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Kapitel VI: Vertiefungsstudien
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VI.5 Die doppelte Schwachstelle: Fehlerhäufigkeit und Corrections Management

Gastbeitrag: Colin Porlezza, Stephan Russ-Mohl, Marta Zanichelli

Zusammenfassung

  • Fehleranfälligkeit des Journalismus: Journalismus ist gerade in Zeiten des Internets äusserst schnelllebig und damit auch fehleranfällig. Das Vertrauen in den Journalismus und dessen Glaubwürdigkeit schwindet zunehmend. Eine vom Nationalfonds finanzierte Studie untersuchte erstmals in der Schweiz und in Italien, wie fehleranfällig die Medienberichterstattung ist – und vergleicht die Ergebnisse mit einer Vorgängerstudie aus den USA. Ermittelt wurden dabei Fehler, soweit sie von den jeweiligen Informationsquellen wahrgenommen wurden. Aus allen Zeitungen wurden Stichpoben von je 200 Artikeln entnommen und die Personen ermittelt und befragt, die in den Beiträgen als wichtigste Quellen genannt sind.
  • Grosse Zahl an wahrgenommenen, faktischen Fehlern: Die Befragten stellten in der Schweiz mehr Berichterstattungsmängel fest als in Italien oder den USA. Faktische Fehler wie falsch geschriebene Namen, falsche Adressen oder unpräzise Angaben zum Ort des Geschehens bemängelten die Befragten in 60% der untersuchten Schweizer Beiträge, in Italien dagegen in 52% und in den USA nur in 48% der Fälle. Bezüglich der Schwere der ermittelten Fehler beurteilten die Befragten in der Schweiz im Vergleich zu denen in Italien oder den USA die Mängel als weniger gravierend. Zudem ist die Bereitschaft der Quellen, sich erneut als Informationslieferanten zur Verfügung zu stellen, in der Schweiz deutlich höher als in Italien oder in Amerika. Die Forschungsergebnisse für Italien haben angesichts einer niedrigen Rücklaufquote allerdings eher explorativen Charakter.
  • Leichte regionale Unterschiede in der Schweiz: Unterscheidet man die in der Studie analysierten Schweizer Printtitel Aargauer Zeitung, Basler Zeitung, Berner Zeitung, Südostschweiz sowie den Zürcher Tages-Anzeiger, so zeigen sich leichte regionale Qualitätsunterschiede bezüglich Anzahl und Schwere der wahrgenommenen Fehler. Während die Befragten bei der Südostschweiz in knapp 57% aller Beiträge faktische Fehler monieren, sind es beim Tages-Anzeiger durchschnittlich fast 63%. Rechnet man die subjektiven Fehler mit hinzu – also zum Beispiel, ob der Beitrag von den Informationsquellen als übertrieben und sensationalistisch beurteilt wird –, so zeigt sich ein analoges Bild: Der diesbezüglich wahrgenommene Fehleranteil liegt beim Tages-Anzeiger um 10 Prozentpunkte höher als bei der Südostschweiz.
  • Fehler schaden der Glaubwürdigkeit: Die Anzahl und die Schwere der Fehler wirken sich negativ auf die Glaubwürdigkeit einer Zeitung aus. Insbesondere die von den Befragten ermittelte durchschnittliche Schwere der faktischen Fehler und die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Zeitung korrelieren negativ. Diese Beziehung zwischen der Schwere der wahrgenommenen Fehler und der Glaubwürdigkeit einer Zeitung ist in der Schweiz zwar am stärksten ausgeprägt, generell zeigen sich die Zusammenhänge zwischen perzipierter Fehlerhaftigkeit und Glaubwürdigkeit in der Schweiz aber weniger deutlich als in den USA.

Beginnen wir mit einem Gedankenexperiment: Wie würden die Schweizer Medien darüber berichten, wenn eine wissenschaftliche Studie nachgewiesen hätte, dass Ärzten in der Schweiz bei 60% ihrer Patienten Behandlungsfehler unterlaufen? Das wäre wohl ein Aufmacher für die Tagesschau, und wenn am selben Tag nicht Osama bin Laden erschossen würde oder Dominique Strauss-Kahn wegen Verdachts auf Vergewaltigung einer Hotelangestellten im Untersuchungsgefängnis landete, fände sich die «Geschichte» auch auf Seite 1 der Neuen Zürcher Zeitung, des Tages-Anzeigers, von Le Temps und des Corriere del Ticino. Selbst für den Blick und 20 Minuten wäre die Story eine Topnews.

Wie reagierten dagegen die Schweizer Medien auf die Nachricht, dass 60% ihrer Nachrichten Fehler enthalten? Es herrschte Schweigen im Blätterwald, nur die Neue Zürcher Zeitung und ein paar Blogs griffen dieses Forschungsergebnis auf. Und selbst das war dem CEO der Südostschweiz Mediengruppe AG, Andrea Masüger, noch zu viel: «Es ist nicht zu fassen, welche medialen Probleme heute Gegenstand gelangweilter oder unterbeschäftigter Publizistikstudenten sind», polterte er los. Der Schweizer Nationalfonds sollte uns Medienforschern schleunigst die Gelder sperren. «Mit nonchalanter Trivialität» (was immer das sein mag) rückten wir Professoren unsere «hanebüchenen Erkenntnisse wortreich in die Spalten der NZZ» (Masüger 2010).

So kann es Wissenschaftlern ergehen, die einem Problem nachspüren, das Journalisten wie Verleger eigentlich brennend interessieren sollte, weil es die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung betrifft und damit einhergehend wohl auch die Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden. Doch immer der Reihe nach und zum Forschungsprojekt über die Fehlerhäufigkeit im Tageszeitungsjournalismus.