Diese Einleitung dient der Klärung folgender Fragen:
- Was ist dieses Jahrbuch und was ist neu, wozu dient es, wer macht es und wie wird es bezahlt? (Erster Teil)
- Was sind die Prämissen dieses Jahrbuchs, das heisst, welches Qualitätsverständnis liegt ihm zugrunde? (Zweiter Teil)
- Was ist die Methodologie dieses Jahrbuchs, das heisst, wie werden die publizistische Versorgung der Schweiz sowie die Qualität der vier Mediengattungen (Presse, Radio, Fernsehen und Online) vermessen? (Dritter Teil)
1. Was ist dieses Jahrbuch, wozu dient es, wer macht es und wie wird es bezahlt?
1.1 Was ist dieses Jahrbuch und was ist neu?
Dieses Jahrbuch zeigt die publizistische Versorgung der Schweiz, die Qualität des Informationsangebots und der Berichterstattung.
Analysiert werden alle Gattungen der Informationsmedien, also Presse, Radio, TV und die Online-Newssites. Innerhalb dieser Gattungen werden die unterschiedlichen Medientypen erfasst, also bei den Zeitungen die Abonnements-, die Boulevard-, die Gratis- und die Sonntagszeitungen sowie die Magazine; bei Radio und Fernsehen sind es die öffentlichen und privaten Angebote, und beim Online handelt es sich um die Newssites der Abonnements-, der Boulevard- und der Gratiszeitungen sowie um die Onlineportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen. Die Analyse bezieht sich auf drei Ebenen:
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Auf der Ebene der publizistischen Versorgung der Schweiz interessieren die sprachregionalen Unterschiede, die Medienkonzentration, die Medienunternehmen, ihre Einnahmen und die Publikumsflüsse zwischen den Mediengattungen und Medientypen, die Medienvielfalt sowie die Schichtung und Segmentierung des Medienkonsums. Auf dieser Ebene werden in der gesamten Schweiz alle Informationsmedien einbezogen, die mindestens 0,5% der sprachregionalen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren erreichen. Dies trifft 2010 auf 142 Medientitel aller Gattungen zu. Für die Bestandesaufnahme wurden so viele öffentlich erhältliche, relevante und bezahlbare Daten wie möglich über die Besitzverhältnisse und Einnahmen der Medienunternehmen (Gebühren, Werbung, Sponsoring, Abonnement, Verkauf) sowie über Auflagen, Abdeckung und die Nutzung der Medientitel erhoben und verwendet.
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Auf der Ebene der Qualitätsvalidierung interessieren Informationsangebote, Themenagenden und Berichterstattung, die anhand der publizistischen Qualitätsnormen Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität validiert werden, sowie die unterschiedlichen Aufmerksamkeitslandschaften einzelner Schichten und Segmente des Medienkonsums. Für diese aufwendige Inhaltsanalyse werden von den 142 Medientiteln des Grundsamples zur publizistischen Versorgung die 46 bedeutendsten Informationsmedien aller Sprachregionen, Gattungen und Typen berücksichtigt.
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Auf der Ebene der Vertiefungsstudien geht es vor allem darum, Veränderungen im Dreiecksverhältnis von Politik, Medien und Ökonomie möglichst über längere Zeiträume hinweg zu beleuchten (Medialisierungsforschung).
Das Jahrbuch ist als Nachschlagewerk aufgebaut, so dass auf das, was hinsichtlich einer Mediengattung oder bestimmter Medientypen, Medientitel und Themen oder hinsichtlich einer Sprachregion besonders interessiert, rasch zugegriffen werden kann. Jahrbücher stellen besondere Anforderungen an die Orientierung: Das, was interessiert, muss in den wesentlichen Ergebnissen rasch erfasst werden können, um dann allenfalls ein Thema zu vertiefen. Für dieses Jahrbuch wird deshalb der einfachstmögliche Aufbau gewählt, indem die wichtigsten Resultate in den Kapiteln I–VI gleich am Anfang stehen. Dieser Logik folgt das ganze Buch:
- Das Kapitel «Hauptbefunde» enthält die wichtigsten Resultate des gesamten Jahrbuchs.
- Kapitel I «Medienarena» behandelt die publizistische Versorgung der Schweiz in ihren drei grossen Sprachregionen Deutschschweiz, Suisse romande und Svizzera italiana sowie die Qualitätsunterschiede zwischen den Mediengattungen (Print, Radio, TV, Online), den Medientypen (z. B. öffentliches und privates Radio) und Medientiteln.
- Kapitel II–V «Presse», «Radio», «Fernsehen» und «Online» widmen sich detailliert jeder einzelnen Mediengattung sowie deren Medientypen und -titeln. Dabei wird jeweils die publizistische Versorgung der Sprachregionen mit diesen Gattungen ebenso berücksichtigt wie die Qualität der Inhalte.
- Die «Vertiefungsstudien» in Kapitel VI umfassen diesmal fünf detaillierte Analysen zur Konzentration der Presse in der Schweiz und zum Presseangebot in der Nordwest- und der Südostschweiz, zur Problematisierung des Fremden in der direkten Demokratie seit den 1960er Jahren, zu den Effekten des Monopols der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und zur Verwertungspraxis von Agenturmeldungen in der Presse, zum Einfluss von Public Relations in der Unternehmensberichterstattung und zur Fehlerhäufigkeit in der Schweizer Presse.
- Den Schluss des Jahrbuchs bilden zwei grundlegende Anhänge sowie als Handreichung Medienregister, Glossar und Autorenverzeichnis. Der erste Anhang «Methodik» enthält die detaillierte Beschreibung der Forschungsmethoden, im zweiten Anhang «Medienstatistiken» werden die publizistischen Profile aller hier untersuchten Medientitel inklusive ihrer Qualitätskennwerte wiedergegeben. Das Glossar erklärt alle Begriffe, die für das Verständnis dieses Jahrbuches wichtig sind. Diese sind im Lauftext mit einem gekennzeichnet.
Mit den Vertiefungsstudien sind die wesentlichen Neuerungen in diesem zweiten Jahrbuch bereits benannt. Sie behandeln die wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Handlungssystem Medien sowie vorab der Handlungssysteme Politik und Wirtschaft. Weil die öffentliche Kommunikation das zentrale Mittel der Selbstregulation moderner Gesellschaften ist und uns allen die Wahrnehmung der Gesellschaft ermöglicht, wirkt sich der Wandel der öffentlichen Kommunikation auf alle anderen Handlungssysteme aus, und es entsteht eine Dynamik wechselseitiger Beeinflussungen. Entsprechend lassen sich etwa Blasenbildungen in der Wirtschaft genauso wenig ohne die Erwartungsbewirtschaftung in der medienvermittelten Öffentlichkeit erklären wie neue Konfliktdynamiken in der Politik ohne die gesteigerte Personalisierung in den Medien. Was bietet das Jahrbuch diesbezüglich?
Die Auseinandersetzungen mit dem ersten Jahrbuch in über 115 Medienbeiträgen, in Rezensionen und in wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Debatten in der Schweiz und im Ausland sowie die kritischen Hinweise von Kolleginnen und Kollegen haben dem Zweck des Jahrbuchs nicht nur gedient, sie haben es auch verbessert. Im Rahmen dieser Diskussionen sind zwei Kritiken hervorgetreten: Obwohl der Befund des Qualitätsverlusts der Informationsmedien (Zunahme qualitätsschwacher Medien und Qualitätsverluste bei anspruchsvollen Medien) vor dem Hintergrund der ökonomischen Krise des Medienwesens, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bestätigt wurde, ist auch darauf hingewiesen worden, dass früher nicht alles besser war. Dies bedeutet, dass die Entwicklung der Informationsmedien und der Wandel der öffentlichen Auseinandersetzungen nicht nur über die Abfolge der Jahrbücher, sondern gezielt durch diachrone Vergleiche beleuchtet werden muss.
Die Studie in Kapitel VI.2 «Problematisierung des Fremden in der direkten Demokratie» ist eine solche Zeitreihenuntersuchung und reagiert auf die ebenso rege wie anregende Auseinandersetzung, die das Jahrbuch erfahren hat (vgl. hierzu den Beitrag «Rück- und Ausblick» von Stephan Russ-Mohl und Wilczek Bartosz). Sie untersucht die im internationalen Vergleich äusserst erfolgreiche Problematisierung des Fremden in der Schweiz seit den 1960er Jahren und versucht, dieses Phänomen zu erklären.
Der zweite kritische Hinweis bezog sich auf den von vielen Beobachtern konstatierten Einfluss von Public Relations (PR) auf die redaktionellen Inhalte und darauf, dass dieser Einfluss partikulärer Interessen auf die öffentliche Kommunikation bislang nicht untersucht worden ist. Dies war Anlass, eine erst für später vorgesehene Vertiefungsstudie zum Einfluss von PR auf den Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz bereits für dieses Jahrbuch zu erarbeiten: Das Kapitel VI.4 «Einfluss von Public Relations auf die Unternehmensberichterstattung» zeigt die in der Tat massive Bedeutung von Partikulärinteressen durch PR-Beiträge in quantitativer aber auch in qualitativer Hinsicht für die medialen Inhalte, bei denen das Publikum erwartet, dass Allgemeininteressen vertreten werden.
Ausserdem wurde eine Vertiefungsstudie zum Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) realisiert: Das Kapitel VI.3 «Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und Übernahmepraxis von Agenturberichten in der Presse» zeigt einen sprunghaften Anstieg der sda-Meldungen seit deren Monopolstellung vor allem in der deutschsprachigen Schweiz, während dieser Anstieg in der Suisse romande etwas moderierter ausfällt, weil die Agence France Press (AFP) hier eine wichtige Rolle spielt. Um die Fülle der sda-Meldungen in der Informationspresse zeigen zu können, musste aufgrund der mangelnden Quellentransparenz eine Plagiatssoftware entwickelt werden. Sie erlaubt es, die qualitätsdefizitären Formen von ungezeichneten «Copy-Paste»-Übernahmen, simplen ungezeichneten Umschreibungen und auch die schlicht falsche Verwendung von redaktionellen Kürzeln für Agenturmeldungen aufzudecken. Einzelne Medientitel erreichen diesbezüglich unrühmliche Spitzenpositionen.
Dann will dieses Jahrbuch der föderalen Struktur der schweizerischen Demokratie durch Untersuchungen auf regionaler Ebene entsprechen. Zu diesem Zweck gilt es, auch jene Medien und Medienunternehmen zu berücksichtigen, die nicht auf nationaler Ebene, dafür aber auf regionaler und lokaler Ebene die Informationsvermittlung aufrechterhalten. Die Studie in Kapitel VI.1: «Nordwest- und Südostschweiz: Konzentration und publizistisches Angebot im regionalen Pressemarkt» untersucht vor dem Hintergrund der Pressekonzentration in der Schweiz die publizistischen Leistungen der Blätter der AZ Medien AG in der Nordwestschweiz und die der Südostschweiz Mediengruppe AG in ihren Stammlanden. Beide Medienunternehmen konnten bis dato ihre Eigenständigkeit bewahren, widerstehen somit zugunsten einer Medienvielfalt im nationalen Rahmen dem intensiven Konzentrationsprozess im schweizerischen Medienwesen insgesamt. Und doch geniessen sie in ihren Regionen eine, wenn auch unterschiedlich ausgeprägte Monopolstellung.
Schliesslich wird die Rubrik der Vertiefungsstudien auch durch drei Journalismusforscher bereichert, die sich in ihrem Gastbeitrag den Berichterstattungsfehlern in Schweizer Zeitungen annehmen: Das Kapitel VI.5 «Die doppelte Schwachstelle: Fehlerhäufigkeit und Corrections Management» behandelt vor allem die wahrgenommenen Fehler in der Berichterstattung, die Bereitschaft in den Redaktionen, organisatorische und institutionelle Vorkehrungen zur Fehlerminimierung zu treffen, sowie die Auswirkung von Fehlern auf die Glaubwürdigkeit von Zeitungen.
Damit verdankt dieses Jahrbuch auch Gastautoren eine Aufwertung. Sie lassen es erst zur Plattform werden, auf der sich der «State of the Art» der Qualitätsforschung und des Zusammenhangs von Öffentlichkeit und Demokratie in der Schweiz entfalten kann. Diese Forschenden haben sich intensiv mit dem Jahrbuch auseinandergesetzt und auf vieles hingewiesen, was der Klarheit und der Konsistenz der Argumentation förderlich ist. Insbesondere verdanken wir Roger Blum nicht nur das Vorwort zum Jahrbuch 2011, sondern seiner akribischen Durchsicht der Manuskripte auf der Basis seines profunden Wissens über das schweizerische Medienwesen auch wichtige Korrekturen und Einsichten. Stephan Russ-Mohl und Wilczek Bartosz übernahmen verdankenswerterweise die Aufgabe, aus unabhängigerer Position, als wir sie einnehmen könnten, die Reaktion von Medienmachern auf das erste Jahrbuch in einem erhellenden Essay zu beleuchten. Ausserdem trugen Colin Porlezza, Stephan Russ-Mohl und Marta Zanichelli die genannte Vertiefungsstudie zur Fehlerhäufigkeit und zum Corrections Management in Schweizer Zeitungen bei.
Am Jahrbuch beteiligte Gastautoren:
Wilczek Bartosz (Universität Mainz, Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz), Roger Blum (ehem. Universität Bern; Präsident der unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen der Schweiz), Colin Porlezza, Stephan Russ-Mohl, Marta Zanichelli (alle Università della Svizzera italiana, Lugano).
1.2 Wer ausserdem macht dieses Jahrbuch?
Verantwortlich für das Jahrbuch ist der fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich (www.foeg.uzh.ch). Das Jahrbuch ist Produkt des langjährigen Strebens des fög, die Fähigkeiten und die Infrastrukturen zu erlangen, um die öffentliche Kommunikation als wichtigsten Zugang zur Analyse des Wandels von Gesellschaften zu erschliessen. Der endgültige Entschluss, das Vorhaben in dieser Form anzugehen, entstand im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Demokratie – Herausforderungen an die Demokratie im 21. Jahrhundert», in dem an den Universitäten Zürich und Lausanne in einer in Europa einmaligen Verbindung die Fächer Politikwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft unter Einschluss von Soziologen zusammenarbeiten (www.nccr-democracy.uzh.ch). Der Entschluss wurde durch die unabhängige und gemeinnützige Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft bestärkt, die sich für das Vorhaben einsetzt (www.oeffentlichkeit.ch). Erleichtert und angespornt wurde es durch das bisher einzige Vorbild, die imponierende jährliche Dokumentation «The State of the News Media. An Annual Report on American Journalism», das durch die Stiftung Project for Excellence (PEW) in den USA finanziert wird (www.stateofthemedia.org).
fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich
www.foeg.uzh.ch, Andreasstrasse 15, 8050 Zürich
Der fög ist Bestandteil des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) und des Soziologischen Instituts der Universität Zürich (SUZ).
An diesem Jahrbuch 2011 «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera» beteiligten sich Forscherinnen und Forscher des fög der Fächer Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft und Geschichte sowie fortgeschrittene Studierende dieser Fächer, die uns und ihr Studium durch ihre Mitarbeit bereicherten. Ein Vorhaben wie dieses Jahrbuch ist arbeitsteilige Teamarbeit, weil es viel Spezialwissen erfordert. Die Hauptverantwortlichkeiten für die einzelnen Kapitel wurden unter den Forschenden aufgeteilt, deren Namen sind jeweils am Anfang genannt. Die weiteren zentral an den Kapiteln Beteiligten werden dahinter aufgeführt. Die Kapitel wurden durch alle Forschenden kritisch gelesen und dadurch verbessert.
Am Jahrbuch beteiligte Mitarbeitende des fög:
Pascal Bürgis (Publizistikwissenschaft), Urs Christen (Soziologie), Franco Doria (IT), Mark Eisenegger (Publizistikwissenschaft, Soziologie), Patrik Ettinger (Geschichte, Soziologie), Angelo Gisler (Publizistikwissenschaft), Christina Hartmann (Lektorat/Korrektorat), Lucie Hauser (Publizistikwissenschaft), Florent Heyworth (IT/Programmierung), Kurt Imhof (Publizistikwissenschaft, Soziologie), Esther Kamber (Soziologie), Jens Lucht (Politikwissenschaft), Sibylle Oetiker (Soziologie), Jörg Schneider (Soziologie), Mario Schranz (Soziologie, Politikwissenschaft), Linards Udris (Publizistikwissenschaft, Soziologie), Verena Zehnder (Administration), Sarah Zielmann (Publizistikwissenschaft, Soziologie).
Am Jahrbuch beteiligte Studierende im Forschungseinsatz beim fög:
Urs Arnold (Publizistikwissenschaft), Francesco Bizzozero (Publizistikwissenschaft), Nuria Büchi (Publizistikwissenschaft), Christian Caspar (Politikwissenschaft), Nicole Ernst (Publizistikwissenschaft), Xavier Flück (Publizistikwissenschaft), Heiri Gander (Politikwissenschaft), Susanne Gedamke (Politikwissenschaft), Benjamin Gerwoll Ronca (Populäre Kulturen), Seraina Hagenbuch (Französische Sprach- und Literaturwissenschaft), Thomas Hirt (Allgemeine Geschichte), Ronny Hoppeler (Weltgesellschaft und Weltpolitik), Michael Jäckli (Psychologie), Jens Kieselbach (Soziologie), Martin Landolt (Publizistikwissenschaft), Audrey Liechti (Publizistikwissenschaft), Julia Lindner (Publizistikwissenschaft), Stefanie Magel (Allgemeine Geschichte), Maria Meier (Kulturwissenschaften), Claudia Müller (Publizistikwissenschaft), Edina Muminovic (Publizistikwissenschaft), Joel Orizet (Soziologie), Franziska Parpan (Soziologie), Amanda Salamina (Politikwissenschaft), Stefan Scheidegger (Soziologie), Stefan Siefert (Soziologie), Simon Stahl (Publizistikwissenschaft), Mara Todisco (Soziologie), Dominik Unternährer (Soziologie), Daniel Vogler (Publizistikwissenschaft), Andreas Weber (Ethnologie), Benjamin Wenger (Soziologie), Valentin Zimmermann (Soziologie).
1.3 Wozu dieses Jahrbuch?
Das Ziel dieses Jahrbuchs ist die Stärkung des Qualitätsbewusstseins gegenüber den Medien aufseiten des Publikums wie aufseiten der Medienmacher. Eine Demokratie ist ohne Öffentlichkeit unmöglich, und das setzt zwingend einen guten Informationsjournalismus voraus, denn die Konsumenten dieses Journalismus zählen gleichzeitig zum Souverän der Demokratie. In letzter Instanz bemisst sich die Qualität einer Demokratie an den Chancen, die die sanfte Gewalt des besseren Arguments in der politischen Auseinandersetzung erhält.
Durch dieses Jahrbuch erhält das Publikum einen Massstab, welchem Journalismus es sich aussetzen will, und die Medienmacher erhalten einen Massstab, welchen Journalismus sie produzieren wollen. Um seinen Zweck zu erfüllen, soll das Jahrbuch allen Interessierten dienen, die sich mit der Entwicklung der Medien, den Medieninhalten, den Wechselwirkungen zwischen Medien und Politik sowie zwischen Medien und Wirtschaft auseinandersetzen wollen.
Die Theorien und Methoden für dieses Jahrbuch entstammen den Traditionen der Sozial- und Geisteswissenschaften. Bei beiden ist das Selbstverständnis, Aufklärungswissenschaften zu sein, wichtig, d. h., sie sehen ihre Aufgabe darin, zur Selbstaufklärung der Gesellschaft beizutragen. Bei der Anwendung der Theorien und Methoden, aber auch hinsichtlich der Quellen versuchen wir so transparent wie möglich zu sein, um Fragen zu beantworten und Entwicklungen festzustellen, die wichtig sind, damit die Öffentlichkeit ihre zentralen Funktionen erfüllen kann. Diese beziehen sich auf den Entdeckungszusammenhang dessen, was alle etwas angehen muss (Forumsfunktion), auf die Legitimation und Kontrolle der rechtsstaatlichen Institutionen (Legitimations- und Kontrollfunktion) sowie auf die Integration der Gesellschaft (Integrationsfunktion). Wir versuchen, unsere Aussagen mit Daten zu untermauern und unsere Interpretationen da, wo die Datenlage (noch) nicht genügt, entsprechend zu kennzeichnen.
1.4 Von wem wird das Jahrbuch finanziert?
Die Finanzierung des Jahrbuchs wird durch die gemeinnützige Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft eingebracht. Diese verdankt die Mittel für das Projekt den aufgeführten Donatoren.
Donatoren
Adolf und Mary Mil Stiftung, Allianz Suisse, Allreal Holding AG, Anne Frank Fonds, Bank Julius Bär, Credit Suisse Foundation, Paul Schiller Stiftung, Prof. Otto Beisheim Stiftung, Partner Reinsurance Europe Limited (PartnerRe), Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG, Schweizerische Post, Stiftung für Gesellschaft, Kultur und Presse – Schweiz, Stiftung Qualitätsjournalismus Ostschweiz, Swiss Re, VontobelStiftung, Zürcher Kantonalbank und verschiedene Einzeldonatoren.
Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft
www.oeffentlichkeit.ch
Stiftungsrat: Christine Egerszegi-Obrist, Gabriele M. Paltzer-Lang, Kurt Imhof, Yves Kugelmann, Oswald Sigg.
Spenden für die Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft können überwiesen werden auf:
IBAN CH28 0070 0110 0019 9753 1
Die Etablierung dieses Jahrbuchs wird davon abhängen, wie es zur Diskussion über Demokratie und Öffentlichkeit beiträgt, Lernprozesse auslöst und das Qualitätsbewusstsein fördert.
Im Folgenden werden die Bedeutung der Öffentlichkeit für die Demokratie, die Rolle der Öffentlichkeitskritik in der Moderne, die jüngsten Veränderungen der Medien, die Qualitätsnormen medienvermittelter Öffentlichkeit sowie deren Anwendung in diesem Jahrbuch erläutert.
2. Prämissen des Jahrbuchs – Aufklärung, Öffentlichkeit und Demokratie
Im 5. Jahrhundert v. Chr. entstand im Stadtstaat Athen die wirkmächtigste Utopie der Menschheit: Die Idee, dass die freie öffentliche Kommunikation dem Menschen den «logos», also Vernunft, Sinn und eine entsprechende Gesellschaft ermöglicht. Über den Humanismus der Renaissance im 15. Jahrhundert und über die frühneuzeitliche Wissenschaft wurde diese Utopie zum Kern der Aufklärungsbewegung im 18. Jahrhundert. Dieser Bewegung und den durch sie inspirierten Revolutionen verdanken wir den modernen Rechtsstaat mit seinen Bürger- und Menschenrechten. Für die Aufklärung erfolgt der «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit» (Kant 1912 [1784]) durch das freie Räsonieren freier Bürger. Um dieser Mündigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, entwarf die Aufklärungsbewegung den Bauplan der demokratischen Gesellschaft.
Der individuellen Freiheit dient die «Privatheit», aus der die Bürger in die «Öffentlichkeit» hinaustreten, um die gemeinsamen Dinge zu debattieren und über die Kraft des besseren Arguments zu beschliessen. Diesem Zweck dienen die wichtigsten Rechte überhaupt, die Bürger- und Menschenrechte, d. h. die Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Wahlrechte. Diesem Zweck dient auch, dass der Staat durch die Verfassung als Rechtsstaat domestiziert und in seinen Gewalten geteilt wird, damit er nicht partikulären Interessen dient und weder die individuelle Freiheit noch die Öffentlichkeit zerstören kann. Wir verdanken also das Fundament der demokratischen Gesellschaft der Idee, dass die öffentliche Kommunikation beides, individuelle Mündigkeit und eine vernünftige Gesellschaft, ermöglicht. Im Zentrum der Demokratie steht die freie Öffentlichkeit, sie definiert die moderne Gesellschaft seit der Aufklärung: «Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.» (Kant 1912 [1784])
Nach rund 200 Jahren Moderne wissen wir, dass wir keine bessere Utopie haben. Nur eine freie Öffentlichkeit erlaubt es, die drei unabdingbaren Wahrnehmungsaufgaben der Demokratie zu lösen:
- Die Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung und Diskussion der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme. In ihrer Forumsfunktion bildet die Öffentlichkeit den Entdeckungszusammenhang der Gesellschaft.
- Die Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung der Exekutive, der Legislative und der Judikative. Damit erfüllt sie eine Legitimations- und Kontrollfunktion gegenüber den Gewalten des Rechtsstaats.
- Die Öffentlichkeit dient der Selbstwahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger als Mitglieder einer Gesellschaft, die ihre gemeinsamen Dinge demokratisch regeln. Ohne diese Integrationsfunktion liesse sich die Loyalität nicht erzeugen, die zwischen Bürgerinnen und Bürgern nötig ist. Sie bilden, obwohl sie sich nicht kennen, eine Rechtsgemeinschaft, deren Beschlüsse auch von denjenigen anerkannt werden müssen, die die Meinung der Mehrheit nicht teilen.
Ohne diese drei Funktionen der Öffentlichkeit – die Forums-, die Legitimations- und Kontroll- sowie die Integrationsfunktion – ist keine Demokratie möglich, deren Bestand davon abhängt, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht immer, aber doch im Grossen und Ganzen davon ausgehen, dass sie die Mitautoren der Gesetze sind, denen sie sich selbst unterziehen.
Um diese Funktionen der Öffentlichkeit zu gewährleisten, reichen der durch die Verfassung domestizierte und in seinen Gewalten geteilte Rechtsstaat sowie die Bürger- und Menschenrechte freilich nicht aus. Auf Basis der Überzeugung, dass «ein Publikum sich selbst aufkläre» (Kant 1912 [1784]), also zur individuellen Mündigkeit und zu einer vernünftigen Gesellschaft finde, entwickelten sich auch die Qualitätsanforderungen, denen die Bürger bei öffentlichen Debatten folgen sollen:
- Damit die doppelte Emanzipation zur individuellen Mündigkeit und zur zivilisierten Gesellschaft gelingen konnte, durfte die unterschiedliche, ständische oder religiöse Herkunft in den Versammlungsöffentlichkeiten der Aufklärungsgesellschaften keine Rolle spielen, um Aufmerksamkeit im Wettbewerb der Argumente zu finden. Wenn die Vernunft an die Stelle der Herkunft gesetzt wird, dann müssen alle (begründeten) Meinungen repräsentiert sein, und kein Thema darf prinzipiell dem Zugriff der Vernunft entzogen werden. Die Vernunft ist allen Menschen möglich, deshalb ist sie universell (Universalitätsprinzip).
- Das aufgeklärte Räsonnement der Teilnehmer verpflichtete diese zur genauen Darstellung von Sachverhalten, zur sorgfältigen Begründung von Normen und zur Berücksichtigung bereits genannter Argumente jenseits ihrer persönlichen Interessen (Objektivitätsprinzip).
- Die Mitglieder der Aufklärungsgesellschaften wurden zu Höflichkeit, Ausgewogenheit und Verbindlichkeit angehalten, damit Argumente gegen Argumente und nicht gegen Personen antreten, einseitige Darstellungen verhindert werden und die Selbstaufklärung nicht durch Emotionen getrübt wird (Ausgewogenheitsprinzip).
- Mit dem Interesse für das Gesetzmässige und damit Allgemeine hatte sich das Räsonieren auf das für die Allgemeinheit Bedeutende zu konzentrieren (Relevanzprinzip).
Mit dem Überlegenheitsanspruch einer Vernunft schaffenden Öffentlichkeit, in der sich die sanfte Gewalt des besseren Arguments durchsetzen soll, trat die Aufklärungsbewegung erfolgreich gegen die geheim praktizierte Herrschaft der Fürsten oder privilegierter Familien in den Anciens Régimes an und forderte die Ablösung traditioneller Herrschaft durch die Macht der Vernunft, die dem freien Austausch gleichberechtigter Bürger entspringe und der sich deshalb alle freiwillig unterziehen können.
Trotz aller Einschränkungen, mit denen die Aufklärungsgesellschaften ihre eigenen Normen erfüllten – Teilnahme nur derjenigen die «ihr eigener Herr sind», also über «Besitz und Bildung» verfügen und dabei «kein Weib und kein Kind» sind (Kant 1912 [1784]) –, gehen die Qualitätsanforderungen an die öffentliche Kommunikation von diesem bürgerlichen Aufklärungsmilieu aus. Seine Normen begleiten seither die Moderne. Die Ansprüche auf Universalität, Objektivität, Ausgewogenheit und Relevanz öffentlichen Räsonierens spiegeln sich wider in den Erwartungen an die Periodika der Aufklärungsgesellschaften seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, an das Zeitungswesen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, an die elektronischen Medien seit den 1930er Jahren und an die Netzwerkmedien seit den 1990er Jahren. Sie finden sich in den gesetzlichen Regelungen öffentlicher Kommunikation, insbesondere in den Anforderungen an den öffentlichen Rundfunk, in den Leitbildern des Journalismus, in redaktionellen Leitlinien, in den Satzungen von Medienräten, in den Erwartungen des Publikums und in den Qualitätsanalysen der Sozialwissenschaft. Der Kanon dieser Qualitätsnormen besteht stets aus diesen Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanzansprüchen:
- Die Universalitätsansprüche sollen den prinzipiellen Ausschluss von Personen und Gruppen, Meinungen und Themen verhindern. Sie werden mit dem Begriff «Vielfalt» zum Ausdruck gebracht («Meinungsvielfalt», «Themenvielfalt», «Akteursvielfalt»).
- Die klassischen Objektivitätsansprüche münden in Begriffe wie «Professionalität», «Sachgerechtigkeit», «Faktentreue» und natürlich «Objektivität».
- Mit dem Anspruch auf Ausgewogenheit verbindet sich sowohl die angemessene Berücksichtigung dieser Vielfalt als auch diejenige von Normen wie «Fairness» und «Gleichmässigkeit», vor allem aber die Vermeidung von Einseitigkeit.
- Auch in den Anforderungen an die «Relevanz» und die damit verbundene «Aktualität» öffentlicher Kommunikation steckt nichts anderes als der Anspruch, dass die für die Allgemeinheit bedeutenden Dinge, und nicht das Private, Episodische und Partikuläre, im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzungen zu stehen haben.
Auch wenn wir den Glauben der Aufklärer an eine absolute Vernunft verloren haben, gilt, dass die drei Leistungsfunktionen der Öffentlichkeit ohne die Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanznormen nicht erfüllt werden können. Ein systematischer Ausschluss von Akteuren (z. B. Personen, Parteien oder Minderheiten), Meinungen und Themen, die einseitige Darstellung sowie die Nichtbeachtung der Objektivitäts- und Relevanznormen verhindern die Meinungsbildung über die gemeinsam zu lösenden Probleme (Forumsfunktion), die Legitimation und Kontrolle der staatlichen Institutionen (Legitimations- und Kontrollfunktion) und die Integration der Bürgerinnen und Bürger (Integrationsfunktion). Die Demokratie ist ohne eine öffentliche Kommunikation, in der diese Normen Geltung haben, schlechthin nicht möglich.
Weiterführende Literatur
Arendt, Hannah, 1985 [1958]: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München: Piper.
Dülmen, Richard van, 1986: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland, Frankfurt/M.: Fischer.
Habermas, Jürgen, 1990 [1962]: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Hölscher, Lucian, 1978: Stichwort Öffentlichkeit, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 4, hg. von Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 413–468.
Im Hof, Ulrich, 1982: Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung, München: Beck.
Imhof, Kurt, 2006: Die Diskontinuität der Moderne. Theorie des sozialen Wandels, Frankfurt/M.: Campus.
Imhof, Kurt, 2008: Aufklärung – quo vadis? Öffentliches Wissen in der Wissensgesellschaft, in: Theorien und Methoden der Kommunikationsgeschichte, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Bd. 10, hg. von Bernd Semrad, Stuttgart: Franz Steiner, S. 73–110.
Kant, Immanuel, 1912 [1784]: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Kants Gesammelte Schriften Bd. 8., hg. von Ernst Cassirer, Berlin: Bruno Cassirer.
Kohler, Georg, 1999: Was ist Öffentlichkeit?, in: Studia philosophica, S. 197–217.
Koselleck, Reinhart, 1973 [1959]: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
2.1 Öffentlichkeitskritik und der «neue Strukturwandel der Öffentlichkeit»
In den Versammlungsöffentlichkeiten der bildungsbürgerlichen Aufklärungsgesellschaften konnten die aus den demokratischen Prinzipien erwachsenden Qualitätsansprüche durch wechselseitige soziale Kontrolle und unterstützt durch das Streben nach individueller Anerkennung eingeübt werden. Das kann in einer massenmedial hergestellten Öffentlichkeit nicht gleichermassen funktionieren. Mit dieser rechnete die Aufklärungsbewegung nicht, doch konnte ohne die Demokratisierung, d. h. die Beseitigung des an Besitz gebundenen Wahlrechts (Zensus), die Emanzipation der Untertanen zu Bürgern und die Integration dieser Bürger im Nationalstaat nicht gelingen. Deshalb entstand die Kritik an Form und Inhalt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Aufkommen einer massenmedial vermittelten politischen Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeitskritik ist bis hin zu den modernen sozialwissenschaftlichen Qualitätsanalysen ein Kind der Demokratisierung und begleitet und charakterisiert die moderne Gesellschaft genauso wie der Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Bürger- und Menschenrechte. Kurz nacheinander entstanden zwei Traditionen dieser Öffentlichkeitskritik, die bis heute Geltung haben:
- Die Kritik an der Überformung der Öffentlichkeit durch den Staat, der sich dieser durch die Kontrolle der Öffentlichkeit entziehen kann. Diese Kritik bildet auch den Kern aller Totalitarismustheorien.
- Die Kritik an der Privatisierung der Öffentlichkeit. Sie richtet sich von Anfang an gegen eine Ökonomisierung der Öffentlichkeit durch organisierte Privatinteressen, die die öffentliche Meinung durch Definitionsmacht beeinflussen können, und gegen die Durchdringung öffentlicher Kommunikation durch das Private und damit Partikuläre.
Beide Punkte verweisen darauf, dass sich die Öffentlichkeit, wie das die Aufklärung vorsah, zwischen den Privatinteressen und dem Staat entfalten muss, um dem zu dienen, was alle betrifft. Dies setzt voraus, dass die Öffentlichkeit weder mit den Mitteln der Staatsgewalt erstickt, noch durch Privatinteressen dominiert wird.
Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit beerbt beide Traditionen. Sie stellt fest, dass wichtige politische Institutionen nicht mehr der Öffentlichkeit ausgesetzt sind und dass die Kommerzialisierung des Medienwesens die kollektiven Aufmerksamkeitslandschaften gründlich verändert hat:
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Politische Institutionen ohne Öffentlichkeit und eine entgrenzte Ökonomie: Die Globalisierung hat vor allem seit den 1990er Jahren supranationale politische Machtzentren hervorgebracht, die sich im Unterschied zu den politischen Institutionen des Nationalstaats der Legitimations- und Kontrollfunktion der Öffentlichkeit weitgehend entziehen können, weil die Öffentlichkeitsarenen nach wie vor nationalstaatlich begrenzt sind und weil die demokratische Legitimation dieser supranationalen Institutionen über Wahlen defizitär ist. Auch die Globalisierung der Ökonomie schränkt die nationalstaatliche politische Regulation – verglichen mit den territorial regulierten «Volkswirtschaften» bis zu Beginn der 1980er Jahre – ein. Die demokratische Debatte über politische Zwänge des Steuer- und Standortwettbewerbs einerseits und über die Regulationsbedürftigkeit einer globalisierten Ökonomie und supranationaler Entscheidungsprozesse andererseits wird allein schon durch ihre Wirkungslosigkeit in nationalen Demokratien eingeschränkt. Entsprechend wird die nationale politische Rechtsetzung immer häufiger durch eine Sachzwangargumentation begründet, die auf transnationale ökonomische Anforderungen des Steuer- und Standortwettbewerbs und/oder auf supranationale politische Entscheide verweist. Damit steht nicht die totalitäre Instrumentalisierung der Öffentlichkeit im Vordergrund – wie in langen Perioden des 20. Jahrhunderts –, sondern der Umstand, dass die ökonomische Globalisierung und die europäische Integration von oben die Demokratie beschränken.
Während die medial vermittelte Öffentlichkeit genauso wenig wie die Institutionen der Demokratie über den Nationalstaat hinaus der Globalisierung von Politik und Wirtschaft nachgewachsen ist, veränderte sich dafür die Öffentlichkeit innerhalb der Nationalstaaten: So orientieren sich die medial erschlossenen Öffentlichkeitsarenen an Publika in Ballungszentren und nicht mehr an den föderalen Einheiten (Kantone, Departemente, Bundesländer) als einer zweiten Ebene demokratischer Selbstregulation. Viele Gemeinden in der Schweiz, unsere dritte Ebene der Demokratie, entbehren sogar ganz einer kritischen Öffentlichkeit (Zeitungssterben). In diesen Gemeinden ist die Demokratie in Agonie: Wenn die Öffentlichkeit fehlt, mangelt es nicht nur an Auseinandersetzungen über das Gemeinwesen, sondern es schwinden auch die Parteien, das Milizprinzip leidet, der Status der politischen Ämter wird entwertet, und es lassen sich keine Bürgerinnen und Bürger mehr finden, die diese übernehmen. Kurz: Weil ohne Öffentlichkeit keine demokratische Selbstregulierung möglich ist, macht Kritik hier auf die Folgen der Entschränkung politischer Geltungsräume und der Öffentlichkeit aufmerksam.
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Ökonomisierung des Medienwesens: Die Medien haben sich von ihren herkömmlichen Trägern, den Parteien, Verbänden, Kirchen und den sozial eingebetteten Verlegerfamilien in Stadt und Land abgelöst. Seit der Teilung des Rundfunks in öffentlich-rechtliche und private Radio- und TV-Betreiber (Dualisierung) in den 1980er Jahren bilden die Medien ein weitgehend marktabhängiges Teilsystem, das sich primär am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger orientiert, wie noch bis in die 1970er Jahre die Partei- wie die neuen Forumszeitungen und der öffentliche Rundfunk. Insbesondere durch die damit zusammenhängende Veränderung der öffentlichen Kommunikation wurde die Diskussion über die Medienqualität in jüngster Zeit intensiviert. Die Kommerzialisierung und der mit ihr verbundene Konzentrationsprozess führten zu einer Reduktion der Medienvielfalt und zu einer Durchdringung der Medieninhalte mit dem, was intensive Beachtung findet, mit wenig Aufwand produziert und in möglichst viele Kanäle abgefüllt werden kann. Der Verlust an äusserer (Konzentration) und innerer Medienvielfalt (Angleichung der Inhalte) spiegelt sich in der Nachrichtenauswahl, den Interpretationen und den Darstellungen wider. Durch die jüngste Krise des Medienwesens verschärft sich diese Entwicklung. Das primäre Geschäftsmodell der Informationsmedien im Wettbewerb um Medienkonsumenten, nämlich mit Werbung redaktionelle Inhalte zu finanzieren, funktioniert immer weniger, ohne dass die Onlineangebote die Ausfallbürgschaft antreten könnten. Die Werbung, wie auch ein Teil der Inhalte, wird durch branchenfremde Akteure (Suchmaschinen, Telekommunikationsunternehmen, Social Networks) abgezogen, und durch die Gratisnews im Internet und in den Pendlerzeitungen wird die Finanzierung des professionellen Journalismus doppelt, also durch den Verlust von Abonnementseinnahmen und von Werbung, geschädigt. Aufseiten der Konsumenten wurde dadurch zusätzlich das Preisbewusstsein für guten Journalismus zerstört.
Der Verlust der Deckungsgleichheit von Öffentlichkeit und politischen Geltungsbereichen sowie der Verlust an volkswirtschaftlichen Steuerungspotenzialen gegenüber einer transnationalen Ökonomie sorgen, verstärkt durch die Zunahme sozialer Ungleichheit im Steuer- und Standortwettbewerb, durch Migrationsprozesse und eine gestiegene Zukunftsunsicherheit für ein wachsendes Spannungspotenzial, das sich in einer linken sowie einer laufend stärker gewordenen nationalistischen und rechtspopulistischen Globalisierungskritik manifestiert. Neben dieser Beschränkung der demokratischen Selbstregulation führen der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit und die ökonomische Krise des professionellen Journalismus auch zu veränderten Strukturen, Formen und Inhalten öffentlicher Kommunikation (vgl. fög 2010):
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Entdifferenzierung des Journalismus: Auf der Ebene der Medienorganisationen haben wir es mit dem Abbau von Ressorts und damit von Spezialwissen über Teilbereiche der Gesellschaft zu tun. Hier fällt ausserdem die Abfüllung derselben Inhalte in verschiedene, einst eigenständige Titel auf, ferner der Zusammenzug ehemals unabhängiger Redaktionen in Newsrooms für alle möglichen Medienkanäle sowie der Abbau der Korrespondentennetze und die gesteigerte Abhängigkeit von Agenturen. Generell ist eine Zunahme qualitätsschwacher Gratismedien on- und offline zu konstatieren.
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Entprofessionalisierung des Journalismus zugunsten eines Allround- und Multikanaljournalismus und Abwanderung erfahrener Journalisten in die PR-Branche. Zu beobachten ist auch ein gesellschaftlich unerwünschter Statusverlust des Berufsstandes und ein schwindendes Niveau der journalistischen Ausbildung. Seitens der Journalisten zeigt sich ein deutliches Unbehagen gegenüber ihrer Berufssituation. Gemäss einer Umfrage von 2009 (Spichiger-Carlson/Kamber 2009) äussert sich das ausgerechnet bei jenen Journalisten am deutlichsten, die die grösste Berufserfahrung haben und in den arrivierten Medien arbeiten.
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Boulevardisierung des Journalismus: Bei allen Unterschieden im Informationsjournalismus, die gerade auch dieses Jahrbuch zeigt, haben wir es allgemein mit einer moralisch-emotionalen Aufladung der Berichterstattung über Personalisierung, Privatisierung, Konfliktstilisierung und Skandalisierung und einer Reduktion journalistischer Einordnungsleistungen zu tun. Dies wirkt sich auch auf die Nachrichtenauswahl aus: Human-Interest-Storys haben zugenommen, die Auslandsberichterstattung schrumpft, die parlamentarischen Auseinandersetzungen verlieren an Bedeutung, die Wirtschaftsberichterstattung orientiert sich stärker an der Performanz einzelner Unternehmen und Branchen und wurde Teil der Blasenbildung und die medienvermittelte Wahrnehmung der sozialen Ordnung generell ist auf kognitive, normative und moralische Abweichungen von Einzelpersonen und in Einzelfällen fixiert und vernachlässigt Strukturprobleme.
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Schwächung der journalistischen Selbstregulation: Zu beobachten ist, dass die publizistischen Auseinandersetzungen immer weniger zwischen den verschiedenen Medien stattfinden, sondern eine gleichgerichtete Empörungsbewirtschaftung um sich greift; zu beobachten ist ferner ein Abbau des selbstkritischen Medienjournalismus, der zusätzlich geschwächt wird durch die im Konzentrationsprozess geschwundene Zahl potenzieller Arbeitgeber. Die kritische Auseinandersetzung unter Medien desselben Verlagshauses tendiert ohnehin gegen Null. Schliesslich manifestiert sich an neuen Geschäftsmodellen, die Dienstleistungen und Merchandising an journalistische Plattformen binden, eine Erosion des hohen Gutes der redaktionellen Unabhängigkeit.
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Schichtung und Segmentierung des Journalismus: Durch die Zielgruppenorientierung der Medien und die Gratiskultur on- und offline wachsen die Unterschiede der Aufmerksamkeitslandschaften für Publika entsprechend sozialer Kriterien wie Bildungsabschlüssen, Herkunft und Generationen. Durch die Orientierung am Human Interest vergrössern sich auch die sprachregionalen Unterschiede der Medienagenden.
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Medienpopulismus und politischer Populismus: Die neuen Spielregeln im Kampf um Aufmerksamkeit haben sich auf die Politik übertragen. Die Empörungsbewirtschaftung prägt die Handlungslogiken beider Systeme: Politik wie medienvermittelte Kommunikation treffen sich bei empörungsträchtigen Events und Kampagnen, die gleichermassen Aufmerksamkeit für das politische Personal wie für die Medien sichern. In politischer Hinsicht führt dies zu einem Rationalitätsverlust der demokratischen Auseinandersetzung zugunsten einer moralisch-emotionalen Urteilsbildung.
Diese Veränderungen der medienvermittelten Öffentlichkeit werden in den Medien selbst kaum mehr reflektiert. Im Unterschied zu anderen Teilbereichen der modernen Gesellschaft, die – wie etwa Politik und Wirtschaft – allesamt von aussen bewertet werden, entbehrt das Medienwesen einer Aussenreferenz.
Um den Wandel der öffentlichen Kommunikation transparent zu machen, braucht es die Sozialwissenschaft. Entsprechend schliesst sich dieses Jahrbuch der Debatte über die Rolle und die Qualität der Medien in der Demokratie an. Es will diese Debatte bereichern, indem es den Wandel der ökonomischen Strukturen des schweizerischen Mediensystems und der Inhalte der Berichterstattung einer fortlaufenden Beobachtung unterzieht. Das Jahrbuch hat also die Aufgabe, den Wandel und die Unterschiede der publizistischen Versorgung der drei grossen Sprachregionen der Schweiz sowie den Wandel und die Unterschiede in den Inhalten der Informationsmedien aller Gattungen (Presse, Radio, Fernsehen, Online) transparent zu machen.
Diese Transparenz ist Voraussetzung für Medienkompetenz und für Auseinandersetzungen mit den Logiken des Medienwesens aufseiten des Publikums und der Medienmacher:
- Dem Publikum ist die Einsicht, dass guter Journalismus teuer ist, verlorengegangen. Ihm fehlt weitgehend die Möglichkeit, die Qualitätsunterschiede der Medien selbst zu prüfen. Medien sind tägliche Gewohnheitsgüter, und der Vergleich verschiedener Angebote übersteigt das Zeitbudget. Noch mehr entzieht sich der Wandel der Medieninhalte über die Zeit dem Vergleich. Allein dadurch schon prägt das Angebot die Erwartungen. Diese Prägung findet auch deshalb statt, weil wir als Medienkonsumenten ausserhalb unserer persönlichen Erfahrung die Wahrnehmung der Welt über die Medien nicht durch eine andere Wahrnehmung ersetzen können. Weil wir keine andere Möglichkeit haben, die Welt zu beobachten, wissen wir nicht, ob sich diese verändert oder bloss die medienvermittelte Kommunikation über sie. Die Medien färben uns mit ihrer Auswahl, Interpretation und Darstellung die Welt ein und beeinflussen unsere Aufmerksamkeit und unsere Erwartungen. Medien sind deshalb auch Vertrauensgüter. Der Medienkonsument muss sich darauf verlassen können, dass er vielfältig, objektiv und nicht einseitig über Relevantes informiert wird, damit er sich als Bürger an der Gesellschaft beteiligen kann. Das Jahrbuch soll dem Publikum hierzu wesentliche Anhaltspunkte geben und auch zur Förderung der Medienkompetenz in den Schulen beitragen.
- Die Medienmacher, d. h. Journalisten, Verleger und Management, soll dieses Jahrbuch gerade auch in der Krise des Informationsjournalismus anregen, der Medienqualität den Stellenwert zu geben, ohne den die Demokratie nicht auskommt: In der Information über die Dinge, die alle etwas angehen, und in ihrer Einordnung liegt der Zweck journalistischer Arbeit. Sie ist der wichtigste Service public überhaupt. Gerade in Zeiten, in denen das in historischer Perspektive und über alle Gattungen hinweg betrachtet nur kurzfristig erfolgreiche Geschäftsmodell, mit der Kombination von redaktionellem Inhalt und Werbung hohe Renditen zu erzielen, nicht mehr funktioniert, wird die Qualität des Journalismus entscheidend für die Reputation der Medienmarken, an die die Zahlungsbereitschaft des Publikums geknüpft ist. Keine Gesellschaft kann auf Informationsmedien verzichten, und wenn das Jahrbuch die Qualitätsreflexion im Medienwesen fördert, trägt es auch zu dessen Selbstregulation bei.
Das Bewusstsein für die Qualität der Medien soll also auf beiden Seiten, sowohl beim Publikum als auch bei den Medienmachern, gestärkt werden. Die Schweiz muss sich einen billigen Journalismus mit sinkendem Berufsprestige nicht antun. Klar ist, dass guter Journalismus teurer und dass die Emanzipation aus der Gratiskultur schwierig wird. Indem das Jahrbuch dazu beisteuert, dass die Qualität der Medien ein wichtiges Thema öffentlicher Kommunikation ist, leistet es seinen Beitrag dazu.
Weiterführende Literatur
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3. Methodologie des Jahrbuchs – Publizistische Versorgung und Qualitätsvalidierung
Die Schweiz ist für ein solches Jahrbuch ein interessanter und anforderungsreicher «Fall». Die Schweiz hat eine lange, dichte und im Vergleich hochwertige publizistische Tradition, die durch ihre ausgeprägte Weltzugewandtheit charakterisiert ist. Aus drei grossen Sprachregionen heraus beobachtet der Kleinstaat Schweiz die Welt mit einer traditionell starken Auslandsberichterstattung. Gleichzeitig finden die politischen Auseinandersetzungen über die Schweiz ebenfalls in drei Sprachregionen statt, deren publizistische Kulturen Eigenständigkeiten aufweisen und zugleich durch die Kulturen in Deutschland, Frankreich und Italien beeinflusst sind. Dies macht es notwendig, dass die Medien der Sprachregionen wichtige Korrespondentenstellen nicht nur im Bundeshaus, sondern auch in den jeweils anderen Sprachregionen unterhalten. Die Schweiz besteht also aus sprachregionalen Medienarenen, die sich selbst, aber auch wechselseitig und je für sich die Welt beobachten.
Dieses Jahrbuch muss somit die publizistische Versorgung der deutschsprachigen, der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz darstellen und das Informationsangebot sowie die Berichterstattung der wichtigsten Medien dieser Sprachregionen beleuchten.
3.1 Publizistische Versorgung der Schweiz
Medienarenen lassen sich dadurch charakterisieren, dass sich die Medien in ihnen intensiv wechselseitig beobachten, weil sie versuchen, im Wettbewerb die Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse des Publikums dieser Arena zu erfüllen. Dabei sind alle «Mediengattungen» zu berücksichtigen, die als General-Interest-Medien oder Informationsmedien auf Dauer gestellt Berichterstattung zu allen Teilbereichen der Gesellschaft anbieten, also keine Spartenmedien sind (wie Sportmedien, Gesundheits- oder Gartenbaujournale usw.). Es handelt sich bei diesen Mediengattungen um:
- Presse in Form von regionalen und überregionalen Tageszeitungen, Sonntagszeitungen und Magazinen
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Informationsformate des öffentlichen und privaten Radios (Nachrichten, Magazine, Foren)
- Informationsformate des öffentlichen und privaten Fernsehens (Nachrichten, Magazine, Foren)
- Online-Newssites und Onlineportale
Medienarenen werden nicht nur durch die vier Gattungen Presse, Radio, Fernsehen, Online gebildet, sondern auch durch «Medientypen». Innerhalb der einzelnen Mediengattungen müssen jeweils die wesentlichen Medientypen repräsentiert sein. Im Bereich der Presse werden folgenden Medientypen unterschieden:
- Abonnementszeitungen
- Boulevardzeitungen
- Gratiszeitungen
- Sonntagszeitungen und Magazine
Beim Radio und Fernsehen sind es folgenden Medientypen:
- öffentliche Anbieter
- private Anbieter
Bei den Online-Websites gilt es folgende Informationsangebote zu berücksichtigen:
- Newssites der Abonnementszeitungen
- Newssites der Boulevardzeitungen
- Newssites der Gratiszeitungen
- Onlineportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen (z. B. Bluewin)
Die Berücksichtigung der erfassten Medien muss repräsentativ sein. Deshalb werden auf der Basis der Auflagen- und Nutzungszahlen sowie aufgrund der Bevölkerungszahlen in den grossen Sprachregionen in einer ersten Auswahl all jene Medientitel berücksichtigt, die in einer der drei untersuchten Sprachregionen mindestens 0,5% der Bevölkerung ab 15 Jahren potenziell erreichen. Das trifft 2010 auf 142 Medientitel aller Gattungen zu.
So können die publizistische Versorgung der Schweiz auf nationaler und sprachregionaler Ebene repräsentativ erfasst und Veränderungsdynamiken anhand von Daten aus den Jahren 2001, 2005 und 2009 sichtbar gemacht werden. Von zentralem Interesse sind, neben den unterschiedlichen Mustern der Mediennutzung, die folgenden Aspekte:
- die Verschiebungen innerhalb der Mediengattungen, d. h. etwa der Publikumsfluss von Presse zu Online (mit Folgen für die Finanzierung der Zeitungen);
- die Entwicklung der Werbe- und Gebühreneinnahmen sowie der Abonnements- und Verkaufserlöse und deren Auswirkungen auf die Medienvielfalt innerhalb der Gattungen;
- die Besitzverhältnisse bzw. die Konzentrationsprozesse, besonders bezüglich der Kontrolle von Titeln verschiedener Mediengattungen (crossmedia);
- die Entwicklung hinsichtlich der Schichtung des Medienkonsums gemäss Bildung und Einkommen und der Segmentierung der Medienarenen gemäss Generationen, Geschlecht und Herkunft.
Ihren Wert erhält die Darstellung der publizistischen Versorgung der Schweiz und der Sprachregionen erst durch die inhaltliche Analyse der Mediengattungen, Medientypen und einzelnen Medientitel. Deshalb wird die Darstellung der publizistischen Versorgung der Schweiz durch eine Untersuchung des Informationsangebots und der Berichterstattung ergänzt.
Qualitätsnormen können, wie etwa der Begriff der «Vielfalt», bereits auf der Ebene der publizistischen Versorgung bezüglich der Vielfalt von Medienunternehmen und der Titelvielfalt in Anschlag gebracht werden. Auf dieser Ebene diskutiert die sozialwissenschaftliche Qualitätsanalytik neben Konzentrationseffekten und entsprechenden Vielfaltsverlusten auch die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Formen der Medienregulierung – der rechtlichen Regulierung wie der Selbstregulierung etwa in Form von Presseräten – und die Ausbildungsstrukturen des Journalismus. Im Weiteren bezieht sich die Qualitätsanalytik auf die Strukturen und Abläufe innerhalb von Medienorganisationen (Qualitätsmanagement) und auf das Qualitätsverständnis seitens der Medienmacher, das insbesondere über Befragungen von Journalisten erfasst wird. Aufseiten des Publikums bezieht sich die Qualitätsanalytik auf Akzeptanz und Erwartungen gegenüber Medientypen und -titeln. Der wichtigste Bereich der Qualitätsanalytik widmet sich jedoch seit jeher dem inhaltlichen Angebot, also dem Output der Medien, und darauf liegt in diesem Jahrbuch der Schwerpunkt.
Qualitätsansprüche sind per se normativ. Wirkmächtige Normen sind historisch gewachsene «faits sociaux» (Emile Durkheim), also soziale Tatsachen, die Erwartungen an das Handeln formieren. Normen strukturieren das Soziale, indem sie das davon abweichende Handeln zum Problem machen. Deshalb müssen Normen begründet werden. Aus diesem Grund wurden die Qualitätsnormen der öffentlichen Kommunikation im ersten Teil dieser Einleitung aus der Aufklärung hergeleitet und direkt mit den notwendigen Leistungsfunktionen der Öffentlichkeit für die Demokratie (Forumsfunktion, Legitimations- und Kontrollfunktion, Integrationsfunktion) in Beziehung gesetzt. Der Kanon dieser Qualitätsnormen besteht seit dem Beginn der Moderne aus Universalitäts-, Ausgewogenheits-, Objektivitäts- und Relevanzerwartungen. In der medienvermittelten öffentlichen Kommunikation sollen also nicht auf systematische Weise Themen, Meinungen und Akteure ausgeschlossen werden und es sollen einseitige Darstellungen vermieden werden. Zudem unterliegt die öffentliche Kommunikation Wahrheits- und Relevanzansprüchen. Dies bedingt folgende Qualitätsindikatoren im Jahrbuch:
- Der Qualitätsindikator Relevanz gründet auf der demokratischen Prämisse, dass das Allgemeine gegenüber dem Privaten bzw. das Gesellschaftliche gegenüber dem Individuellen und Partikulären Vorrang hat. Relevanz bemisst sich an der Fokussierung auf die wichtigen Gesellschaftsbereiche Politik, Wirtschaft und Kultur sowie an den dabei berücksichtigten Sozialebenen. Dieser Indikator erfasst, inwieweit die Berichterstattung auf die Makroebene der Gesamtgesellschaft konzentriert ist oder inwieweit sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Mesoebene der Institutionen und Organisationen bzw. auf die Mikroebene von Personen bezieht.
- Der Qualitätsindikator Vielfalt leitet sich ab vom Anspruch auf die Universalität der Öffentlichkeit. Kein Thema, keine Meinung oder kein Akteur soll prinzipiell von der öffentlichen Kommunikation ausgeschlossen sein. Weder die Auswahl der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme (Forumsfunktion) noch die Kontrolle des Rechtsstaates in seinen drei Gewalten (Legitimations- und Kontrollfunktion) oder die Selbstwahrnehmung der Bürger (Integrationsfunktion) wären ohne die Norm der Universalität öffentlicher Kommunikation gewährleistet. Die Qualitätsdimension Vielfalt wird hier als relevante Vielfalt operationalisiert. Das heisst, es geht nicht um die vielfältige Thematisierung beliebiger Inhalte, sondern um die ausreichende Thematisierung der für das demokratische Gemeinwesen besonders bedeutsamen Bereiche Politik, Wirtschaft und Kultur.
- Der Qualitätsindikator Aktualität gründet auf dem Anspruch, dass Informationsmedien zwar zeitnah berichten, dabei aber die Ereignisse in Zusammenhänge einbetten, also Hintergrundinformationen bereitstellen sollen. Der schnelle Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft soll nicht zu einer punktualistischen, episodischen Berichterstattung führen. Für die Bewertung der Aktualitätsdimension ist in diesem Jahrbuch die Unterscheidung zwischen einer episodischen und einer thematischen Berichterstattung zentral. Qualitätsdefizitär ist eine episodische Berichterstattung, die sich am kurzfristigen Aktualitätstempus orientiert und Einzelfälle isoliert vermittelt. Höherwertig ist ein thematischer Journalismus, der Ereignisse einordnet und sie in ihren Wirkungszusammenhängen darstellt.
- Der Qualitätsindikator der Professionalität gründet auf den Erwartungen hinsichtlich Sachgerechtigkeit, Sachlichkeit, Transparenz und inhaltlicher Kompetenz. Daraus werden die folgenden Gütekriterien abgeleitet: Erstens ist die Quellentransparenz für die Glaubwürdigkeit der vermittelten Inhalte entscheidend und bereits für sich genommen ein wesentlicher Informationsbestandteil. Dies gilt auch für die Qualifizierung von PR- und Agenturquellen. Deshalb ist der Quellennachweis in Form der Zeichnung der Beiträge wichtig. Zweitens darf sich journalistische Leistung nicht in der simplen Textbearbeitung vorgefertigter Beiträge (z. B. durch Kürzung oder Setzung emotionalisierender Titel) erschöpfen, sondern muss sich durch eine eigenständige Auswahl, Recherche, Darstellung und Interpretation des relevanten Geschehens auszeichnen. Ein weiteres Gütekriterium ist daher der Grad an redaktioneller Eigenleistung im Vergleich zu Agentur- und PR-Leistungen. Weil die öffentliche Kommunikation der Informationsvermittlung und Meinungsbildung dient, ist drittens die Berücksichtigung verschiedener journalistischer Darstellungsformen ein Qualitätskriterium. Vom Pol tatsachenbetonter Darstellungsformen hin zum Pol meinungsbetonter Darstellungsformen nimmt der Bedarf an journalistischer Kompetenz zu: Die Form der Meldung verlangt nach kompetenter Auswahl und Darstellung, und über die Formen Bericht, Interview, Reportage, Porträt bis hin zu Kommentar und Leitartikel steigt der Bedarf an analytischer Kompetenz und Interpretationsfähigkeit. Der Berichterstattungsstil zeigt viertens, in welchem Kommunikationsmodus die journalistische Botschaft verfasst ist. Öffentliche Kommunikation soll von einer argumentativ geleiteten und Werthaltungen abwägenden Berichterstattung dominiert sein. Ein solcher kognitiv-normativer Stil setzt sich von einem moralisch-emotionalen Stil ab, der durch subjektive Affekte und moralische Urteile gekennzeichnet ist und dadurch Argumentation verhindert.
Dieser Kanon publizistischer Qualitätsnormen entzieht sich im Regelfall einer Kategorisierung des Typs erfüllt/nicht erfüllt. Selbstverständlich ist die Publizistik reich an Beispielen der krassen Unterdrückung von Themen und Meinungen, der Ausgrenzung von Akteuren, der völligen Einseitigkeit der Berichterstattung, der Verbreitung platter Unwahrheiten, der Kolportage von Belanglosigkeiten und der emotionalen Aufladung von Vorgängen. Jenseits solcher Fälle stellen die Qualitätsnormen jedoch Verhältnisse dar, die mehr oder weniger gegeben sind und dementsprechend graduell, nicht binär, erfasst werden müssen, und zwar auf den Ebenen der einzelnen Medientitel, der Medientypen und der Mediengattungen. Darüber hinaus besteht die Schweiz aus drei grossen Sprachregionen mit unterschiedlichen journalistischen Kulturen – auch im Bezug auf die Interpretation der genannten Qualitätsnormen.
Erstens bedeutet das für das Jahrbuch, alle Gattungen der Informationsmedien in den grossen Sprachregionen, also Presse, Radio, Fernsehen und Online, zu berücksichtigen. Es bedeutet auch, alle Medientypen einzubeziehen. Bei der Presse sind das Abonnements-, Boulevard-, Gratis- und Sonntagszeitungen sowie Wochenmagazine; beim Radio und Fernsehen ist das das Informationsangebot privater und öffentlicher Veranstalter und bei Online sind es wieder die Newssites der Abonnements-, der Boulevard- und der Gratiszeitungen sowie die Onlineportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen. Aufgrund der Verschiedenheit der Mediengattungen und -typen müssen die Qualitätsanalysen jeweils die Besonderheiten der einzelnen Gattungen und Typen berücksichtigen. Schliesslich müssen die untersuchten Medientypen und Medientitel das Gesamtaufkommen der Informationsmedien in einer Sprachregion auch proportional repräsentieren.
Zweitens bedeutet das für das Jahrbuch, dass sowohl das Informationsangebot – im weitesten Sinne die Ressorts, also das thematische Spektrum eines Medientitels – als auch die Inhalte in Form von Kommunikationsereignissen so erhoben werden, wie sie empirisch auftreten. Dadurch bezieht sich die vergleichende Untersuchung der Themenagenden bei Mediengattungen und Medientypen und der Berichterstattungsinhalte auf der Ebene der Medientitel auf die tatsächlichen Themen und nicht auf vorab bestimmte Inhalte der Berichterstattung. Das wird durch eine induktive Erhebung des gesamten Informationsangebots an einzelnen Stichtagen und zu spezifischen Themen der Berichterstattung (Kommunikationsereignisse) über das ganze Jahr geleistet.
Drittens bedeutet das für das Jahrbuch, dass sich die Qualitätsbewertung von medialen Inhalten strikt einer vergleichenden Methode zu bedienen hat. Dieser Vergleich bezieht sich in der Zeit (synchrone Dimension) sowie über die Zeit (diachrone Dimension) auf die Themenagenden (Kommunikationsereignishierarchien), d. h. auf die wichtigsten Themen in Mediengattungen, Medientypen und -titeln und auf die Berichterstattungsinhalte. So können die Qualitätsunterschiede wie die Veränderungen der Berichterstattung in den Dimensionen Relevanz, Vielfalt, Aktualität und Professionalität festgestellt werden.
Damit die Qualitätsvalidierung in dieser Form forschungsökonomisch möglich war, wurde die Gesamtzahl von jenen 142 Titeln, die mindestens 0,5% der sprachregionalen Bevölkerung ab 15 Jahren potenziell erreichen und in der Evaluation der publizistischen Versorgung der Schweiz berücksichtigt wurden, um rund zwei Drittel auf die reichweitenstärksten 46 Titel reduziert, und nur diese inhaltsanalytisch validiert.
Das Resultat der Untersuchungen erscheint als physisches Jahrbuch, als Online-Book und hat zudem eine eigene Plattform im Internet (www.qualitaet-der-medien.ch). Die Internetplattform enthält Auszüge des Jahrbuchs, periodische Zwischenabschlüsse der laufenden Untersuchungen zur Qualität der Medien sowie wesentliche Forschungserkenntnisse des fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft/Universität Zürich in seinen 3 Forschungsschwerpunkten: sozialer Wandel moderner Gesellschaften, neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und Reputationsdynamiken in der öffentlichen Kommunikation.
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