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Kapitel V: Online (Auszug)
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V. Online

Zusammenfassung

Sarah Zielmann, Patrik Ettinger, Kurt Imhof

Mit den Onlinemedien verbanden sich seit ihrem Entstehen grosse Erwartungen an ihr ökonomisches wie ihr demokratisches Potenzial. Die Analyse der aus den traditionellen Verlagshäusern hervorgegangen Newssites zeigt jedoch ein ernüchterndes Bild. Unter einer ökonomischen Perspektive ist festzustellen, dass die Onlinemedien über Jahre Medienkonsumenten der bezahlten Presse abgeschöpft haben, ohne genügend Einnahmen zur Finanzierung ausreichend dotierter und professionell besetzter Redaktionen zu generieren. Ausserdem schwächen sich von 2009 auf 2010 die Wachstumsraten bei den Newssites der Abonnementszeitungen ab und bleiben insgesamt auf demselben Niveau (dies zeigen die Wochennutzungswerte von NET-Metrix wie auch die von uns daraus errechneten Tagesnutzungswerte von 2007 bis 2010. Allerdings zeigt der Vergleich unserer auf Wochenwertbasis errechneten Tagesnutzungswerte mit den erstmals von NET-Metrix für das Jahr 2010 ermittelten Tagesnutzungen, dass unsere Werte etwas höher ausfallen. Deshalb sind diese beiden Tagesnutzungswerte nicht vergleichbar). Und trotz des anhaltenden Wachstums des Internets sind die täglichen Nutzungszeiten von Online-Newssites zurückgegangen. Inhaltlich führen der ausgeprägte Aktualitätsdruck, die mangelnden Ressourcen und die Verschiebungen, mit denen die Gratisangebote online die eigenen Abonnementstitel schädigen – bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Medientiteln –, bei den Online-Newssites zu den grössten Qualitätsdefiziten im Vergleich aller vier untersuchten Mediengattungen. Die Berichterstattung der Onlinemedien ist vergleichsweise wenig vielfältig und relevant, zugleich auf Kosten einer Hintergründe vermittelnden Berichterstattung stark ereignisgetrieben und zur Erzielung von Klickraten stark moralisch-emotional aufgeladen. Dies bleibt nicht ohne Folgen für den Informationsjournalismus in der Schweiz, weil die nachwachsenden Mediennutzer massgeblich über die Gratisangebote on- und offline als Medienkonsumenten sozialisiert werden. (Diese Aussage wurde korrigiert. Weitere Informationen sowie sämtliche von der Korrektur betroffenen Passagen finden sie hier).

Im Einzelnen erbringt die Analyse der Onlinetypen (Abonnement-Online, Boulevard-Online, Gratis-Online sowie Onlineportale von Rundfunk und von branchenfremden Anbietern) folgende zentrale Resultate:

Publizistische Versorgung

  • Abdeckung Online: Nachdem die Abdeckungsquote der Onlinemedien zwischen 2007 und 2009 rasant gestiegen ist, schwächt sich das Wachstum bei den Newssites der Abonnementszeitungen von 2009 auf 2010 ab und bleibt insgesamt auf demselben Niveau (dies zeigen die Wochennutzungswerte von NET-Metrix wie auch die von uns daraus errechneten Tagesnutzungswerte von 2007 bis 2010. Allerdings zeigt der Vergleich unserer auf Wochenwertbasis errechneten Tagesnutzungswerte mit den erstmals von NET-Metrix für das Jahr 2010 ermittelten Tagesnutzungen, dass unsere Werte etwas höher ausfallen. Deshalb sind diese beiden Tagesnutzungswerte nicht vergleichbar). Zudem ist die Abdeckungsquote im Vergleich zu der der anderen drei Mediengattungen nach wie vor gering. Darüber hinaus zeigt sich eine Kluft zwischen den Newssites der traditionellen Printmedien und den Onlineportalen, die anders als die Newssites der Pressehäuser neben Informationen Dienstleistungen wie Mailservices oder zeitversetzte Nutzung anbieten. Diese Onlineportale sind besser aufgestellt: Sie erreichen im Jahr 2010 74% der Wohnbevölkerung gegenüber einer Abdeckungsquote von 38% bei den eigentlichen Newssites. (Diese Aussage wurde korrigiert. Weitere Informationen sowie sämtliche von der Korrektur betroffenen Passagen finden sie hier).
  • Häufigkeit und Dauer der Nutzung nehmen ab: Die jeweilige Verweilauer auf den Online-Newssites verkürzt sich. Denkbar ist hier eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Klickratenjournalismus und der geradezu pointilistischen Zugriffsdauer durch ein Publikum, das darüber hinaus hinsichtlich der Nutzungsfrequenzen wenig Treue zum Medium beweist. Online ist ein flüchtiges Medium, das gegen eine immer geringere Verweildauer und eine geringe Publikumsbindung zu kämpfen hat. (Diese Aussage wurde korrigiert. Weitere Informationen sowie sämtliche von der Korrektur betroffenen Passagen finden sie hier).
  • Schwierige Finanzierung: Die für den Online verfügbaren Werbeeinnahmen wie auch die Verkaufserlöse sind im Vergleich zu den drei anderen Mediengattungen nach wie vor sehr gering. Angesichts der etablierten Gratiskultur ist es fraglich, ob es über neue Paid-Content-Systeme oder andere Strategien der Finanzierung von Onlineangeboten gelingen wird, eine Trendumkehr herbeizuführen. Diese strukturellen Rahmenbedingungen schlagen sich auch auf die Qualität der Onlineberichterstattung nieder.

Qualitätsvalidierung

  • Boulevardisierung der Berichterstattung: Die Boulevardisierung zeigt sich im Ausbau der Softnewsressorts auf Kosten der Hardnewsressorts, in der Füllung der Ressorts Politik und News mit Softnews und in einer im Gattungsvergleich ausgeprägten Personalisierung und Privatisierung der Berichterstattung, die auch die Politikberichterstattung durchdringt. Zudem führt der Aktualitätsdruck zu einem ausgesprochen episodischen Journalismus und die habitualisierte Klickratenmentalität verleitet zu einem moralisch-emotionalen Berichterstattungsstil gerade auch in den Beiträgen mit journalistischer Eigenleistung. Journalistische Eigenleistung ist in vielen der untersuchten Onlinetitel gleichbedeutend mit der Emotionalisierung und Zuspitzung eingehender Meldungen zur Erzeugung von Aufmerksamkeit.
  • Konvergenz der Onlinetypen: Zwar sind auch in der Gattung Online, wie schon in der Gattung Presse, die Vertreter des Typs Abonnement durch eine höhere Qualität der Berichterstattung gekennzeichnet, doch gleicht sich der Typ Abonnement-Online den anderen beiden Onlinetypen (Boulevard- und Gratis-Online) an. So schneidet hinsichtlich des Umfangs der Berichterstattung sowie der Hardnewsorientierung im Politik- und im Wirtschaftsressort der Typ Abonnement-Online im Typenvergleich am besten ab, doch von der auf den Frontseiten aller Onlinetypen zu beobachtenden Zunahme der Sport- und Human-Interest-Berichterstattung zu Lasten der Politikberichterstattung sind vor allem die Newssites der regionalen Abonnementspresse betroffen.
  • Geringer Anteil einordnender Berichterstattung: Die Onlineberichterstattung ist unter dem Aktualitätsdruck und angesichts der Tendenz zur Übernahme von (Agentur-)Meldungen stark episodisch und weist entsprechend wenig Hintergrundberichterstattung auf. Auch hier leiden besonders die Onlineangebote der Abonnementszeitungen im Vergleich zu ihren Printausgaben, auch wenn NZZ Online mit 25% thematischer Berichterstattung in den untersuchten Ressorts die Spitzenposition unter den Onlinemedien einnimmt (was indes gegenüber der Printausgabe eine Halbierung der einordnenden Berichterstattung bedeutet). Auch mit Blick auf die Frontseiten zeigen sich zwischen den Onlinetiteln erhebliche Unterschiede: Während NZZ Online und tagesanzeiger.ch mit jeweils 13% thematischer Berichterstattung noch eine einordnende Leistung erbringen, hat die Berichterstattung in 20minutes.ch und 24heures.ch einen fast ausschliesslich episodischen Charakter (98% bzw. 97%). Auffallend ist hier, dass sich 20minuten.ch mit einem Anteil von 11% thematischer Berichterstattung in der Nähe von NZZ Online und tagesanzeiger.ch positionieren kann.
  • Im Vergleich zum Vorjahr bestätigen sich sowohl die Boulevardisierung wie auch die Konvergenztendenz der Onlinemedien. Während hinsichtlich der Vielfalt und der Aktualität die Werte auf tiefem Niveau vergleichbar bleiben, hat die Relevanz der Berichterstattung aufgrund der gestiegenen Personalisierung abgenommen. Nur die Professionalität nimmt gemessen am Anteil des kognitiv-normativen Berichterstattungsstils und der journalistischen Eigenleistungen zu. Allerdings ist dieser letztgenannte Indikator angesichts des Umstandes, dass sich in den Onlinemedien journalistische Leistung häufig in der Klickraten sichernden Emotionalisierung von Beiträgen erschöpft, differenziert zu interpretieren.
  • Agentur und Aktualität: Um dem Aktualitätsdruck zu entsprechen, werden auf den Online-Newssites im Verhältnis viel mehr Agenturmeldungen vermittelt als in den Tageszeitungen. Unterschiede gibt es bei der Übernahmepraxis von Artikeln aus der Presse. Tagesanzeiger.ch greift, ebenso wie die Typen Gratis-Online und Boulevard-Online, stärker auf die Printausgaben zurück und versieht diese wie auch die überdurchschnittlich häufig redaktionell bearbeiteten Agenturmeldungen (42% der Berichterstattung) mit emotionalisierenden Titeln. «Redaktionelle Eigenleistung» meint hier also eine Zuspitzung über die Titelgebung. Vorreiter dieser Art der crossmedialen Bewirtschaftung von Themen ist der Blick: Auf Blick.ch findet sich der höchste Anteil «redaktioneller Eigenleistungen» im beschriebenen Sinn.