Wozu dieses Jahrbuch?
Bereits im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstand im Stadtstaat Athen eine der wirkmächtigsten Utopien der Menschheit, nämlich jene, dass eine freie Gesellschaft eine freie öffentliche Kommunikation voraussetzt, in der sich das bessere Argument durchsetzen kann. In der Tat zeigt die Geschichte der Demokratie, dass diese ohne qualitativ gute Öffentlichkeit zerfällt. Die Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung und Diskussion der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme (Forumsfunktion). Sie erfüllt eine Legitimations- und Kontrollfunktion gegenüber den Staatsgewalten und den Machtträgern der Gesellschaft. Und ohne Öffentlichkeit liesse sich die zwischen den Bürgerinnen und Bürgern notwendige Loyalität nicht erzeugen, die für eine sich selbst regulierende Rechtsgemeinschaft unverzichtbar ist (Integrationsfunktion). Die Qualität der Demokratie ist somit untrennbar mit der Qualität der Öffentlichkeit verknüpft, die durch die Vermittlungsleistungen von Informationsmedien hergestellt wird. Allerdings entbehrt das seit dem Niedergang der Parteizeitungen und seit der Dualisierung der audiovisuellen Medien in den 1980er Jahren zu einer eigenständigen Sphäre ausdifferenzierte Mediensystem einer kritischen Beobachtungsinstanz, die die Veränderungen dieses Mediensystems und der Qualität der öffentlichen Kommunikation nachzeichnet und dem öffentlichen Diskurs aussetzt.
Um diese Lücke zu schliessen, wurde das Jahrbuch «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera» geschaffen. Das Ziel dieses Jahrbuchs ist die Stärkung des Qualitätsbewusstseins gegenüber den Medien sowohl aufseiten des Publikums wie auch aufseiten der Medienmacher. Durch dieses Jahrbuch erhält das Publikum einen Massstab, welchem Journalismus es sich aussetzen will, und die Medienmacher erhalten einen Massstab, welchen Journalismus sie produzieren wollen. Als faktengesättigtes Nachschlagewerk dient es allen Interessierten, die sich mit der Entwicklung der Medien, den Medieninhalten, den Wechselwirkungen zwischen Medien und Politik sowie zwischen Medien und Wirtschaft auseinandersetzen.
Das Jahrbuch 2011 zeigt die aktuelle publizistische Versorgung sowie die Qualität des Informationsangebotes und der Berichterstattung der Schweizer Medienarena. Analysiert werden alle Gattungen der Informationsmedien, also Presse, Radio, TV und die Online-Newssites. Innerhalb dieser Gattungen werden unterschiedliche Medientypen erfasst, also bei den Zeitungen die Abonnements-, die Boulevard-, die Gratis- und die Sonntagszeitungen sowie die Magazine; bei Radio und Fernsehen sind es die öffentlichen und die privaten Angebote, und beim Online handelt es sich um die Newssites der Abonnements-, der Boulevard- und der Gratiszeitungen sowie um die Onlineportale der audiovisuellen Medien und der Telekommunikationsunternehmen. Die Analyse bezieht sich auf drei Ebenen:
- Auf der Ebene der publizistischen Versorgung der Schweiz interessieren die Konzentration, die Medienunternehmen, ihre Einnahmen sowie die Publikumsflüsse zwischen den Mediengattungen und Medientypen, ferner die Medienvielfalt sowie die Schichtung und Segmentierung des Medienkonsums. Auf dieser Ebene werden alle Informationsmedien der Schweiz einbezogen, die mindestens 0,5% der sprachregionalen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren potenziell erreichen. Dies trifft dieses Jahr auf 142 Medientitel aller Gattungen zu. Für die Bestandesaufnahme wurden so viele öffentlich erhältliche, relevante und bezahlbare Daten wie möglich über die Besitzverhältnisse und Einnahmen der Medienunternehmen (Gebühren, Werbung, Sponsoring, Abonnement, Verkauf) sowie Auflagen, Abdeckung und über die Nutzung der Medientitel erhoben und verwendet.
- Auf der Ebene der Qualitätsvalidierung interessieren die Informationsangebote, die Themenagenden und die Berichterstattung, die anhand der publizistischen Qualitätsnormen Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität validiert werden, sowie die unterschiedlichen Aufmerksamkeitslandschaften für Schichten und Segmente des Medienkonsums. Für diese aufwendige Inhaltsanalyse werden aus den 142 Medientiteln des Grundsamples zur Evaluation der publizistischen Versorgung die 46 bedeutendsten Informationsmedien aller Sprachregionen, Gattungen und Typen berücksichtigt.
- Auf der Ebene der Vertiefungsstudien geht es vor allem um Untersuchungen, die die Veränderungen im Dreiecksverhältnis von Politik, Medien und Ökonomie möglichst über längere Zeiträume hinweg beleuchten (Medialisierungsforschung).
Kritik am letztjährigen und Neuerungen im diesjährigen Jahrbuch
Die Auseinandersetzungen mit dem ersten Jahrbuch in über 115 Medienbeiträgen, in Rezensionen und in wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Debatten in der Schweiz und im Ausland sowie die kritischen Hinweise von Kolleginnen und Kollegen haben dem Zweck des Jahrbuchs nicht nur gedient, sie haben es auch verbessert. Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen sind zwei Kritiken hervorgetreten: Obwohl der Befund des Qualitätsverlusts der Informationsmedien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bestätigt wurde, ist auch darauf hingewiesen worden, dass früher nicht alles besser war. Dies bedeutet, dass der Wandel der Informationsmedien über die Abfolge der Jahrbücher hinaus durch Langzeitstudien beleuchtet werden muss. Das Kapitel VI.2 «Problematisierung des Fremden in der direkten Demokratie» reagiert auch auf diese Kritik und führt die Reihe der diachronen Vertiefungsstudien fort. Der zweite kritische Hinweis bezog sich auf den von vielen Beobachtern konstatierten Einfluss von Public Relations (PR) auf die redaktionellen Inhalte und darauf, dass dieser Einfluss partikulärer Interessen auf die öffentliche Kommunikation nicht untersucht worden ist. Dies war Anlass, eine erst für später vorgesehene Vertiefungsstudie zum Einfluss von PR auf den Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz bereits für dieses Jahrbuch zu erarbeiten (vgl. Kapitel VI.4 «Einfluss von Public Relations auf die Unternehmensberichterstattung»).
Ausserdem wurde eine Vertiefungsstudie zum Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) realisiert (vgl. Kapitel VI.3 «Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und Übernahmepraxis von Agenturberichten in der Presse»). Um die Fülle der sda-Meldungen in der Informationspresse zeigen zu können, musste aufgrund der mangelnden Quellentransparenz eine Plagiatssoftware entwickelt werden. Sie erlaubt es, die qualitätsdefizitären Formen von ungezeichneten «Copy-Paste»-Übernahmen, simplen ungezeichneten Umschreibungen und auch die falsche Verwendung von redaktionellen Kürzeln für Agenturmeldungen aufzudecken.
Dann will dieses Jahrbuch der föderalen Struktur der schweizerischen Demokratie durch Untersuchungen auf regionaler Ebene entsprechen. Zu diesem Zweck gilt es, auch jene Medien und Medienunternehmen zu berücksichtigen, die nicht auf nationaler Ebene, dafür aber auf regionaler und lokaler Ebene die Informationsvermittlung aufrechterhalten. Das Kapitel VI.1 «Nordwest- und Südostschweiz: Konzentration und publizistisches Angebot im regionalen Pressemarkt» untersucht vor dem Hintergrund der Pressekonzentration in der Schweiz die publizistischen Leistungen der Blätter der AZ Medien AG in der Nordwestschweiz und der Südostschweiz Mediengruppe AG in ihren Stammlanden.
Schliesslich wird die Rubrik Vertiefungsstudien (VI) durch drei Journalismusforscher bereichert, die sich in ihrem Gastbeitrag den harten Faktenfehlern sowie den «weicheren» Berichterstattungsfehlern in Schweizer Zeitungen annehmen: Das Kapitel VI.5 «Die doppelte Schwachstelle: Fehlerhäufigkeit und Corrections Management» behandelt vor allem die harten Faktenfehler in der Berichterstattung, die Bereitschaft in den Redaktionen, organisatorische und institutionelle Vorkehrungen zur Fehlerminimierung zu treffen, sowie die Auswirkung von Fehlern auf die Glaubwürdigkeit von Zeitungen.
Damit verdankt dieses Jahrbuch auch Gastautoren eine Aufwertung. Sie lassen es erst zur Plattform werden, auf der sich der «State of the Art» der Qualitätsforschung sowie der Zusammenhang von Öffentlichkeit und Demokratie in der Schweiz entfalten kann.
Im Folgenden werden die Hauptbefunde des Jahrbuchs 2011 zusammengefasst. Sie werden analog zur Struktur des Jahrbuchs in folgende Abschnitte unterteilt:
- Das Kapitel I, «Medienarena», behandelt die publizistische Versorgung der Schweiz in ihren drei grossen Sprachregionen Deutschschweiz, Suisse romande und Svizzera italiana sowie die Qualitätsunterschiede zwischen den Mediengattungen (Print, Radio, TV, Online), den Medientypen (z. B. öffentliches und privates Radio) und den einzelnen Medientiteln.
- Die Kapitel II–V, «Presse», «Radio», «Fernsehen» und «Online», widmen sich detailliert den einzelnen Mediengattungen sowie deren Medientypen und -titeln. Dabei wird jeweils die publizistische Versorgung der Sprachregionen mit diesen Gattungen ebenso berücksichtigt wie die Qualität der Inhalte.
- Das Kapitel VI, «Vertiefungsstudien», umfasst diesmal fünf grundlegende Einzelanalysen: erstens zur Konzentration der Presse in der Schweiz und zum Presseangebot in der Nordwest- und der Südostschweiz; zweitens zur Problematisierung des Fremden in der direkten Demokratie seit den 1960er Jahren; drittens zu den Effekten des Monopols der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und zur Verwertungspraxis von Agenturmeldungen in der Presse; viertens zum Einfluss von Public Relations in der Unternehmensberichterstattung und fünftens zur Fehlerhäufigkeit in der Berichterstattung der Schweizer Presse.
Herausgeber und Förderer des Jahrbuchs
Das Jahrbuch wird erarbeitet durch den fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft/Universität Zürich (www.foeg.uzh.ch). Es wird gefördert von der gemeinnützigen Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft (www.oeffentlichkeit.ch) und von vielen Donatoren. Sein Ziel ist die Stärkung des Bewusstseins für die Qualität der Medien in der Schweiz. Das Jahrbuch ist eine informative Quelle für Medienschaffende, Akteure aus Politik und Wirtschaft, die Wissenschaft und für alle Interessierten, die sich mit der Entwicklung der Medien und ihren Inhalten auseinandersetzen. Das Jahrbuch ist sowohl als physisches Buch (ISBN 978-3-7965-2776-0 / ISSN 1664-4131) wie auch als Online-Book erhältlich (ISBN 978-3-7965-2782-1 / ISSN 1664-4131). Die Forschungsbefunde sind zudem auszugsweise auf der Website www.qualitaet-der-medien.ch abrufbar. Hier finden sich auch erste Ergebnisse von zusätzlichen Analysen, die dann jeweils im nächsten Jahrbuch Beachtung finden.
Spenden für die Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft zugunsten des Jahrbuchs können überwiesen werden auf: IBAN CH28 0070 0110 0019 9753 1.