalität politischen und wirtschaftlichen Handelns in der Berichterstattung Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsberichterstattung nicht gewährleisten.
Pascal Bürgis
Der hohe Druck zur ständigen Aktualisierung von Informationen, die im Vergleich zur Presse geringere Kapazität der Redaktionen sowie Veränderungen in Richtung einer Deprofessionalisierung (vgl. Kapitel V.1) fördern bei allen Onlinetypen eine (fast) ausschliesslich punktuelle, ereigniszentrierte Berichterstattung. Im Onlinebereich wird damit deutlich weniger als in den gedruckten Ausgaben eine thematisch kontextuierende Berichterstattung geleistet (vgl. Kapitel II.2.3.1).
Der Mangel an reflexiver Berichterstattung zeigt sich besonders deutlich im Politikressort (vgl. Darstellung V.2.21). Kontext- und Hintergrundinformationen, die längerfristige Prozesse und übergeordnete politische Bezugsprobleme beleuchten, werden bei den Newssites der Boulevardmedien nicht geleistet. Auf äusserst tiefem Niveau liefern Tagesanzeiger.ch (9%), 20minuten.ch (7%) und NZZ Online (5%) noch etwas thematische Kontextuierung. 20minuten.ch übernimmt diese Berichterstattung jedoch vorwiegend von Agenturen, wohingegen bei Tagesanzeiger.ch und NZZ Online Redakteure sowie Korrespondenten (nur NZZ Online) Themen bearbeiten. Doch auch die Onlineausgaben der Abonnementszeitungen berichten überwiegend punktuell und episodisch. Auch dieser Typ vermag also das generelle Defizit im Onlinesegment betreffend einer kontextuierenden Berichterstattung nicht auszugleichen. Blick.ch, 24heures.ch sowie Tribune de Genève Online haben einen rein episodischen Berichterstattungscharakter.
Auch im Wirtschaftsressort (vgl. Darstellung V.2.22) dominiert eine episodische Berichterstattung, wenngleich eine leicht höhere thematische Verortung zu beobachten ist als im Politikressort. Nimmt man die derzeit virulenten langfristigen Veränderungsprozesse in der Wirtschaft vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise zum Massstab, so wird die Berichterstattung in den Wirtschaftsressorts den Anforderungen an die Qualitätsstandards in der Zeitdimension nicht gerecht. Dies gilt auch für das Onlineangebot der Abonnementszeitungen, die im Onlinequervergleich den grössten, aber immer noch marginalen Anteil thematischer Berichterstattung leistet. Die Daten für die Boulevard-Newssites sind aufgrund der strukturellen Marginalisierung (Blick.ch) bzw. Inexistenz (Lematin.ch) des Wirtschaftsressorts und den entsprechend geringen Fallzahlen nicht aussagekräftig.
Auf der Ebene der einzelnen Onlinetitel vermittelt NZZ Online (23%) noch am stärksten Hintergrundberichterstattung zum Wirtschaftsgeschehen. So werden z.B. die illegalen Praktiken der UBS-Vermögensverwalter im amerikanischen Markt beleuchtet, die Implikationen der Finanzkrise für das chinesische Wirtschaftsmodell erläutert und die Folgen der geplanten – und inzwischen von der Weko unterbundenen – Fusion zwischen Orange und Sunrise für die Kunden abgeschätzt. Einem ausschliesslich episodischen Berichterstattungsmodus verhaftet sind 20minutes.ch sowie Tribune de Genève Online.
Das Newsressort (vgl. Darstellung V.2.23), das durch eine generell hohe Boulevardisierung und eine Konvergenztendenz charakterisiert ist (vgl. Kapitel V.2.1.1), ist nicht nur stark mit Themen des Human Interest und des Sport (vgl. Kapitel V.2.1.1) durchdrungen und auf partikuläre Vorgänge ohne gesamtgesellschaftliche Relevanz (vgl. Kapitel V.2.2.1) fokussiert, sondern auch durch eine vorwiegend episodische Berichterstattung gekennzeichnet. Den höchsten Anteil thematischer Kontextuierung leistet im Gegensatz zum Politik- und Wirtschaftsressort das Informationsangebot der Newssites der Boulevardmedien.
Der vergleichsweise hohe Wert der Boulevard-Newssites gründet in Lematin.ch, der im Newsressort zwar vorwiegend Lebensweltliches wie Unfälle, Kriminalität und Kuriositäten thematisiert (vgl. Kapitel V.2.1.1), hier bei politischen Vorgängen jedoch neben Tagesanzeiger.ch Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge am stärksten aufzeigt.
V.2.3.2 Frontseitenanalytik
Patrik Ettinger
Die Analyse der Einstiegsseiten bestätigt das Bild, das sich bereits in der Informationsangebotsanalyse zeigt: Der hohe Druck zur ständigen Aktualisierung von Informationen, die im Vergleich zur Presse geringe Ressourcenausstattung der Redaktionen sowie der Trend zur Deprofessionalisierung (vgl. Kapitel V.1) führen bei allen Onlinetypen zu einer hochgradig episodischen Berichterstattung (vgl. Darstellung V.2.24).
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Typen, die sich bei der Presse noch deutlich zeigen (vgl. Kapitel II.2.3.2), werden im Onlinebereich fast vollständig nivelliert. Die Onlineausgaben der Abonnementsmedien gleichen sich den Werten der Onlineausgaben der Gratis- und Boulevardmedien an. Auf den Einstiegsseiten sind also Konvergenztendenzen nicht nur in Bezug auf die Vielfalt politischer und wirtschaftlicher Themen (vgl. Kapitel V.2.1.2) und die Relevanz der Berichterstattung (vgl. Kapitel V.2.2.2) zu diagnostizieren, sondern auch in Bezug auf die Aktualitätsdimension episodischer Prägung.
Diesbezüglich schwächen sich auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Onlinetiteln ab. Während die Unterschiede bei der Presse zwischen dem Abonnementspressetitel mit dem tiefsten (53% Tribune de Genève) und dem höchsten Anteil (Tages-Anzeiger 69%) an episodischer Berichterstattung 16%-Punkte betragen, liegt dieser Unterschied bei den Onlineausgaben der Abonnementsmedien bei nur noch 10% (NZZ Online 80%, Tribune de GenèveOnline 90%). Der enorme Aktualitätsdruck, der durch die technischen Möglichkeiten des neuen Mediums Online entstanden ist, nivelliert damit auch die Unterschiede des Aktualitätstempus der Abonnementsonlinemedien und führt zu einer fast ausschliesslichen Bewirtschaftung kurzlebiger News.
Frontseiten: Temporalität der relevanten Themen
Diese Entwicklung zeigt sich auch, wenn wir die grössten 20 Themen in der Onlinearena nach den Anteilen kontextualisierender Berichterstattung untersuchen. Auch hier ist die Berichterstattung im Vergleich zur Pressearena in allen Kommunikationsereignissen stärker auf das kurzlebig Episodische ausgerichtet, während sich eine thematische und damit kontextuierende Berichterstattung in den Beiträgen auf den Einstiegsseiten kaum findet.
Diese Dominanz der episodischen Berichterstattung gilt nicht nur – wie bereits in der Pressearena – für die Berichterstattung über Sportereignisse (Skiweltcup 2009/2010, Fussballmeisterschaft, Fussball-WM 2010, U17-Fussball-WM 2009) und klassische Human Interest-Themen (Carl Hirschmanns Lebenswandel, Unfall im Bärengraben).
Ausgeprägt episodisch ist im Gegensatz zur Presse auch die Auslandsberichterstattung. Sowohl die Berichterstattung über die Niederschlagung der Reformbewegung im Iran wie auch jene über den politischen Prozess in Afghanistan präsentiert uns die Welt vor allem in Form partikulärer Ereignisse ohne Zusammenhang und nimmt kaum eine Einbettung derselben vor.
Etwas stärker thematisch und damit kontextuiert, allerdings immer noch weit unter den Werten der Presse, ist die Berichterstattung in Kommunikationsereignissen, die sich auf die Politik der Schweiz beziehen, wie die Minarettinitiative, die Libyenaffäre, der Druck auf den Finanzplatz Tessin und, am ausgeprägtesten, im Bereich der Identitätspolitik (Integrationspolitik Schweiz).
Fazit
Der hohe Druck zur ständigen Aktualisierung von Informationen, die geringen redaktionellen Ressourcen sowie Deprofessionalisierungstendenzen (vgl. Kapitel V.1) lassen in der Onlineberichterstattung nur episodische Weltbeschreibungen zulasten der reflexiven Einbettung zu. Das Informationsangebot der Onlinemedien ist durch die Marginalität von Hintergründen geprägt, die das Geschehen auf ihre Ursachen hin beleuchten, mögliche Folgen abschätzen und damit ein vertiefendes Verständnis ermöglichen. Das gattungsspezifische Aktualitätsdiktat mitsamt den mangelnden Ressourcen sowie das Wissen um die gerade auch dadurch geförderte «Klickmentalität» der Onlinenutzer erfasst die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass politische und wirtschaftliche Zusammenhänge nicht mehr prozedural abgebildet werden. Die für das Funktionieren des demokratischen Gemeinwesens notwendige adäquate Orientierung an gesellschaftspolitischen Prozessen findet nur unzureichend statt. Onlinemedien leisten im Vergleich zur Presse weder einen Beitrag zur Wahrnehmung und Diskussion von aufkeimenden lösungsbedürftigen Problemen (Forumsfunktion) noch zur Validierung der rechtsstaatlichen Institutionen (Kontroll- und Legitimationsfunktion). Der Onlinebereich kann damit weiterhin nicht als «Politisierungsmedium» charakterisiert werden (Bonfadelli, 2010). Stattdessen führt der ökonomische Druck zu einem Trend der crossmedialen Verwertung vorgefertigter, kurzlebiger News, die ohne grossen Mehraufwand rasch in die Onlineseiten abgefüllt werden können. Konsumenten, die die Welt über die Newssites wahrnehmen, werden nicht in die Lage versetzt, aus der Fülle des Episodischen relevante Erklärungsmuster für den rasend erscheinenden Verlauf der Dinge abzuleiten. Das Gratisangebot der Newssites ist in journalistischer Hinsicht tatsächlich billig.