VI.3 Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und Übernahmepraxis von Agenturberichten in der Presse
Mark Eisenegger, Sibylle Oetiker, Mario Schranz
Zusammenfassung
-
Agentureinfluss und Medienqualität: Medienkrise, journalistischer Ressourcenschwund und Aktualitätsdiktat erhöhen die Abhängigkeit der Redaktionen von fremdproduzierten Medieninhalten, wie sie Nachrichtenagenturen anbieten. Ein solcher Agentureinfluss tangiert die Medienqualität erstens in der Professionalitätsdimension, nämlich dann, wenn die Norm der Quellentransparenz verletzt wird, d. h., Agenturmaterial nicht gekennzeichnet oder gar unter dem Etikett redaktioneller Eigenleistung geführt wird. Agentureinflüsse tangieren zweitens die Vielfaltsdimension. Ein zu hoher und einseitiger Agentureinfluss kann dazu führen, dass sich Inhalte und Deutungsperspektiven in der Medienarena stark angleichen, zumal dann, wenn wie in der Schweiz die Nachrichtenagentur sda ein faktisches Monopol für Inlandsmeldungen besitzt.
-
Forschungsfragen: Vor diesem Hintergrund befasst sich der Beitrag mit den Auswirkungen des sda-Monopols sowie mit der Übernahmepraxis von Agenturmaterial in der Schweizer Pressearena. Es interessiert dabei erstens, ob das Inkrafttreten des faktischen sda-Monopols im Frühjahr 2010 zu einer Zunahme des sda-Einflusses in der Presseberichterstattung führt. Zweitens interessiert, inwieweit bei der Verwertung von Agenturmaterial Qualitätsstandards eingehalten oder verletzt werden. Um diese Fragestellung adäquat beantworten zu können, wurde eigens für dieses Projekt eine Plagiatssoftware entwickelt, die Agenturinhalte unabhängig von der Beitragszeichnung nachweisen kann.
-
Zunahme des sda-Einflusses: Der Vergleich der Presseberichterstattung von insgesamt 22 Pressetiteln im Untersuchungszeitraum 2009–2010 bestätigt, dass der sda-Einfluss in der Pressearena nach der Etablierung der Monopolstellung im Frühjahr 2010 signifikant zugenommen hat. Beträgt der sda-Anteil an der Gesamtmenge aller als Agenturmeldungen gekennzeichneten Beiträge im Jahr 2009 noch 32%, so steigt dieser Wert 2010 auf 47%. Addiert man zu diesem Wert die Anteile der Si-Sportinformation – einer zu 100 Prozent der sda gehörenden Sportnachrichtenagentur –, so beträgt der Anteil der sda/Si-Meldungen am Total aller erfassten Agenturmeldungen 2010 hohe 70%. Der Einfluss der sda nimmt nach Inkrafttreten des Monopols in der Deutschschweiz stärker zu als in der Suisse romande. In der französischsprachigen Schweiz bleibt der Einfluss der AFP substanziell und dämpft den Vormarsch der sda (die Dynamik konnte in der Svizzera italiana aufgrund zu geringer Fallzahlen nicht signifikant erfasst werden).
-
Vormachtstellung der sda in der Inlandsberichterstattung: Besonders ausgeprägt ist der Ausbau der sda-Vormachtstellung in den Ressorts Politik-Inland (99%), Politik-Region (84%), Kultur (69%) und Human Interest (64%). Aber selbst in den Auslandsressorts nimmt der Einfluss der sda zu. Die Dominanz der Schweizerischen Depeschenagentur ist vom Standpunkt der Medienqualität insbesondere in der Inlandsberichterstattung problematisch. Tangiert wird erstens die publizistische Vielfalt in der Pressearena. Zweitens steigen die Anforderungen an die Pressetitel, den dominanten sda-Ursprung als solchen transparent zu machen. Und drittens erhöhen sich auch die Qualitätsanforderungen an die sda selbst, wenn sie die Berichterstattung in der Pressearena derart stark beeinflusst.
-
Agenturübernahmepraktiken: Ergänzend zur Analyse der Auswirkungen des sda-Monopols auf die Presseberichterstattung in der Schweiz wurde für acht Titel der Typen Gratis-, Boulevard- und Abonnementspresse überprüft, inwieweit bei der Übernahme von Agenturmaterial durch die Medien Qualitätsstandards verletzt werden. Die via Plagiatssoftware ermittelten Agenturtreffer wurden einer Clusteranalyse unterzogen und insgesamt sieben typischen Agenturübernahmepraktiken zugeordnet. Fünf der eruierten Übernahmepraktiken (Clusters) sind aus Qualitätsperspektive problematisch, zwei unproblematisch. Der Anteil an qualitätsdefizitären Übernahmepraktiken ist in der untersuchten Pressearena mit insgesamt 40% hoch. Rund 60% der eruierten Agenturtreffer wurden als unproblematisch eingestuft.
-
«Intransparente Copy-Paste-Praxis» (Cluster 1): Diese Übernahmepraxis wurde in insgesamt 5,2% der Fälle ermittelt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass Agenturquellen durchgängig intransparent bleiben, umfangreiche Textübernahmen stattfinden und die ursprüngliche Agenturmeldung durch den Einsatz von Visualisierungstechniken mit minimalem Aufwand den Anstrich einer redaktionellen Eigenleistung bekommt. Diese problematische Übernahmepraxis ist mit Abstand am häufigsten bei 20 Minuten (28%) zu beobachten, gefolgt vom Blick (14%) und der Südostschweiz (11%).
-
«Intransparente Verfremdungspraxis» (Cluster 2): Diese Übernahmepraxis ist ebenfalls durch einen durchgehend intransparenten Umgang mit den Quellen gekennzeichnet. Im Gegensatz zu Cluster 1 wird hier aber der Text des ursprünglichen Agenturinputs stark umgeschrieben und verfremdet. Diese problematische Übernahmepraxis wurde wiederum bei 20 Minuten am häufigsten ermittelt (36%) sowie bei der Neuen Luzerner Zeitung (15%). Sie trat insgesamt bei 7,2% aller Agenturtreffer auf.
-
«Boulevardisierung, unzuverlässige Zeichnungspraxis» (Cluster 3): Bei dieserÜbernahmepraxis werden sda-Agenturmeldungen mit Softnews-Inhalt in Hardnews-Ressorts abgedruckt (Boulevardisierungseffekt) und nur unzuverlässig, d. h. sporadisch gekennzeichnet. Spezialisiert auf diese problematische Übernahmepraxis, die in insgesamt 8% aller Fälle eruiert wurde, ist wiederum 20 Minuten (25%). Aber auch der Tages-Anzeiger ist in diesem Cluster prominent vertreten (15%).
-
«Unzuverlässige Zeichnungspraxis von Softnews» (Cluster 4): Bei dieser Übernahmepraxis dominiert eine Übernahme von Softnewsmeldungen bei teilweisen Verstössen gegen die Norm der Quellentransparenz. Agenturbeiträge werden zu Unrecht unter dem Label der Redaktion geführt oder nicht durchgehend gekennzeichnet. Diese problematische Praxis, die gesamthaft bei 11% aller Agenturtreffer ermittelt wurde, ist eine Spezialität der Boulevardzeitung Blick (72%). Aber auch die Berner Zeitung weist hier hohe Anteile auf (21%).
-
«Unzuverlässige Spätverwertungspraxis» (Cluster 5): Das charakteristische Merkmal der Übernahmepraxis «Spätverwertung» ist der zeitverzögerte Abdruck von Agenturinhalten, die nur unzuverlässig, d. h. zu durchschnittlich 60%, als solche gekennzeichnet werden. Die sich ansonsten durch eine vorbildhafte Agenturübernahmepraxis auszeichnende Neue Zürcher Zeitung weist in diesem Cluster den grössten Anteil auf (14%). Insgesamt wurde dieses Muster bei 7,2% der Übernahmen festgestellt.
-
«Transparente Softnews- und Hardnewsverwertung» (Cluster 6 und 7): Diese beiden Übernahmepraktiken sind vom Standpunkt publizistischer Qualitätsvalidierung als unproblematisch einzustufen (insgesamt 60% aller Übernahmen). Korrekt gekennzeichnete Agenturmeldungen aus dem Bereich der Softnews werden in Softnewsressorts, Hardnewsagenturmeldungen in Hardnewsressorts publiziert. Diese Form der Agenturverwertung ist typisch für die Abonnementszeitungen. Am stärksten greift das unproblematische Muster der transparenten Hardnewsverwertung bei der Neuen Zürcher Zeitung (62%). Einschränkend muss allerdings bemerkt werden, dass auch diese Übernahmepraktiken zu Qualitätseinbussen führen können, nämlich dann, wenn die redaktionellen Eigenleistungsanteile durch solche Agenturübernahmen an den Rand gedrängt werden.
-
Boulevard- und Gratiszeitungen mit den grössten Qualitätsdefiziten: Gesamthaft ist die Agenturübernahmepraxis der Gratiszeitung 20 Minuten als äusserst qualitätsdefizitär einzustufen. Problematische Übernahmepraktiken dominieren hier zu 98%. Agenturbeiträge werden mit den Mitteln des Copy-Paste integral verwertet, ohne sie zu kennzeichnen (Cluster 1: 28%), oder sie werden partiell umgeschrieben, um sie als redaktionelle Eigenleistung erscheinen zu lassen (Cluster 2: 36%). Zudem gibt es die Praxis, Agenturmeldungen mit wenig Aufwand «aufzupeppen»; hierzu werden etwa Visualisierungstechniken eingesetzt: Ungezeichnete Agenturmeldungen werden mit Bildern und Grafiken angereichert und als umfangreiche Berichte dargeboten. Auch die Übernahmepraxis der Boulevardzeitung Blick ist stark qualitätsdefizitär. Problematische Verwertungspraktiken dominieren hier sogar zu 100%. Der Blick verwendet primär die Übernahmepraxis 4 (72%): Agenturinhalte werden durchgehend nicht als solche gekennzeichnet. Zudem ist die intransparente Copy-Paste-Praxis beim Blick prominent vertreten (Cluster 1: 14%).
-
Unterschiede bei den Abonnementszeitungen: Bei den Abonnementszeitungen dominieren die unproblematischen Übernahmepraktiken. Allerdings zeigen sich auch deutliche Unterschiede: Beim Tages-Anzeiger sind 38% aller ermittelten Agenturübernahmen als problematisch einzustufen. Dies ist im Vergleich aller Abonnementszeitungen der schlechteste Wert. Von den problematischen Clustern fällt vor allem Übernahmepraxis 3 ins Gewicht (15%), bei der nur partiell gekennzeichnete Softnewsmeldungen der Agenturen in Hardnewsressorts abgedruckt werden. Bei der Neuen Luzerner Zeitung (33% problematische Übernahmen) fällt vor allem Cluster 2 negativ ins Gewicht (15%) – bei vollständiger Intransparenz der Quelle wird die ursprüngliche Agenturmeldung so weit verfremdet, umgeschrieben oder angereichert, dass sie als Eigenleistung erscheint. Für die 32% problematischer Übernahmen bei der Berner Zeitung ist vor allem Übernahmepraxis 4 verantwortlich: Es werden hauptsächlich Softnewsmeldungen der Agenturen übernommen, ohne diese konsequent als solche zu kennzeichnen. Bei der Südostschweiz beträgt der Anteil problematischer Übernahmen 31%. Von den Abonnementszeitungen ist die Südostschweiz bei der problematischen Übernahmepraxis 1 (intransparente Copy-Paste-Praxis) am stärksten vertreten (11%). Am wenigsten problematische Übernahmen weisen die Neue Zürcher Zeitung sowie die Basler Zeitung auf (27% bzw. 26% problematische Übernahmen). Wenn bei diesen beiden Titeln problematische Agenturübernahmen auftreten, so beziehen sie sich auf Übernahmepraxis 5: Agenturmeldungen werden zeitverzögert abgedruckt, ohne sie zuverlässig zu kennzeichnen.
|
|
|
|