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4. Fernsehen
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4. Fernsehen

Publizistische Versorgung

  • Breite Abdeckung: Obwohl die Schweizerinnen und Schweizer im europäischen Vergleich das Fernsehen nicht so intensiv nutzen, ist das TV in der Schweiz knapp vor dem Radio das am meisten genutzte Medium, wobei die Nutzung von der Deutschschweiz über die Suisse romande hin zur Svizzera italiana zunimmt. Lässt man die Fernsehnutzung zur Unterhaltung beiseite und berücksichtigt nur die reichweitenstarken Informationsformate, die mehr als 0,5% der sprachregionalen Bevölkerung ab 15 Jahren potenziell erreichen, dann decken die Informationsformate im Fernsehen insgesamt 215% der Bevölkerung ab. Das ist deutlich mehr als die Informationssendungen des Radios (rund 151% Abdeckung).
  • Starke Nutzung der Informationssendungen der SRG SSR: Bei der Nutzung von Nachrichtensendungen, Magazinen oder Forumssendungen werden eindeutig die Angebote des öffentlichen Fernsehens bevorzugt. 93% der oben beschriebenen Abdeckungsquote lassen sich auf die Informationsformate der SRG SSR zurückführen und nur 7% auf die Informationsformate des Privatfernsehens. Beispielsweise werden die Hauptnachrichten der reichweitenstärksten Privatsender Tele Züri, TeleBärn, Tele M1 und Tele Tell, die zusammen einen bevölkerungsstarken Teil der Deutschschweiz abdecken, nur von rund 150 000 Personen genutzt (ohne Mehrfachnutzung durch Wiederholungen); diese Nutzungszahl ist fünfmal tiefer als die der Tagesschau auf SF1 allein.
  • Reichweitenverluste und Messprobleme: Die Nutzung von Informationssendungen geht, wie die allgemeine Fernsehnutzung, in den letzten 10 Jahren deutlich zurück. So sinkt bei allen drei Informationsformaten (Nachrichten, Magazin und Forum) die Abdeckungsquote. Allerdings können die Nutzung über neue Kanäle und die zeitversetzte Nutzung z. B. via Podcasts (noch) nicht gemessen werden. Die Werte besonders beim öffentlichen Fernsehen sind daher mit Vorsicht zu interpretieren. Doch zumindest für die konventionelle Nutzung der Forumssendungen und besonders der Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens gilt, dass sie stark rückläufig ist und die Sendungen im Zeitraum von 2001 bis 2010 bis zu einem Viertel ihres Publikums verlieren.
  • Magazine als Möglichkeit der Profilierung: Vertiefende Formate wie Magazine, die fast ausschliesslich vom öffentlichen Fernsehen angeboten werden, sind zwar, anders als im öffentlichen Radio, etwas weniger stark von den rückläufigen Reichweiten betroffen. Auch weil sich die schweizerische Fernsehlandschaft hinsichtlich dieses Formats als ausbau- und entwicklungsfähig erweist, läge hier eine Möglichkeit des Fernsehens, sich mit spezialisierten, fundierten Hintergrundformaten stärker zu profilieren.
  • Geringer zusätzlicher Mittelzufluss für das öffentliche Fernsehen: Die Entwicklung der Werbemittel zeigt zwar, dass das öffentliche Fernsehen über die letzten 10 Jahre hinweg im Vergleich zum Schweizer Privatfernsehen den deutlich grösseren Teil des Werbekuchens erhält. Die Werbemittel für das öffentliche Fernsehen der deutschsprachigen Schweiz, für die am meisten Zahlen vorliegen, betragen im Jahr 2010 rund 351 Millionen Franken und für die erfassten regionalen Privatsender zusammen rund 51 Millionen, also rund sieben Mal weniger. Das öffentliche und das private Regionalfernsehen der Deutschschweiz profitieren allerdings nur sehr bedingt vom Wachstum der Werbemittel im Fernsehmarkt. Denn Werbetreibende investieren zunehmend in die Werbefenster ausländischer Privatsender, im Jahr 2010 mit rund 588 Millionen um rund 237 Millionen Franken mehr als in das öffentliche Fernsehen. Die ausländischen Privatsender generieren so sehr hohe Werbeumsätze, ohne dass daraus ein publizistischer Nutzen erwächst.
  • Schwache Nutzung, geringe Ressourcen und Qualitätsdefizite beim Privatfernsehen: Die Informationsformate des Privatfernsehens decken im Gegensatz zu jenen des öffentlichen Fernsehens nach wie vor nur einen geringen Teil der Bevölkerung ab. Unter den Privatsendern verlieren die Informationssendungen etwa von Tele Züri oder TeleBärn, während andere, wie Tele Ticino oder Tele M1, ihre Bevölkerungsabdeckung steigern können. Zudem zeigt sich, dass die Werbemittel im Fernsehmarkt kaum dem regionalen Privatfernsehen zukommen, sondern eher dem Deutschschweizer Unterhaltungssender 3+ und vor allem den Privatsendern ausländischer Anbieter. Viele regionale Privatsender erhalten mit dem neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG 2007) Gebühren, um qualitativ bessere Informationssendungen anbieten zu können. An solche Sender mit Leistungsauftrag, etwa Tele Ticino oder Tele M1, sind daher entsprechende Anforderungen zu stellen. Die Analyse des Informationsangebots der verschiedenen Veranstalter und Typen (privat/öffentlich) und die Analyse der Aufmacherbeiträge der Hauptnachrichtensendungen zeigen jedoch erhebliche Qualitätsdefizite des Privatfernsehens. Davon sind irritierenderweise Privatsender mit und ohne Gebührenanteil gleichermassen betroffen.

Qualitätsvalidierung

  • Unterschiedlich grosse Informationsleistungen: Informationssendungen spielen im Privatfernsehen nur eine untergeordnete Rolle. Während das öffentliche Fernsehen insgesamt zwischen rund 20 Stunden (LA1 und TSR1) und 40 Stunden (SF1) pro Woche an Informationssendungen programmiert, produzieren die 4 untersuchten privaten Veranstalter in derselben Zeitspanne ein Gesamtangebot von durchschnittlich rund 5 bis 7 Stunden (ohne Wiederholungen), das heisst nur rund 1 Stunde pro Tag. Und während das öffentliche Fernsehen, allen voran SF1, auch vertiefende Magazine anbietet, sind relevante und spezialisierte Magazinsendungen im Privatfernsehen äusserst rar. Nur die weniger aufwendig zu produzierenden Forumsformate wie beispielsweise aktuelle Diskussionssendungen finden sich bei einigen Privatsendern.
  • Softnewsorientierung auch beim gebührenfinanzierten Privatfernsehen mit Leistungsauftrag: Die ausgeprägtesten Qualitätsdefizite zeigen die untersuchten Deutschschweizer Privatsender Tele Züri und Tele M1 und in geringerem Masse das Privatfernsehen Tele Ticino in der Svizzera italiana. Tele Züri, das als lediglich gemeldeter Sender nicht denselben Anforderungen wie das konzessionierte Privatfernsehen unterliegt, und das teilweise gebührenfinanzierte Tele M1 produzieren beide je eine Hauptnachrichtensendung, bei der nur noch ein Drittel Hardnews vermittelt werden. Das ebenfalls teilweise gebührenfinanzierte Tele Ticino programmiert zwar spezialisierte Magazine und Foren, doch wird seine Hauptnachrichtensendung fast zur Hälfte mit Softnews bestritten. Auch die Regionalberichterstattung, deren relevante Vermittlung die Kernkompetenz des regionalen Privatfernsehens sein sollte, bietet bei den genannten Sendern nur zu rund einem Viertel Hardnews. Dazu betreiben diese Sender eine ausgesprochen personalisierte, wenig einordnende und moralisch-emotionale Berichterstattung, auch bei nationalen Themen. Mit diesem Muster ähneln das Deutschschweizer Privatfernsehen und etwas weniger das Tele Ticino den Boulevard- und den Gratiszeitungen. Der Privatsender Léman Bleu, der teilweise im Besitz der öffentlichen Hand ist, zeigt dagegen, dass das Privatfernsehen nicht zwingend solche Qualitätsdefizite aufweisen muss: Die Hauptnachrichtensendung von Léman Bleu ist in der Regel von relevanten Hardnews geprägt (rund 70%), die seltener auf moralisch-emotionale Weise vermittelt werden und die auch in der Politikberichterstattung nicht so oft auf Personen fokussieren.
  • Unterschiedlicher Beitrag der ersten öffentlichen Programme: SF1 profiliert sich mit dem umfangreichsten Informationsangebot. Es strahlt zwei verschiedene Hauptnachrichtensendungen aus, Magazine, besonders zur Kultur, aber auch spezialisierte Formate über die Wirtschaft; zudem schneidet die Tagesschau unter den Fernsehnachrichtensendungen gemessen an allen Indikatoren nach wie vor am besten ab, selbst wenn die Hardnewsanteile leicht sinken. TSR1 und LA1 programmieren demgegenüber einen nur halb so grossen Umfang an Informationsformaten, wobei TSR1 einige (wenige) vertiefende und relevante Magazine programmiert, aber in seiner Nachrichtensendung leicht höhere Softnews- und Personalisierungsanteile aufweist. Das öffentliche LA1 hat punkto Umfang des Informationsangebots, punkto Formatvielfalt (keine Foren) sowie punkto Vielfalt- und Relevanzorientierung die grössten Qualitätsdefizite innerhalb des öffentlichen Fernsehens.
  • Defizite gegenüber dem öffentlichen Radio: Ein Trend zur Vermischung von Information und Unterhaltung zeigt sich bei allen ersten Programmen des öffentlichen Fernsehens. Das Informationsangebot ist im öffentlichen Fernsehen weniger umfangreich als im Radio, und bei den Hauptnachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens sind Vielfalt und Relevanz eingeschränkt im Vergleich zum öffentlichen Radio. Auch der Beitrag zu einer relevanten Auslandsberichterstattung ist nicht annähernd so hoch wie bei den Flaggschiffen des öffentlichen Radios, etwa dem Echo der Zeit. Gerade die Vielzahl von kleinen, peripheren Kommunikationsereignissen im öffentlichen Fernsehen, die Softnewsereignisse aus aller Welt abhandeln, die gegenüber dem Radio personalisiertere Berichterstattung und die kleineren Einordnungsleistungen (episodische Berichterstattung) machen deutlich, dass sich das öffentliche Fernsehen mit exklusiven, relevanten Themen und einer kontextualisierenden Berichterstattung profilieren könnte. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Fusion der Redaktionen des öffentlichen Fernsehens und des Radios in dieser Hinsicht auswirken wird, ob also die Qualität des öffentlichen Radios sinkt oder ob das Fernsehen seinen Beitrag zur Qualität der öffentlichen Kommunikation steigern kann.
  • Unterschiedliche Integrationsleistungen: Besonders das öffentliche Fernsehen leistet einen wichtigen Beitrag für die gemeinsame Thematisierung von relevanten Problemen über die Sprachregionen hinweg. Allerdings ist die Fernsehagenda (die 20 grössten Kommunikationsereignisse der Fernseharena) viel stärker als die Radioagenda von Softnewsthemen durchdrungen. Dies liegt zwar im Wesentlichen am Privatfernsehen, das überwiegend regionale Human-Interest-Ereignisse thematisiert, aber auch die im Vergleich zum öffentlichen Radio geringere Vielfalt und Relevanz im öffentlichen Fernsehen sorgt für eine geringere Integration der drei grossen Sprachregionen. In der Summe führt dies etwa dazu, dass die Fussball-WM in Südafrika das einzige Thema ist, das bei allen öffentlichen und privaten Titeln auf die Agenda der 20 grössten Kommunikationsereignisse gelangt. Boulevardisierungstendenzen sorgen also dafür, dass eine landesweite Thematisierung von relevanten Problemen auch jenseits der personalisierten und moralisch-emotional aufgeladenen Topthemen abnimmt.
  • Fixierung auf die Probleme der Schweiz und geringere Bedeutung der Auslandsberichterstattung: Insgesamt ist die Fernsehagenda ähnlich stark wie die Presseagenda und stärker als die Radioagenda auf die Schweiz fixiert, auf ihre bilateralen Probleme und auf die Bedrohung der Schweiz von aussen, wie sie in der Libyenaffäre und der Bankgeheimnisdebatte zum Ausdruck kommt; die Sprachregionen werden darüber hinaus durch eine personalisierte Berichterstattung über die Bundesratswahlen zusammengehalten. Nur die öffentlichen Fernsehtitel beleuchten auch Probleme im Ausland (z. B. Eurostabilitätspakt) und liefern damit einen wichtigen, allerdings im Vergleich zum öffentlichen Radio geringeren Beitrag zur Vielfalt und Relevanz.
  • Spezifika der Sprachregionen: Die Deutschschweizer Fernseharena, vor allem das öffentliche Fernsehen, ist am empfänglichsten für Themen und Probleme von landesweitem Interesse. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass Abgrenzungsdiskurse in Gestalt der Identitätspolitik in beiden deutschschweizerischen Fernsehtypen starkes Gewicht erhalten. Die Fernseharenen der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz sind dagegen stärker selbstbezogen, wobei sich – wie im Fall der Gattungen Presse und Radio – die italienischsprachige Schweiz sensibler zeigt für wirtschaftliche Krisenfolgenprobleme. Gleichzeitig verdrängt die ausgeprägte Fokussierung auf Sportereignisse besonders in der italienischsprachigen Schweiz, und dies in beiden Fernsehtypen, wichtige Themen von nationalem Interesse von der Agenda.