2. Presse
Publizistische Versorgung
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Ökonomisierung des Pressemarktes: Die Ökonomisierung des Pressemarktes hat sich von den 1980er Jahren bis zur Jahrtausendwende weitgehend vollzogen, das Zeitungssterben führte in Verbindung mit einem Konzentrationsprozess zu einem Rückgang von Anbietern auf dem Markt, der gleichzeitig mit Sonntags- und ab 1999 auch mit Gratiszeitungen dichter besetzt wurde. Seitdem intensivieren sich die Orientierung der Presse an markt- und betriebswirtschaftlichen Strategien, ihre Abhängigkeit von konjunkturellen Entwicklungen und die Verlagerung von Werbeeinnahmen hin zu den Gratismedien on- und offline. Die sinkenden Auflagenzahlen reduzieren den Abonnements- bzw. Verkaufserlös bei gleichzeitiger Abnahme der Werbeerlöse. Durch die crossmediale Entwicklung verliert die Presse zwischen 2001 und 2010 generell an Bedeutung, und die bedeutendsten 48 Pressetitel der drei grossen Sprachregionen erreichen einen immer geringeren Teil der Bevölkerung, wie die abnehmende Abdeckungsquote (–10 PP) zeigt.
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Gratisproblem im Pressemarkt: Das Gratisproblem im Pressemarkt ist hausgemacht. In einem Verdrängungskampf von zeitweise sechs Konkurrenten im deutschsprachigen bzw. zwei im französischsprachigen Pressemarkt überleben nur drei von der Tamedia AG bzw. Ringier AG kontrollierte Gratistitel. Diese wiederum beeinträchtigen hinsichtlich Verbreitung und Werbeattraktivität die Überlebensfähigkeit und die publizistische Qualität der Abonnementspresse (Titelvielfalt) im ohnehin schwierigen Pressemarkt. Zudem schwächen sie das Bewusstsein des Publikums für den Preis journalistischer Leistungen. Während die Gratispresse boomt, ihr Anteil am Werbeerlös massiv steigt (2001 bis 2010: plus 23 PP im Vergleich der 46 Pressetitel aus dem Gesamtsample jener 48 Pressetitel, zu denen Werbeerlöszahlen vorlagen), werden bei der Abonnementspresse ausgedehnte Kopfblatt- und Mantelsysteme etabliert, redaktionelle Ressourcen abgebaut und die Mehrfachverwertung von Informationen und Beiträgen gesteigert (Abnahme der inhaltlichen Vielfalt in der Publizistik).
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Verluste bei den Werbeerlösen und Effizienzprogramme: Drastisch sind die Veränderungen der Finanzierungsgrundlagen durch Werbeerlöse und deren Folgen für die redaktionellen Ressourcen. Mit einer leichten Erholung von 2009 auf 2010 haben die Nettowerbeumsätze die Zwei-Milliarden-Grenze wieder knapp überschritten, liegen damit aber im gesamten Pressemarkt rund eine Milliarde unter dem Stand des Jahres 2000 (3032 Mio. Franken). Bei der Tagespresse – betroffen sind die Abonnements- und Verkaufstitel – reduzierte sich der Nettowerbeumsatz zwischen 2002 und 2010 sogar um rund die Hälfte von über zwei Milliarden auf knapp eine Milliarde Franken. Die Folge davon sind Effizienzprogramme in unterschiedlichen Formen: von Newsrooms (Ringier AG) bis hin zu Kopfblatt- und Mantelsystemen (Tamedia AG und NZZ-Gruppe). Diese Massnahmen führen vor allem bei den Abonnementszeitungen zu einem Abbau von journalistischen Ressourcen und Stellen.
Qualitätsvalidierung
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Weit verbreitete Gratis- und Boulevardpresse mit Qualitätsdefiziten: Die weiteste Verbreitung finden im Jahr 2010 die Titel der Gratispresse, gefolgt von denjenigen der Boulevardpresse, die jedoch gleichzeitig die grössten Qualitätsdefizite aufweisen. Das tiefe Relevanzniveau der Boulevard- und der Gratispresse wird in der Informationsangebotsanalytik sichtbar durch die Ausrichtung auf Human Interest und Sport, durch starke Tendenzen zur Personalisierung und Privatisierung sowie durch eine episodische Berichterstattung, die beim Boulevard zusätzlich moralisch-emotional aufgeladen ist. Ausserdem zeigen beide Pressetypen eine äusserst niedrige Quellentransparenz. Die Gratispresse schneidet besonders schlecht ab: Sie betreibt einen am Newsticker orientierten, episodischen Journalismus ohne Quellentransparenz, und ihre redaktionellen Eigenleistungen sind im Vergleich klein.
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Softnews in der Boulevard- und der Gratispresse: Die ausgeprägte Ausrichtung der Boulevard- und der Gratispresse auf Sport (rund 20%) und Human Interest (rund 40%) zeigt sich auch in der Frontseitenanalytik. Die politische Berichterstattung hat hier noch ein Fenster von rund 20%. Der ohnehin geringste Grad an journalistischer Einordnung (episodische Berichterstattung) betrifft bei diesen Pressetypen auch politische und wirtschaftliche Themen. Wer sich also auf diese beiden Medientypen beschränkt, kann selbst bei zentralen Kommunikationsereignissen wie den Bundesratswahlen, der Ausschaffungsinitiative, der UBS-Krisenbewältigung oder der Bankgeheimnisdebatte kaum von journalistischen Hintergrunddarstellungen profitieren. Bei Vorgängen ausserhalb der Schweiz beschränkt sich die nachhaltige Berichterstattung auf die Sport- und Katastrophenberichterstattung.
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Informationsangebot der Abonnements- und der Sonntagspresse: Demgegenüber gehen die konturierten Angebotsstrukturen der Abonnements- und der Sonntagspresse mit einer hochwertigeren Bearbeitung von relevanten Inhalten einher, wie die Informationsangebotsanalytik zeigt. Ausdifferenzierte Ressorts und journalistische Spezialisierung befördern die Ausrichtung auf gesellschaftliche Relevanz. Die höchste Qualität erreicht die Abonnementspresse vor allem in jenen Titeln, die sich als überregional ausgerichtete Zeitungen charakterisieren lassen (Neue Zürcher Zeitung, Le Temps, teilweise Tages-Anzeiger). Sie zeichnen sich aus durch gewichtige Auslands-, Inlands-, Wirtschafts- und Kulturressorts sowie durch Hintergrund- und Meinungsseiten, durch hohe Eigenleistungsanteile, eine wesentlich höhere Quellentransparenz, vielfältigere Darstellungsformen und einen kritisch-reflexiven Kulturbezug. Je weniger allerdings in den Abonnementstiteln noch ein ausdifferenziertes Wirtschafts- und Kulturressort vorhanden ist und je mehr die Ressorts Politik und News mit Human Interest aufgeladen werden, desto grösser sind die Qualitätsdefizite (Berner Zeitung, Tribune de Genève).
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Qualitativ bessere Abonnementspresse: Trotz allen Unterschieden schneidet die Abonnementspresse auch bei der Frontseitenanalytik in der Summe aller Indikatoren am besten ab. Insbesondere gelangen die gesellschaftlich relevanten Themen hauptsächlich durch die Abonnements- und dann durch die Sonntagspresse auf die Agenda. Unter den Abonnementstiteln leisten die Neue Zürcher Zeitung und Le Temps eine kontinuierliche Politik- und Wirtschaftsberichterstattung zu allen regionalen Räumen und tragen damit zur Vermittlung der föderalen wie internationalen Mehrebenenpolitik bei. Sie sind die letzten Titel, die der Tendenz zur Regionalisierung und Nationalisierung der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung widerstehen. In unterschiedlichem Mass beschäftigen sich alle anderen Abonnementstitel stärker mit dem Regionalen und dem Lokalen.
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Personalisierung und Emotionalisierung: Die Sonntagszeitungen und das Magazin weisen gegenüber der Abonnementspresse tiefere Relevanzwerte auf. Diese basieren auf einer stärkeren Personalisierung sowie auf einer moralisch-emotionalen Aufladung durch meinungsbetonte Darstellungsformen. Dies verweist auch auf das Potenzial dieser Pressetypen zur Themensetzung und Skandalisierung. Wie die Frontseitenanalytik zeigt, behandeln die Sonntagspresse und das Magazin am stärksten personalisierbare Politik- und Wirtschaftsereignisse (Fokussierung auf Funktionseliten), ausgeprägt die Identitätspolitik (Ausländerpolitik), und die Sonntagspresse profiliert sich durch die frühe Portierung von innenpolitischen Auseinandersetzungen etwa im Rahmen der erneuerten Konflikte um die Armeereform oder der Bildungspolitik.
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Zentrale Rolle von Sonntagspresse und Gratispresse bei der Lancierung konfliktreicher politischer Themen: Mit Blick auf die Themen- und Agendabildung der Pressearena spielt die Sonntagspresse im Verbund mit der Gratispresse eine zentrale Rolle bei der Lancierung der konfliktreichsten politischen Themen und erhöht dadurch die Resonanz von Kampagnen politischer Akteure. Neben den Auswirkungen dieser Logik von Nachrichtenwerten auf die Selektion politischer Themen lässt sich auch eine politische Logik erkennen: So werden die identitätspolitischen Themen durch das Magazin Weltwoche und durch die Basler Zeitung überdurchschnittlich stark bewirtschaftet, und diese werden bei der Weltwoche zudem zumeist moralisch-emotional aufgeladen.
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Beträchtliche Unterschiede bei den Aufmerksamkeitslandschaften der verschiedenen Pressetypen: Die Aufmerksamkeitslandschaften der Pressetypen Abonnement, Sonntag/Magazin, Gratis und Boulevard unterscheiden sich beträchtlich. Dies bedeutet, dass unterschiedliche Nutzergruppen mit verschiedenen Presseagenden konfrontiert werden. Diese unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstrukturen der Pressetypen sind auch die Ursache dafür, dass es wenige Kommunikationsereignisse gibt, die sowohl innerhalb des jeweils einzelnen Pressetyps zu den 20 wichtigsten gehören als auch zu den meistverbreiteten 20 der Presse insgesamt. Für das Jahr 2010 sind dies lediglich: Fussballweltmeisterschaft (Rang 1), Bundesratswahlen (Rang 2), Libyenaffäre (Rang 3), Konjunkturberichterstattung (Rang 9) und Integrationsdebatte (Rang 17). In der Pressearena findet die Schweiz also im Jahr 2010 ihren Zusammenhalt in letzter Instanz durch Sport, Exekutivwahlen, Konjunkturbeobachtung sowie Souveränitäts- und Identitätsfragen. Generell gilt, dass Kommunikationsereignisse, die es an die Spitze der Presseagenda schaffen, einen hohen Personalisierungsgrad haben.
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Verunsicherte und polarisierte Schweiz: Die Presseagenda des Jahres 2010 zeigt eine verunsicherte und polarisierte Schweiz. Dies manifestiert sich neben der anhaltenden Fokussierung auf identitätspolitische Themen in der gegenüber dem Vorjahr massiv gewachsenen Bedeutung von wirtschaftspolitischen Kommunikationsereignissen. Letztere beziehen sich auf die Auseinandersetzungen mit den USA bezüglich der UBS-Praktiken bei der Akquisition von Steuerfluchtgeldern, auf die Debatten um das Bankgeheimnis, auf die UBS-Krisenbewältigung und die Managerlohndebatte. Daneben zeigt sich in der ausserordentlichen Resonanz der Bundesratswahlen in den Medien eine am Nachrichtenwert orientierte Bevorzugung der Exekutive (auf Kosten der Legislative), aber auch eine Krisenwahrnehmung in Sachen Konkordanzprinzip. Neben den innenpolitischen Auseinandersetzungen steht schliesslich mit der Libyenaffäre der Rückhalt der Schweiz in der Welt zur Debatte. Entsprechend ist die Welt in der Presseöffentlichkeit in erster Linie über die bilateralen Probleme der Schweiz mit der EU und den USA sowie durch die Sport- und Katastrophenberichterstattung prominent vertreten. Da die klassische Auslandsberichterstattung nur noch in den Abonnementszeitungen gepflegt wird (und selbst dort nur mehr teilweise), verstärkt sich die Tendenz der Selbstbespiegelung der Schweiz in ihrer medienvermittelten Kommunikation.
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Wirtschaftspolitische Themen in der italienischsprachigen Schweiz, identitätspolitische in der Deutschschweiz: In wirtschaftspolitischer Hinsicht ist die öffentliche Kommunikation in der italienischsprachigen Schweiz am meisten sensibilisiert für internationale Entwicklungen: Obwohl die Pressearena der italienischsprachigen Schweiz im Vergleich mit derjenigen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz am stärksten binnenorientiert ist, spielen die Stabilitätsbemühungen der EU im Zusammenhang mit den überschuldeten Staaten und der Schwäche des Euro in der Presse der Svizzera italiana 2010 eine viel grössere Rolle als in der Presse der französischsprachigen und der deutschsprachigen Schweiz. In identitätspolitischer Hinsicht ist hingegen die Berichterstattungsdichte in der Deutschschweiz am grössten, gefolgt von der französisch- und der italienischsprachigen Pressearena. Im sprachregionalen Vergleich fällt die französischsprachige Pressearena auf, weil sie noch stärker mit Human Interest und Sport durchsetzt ist. Die Pressetitel mit den höchsten Abdeckungsquoten bewegen sich in der französischsprachigen Schweiz hinsichtlich ihrer Qualität mehrheitlich im mittleren und hinteren Feld. Dadurch unterscheidet sich die Vermittlung und Darstellung des relevanten Geschehens beträchtlich.
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Zunehmende Verbreitung einer Softnewskultur: In der Pressearena der Suisse romande wie auch in jener der Deutschschweiz zeigt sich neben der klassischen Hardnewskultur, die in erster Linie durch die Abonnements- und die Sonntagspresse getragen wird, eine Softnewskultur, die sich durch den Siegeszug der Gratismedien ausbreitet. Die Mainstreammedien im Bereich der Presse sind in der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz Softnewsangebote. Diese Mainstreammedien werden von den zwei grösseren Oligopolisten kontrolliert, die sich im Konzentrationsprozess des Pressemarktes bis ins Jahr 2010 etabliert haben: Tamedia AG und Ringier AG. Beide haben die Ökonomisierung des Pressemarktes vorangetrieben und beherrschen das Boulevard- und das Gratisgeschäft, während der dritte Oligopolist, die NZZ-Gruppe, auf den Markt der Abonnements- und der Sonntagspresse ausgerichtet ist. Unter den drei Oligopolisten hat die Tamedia AG die dominante Stellung, indem sie 43% des Marktes der bedeutenden Pressetitel in der Schweiz kontrolliert. Mit dieser Marktabdeckung und einer multimedialen Strategie werden ausserordentlich hohe Renditeerwartungen von 15 bis 20% (EBIT) verbunden. Die Ringier AG und die NZZ-Gruppe liegen mit 22% bzw. 14% am Schweizer Pressemarkt deutlich hinter der Tamedia AG (43%). Hervorzuheben ist zudem die mit der Übernahme von Edipresse Publications SA erfolgte Ausdehnung der Tamedia AG auf die Suisse romande, wodurch Tamedia AG auch hier zum dominanten Kontrolleur wurde (74% des französischsprachigen Pressemarktes). Die Oligopolisten bestimmen wesentlich die Entwicklung im Schweizer Pressemarkt. Ihre Modelle einer crossmedialen Finanzierung des Journalismus sowie ihre Investitionen bzw. allenfalls Querfinanzierungen von kostenträchtigem Qualitätsjournalismus werden entscheidend sein für die zukünftige Entwicklung der Presse.
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