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Kapitel VI: Vertiefungsstudien
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VI.1 Nordwest- und Südostschweiz: Konzentration und publizistisches Angebot im regionalen Pressemarkt

Esther Kamber, Kurt Imhof

Diese Vertiefungsstudie zum publizistischen Angebot im Pressemarkt Nordwest- und Südostschweiz ist die erste einer Reihe, die regionale öffentliche Räume der Schweiz einer detaillierten Analyse unterzieht. Für diese erste regionale Vertiefungsstudie hat Roger Blum auf der Basis seines profunden Wissens über die Medienstrukturen der Schweiz verdankenswerterweise wichtige Hinweise gegeben (vgl. auch Blum 2003).

Um solche regionalen Vertiefungsstudien zu realisieren, wird das Auswahlkriterium der in diesem Jahrbuch erfassten Medientitel, nämlich 0,5% der Bevölkerung ab 15 Jahren zu erreichen, das normalerweise auf die drei grossen Sprachregionen angewandt wird, auf regionale öffentliche Räume angewendet. Dies ermöglicht die Berücksichtigung von kleinen Zeitungen, die jedoch regional oder lokal von Bedeutung sind. Dadurch lässt sich die publizistische Versorgung auf der Ebene der Gemeinden zeigen, um so der föderalistischen Struktur der schweizerischen Demokratie bzw. der Qualität der öffentlichen Kommunikation auch auf dieser Ebene Rechnung zu tragen. Im Zentrum dieser regionalen Vertiefungsstudien steht entsprechend die publizistische Versorgung in ihrem Bezug auf die politischen Gebietseinheiten Kanton und Gemeinde. Dabei sind die Konzentration von Pressemärkten und deren Auswirkungen auf das publizistische Angebot der jeweiligen Region von Interesse.

Die erste Vertiefungsstudie dieses Typs bezieht sich auf das Presseangebot in den Regionen Nordwest- und Südostschweiz. Zunächst werden die wichtigsten Presseangebote dieser Regionen vor dem Hintergrund der Presseversorgung der Deutschschweiz insgesamt dargestellt. Dann werden die Effekte der starken Stellung der AZ Medien AG in der Nordwestschweiz sowie der Südostschweiz Mediengruppe AG in der Südostschweiz auf das jeweilige publizistische Angebot untersucht. Von Interesse sind hier die Auswirkungen marktdominanter Stellungen von Medienkonzernen im regionalen Raum auf die Aussenpluralität in Form der Titelvielfalt und auf die Binnenpluralität innerhalb der Medientitel. Diese Studie enstand auch im Zusammenhang des vom Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) finanzierten Forschungsprojektes «Medienkonzentration und Meinungsvielfalt» (2010).

Zusammenfassung

  • Titelvielfalt in der Deutschschweiz: Mit Blick auf die ganze Deutschschweiz tragen sowohl die AZ Medien AG wie auch die Südostschweiz Mediengruppe AG mit ihren Abonnements- und Sonntagspressetiteln zur Aussenpluralität und Titelvielfalt bei. Dies ist auf den Umstand zurückzuführen, dass beide Medienunternehmen ihre Eigenständigkeit bewahren konnten, d. h., sie wurden im Rahmen der regionalen Expansionsstrategien der zwei der drei Oligopolisten im deutschschweizerischen Sprachraum, der NZZ-Gruppe und der Tamedia AG, nicht übernommen.
  • Regionale Konzentration: Die starke Stellung der AZ Medien AG in der Nordwestschweiz bzw. die Fast-Monopolstellung der Südostschweiz Mediengruppe AG ist die Basis ihrer Wirtschaftlichkeit und damit auch ihrer Eigenständigkeit. Sie ermöglicht den beiden Unternehmen, weiterhin Zeitungen herauszugeben, die sich hinsichtlich ihres publizistischen Angebotes im Vergleich mit Konkurrenzprodukten in der Deutschschweiz positionieren können. Darüber hinaus bilden ihre tagesaktuellen Hauptblätter (Aargauer Zeitung und Südostschweiz) und die beiden Sonntagszeitungen (Sonntag AZ und Südostschweiz am Sonntag) sowie die Internetplattformen die Grundlage für die Entwicklung der Unternehmen mit Blick auf die Konvergenz der Informationsmedien im Internet. Das bedeutet, dass die marktdominante Stellung eines Medienhauses in seinem regionalen Kontext überregionalen bzw. nationalen Konzentrationsprozessen Widerstand leistet. Dies setzt jedoch diese Medienunternehmen der besonderen Verantwortung aus, mit qualitätsorientierten Medien zur Demokratie in den jeweiligen Regionen beizutragen. Es bedeutet, neben der Forumsfunktion auch die Legitimations- und Kontrollfunktion sowie die Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation zu erfüllen.
  • Regionale Konzentration reduziert publizistische Vielfalt: Der Preis der starken Stellung der AZ Medien AG und der Südostschweiz Mediengruppe AG auf ihren regionalen Pressemärkten ist allerdings die geringere publizistische Vielfalt in den jeweiligen Regionen selbst. Die Mehrfachverwertung von Beiträgen in den Regionalressorts sowohl der Regionalausgaben der Haupttitel wie auch der weiteren Titel mit eigenständigem Zeitungskopf verringert die Aussenpluralität ebenso wie die Binnenpluralität, d. h., die publizistische Vielfalt und damit die Forumsfunktion innerhalb der Zeitungen ist beschränkt. Dabei fällt auf, dass die Mehrfachverwertung von Beiträgen in der Regionalberichterstattung der Titel der AZ Medien AG wesentlich grösser ist als bei den Titeln der Südostschweiz Mediengruppe AG. Darüber hinaus kommt der vorherrschende Typus der regionalen Chronikberichterstattung dem Anspruch auf Binnenpluralität nicht entgegen. Mit Blick auf die drei demokratienotwendigen Leistungsfunktionen öffentlicher Kommunikation stützt diese Regionalberichterstattung die Integrationsfunktion, weniger aber die Forumsfunktion und noch weniger die Legitimations- und Kontrollfunktion.
  • Regional-lokale Wochenpresse in der Kontrolle von Regional- und Grossverlagen: Der Markt der regional-lokalen Wochenpresse unterhalb der Ebene der tagesaktuellen Haupttitel mit Regionalausgaben und der tagesaktuellen Titel mit eigenständigem Zeitungskopf sowie der Sonntagszeitungen bringt in den beiden Regionen trotz Unterschieden in den Besitzverhältnissen ähnliche publizistische Leistungen hervor. In den Stammlanden der AZ Medien AG in der Nordwestschweiz werden die 39 regional-lokalen Wochenblätter mit einer kumulierten Gesamtauflage von nicht weniger als 1 224 660 Exemplaren immer noch zu grossen Teilen von Regionalverlagen mit einer Verankerung im Druckereigewerbe kontrolliert. Die von der AZ Medien AG kontrollierten Titel erreichen eine Auflage von 223 538 Exemplaren. Demgegenüber kontrolliert die Südostschweiz Mediengruppe AG rund 50% der Auflage bzw. 15 aller 21 regional-lokalen Wochentitel der Südostschweiz, die zusammen eine Gesamtauflage von 276 494 erreichen. Die publizistischen Leistungen dieser Wochenpresse beziehen sich aufgrund ihrer Nähe zu den lokalen Institutionen, Vereinen und Unternehmen vor allem auf die Integrationsfunktion der öffentlichen Kommunikation. Diese Einbettung lässt sie die Forums- sowie die Legitimations- und Kontrollfunktion vernachlässigen. Zusammen mit den kommerziellen Interessen ist sie auch ursächlich dafür, dass das publizistische Gebot der Trennung des redaktionellen und des Werbeteils oft grob missachtet wird.