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Kapitel III: Radio (Auszug)
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III. Radio

Zusammenfassung

Linards Udris

Publizistische Versorgung

  • Breite Abdeckung: Obwohl das Radio nicht nur ein Informations-, sondern auch ein Unterhaltungsmedium ist, sind die Informationssendungen des Radios und dabei vor allem des öffentlichen Radios wesentliche Träger der öffentlichen Kommunikation. Die in der Untersuchung berücksichtigten Informationssendungen, die mehr als 0,5% der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren in ihren jeweiligen Sprachregionen erreichen, decken zusammen 151% der Wohnbevölkerung der Schweiz ab. Dies ist zwar weniger als die Abdeckungsquote der Informationsformate des Fernsehens (215%), aber mehr als diejenige der erfassten Abonnements- und Wochenpresse zusammen (130%).
  • Intensive Nutzung der öffentlichen Angebote: Die Schweizerinnen und Schweizer hören im europäischen Vergleich häufig und lange Radio. Wenn sie sich mittels Nachrichtensendungen, Magazinen oder Forumssendungen über das Geschehen zu Hause und in der Welt informieren, dann bevorzugen sie eindeutig die Sendungen der SRG SSR. Setzt man die Abdeckung der Schweizer Wohnbevölkerung ab 15 Jahren durch Informationssendungen des Radios auf 100%, dann entfallen 86% auf die Informationsformate der öffentlichen Radios der deutschsprachigen, der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz und nur 14% auf die Formate der Privatradios. Diese starke Stellung der SRG SSR-Sendungen ist auch Ausdruck der Schweizer Medienpolitik, die dem öffentlichen Radio mit dem Service-public-Auftrag eine Grundversorgung vorschreibt.
  • Nutzungsverluste und Messprobleme: Die Radionutzung auf konventionellem Weg ist jedoch rückläufig und stellt vor allem das öffentliche Radio vor Herausforderungen, dessen Informationsformate seltener genutzt werden. Hingegen vermögen sich Informationssendungen von privaten Radioveranstaltern zu etablieren. In den selteneren Fällen, in denen ihre Reichweite nicht zunimmt, sind die Verluste im Vergleich zu denen des öffentlichen Radios wesentlich geringer. Allerdings kann die zeitverschobene Nutzung der Informationsangebote etwa über das Internet (Podcasts) bislang nicht gemessen werden. Diese Nutzungsform betrifft die Informationssendungen des öffentlichen Radios. Deshalb sind die konstatierten Verschiebungen der Nutzung von öffentlichem und privatem Radio mit Vorsicht zu interpretieren.
  • Verluste bei einordnenden Informationssendungen: Gerade die Nachrichtensendungen des öffentlichen Radios werden in allen drei Sprachregionen von immer weniger Personen «live» genutzt. Vor allem das Format der Magazinsendung, das eine besondere Vertiefung relevanter Themen und Ereignisse erlaubt, deckt in der Deutschschweiz und partiell auch in der italienischsprachigen Schweiz immer geringere Anteile der Wohnbevölkerung ab. Eine verstärkte Nutzung dieser Magazine über das Internet ist zwar wahrscheinlich, doch sind Reichweitenverluste von rund 20% im Verlauf von zehn Jahren bzw. von rund 5% allein im letzten Jahr etwa beim Echo der Zeit oder beim Rendez-vous (DRS1) auffallend. Nur in der französischsprachigen Schweiz erfreut sich das Magazinformat des öffentlichen Radios weiterhin hoher Nutzung.
  • Mangelökonomie und Qualitätsmangel: Die ökonomischen Rahmenbedingungen des Privatradios haben sich seit 2006 aufgrund rückläufiger Werbeeinnahmen verschlechtert. Seit dem neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG 2007) erhalten viele Privatradios für ihre Konzession einen Gebührenanteil, der auf Kosten der öffentlichen Sender geht. Freilich sind an die Angebote solcher Veranstalter mit Leistungsauftrag höhere Anforderungen zu stellen. Die Analyse des Informationsangebots der verschiedenen Veranstalter und Typen (privat/öffentlich) und die Analyse der Aufmacherbeiträge der Hauptnachrichtensendungen zeigen jedoch erhebliche Qualitätsdefizite des Privatradios und zwar unabhängig davon, ob Gebührenmittel bezogen werden.

Qualitätsvalidierung

  • Stark unterschiedliche Informationsleistungen: Die Dominanz von Musik im Gesamtprogramm und die geringen journalistischen Ressourcen führen im Privatradio dazu, dass Informationsformate im Gesamtprogramm keine bedeutende Rolle spielen. Der Umfang an klar abzugrenzenden Informationsformaten beträgt bei Privatsendern zwischen rund 5 Stunden (Radio 3iii,Lausanne FM) und 15 Stunden (Radio Argovia, Radio 24) pro Woche, bei den ersten Programmen des öffentlichen Radios hingegen 37 (DRS1), 42 (Rete Uno) und sogar 51 Stunden (La 1ère). Die Qualitätsdefizite des Privatradios zeigen sich auch darin, dass es kaum vertiefende Informationssendungen wie Magazine oder Foren programmiert. Während die öffentlichen Radioprogramme zusammen 69 Stunden an relevanten Magazin- und Forumssendungen ausstrahlen, sind es beim Privatradio insgesamt nur 8. Und schliesslich sind auch die Nachrichtensendungen im Privatradio deutlich kürzer als im öffentlichen Radio, was die Einordnung von aktuellen Themen und Ereignissen erschwert.
  • Softnewsorientierung beim Privatradio: Die Nachrichtensendungen des Privatradios sind stark an Softnews orientiert. Human Interest und Sport nehmen dort mit 43% fast ebenso viel Raum ein wie die gesamte Politik-, Wirtschafts- und Kulturberichterstattung, und eine thematische Einordnung auf der Basis von journalistischen Eigenleistungen findet kaum statt. Wenn relevante (nationale) Themen diskutiert werden, dann werden diese im Privatradio nur in den seltensten Fällen erklärt und eingeordnet. Und innerhalb der Nachrichtensendungen weist die Regionalberichterstattung, für die die Privatradios konzessioniert sind, einen Softnewsanteil von 56% auf. Damit vermittelt das öffentliche Radio, das eigene Regionalformate programmiert, sogar im regionalen Rahmen mehr Qualität als das Privatradio. Wenn ein konzessionierter Privatsender wie Radio 3iii sogar 65% seiner Regionalberichterstattung den Softnews widmet und damit kaum zur Forums- oder Legitimations- und Kontrollfunktion in der Region beiträgt, widerspricht dies dem Text wie dem Geist der Konzession.
  • Unterschiede bei öffentlichen Angeboten: Der Beitrag des öffentlichen Radios zur Qualität der öffentlichen Kommunikation ist aber nicht bei allen drei ersten Programmen der SRG SSR gleich ausgeprägt. Im Vergleich der öffentlichen Sender fällt das Informationsangebot von Rete Uno hinter seine Pendants in der französischsprachigen und vor allem in der deutschsprachigen Schweiz zurück. Die Vermittlung von Informationen erfolgt dort stärker über das Format der gemischten Nachrichten, während sich DRS1 mit vertiefenden Nachrichtenmagazinen und La 1ère mit vertiefenden Kulturmagazinen profilieren und sich diesbezüglich noch mehr von den Privatradios absetzen. Die kleine Sprachregion der italienischsprachigen Schweiz wird zwar relativ gut mit Informationssendungen abgedeckt, aber sie ist gleichzeitig mit dem Angebot eines qualitätsschwachen Privatsenders und eines ebenfalls leicht abfallenden ersten öffentlichen Radioprogramms gegenüber den anderen Landesteilen im Nachteil.
  • Relevanz, Personalisierung und sinkende Einordnungsleistungen: Vor allem dank den öffentlichen Angeboten sorgt die Radioarena im Gattungsvergleich für eine vielfältige, relevante und sachliche Vermittlung von Informationen. Im Vorjahresvergleich hat jedoch 2010 die Personalisierung zugenommen, und die hohen Einordnungsleistungen gehen im öffentlichen Radio zurück bzw. sinken beim Privatradio mit seinem bereits tiefen Niveau noch weiter.
  • Integrationsleistungen: Im Vergleich mit dem Fernsehen sorgt die Gesamtagenda des Radios (die 20 grössten Kommunikationsereignisse der Radioarena) stärker dafür, dass relevante Themen aus dem In- und Ausland vermittelt werden und die Publika der Sprachregionen über dasselbe informiert werden. Darin spiegelt sich der bedeutende Beitrag des öffentlichen Radios. Insbesondere das Echo der Zeit kann wegen seiner fundierten Berichterstattung von relevanten Vorgängen im In- und Ausland als Leuchtturm der öffentlichen Kommunikation bezeichnet werden. Das Privatradio hingegen leistet dazu nur einen bescheidenen Beitrag. Immerhin orientiert es sich in seiner Agenda stärker als das Privatfernsehen auch an relevanten Topthemen, doch werden diese Themen in Form einer episodischen, agenturgetriebenen Berichterstattung vermittelt. Diese Integrationsleistung des Radios wird zudem durch die Orientierung an Softnewsthemen (am meisten im Privatradio 3iii der italienischsprachigen Schweiz) eingeschränkt.
  • Konjunktur- und Auslandsberichterstattung: Wie in den anderen Gattungen, so wird auch in der Radioberichterstattung die Schweiz über die personalisiert aufbereitete Wahl von Bundesräten und wie im Fall der Libyenaffäre und der Bankgeheimnisdebatte über von aussen kommende Bedrohungen zusammengehalten. Auch die prozessorientierte Gesundheitsreform beschäftigt die Medien in allen drei Landesteilen. Die Radioarena zeigt sich im Gattungsvergleich aber deutlich sensibler für wirtschaftliche Krisenfolgenprobleme und legt beispielsweise auf die Konjunkturberichterstattung besonders grosses Gewicht. Darüber hinaus vermittelt vor allem das öffentliche Radio einen die Sprach- und Landesgrenzen überwindenden Blick, wenn etwa in der deutschsprachigen wie in der italienischsprachigen Schweiz der Eurostabilitätspakt prominent thematisiert wird.
  • Identitätspolitische Themen und Softnews: Der unterschiedliche Grad an vertiefender Berichterstattung durch Nachrichtenmagazine wirkt sich auf die sprachregionale Themenauswahl aus. Die Radioarena der deutschsprachigen Schweiz beteiligt sich – vor allem wegen des öffentlichen Radios – am stärksten an relevanten Themen und verleiht den grossen Sportereignissen weniger Aufmerksamkeit. Gleichzeitig schenkt sie, wie die Informationsmedien aller Gattungen in der Deutschschweiz, der Identitätspolitik in Form der Ausschaffungsinitiative intensive Beachtung. Diese Thematik ist in der öffentlichen Kommunikation der deutschsprachigen Schweiz deutlich am stärksten verankert (vgl. hierzu Kapitel VI.2). In der Suisse romande erweist sich die Radioarena zwar gegenüber der Fernseharena als relevanter, aber sie ist selbstbezogener als in der Deutschschweiz und zudem stark frankophon orientiert. Die Radioarena der Svizzera italiana zeigt sich sensibler für wirtschaftliche Krisenfolgenprobleme, doch verdrängt die intensive Softnewsorientierung des italienischsprachigen Privatradios und teilweise auch des öffentlichen Radios wichtige und relevante Themen von der Topagenda.