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6. Vertiefungsstudien
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6.3 Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) und Übernahmepraxis von Agenturberichten in der Presse

Fragestellung

Medienkrise, journalistischer Ressourcenschwund und Aktualitätsdiktat erhöhen die Abhängigkeit der Redaktionen von fremdproduzierten Medieninhalten, wie sie Nachrichtenagenturen anbieten. Ein solcher Agentureinfluss tangiert die Medienqualität erstens in der Professionalitätsdimension, nämlich dann, wenn die Norm der Quellentransparenz verletzt wird, d. h., Agenturmaterial nicht gekennzeichnet oder gar unter dem Etikett redaktioneller Eigenleistung geführt wird. Agentureinflüsse tangieren zweitens die Vielfaltsdimension. Ein zu hoher und einseitiger Agentureinfluss kann dazu führen, dass sich Inhalte und Deutungsperspektiven in der Medienarena stark angleichen, zumal dann, wenn wie in der Schweiz die Nachrichtenagentur sda ein faktisches Monopol für Inlandsmeldungen besitzt.

Vor diesem Hintergrund befasst sich diese Vertiefungsstudie mit den Auswirkungen des sda-Monopols sowie der Übernahmepraxis von Agenturmaterial in der Schweizer Pressearena. Dabei interessiert vor allem, ob das Inkrafttreten des faktischen sda-Monopols im Frühjahr 2010 zu einer Zunahme des sda-Einflusses in der Presseberichterstattung führt und ob die Qualitätsstandards bei der Verwertung von Agenturmaterial eingehalten oder verletzt werden. Um diese Fragestellung adäquat beantworten zu können, wurde eigens für dieses Projekt eine Plagiatssoftware entwickelt, die Agenturinhalte unabhängig von der Beitragszeichnung nachweisen kann.

  • Zunahme des sda-Einflusses: Der Vergleich der Presseberichterstattung von insgesamt 22 Pressetiteln im Untersuchungszeitraum 2009–2010 bestätigt, dass der sda-Einfluss in der Pressearena nach der Etablierung der Monopolstellung im Frühjahr 2010 signifikant zugenommen hat. Beträgt der sda-Anteil an der Gesamtmenge aller als Agenturmeldungen gekennzeichneten Beiträge im Jahr 2009 noch 32%, so steigt dieser Wert 2010 auf 47%. Addiert man zu diesem Wert die Anteile der Si-Sportinformation – einer zu 100 Prozent der sda gehörenden Sportnachrichtenagentur –, so beträgt der Anteil an sda/Si-Meldungen am Total aller erfassten Agenturmeldungen 2010 hohe 70%. Der Einfluss der sda nimmt nach Inkrafttreten des Monopols in der Deutschschweiz stärker zu als in der Suisse romande. In der französischsprachigen Schweiz bleibt der Einfluss der AFP substanziell und dämpft den sda-Vormarsch (diese Dynamik konnte in der italienischsprachigen Schweiz aufgrund zu tiefer Fallzahlen nicht signifikant erfasst werden).
  • Vormachtstellung der sda in der Inlandsberichterstattung: Besonders ausgeprägt ist der Ausbau der sda-Vormachtstellung in den Ressorts Politik-Inland (99%), Politik-Region (84%), Kultur (69%) und Human Interest (64%). Aber selbst in den Auslandressorts nimmt der sda-Einfluss zu. Die Dominanz der sda ist vom Standpunkt der Medienqualität insbesondere in der Inlandsberichterstattung problematisch. Tangiert wird erstens die publizistische Vielfalt in der Pressearena. Zweitens steigen die Anforderungen an die Pressetitel, den dominanten sda-Ursprung als solchen transparent zu machen. Und drittens erhöhen sich auch die Qualitätsanforderungen an die sda selbst, wenn sie die Berichterstattung in der Pressearena derart stark beeinflusst.
  • Sieben charakteristische Agenturübernahmepraktiken: Ergänzend zur quantitativen Analyse der Auswirkungen des sda-Monopols wurde für acht Titel der Typen Gratis-, Boulevard- und Abonnementspresse überprüft, inwieweit bei der Übernahme von Agenturmaterial durch die Medien Qualitätsstandards verletzt werden. Die via Plagiatssoftware ermittelten Agenturtreffer wurden einer Clusteranalyse unterzogen und insgesamt sieben typischen Agenturübernahmepraktiken zugeordnet. Fünf der eruierten Übernahmepraktiken (Clusters) sind aus einer Qualitätsperspektive problematisch, zwei unproblematisch. Der Anteil an qualitätsdefizitären Übernahmepraktiken beträgt in der untersuchten Pressearena gesamthaft hohe 40%.
  • Problematische Agenturübernahmepraktiken: Die «intransparente Copy-Paste-Praxis» (Cluster 1) wurde in insgesamt 5,2% aller Fälle ermittelt. Sie ist durch durchgängige Quellenintransparenz, umfangreiche Textübernahmen sowie durch den Einsatz von Visualisierungstechniken charakterisiert, mit denen der ursprünglichen Agenturmeldung bei minimalem Aufwand der Anstrich einer redaktionellen Eigenleistung gegeben wird. Diese problematische Übernahmepraxis ist mit Abstand am häufigsten bei 20 Minuten (28%) zu beobachten, gefolgt vom Blick (14%) und der Südostschweiz (11%). Die «intransparente Verfremdungspraxis» (Cluster 2) ist ebenfalls durch einen durchgehend intransparenten Quellenumgang gekennzeichnet. Im Gegensatz zu Cluster 1 wird hier aber der Text des ursprünglichen Agenturinputs stark umgeschrieben. Diese problematische Übernahmepraxis wurde wiederum bei 20 Minuten am häufigsten ermittelt (36%) sowie bei der Neuen Luzerner Zeitung (15%). Sie trat insgesamt bei 7,2% aller ermittelten Agenturübernahmen auf. Bei der Praxis der «Boulevardisierung» (Cluster 3) werden sda-Agenturmeldungen aus dem Softnewsbereich in Hardnewsressorts abgedruckt und nur unzuverlässig, d. h. sporadisch, gekennzeichnet. Spezialisiert auf diese problematische Übernahmepraxis, die in insgesamt 8% der Fälle eruiert wurde, ist wiederum 20 Minuten (25%). Aber auch der Tages-Anzeiger ist in diesem Cluster prominent vertreten (15%). Bei der «unzuverlässigen Zeichnungspraxis von Softnews» (Cluster 4) dominiert die Übernahme von Softnewsmeldungen bei teilweisen Verstössen gegen die Norm der Quellentransparenz. Agenturbeiträge werden zu Unrecht unter dem Label der Redaktion geführt oder nicht gekennzeichnet. Diese problematische Praxis ist eine Spezialität der Boulevardzeitung Blick (72%). Aber auch die Berner Zeitung weist hier hohe Anteile auf (21%). Sie wurde bei 11% aller Agenturübernahmen ermittelt. Das charakteristische Merkmal der Übernahmepraxis «Unzuverlässige Spätverwertung» (Cluster 5) ist der zeitverzögerte Abdruck von Agenturinhalten, die nur unzuverlässig, d. h. zu durchschnittlich 60%, als solche gekennzeichnet werden. Die sich ansonsten durch eine vorbildhafte Agenturübernahmepraxis auszeichnende Neue Zürcher Zeitung weist in diesem Cluster den grössten Anteil auf (14%). Gesamthaft wurde dieses Muster bei 7,2% der Übernahmen festgestellt.
  • Unproblematische Agenturübernahmepraktiken: Die Übernahmepraktiken der «transparenten Softnews- und Hardnewsverwertung» (Cluster 6 und 7) sind vom Standpunkt publizistischer Qualität als unproblematisch einzustufen (insgesamt 60% aller Fälle). Korrekt gekennzeichnete Agenturmeldungen aus dem Softnewsbereich werden in Softnewsressorts, Agenturmeldungen aus dem Hardnewsbereich in Hardnewsressorts publiziert. Diese Form der Agenturverwertung ist typisch für die Abonnementszeitungen. Am stärksten greift das unproblematische Muster der transparenten Hardnewsverwertung bei der Neuen Zürcher Zeitung (62%). Einschränkend muss allerdings bemerkt werden, dass auch diese Übernahmepraktiken zu Qualitätseinbussen führen können, nämlich dann, wenn die redaktionellen Eigenleistungsanteile durch solche Agenturübernahmen an den Rand gedrängt werden.
  • Boulevard- und Gratiszeitungen mit grössten Qualitätsdefiziten: Gesamthaft ist die Agenturübernahmepraxis der Gratiszeitung 20 Minuten als äusserst qualitätsdefizitär einzustufen. Problematische Übernahmepraktiken dominieren zu 98%. Agenturbeiträge werden integral verwertet, ohne sie zu kennzeichnen (Cluster 1: 28%), oder sie werden partiell umgeschrieben, um sie als redaktionelle Eigenleistung erscheinen zu lassen (Cluster 2: 36%). Zudem herrscht eine Praxis vor, Agenturmeldungen mit wenig Aufwand «aufzupeppen»; hierzu werden etwa Visualisierungstechniken eingesetzt: Ungezeichnete Agenturmeldungen werden mit Bildern und Grafiken angereichert und als umfangreiche Berichte dargeboten. Auch die Übernahmepraxis der Boulevardzeitung Blick ist stark qualitätsdefizitär. Problematische Verwertungspraktiken dominieren hier sogar zu 100%. Agenturinhalte werden durchgehend nicht als solche gekennzeichnet; zudem ist auch beim Blick eine Praxis verbreitet, Agenturmeldungen (ungekennzeichnet) per «Copy-Paste» zu verwerten.
  • Unterschiede bei den Abonnementszeitungen: Im Gegensatz zu den Gratis- und den Boulevardzeitungen, wo die problematischen Verwertungspraktiken klar dominieren, herrschen bei den Abonnementszeitungen die unproblematischen Übernahmepraktiken vor. Allerdings zeigen sich bei den Abonnementszeitungen auch deutliche Unterschiede: Beim Tages-Anzeiger sind 38% aller ermittelten Agenturübernahmen als problematisch einzustufen. Dies ist im Vergleich aller Abonnementszeitungen der schlechteste Wert. Bei den problematischen Clustern fällt vor allem Übernahmepraxis 3 ins Gewicht (15%), wonach nur partiell gekennzeichnete Agenturmeldungen aus dem Softnewsbereich in Hardnewsressorts abgedruckt werden. Bei der Neuen Luzerner Zeitung (33% problematische Übernahmen) fällt vor allem Cluster 2 negativ ins Gewicht (15%). Diese Verwertungspraxis ist durch vollständige Intransparenz gekennzeichnet sowie dadurch, dass ursprüngliche Agenturmeldungen so weit verfremdet, umgeschrieben oder angereichert werden, dass sie als Eigenleistungen erscheinen sollen. Für die 32% problematische Übernahmen bei der Berner Zeitung ist vor allem Übernahmepraxis 4 verantwortlich. Es werden hauptsächlich Agenturmeldungen aus dem Softnewsbereich übernommen, ohne diese konsequent als solche zu kennzeichnen. Bei der Südostschweiz beträgt der Anteil problematischer Übernahmen 31%. Von allen Abonnementszeitungen ist die Südostschweiz bei der problematischen Übernahmepraxis 1 am stärksten vertreten (11%), die dadurch charakterisiert ist, dass Agenturbeiträge per «Copy-Paste» integral übernommen werden, ohne sie zu kennzeichnen. Am wenigsten problematische Übernahmen weisen die Neue Zürcher Zeitung sowie die Basler Zeitung auf (27% bzw. 26% problematische Übernahmen). Wenn bei diesen beiden Titeln problematische Agenturübernahmen auftreten, so beziehen sie sich auf Übernahmepraxis 5: Agenturmeldungen werden zeitverzögert abgedruckt, ohne sie zuverlässig zu kennzeichnen.