1. Grundmethodologie
1.1 Dimensionen der Analyse
1.1.1 Medienarena, -gattungen und -typen
Ausgangspunkt für die Untersuchung bilden die drei grossen sprachregionalen Medienarenen der Schweiz. Da im Jahrbuch die demokratietheoretisch relevante öffentliche Kommunikation analysiert wird, wurden nur sogenannte Informationsmedien (vgl. Kapitel 1.2) berücksichtigt. Durch die gattungsspezifische und -übergreifende Erfassung aller weitverbreiteten Titel der Informationsmedien werden die Bedeutung der einzelnen Medientitel, Medientypen und Mediengattungen (synchron) sowie die Veränderungen über die Zeit hinweg (diachron) ersichtlich.
Um ein vollständiges Bild der Schweizer Medienarena zu erhalten, werden alle für die gesellschaftspolitische Vermittlungsleistung entscheidenden Mediengattungen, also Presse, Radio, Fernsehen und Online, untersucht. Pro Gattung werden verschiedene Medientypen differenziert, die sich aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte unterscheiden: Zum einen sind dies die Typen Abonnement, Boulevard, Gratis und Sonntag/Magazin der Gattung Presse und bei der Gattung Online die mit der Presse verbundenen Newssites Abonnement-, Boulevard-, Gratis-Online sowie die Onlineportale. Zum anderen unterteilen sich die zwei Rundfunkmedien, Radio und Fernsehen, in der Schweiz aufgrund ihrer rechtlichen Regelung grundlegend in öffentlich-sprachregionale und private, meist lokal-regionale Veranstalter.
Um den Vergleich über die Gattungen hinweg zu ermöglichen, stehen für Analysen beim Radio und Fernsehen in diesem Jahrbuch nicht die gattungsspezifischen Strukturen des Gesamtprogramms eines Rundfunkveranstalters (Information und Unterhaltung) im Mittelpunkt, sondern die Informationssendungen, in denen die für die öffentliche Kommunikation relevante Berichterstattung stattfindet.
1.1.2 Die Gattung Presse und ihre Medientypen
Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Verbreitung und ihrer formalen Struktur lassen sich die Medientitel der Presse entsprechend der vier Medientypen Abonnements-, Boulevard-, Gratiszeitungen sowie Sonntagszeitungen und Magazin gliedern (vgl. fög 2010, Anhang 1: Methodik). Die derart gebildeten Pressetypen haben sich bei der empirischen Untersuchung im Rahmen des ersten Jahrbuchs 2010 grösstenteils bewährt und bestätigt. Sie weisen hinsichtlich des Informationsangebotes und der Berichterstattung typische Charakteristiken auf. Dies gilt nicht für den Typ der Sonntagszeitungen. Der Sonntagsboulevard gleicht im Informationsangebot wie in der Berichterstattung nicht den anderen Sonntagszeitungen, die meist Schwesterblätter der Abonnementszeitungen darstellen, sondern der tagesaktuell erscheinenden Boulevardpresse, wie die Untersuchungen im Rahmen des ersten Jahrbuchs gezeigt haben. Für das hier vorliegende zweite Jahrbuch 2011 wurde deshalb die Typenbildung leicht verändert. Die Titel des Sonntagsboulevards SonntagsBlick und Le Matin Dimanche werden nicht mehr wie im ersten Jahrbuch 2010 dem Typ der Sonntagspresse zugeteilt, sondern neu dem Typ der Boulevardpresse (vgl. dazu Kapitel 1.4.3, Kasten «Änderungen der Methodik im Vergleich zum Jahrbuch 2010»).
Der Typ der Abonnementszeitung umfasst nach wie vor die überwiegend im Abonnement bezogenen Pressetitel, die sowohl einen regionalen als auch einen überregionalen Charakter aufweisen können. Bei den regionalen Abonnementszeitungen ist die Regionalberichterstattung sehr umfänglich, bei den überregionalen Abonnementszeitungen dagegen die Auslands-, Inlands-, Kultur- und Wirtschaftsberichterstattung. Der Typ Boulevardzeitung vereint im Jahrbuch 2011 neu alle Boulevardtitel, die werktags oder sonntags erscheinen. Der Typ Gratiszeitung umfasst weiterhin die werktäglich erscheinenden und kostenlos verteilten Titel. Zum Medienkonsumenten gelangen sie meist durch Strassenverbreitung vor allem an Orten des öffentlichen Verkehrs («Pendlerzeitungen»). Der Typ Sonntagszeitung und Magazin vereint im Jahrbuch 2011 neu nurmehr all jene Sonntagszeitungen, die keinen boulevardesken Charakter haben, sowie die wöchentlich erscheinenden Magazine. Nicht mehr dazu zählt der Sonntagsboulevard.
Der Rundfunk in der Schweiz ist reguliert. Diese Regulierung zielt auf eine Grundversorgung aller Sprachregionen und auf eine Leistungserbringung in Form eines Service public. Entsprechend dieser medienpolitischen Steuerung des Rundfunks existieren zwei Medientypen. Der eine Typ umfasst die Informationssendungen des öffentlichen Rundfunks. Als Informationsmedien des weitgehend gebührenfinanzierten Kontrolleurs SRG SSR unterliegen sie einem Leistungsauftrag. Der andere Typ beinhaltet die Informationssendungen des privaten Rundfunks, der teilweise Gebührenzuschüsse erhält und dann auch allgemeinen Leistungsvorgaben unterstellt ist.
Die Gattungen Radio und Fernsehen verfügen im Rahmen ihrer Vollprogramme über Informations- sowie über Unterhaltungsangebote. Für die demokratietheoretisch relevante öffentliche Kommunikation interessieren davon nur bestimmte Informationsformate. Als relevante Informationsformate gelten Sendungstitel, die der klassischen Form der Informationsvermittlung und Meinungsbildung entsprechen: die Formate Nachrichten, Magazin und Forum (vgl. dazu Kapitel 1.3.2, Kasten «Informationsformate und ihre inhaltliche Klassifizierung»). Das derart bestimmte Informationsangebot schliesst insbesondere fiktionale wie nicht-fiktionale Unterhaltungsformate aus.
1.1.4 Die Gattung Online und ihre Medientypen
Das an Bedeutung gewinnende Internet bringt sehr unterschiedliche Angebote hervor, von denen in diesem Jahrbuch nur die Websites mit aktueller Information in Betracht gezogen werden. Auch in der Gattung Online interessieren nur jene Informationsangebote, die wesentlich sind für die demokratietheoretisch relevante öffentliche Kommunikation. Solche Angebote charakterisieren sich durch einen massenmedialen Kommunikationsmodus und einen öffentlichen Kommunikationshabitus. Sie sind am allgemeinen Interesse und an einer rational, nicht subjektivistisch geführten Kommunikation orientiert. Erfasst werden daher lediglich Websites, die universelle, allgemeine und aktuelle Informationen vermitteln. Solche Websites sind Onlineangebote von klassischen Produzenten öffentlichkeitsrelevanter Medien der Gattungen Presse, Radio, Fernsehen; daneben sind auch Onlineangebote von «branchenfremden» Unternehmen zu berücksichtigen. Websites mit universeller, allgemeiner und aktueller Information werden weitergehend unterschieden in Newssites und Onlineportale.
Der Begriff der Newssites (lange Version: «News Websites») wird hier für Onlineangebote verwendet, die folgende Kriterien aufweisen: Newssites vermitteln aktuelle Nachrichten, die mehrmals täglich aktualisiert werden. Sie bieten nicht nur vorgefertigte Agenturberichte, sondern auch redaktionell aufbereitete bzw. selbst produzierte Information. Ihr Angebot umfasst insbesondere Informationen aus dem gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Bereich. Die Onlineangebote, die diesen Kriterien genügen, entstammen alle dem Pressebereich. Die relevanten Onlinetypen lassen sich daher in Analogie zu den Pressetypen unterteilen: Abonnement-Online, Boulevard-Online und Gratis-Online. Die Websites der Sonntagszeitungen und des Magazins haben kein aktuelles Newsangebot und scheiden deshalb aus.
Von diesen drei Medientypen unterscheidet sich ein vierter Typ, der des Onlineportals. Onlineportale sind entweder dadurch gekennzeichnet, dass sie praktisch ausschliesslich vorgefertigte Inhalte ihrer «Muttermedien» übernehmen (vor allem Bild- und Tonmaterial) und/oder dass sie auf die Bereitstellung gemischter Dienstleistungen ausgerichtet sind (Agenturticker, multimediale Unterhaltungsformate, Services wie E-Mail u. a.). Solche Onlineportale stammen von Rundfunkmedien (insbesondere von öffentlichen Veranstaltern wie SF.tvoderRSI.ch), die hauptsächlich Material des jeweiligen Radio- und Fernsehprogramms anbieten, und von branchenfremden Anbietern wie GMX.ch oder Bluewin.ch, bei denen E-Mail-Dienste im Vordergrund stehen. Sie sind Konkurrenten der Newssites auf dem digitalen Informationsmarkt, werden aber aufgrund ihrer spezifischen Eigenheiten hier keiner Qualitätsvalidierung unterzogen.
1.1.5 Medientitel und ihre Medienunternehmen
Medientitel, wie sie im vorliegenden Jahrbuch als Analyseeinheit verwendet werden, sind Titel bzw. Sendungen, die einen eigenständigen Zeitungskopf oder eine eigenständige Onlinesite aufweisen bzw. ein eigenständiges Informationsgefäss des Rundfunks darstellen. Um die organisatorische Einbindung und die Besitzverhältnisse der einzelnen Medientitel zu klären, wurden Daten recherchiert, die es erlauben, medienökonomische Klassifikationen vorzunehmen. Erfasst wurde zunächst die sogenannte Betreibergesellschaft, d. h. diejenige Organisation, die in technisch-organisatorischer Hinsicht den Medientitel tatsächlich produziert. Darüber hinaus wurde der sogenannte Kontrolleur ermittelt, d. h. der Akteur, dem die Betreibergesellschaft gehört bzw. der als (Mehrheits-)Eigentümer die Kontrolle ausübt (vgl. Heinrich 2001, S. 125). Von Interesse sind ferner die Finanzierungsgrundlagen in Form von Werbeerlösen der Medienunternehmen wie auch der einzelnen Medientitel und schliesslich die Veränderungen von Redaktionsstrukturen sowie der redaktionelle Stellenabbau bzw. -ausbau.
Datenverwendung und -recherchen
Um eine Klassifikation der Medientitel hinsichtlich Betreibergesellschaft und Kontrolleur vornehmen zu können, wurden neben den Datenprovidern WEMF AG, Mediapulse und NET-Metrix, von denen auch die Auflagen und Nutzungsdaten bezogen wurden, folgende Primärquellen herangezogen:
- die Medientitel selbst, hier vor allem die Websites der jeweiligen Medientitel und Medienunternehmen (Impressum, Selbstbeschreibungen, Angebote zum Werbeverkauf durch die Medientitel);
- Zeitschriften, die sich mit der Medienbranche und den Entwicklungen auf dem Medienmarkt beschäftigen; hier vor allem das Media Trend Journal und die Werbewoche oder Edito;
- Angaben des Bundesamts für Kommunikation (BAKOM) und des Bundesamts für Statistik (BfS);
- wirtschaftliche Register wie kantonale Handelsregister;
- Geschäftsberichte und Medienmitteilungen der Medienunternehmen;
- Angaben und Daten von Verbänden der Medienbranche (z. B. Schweizer Medien);
- Werbestatistiken der Stiftung Werbestatistik Schweiz (Nettowerbeerlöse) und des Marktforschungsunternehmens Media Focus (Bruttowerbeerlöse).
Für die Untersuchung der werblichen Finanzierungsquellen der Medienunternehmen und der einzelnen Medientitel wurden sowohl Erhebungen der Bruttowerbeerlöse als auch der Nettowerbeerlöse verwendet. Zum einen wurden die Nettowerbeerlöse aus den publizierten Daten der Stiftung Werbestatistik Schweiz genutzt und in ihrer Entwicklung zusammengefasst. Zum anderen wurden für die Gattungen Presse und TV zusätzlich zu den Nettowerbeerlösen die Bruttowerbeerlöse mit Hilfe der Datenerfassungen von Media Focus analysiert. Media Focus identifiziert die Werbevolumen der Presse und die Werbeschaltungen im Fernsehen mittels Sichterfassung und hält fest, welchen Bruttowert sie jeweils gemäss dem Tarifsystem des Mediums haben (bezogen auf Volumen und Preis). Für die Gattung Presse gilt: Vom Jahr 2001 bis zum Jahr 2004 wurden diese Daten für jeden Medientitel einzeln erhoben. Seit dem Jahr 2005 wird zur genaueren Erfassung nicht nur die Werbung pro Einzeltitel festgehalten, sondern auch die in mehreren Titeln vorkommenden gleichen Inserate. Diese in mehreren Titeln parallel geschalteten Inserate werden zum Tarif der Werbekombinationen verrechnet und entsprechend als Werbevolumen des Verbundes ausgewiesen. Um das Werbevolumen eines einzelnen Titels auch für die Jahre ab 2005 berechnen zu können, wurde auf der Basis der Daten von Media Focus der Anteil eines Titels am Werbevolumen des Verbundes berechnet. Dazu wurde für jedes Jahr und für jeden Titel des Verbundes der durchschnittliche Preis einer Werbeseite aus der Einzelwerbung berechnet. Die proportionalen Preisunterschiede zwischen den Titeln bei der Einzelwerbung wurden auf den Gesamterlös des Werbeverbundes angewendet und so der Erlösanteil pro Titel berechnet. Schliesslich wurden für jeden Titel die jeweiligen Erlöse der Einzelwerbung sowie der Erlösanteil des Titels an den Werbeerlösen des Verbundes als Gesamterlös erfasst. Für das Fernsehen wurden die Bruttowerbeerlöse der Programmveranstalter, wie sie von Media Focus ermittelt werden, verwendet und ausgewertet.
Was die Veränderung der Redaktionsstrukturen und den redaktionellen Stellenabbau bzw. -ausbau betrifft, so erwiesen sich neben der Literaturrecherche vor allem die Websites von persoenlich.com und comedia.ch bzw. syndicom.ch als wertvoll. Bei persoenlich.com wurde überwiegend der Blog ausgewertet, in dem Medienschaffende über ihre Arbeit und die Veränderungen in ihren Redaktionen oder Medienhäusern berichten. Syndicom.ch ist die Website der Mediengewerkschaft Syndicom, die ebenfalls über organisatorische und redaktionelle Veränderungen im Medienbereich berichtet. Darüber hinaus wurden hinsichtlich dieser Forschungsfrage auch die Zeitschriften Edito und Media Trend Journal ausgewertet.
Wo immer möglich, wurden die Ergebnisse der Quellenanalyse mit vorhandenem Sekundärmaterial (wissenschaftliche Studien, Handbücher) abgeglichen. Zudem wurden die Ergebnisse untereinander verglichen, um so eine möglichst gute Evaluation und kritische Einschätzung der jeweiligen Quellen zu gewährleisten.
1.2 Evaluation der publizistischen Versorgung
Ein genaues Bild der publizistischen Versorgung und damit der Medienlandschaft der Schweiz ergibt sich aus der Evaluation der Medienstrukturen anhand von Medientiteln der Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online. Die Datengrundlage bilden hier Sekundärdaten der einschlägigen Forschung zur Nutzung und Verbreitung von Medientiteln. Darüber hinaus sind auch selbst erhobene Daten zu den Kontrolleuren und Produzenten der relevanten Medientitel sowie allgemeine medienökonomische Daten zum Medienmarkt in die Untersuchung eingegangen (vgl. dazu die beiden Kästen in Kapitel 1.1.5: «Datenverwendung und -recherchen» sowie in Kapitel 1.2.1: «Datenquellen: Auflagen und Nutzungszahlen»).
1.2.1 Erfassungskriterien für die Evaluation der publizistischen Versorgung
Bei der Evaluation der publizistischen Versorgung geht es darum, anhand eines repräsentativen Mediensamples die publizistische (Grund-)Versorgung der Bevölkerung in den sprachregionalen Medienarenen zu ermitteln. Das Grundsample besteht aus allen Medientiteln der Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online, die die folgenden Erfassungskriterien erfüllen:
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Periodizität: Der Medientitel muss regelmässig und in bestimmten, enggefassten Zeitintervallen erscheinen, um das aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehen zu beleuchten. Als Mindestmass hinsichtlich der Erscheinungshäufigkeit wird eine Woche festgelegt. Bei Onlinemedien muss täglich mindestens ein Update stattfinden. Dabei werden nur solche Medientitel berücksichtigt, die in den jeweiligen Untersuchungsjahren mindestens sechs Monate lang erschienen bzw. gesendet worden sind.
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Verbreitung: Der Medientitel muss in (Teilen) der Sprachregion öffentlich verbreitet und allgemein zugänglich sein, d. h., die tatsächliche Verbreitung bzw. der Vertrieb (Presse) und die Ausstrahlung des Titels müssen gewährleistet sein (terrestrisch/Kabel/digital).
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Abdeckungsquote: Der Medientitel muss ein Mindestmass an Publizität bzw. Publikumsbindung aufweisen. Um in das Grundsample des Jahrbuchs aufgenommen zu werden, muss der Medientitel mindestens 0,5% des sogenannten Universums (Wohnbevölkerung ab 15 Jahren) der jeweiligen Sprachregion potenziell erreichen. In der Mediengattung Presse wird hierbei die Auflage des jeweiligen Medientitels berücksichtigt, bei Fernsehen, Radio und Online die Zahl der Nutzer.
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Universalität: Untersucht werden nur solche Medientitel, die heterogene (Welt-)Nachrichten mit gesellschaftspolitischem Fokus zum Inhalt haben, d. h., eine inhaltliche Ausrichtung auf die Vermittlung von neusten Nachrichten und Politik aufweisen. Damit scheiden Unterhaltungsmedien aus.
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Aktualität: Die Medientitel müssen sich zeitnah mit dem aktuellen Geschehen beschäftigen. Des Weiteren muss das aktuelle Zeitgeschehen redaktionell bearbeitet werden. Medien ohne jede redaktionelle Eigenleistung, wie z. B. reine Linksammlungen im Onlinebereich, werden diesem Kriterium nicht gerecht.
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Relevanz: Inhaltlich müssen die aufgenommenen Titel auf General Interest ausgerichtet sein. Medien, die sich mit Themen des Special Interest (Auto, Mode usw.) beschäftigen, werden ausgeschlossen. Auch Firmenzeitschriften scheiden aus.
Datenquellen: Auflagen- und Nutzungszahlen
Für die Untersuchung der publizistischen Versorgung sind die Sekundärdaten zur Verbreitung und Nutzung der Medientitel entscheidend. Für die Auflagenzahlen der Pressetitel bzw. die Nutzungszahlen der Medientitel anderer Gattungen sind drei Quellen von zentraler Bedeutung: Für den Pressebereich ist dies die WEMF AG, für den Radio- und Fernsehbereich Mediapulse (Radio- und Fernsehpanel) und für den Onlinebereich NET-Metrix. Im Folgenden werden die verwendeten Daten und Erhebungsmethoden kurz vorgestellt.
Für die Auflagenzahlen der einzelnen Titel der Mediengattung Presse insgesamt wurden Daten der WEMF AG verwendet. Die Erfassung der Auflagenzahlen basiert auf einer beglaubigten Selbstdeklaration, d. h., nach der Meldung durch die Verlage werden die gemeldeten Auflagezahlen von der WEMF überprüft. So muss das Medienhaus, das den Pressetitel verlegt, Abonnenten- und Personallisten sowie Listen bezüglich der Gratisverteilung, Speditionslisten bzw. -abrechnungen oder Abrechnungen mit Zeitungsvertriebsfirmen und Buchhandlungen vorlegen.
Die Mediapulse AG ermittelt die Nutzung von Fernsehsendungen im Rahmen der sogenannten Radio- und TV-Panel mit dem elektronischen Messsystem Telecontrol, das – in repräsentativ ausgewählten Panelhaushalten – an den Fernsehapparaten angeschlossen wird. Die jeweils eingeschalteten Fernsehprogramme werden in einem Intervall von 30 Sekunden in Verbindung mit der Uhrzeit automatisch registriert. Mit diesem Messsystem kann Beginn und Ende der individuellen Fernsehnutzung ermittelt werden. Diese Einzeldaten werden dann in einem zentralen Computer zusammengeführt und zu Durchschnittsdaten über das Einschalt- und Sehverhalten bezüglich aller in der jeweiligen Region empfangbaren Fernsehsender verarbeitet.
Das Erhebungsverfahren ist im Radiobereich prinzipiell ähnlich. Das dortige Radiokontrollsystem besteht aus einer Armbanduhr (Mediawatch) mit eingebautem Mikrofon, das die Radioprogramme, die die Person hört, aufnimmt. Während der Tragewoche erfasst die Uhr dreimal pro Minute vier Sekunden lang die Umgebungsgeräusche, die dann gespeichert werden. In derselben Zeit werden an 18 Standorten in der Schweiz rund 135 Radioprogramme aufgenommen. Damit wird der für die Schweiz relevante Radiomarkt fast vollständig abgedeckt. Diese Radioprogramme werden nach demselben Verfahren gespeichert wie bei Telecontrol und in die Studiozentrale des Marktforschungsinstitutes GfK Switzerland weitergeleitet. Kommt eine Uhr nach einer Woche Tragezeit von einer Testperson zurück, vergleicht der Computer die Daten aus der Uhr mit denjenigen der Studiozentrale. So kann die Radionutzung hochgerechnet werden.
Im Onlinebereich werden durch NET-Metrix rein technische Abfragedaten mit soziodemografischen und Befragungsdaten kombiniert. In einem ersten Schritt werden über angeschlossene Computer (sogenannte Unique Clients) Site Visits gezählt und gespeichert. Da diese Messung noch Ungenauigkeiten aufweisen kann, wird sie durch eine «Onsitebefragung» ergänzt. Hier geben die Nutzer unter anderem an, wie oft sie das Internet nutzen und welche Websites besucht werden. Diese stichprobenartige Messung kann allerdings noch Verzerrungen aufweisen (z. B. hinsichtlich demografischer Repräsentativität). Um diese Verzerrungen auszugleichen, wird auf einer dritten Messebene eine Ausgleichsgruppe telefonisch oder online befragt. Aus diesen drei Messungen wird dann die Nutzung der Onlinemedien ermittelt.
1.2.2 Abdeckungsquote, kumulierte Abdeckungsquote und Konzentration
Das Grundsample der publizistischen Versorgung wird durch die Erfassung aller Medientitel mit einer potenziellen Abdeckungsquote von mindestens 0,5% der Bevölkerung einer bestimmten (Sprach-)Region eruiert, sofern diese Medientitel auch den weiteren Erfassungkriterien (vgl. Kapitel 1.2.1, Punkte 1–6) genügen. Die exakte Abdeckungsquote eines Medientitels ergibt sich aus dem Verhältnis seiner Auflagen- bzw. Nutzungszahl zur (sprach-)regionalen Bevölkerung ab 15 Jahren. Diese relationale Masszahl der Abdeckungsquote pro Medientitel wird für verschiedene Vergleiche kumuliert. Beispielsweise wird die kumulierte Abdeckungsquote aller erfassten Pressetitel über die Untersuchungsjahre hinweg verglichen, um den Rückgang bzw. den Zuwachs der potenziellen Bevölkerungserschliessung durch die bedeutenden Pressetitel darzustellen.
Das Grundsample der Medientitel, die eine Region publizistisch versorgen, bildet den Ausgangspunkt für die Festlegung des Marktes und die Messung der Konzentration dieses Marktes. Der Markt ist hier nicht wie üblicherweise ein Gesamtmarkt aller Produkte, sondern ein Markt speziell der bedeutenden Medientitel. Die Währung, in der die Marktanteile berechnet werden, sind die Auflagen- bzw. Nutzungszahlen. Das Total dieses Marktes bildet die Kumulation aller Auflagen- bzw. Nutzungszahlen (=100%). Die kumulierten Auflagen- bzw. Nutzungszahlen pro Kontrolleur gemessen am Total des Marktes bestimmen seine Marktstellung. Auf diese Weise kann der Konzentrationsgrad einer Region bzw. eines Marktes berechnet werden.
Eine monopolistische Stellung hat bei dieser Messung ein Kontrolleur, der über 50% Marktanteil an den bedeutenden Medientiteln besitzt, wenn gleichzeitig keiner der konkurrierenden Kontrolleure einen Marktanteil von über 10% erreicht. Bei einer oligopolen Stellung erreichen die Oligopolisten gemeinsam einen Anteil von mindestens 50% am Markt der bedeutenden Medientitel, während die restlichen Kontrolleure wiederum einen Marktanteil von 10% pro Kontrolleur nicht überschreiten. Entscheidend für die Beurteilung der Marktposition eines Kontrolleurs sind also die proportionalen Unterschiede: Monopolisten haben gegenüber den kleinen Konkurrenten mindestens einen fünffachen Anteil und Oligopolisten mindestens einen zweieinhalbfachen Anteil am Markt.
1.2.3 Grundsample der publizistischen Versorgung und Titelauswahl für die Qualitätsvalidierung
Das Grundsample, das die publizistische Versorgung in den drei grossen Sprachregionen aufzeigt, umfasst für das vorliegende Jahrbuch 142 Medientitel (vgl. Kasten «Grundsample gemäss Erfassungskriterien nach Me-diengattung, -typen und Sprachregion»). Ihre Verteilung hinsichtlich Sprachregionen, Mediengattungen und Medientypen bildet den Ausgangspunkt, um ein Sample von Medientiteln auszuwählen, die dann einer Qualitätsvalidierung unterzogen werden.
Aus dem Grundsample der publizistischen Versorgung werden für die Qualitätsvalidierung aus forschungsökonomischen Gründen einzelne Medientitel als Repräsentanten der jeweiligen Medientypen ausgewählt. So wird z. B. im Rundfunkbereich mindestens ein öffentliches und ein privates Informationsformat pro Sprachregion berücksichtigt. Die Anzahl der auszuwählenden Medientitel orientiert sich an der zahlenmässigen Verteilung der Medientitel pro Medientyp und Sprachregion, wie sie in der Evaluation der publizistischen Versorgung anhand des Grundsamples erfasst wurde. Die Titelzahl pro Medientyp wird so in allen Sprachregionen proportional reduziert. Berücksichtigt werden jeweils die am weitest verbreiteten Pressetitel vom Typ Abonnements-, Boulevard- und Gratiszeitung sowie Sonntagszeitung und Magazin, die Hauptinformationssendungen des öffentlichen sowie des privaten Radios bzw. Fernsehens und die am häufigsten genutzten Newssites vom Typ Abonnement-, Boulevard- und Gratis-Online (vgl. Kasten «Auswahlsample für die Qualitätsvalidierung nach Mediengattung, -typen und Sprachregion» sowie Kasten «Medientitel für die Qualitätsvalidierung» in Kapitel 1.4.3).
Auf der Basis der Strukturvalidierung und der Erfassung der publizistischen Versorgung der Sprachregionen werden die bedeutendsten Medientitel der Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online gemäss der oben erläuterten Kriterien ausgewählt und einer inhaltlichen Qualitätsvalidierung unterzogen. Auf der ersten Ebene wird das Informationsangebot validiert. Bei der Qualitätsvalidierung der Gattungen Presse und Online werden die ausgewählten Medientitel hinsichtlich ihres Informationsangebotes als Gesamtprodukt analysiert. Bei den Gattungen Radio und Fernsehen wird als analyserelevantes Produkt die Einbettung des ausgewählten Medientitels in die Gesamtheit aller Informationssendungen des veranstaltenden Senders untersucht. Das Vorgehen bei den einzelnen Gattungen wird im Folgenden jeweils detailliert dargestellt.
Die Informationsangebotsanalyse der Gattungen Presse und Online besteht aus einer Ressortanalyse des Medientitels sowie aus einer Analyse der Beiträge in den Standardressorts bzw. den für die öffentliche Kommunikation relevanten Ressorts (Politik, Wirtschaft, News; vgl. dazu Subkapitel «Ressortanalyse»).
Ressortanalyse
Zuerst wird eine Ressortanalyse vorgenommen, um den Umfang der Standardressorts in Abgrenzung von den Spezialseiten bzw. Beilagen zu erheben.
Ressort
Ressorts sind Berichterstattungsbereiche, die die Redaktion im Hinblick auf die Produktion strukturieren und hinsichtlich des Produkts den Pressetitel gliedern. Die Presse als älteste der hier untersuchten Mediengattungen formte in ihrer historischen Entwicklung eine Struktur aus, die mit der Einteilung in wichtige Ressorts – vor allem die Kernressorts Politik, Wirtschaft und Kultur – die öffentliche Kommunikation gliedert. Weil zum einen die Strukturierung der Redaktion durch einzelne Ressorts mit speziellen Wissens- und Erfahrungsbeständen seitens der Journalisten nicht mehr vorausgesetzt werden kann und zum anderen die jeweiligen Redaktionsstrukturen Unterschiede aufweisen, werden alle Beiträge gemäss einer festgelegten Ressortgliederung zugeordnet. Diese sogenannten Standardressorts sind dabei Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Human Interest und News.
Die klassischen Ressorts der Politik (Ausland, Inland und Region), des Handelsteils bzw. der Wirtschaft und des Feuilletons bzw. der Kultur sind auf die Beobachtung von gesellschaftlich relevanten Sphären und ihrer Institutionen, Organisationen und Rollen spezialisiert. Neben diesen klassischen Ressorts wurde auch das Ressort Sport zu einem festen Bestandteil der Presseberichterstattung. Darüber hinaus erweiterte sich das «Vermischte» (Seiten mit vermischten Meldungen) im Zuge des Strukturwandels der Öffentlichkeit immer mehr zu einer umfangreichen Rubrik für Subjektives, Lebensweltliches, Privates und Intimes. Dieses Stoffgebiet verdichtete sich zunehmend zum Ressort des Human Interest. Schliesslich ist vermehrt eine Entdifferenzierung, also eine Zusammenführung von Stoffgebieten zu beobachten. Meist auf Kosten der in den klassischen Ressorts Politik, Wirtschaft und Kultur differenzierten Berichterstattung überformen «neuste Nachrichten» die Gliederung der Presseprodukte. Dieses gemischte Nachrichtenressort wird hier als «News» bezeichnet und meint ein Gefäss, das sich am Neuigkeitswert von Nachrichten orientiert. Charakteristisch für das Newsressort ist dessen Ausrichtung am Neusten bzw. an Newstickern. Es lässt sich daher nicht inhaltlich entlang von Berichterstattungsobjekten aus spezifischen Gesellschaftssphären gliedern, sondern gruppiert sich (nach angelsächsischem Modell) in die beiden Teilbereiche «News: Titelseite/Aktuelles» für neusten Nachrichten sowie «News: Analyse/Meinung» für hintergrund- und meinungsbetonte Berichterstattung.
In unterschiedlicher Gewichtung sind die Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Human Interest und News feste Elemente der Presseberichterstattung. Als Standardressorts umfassen sie jeweils vergleichbare Berichterstattungsteile der Pressetitel, die anhand von Seitenüberschriften und/oder Bundstrukturen ermittelt werden können. Zudem lassen sich die Standardressorts von Spezialseiten bzw. Beilagen abgrenzen, die eine thematische Zentrierung (Auto, Mode usw.) aufweisen und nicht in jeder Ausgabe erscheinen. Derartige Spezialseiten werden hier nicht in die Analyse einbezogen, der Anteil an solchen Beilagen wird aber für jeden Pressetitel ausgewiesen (vgl. Anhang 2: Medienstatistiken).
Ressorts zeigen sich einerseits in der Struktur von Presse- und Onlinemedien in Form von Zeitungsbünden, Seitenüberschriften und Reitern. Die Erfassung der Ressorts richtet sich hier nach den Seitenüberschriften (Presse) bzw. Subrubriken (Online) der Medientitel, die entsprechend übernommen werden. Andererseits sind Ressorts Produktionseinheiten der Redaktionen und oft verbunden mit differenzierten Berufsrollen bzw. einer journalistischen Expertenkultur. Im jüngsten Wandel der Redaktionsstrukturen zeigt sich allerdings eine Tendenz zur vermehrten Auflösung der Ressorts. Insbesondere auch durch die Einführung von Newsrooms tritt die Orientierung an Stoffgebieten in den Hintergrund; wichtiges Produktionskriterium wird die Erstellung von Inhalten, die über mehrere Kanäle verbreitet werden können.
Beitragsanalyse der Standardressorts
Die Standardressorts werden einer vertiefenden Beitragsanalyse unterzogen, die mit dem Qualitätsindikator Professionalität neben dem Berichterstattungsstil, die Quellentransparenz und die Anteile redaktioneller Eigenleistung sowie – nur für die Presse – die journalistischen Darstellungsformen und Kompetenzen untersucht. So lässt sich aufzeigen, ob die Professionalitätsnormen Transparenz und journalistische Kompetenz Geltungskraft haben und in welchen Standardressorts journalistische Ressourcen eingesetzt werden.
Quellentransparenz und Eigenleistung
Die Untersuchungsvariable Quelle/Autor erfasst gemäss der journalistischen Professionalitätskriterien zum einen, ob ein Beitrag über einen Quellennachweis verfügt. Zum anderen ist im Zusammenhang mit dem demokratietheoretischen Gebot der Meinungsvielfalt der Grad an redaktioneller Eigenleistung im Vergleich zur übernommenen Fremdleistung wichtig (Redaktion versus Agentur). Dabei interessiert auch, inwieweit Experten bzw. Gastautoren bei den jeweiligen Medien eine Plattform für die öffentliche Meinungsäusserung finden (Forumsfunktion).
Zur Redaktion werden alle Mitarbeitenden gerechnet, die zum festen redaktionellen Stab gehören oder als freie Mitarbeitende engagiert sind. Dazu gehören auch Korrespondenten, die ausserhalb der Redaktion bzw. im In- und Ausland «vor Ort» tätig sind. Ebenfalls zu den Leistungsträgern der Redaktion zählen Experten/Gastautoren, die im Auftrag von oder zuhanden der Redaktion Beiträge verfassen. Zur «Agentur» zählen Meldungen, die von Nachrichten- oder Presseagenturen vorgefertigt sind und von Medien vollständig oder überwiegend übernommen werden. «Keine Zeichnung» steht für Beiträge ohne Angabe der Quelle bzw. des Autors.
Darstellungsformen, Kompetenz und Ressourcen
Die Untersuchungsvariable Darstellungsformen erfasst die Form der inhaltlichen Aufbereitung von Beiträgen als Merkmal der Professionalität. Grundsätzlich lassen sich die journalistischen Darstellungsformen auf einer kontinuierlichen Skala zwischen einem tatsachenbetonen Pol und einem meinungsbetonten Pol einordnen. Bei tatsachenbetonten Darstellungsformen handelt es sich um deskriptive, informierende und daher tatsachenbetonende Formen. Bei den meinungsbetonten Darstellungsformen stehen einordnende, interpretierende und daher meinungsbetonende Aspekte im Vordergrund. Die verschiedenen Darstellungsformen lassen sich nach dem steigenden Grad der Meinungsbetonung wie folgt gewichten: Meldung 3 Bericht 3 Reportage/Porträt 3 Interview 3 Rezension 3 Kommentar.
Eine Meldung oder Kurznachricht ist eine Sonderform des klassischen Berichts, die sich insbesondere durch eine vom Umfang her knappe Darstellung auszeichnet. Der Bericht ist eine tatsachenbetonte Form, die möglichst objektiv über das aktuelle Geschehen von allgemeinem Interesse informiert. Sie gibt Antwort auf die journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher? Die Reportage und das Porträt haben hingegen einen stärker subjektiven Charakter. Die Reportage beschreibt Ereignisse, Erlebnisse und Beobachtungen, ist also eine erlebnisorientierte Darstellungsform. Sie vermittelt neben Fakten Stimmungen und Hintergründe aus der persönlichen Perspektive des Journalisten. Im Porträt wiederum stehen Akteure (Personen, Gruppen, Organisationen, Institutionen) im Vordergrund. Ein Interview liegt dann vor, wenn sich das Zwiegespräch als solches erkennen lässt. Die strenge (gebundene) Form des Interviews gibt ein Gespräch im (bearbeiteten) Originalton bzw. -text wieder, das von einem oder mehreren Journalisten mit dem Interviewpartner in Frage-und-Antwort-Form geführt wurde. Die Rezension ist eine beschreibende und kritische Auseinandersetzung mit einem kulturellen oder wissenschaftlichen Thema, Gegenstand oder Produkt (Bücher, Filme, Kunstwerke, Theateraufführungen, Konzerte, Bild- und Tonträger usw.). Der Kommentar ist – wie auch die eher satirisch bis polemisch sowie kürzer gehaltenen Kolumnen und Glossen – eine meinungsbetonte Form journalistischer Darstellung. Der Kommentar nimmt im Regelfall zu einer aktuellen Nachricht Stellung. Der nur im Pressebereich auftretende Leitartikel ist ebenfalls eine meinungsorientierte Darstellungsform. Beim Leitartikel gibt der Verfasser nicht «nur» seine persönliche Meinung wieder, sondern beansprucht, die redaktionelle Meinungsbildung zu repräsentieren.
Beitragsanalyse der Ressorts Politik, Wirtschaft und News
Die Ressorts Politik, Wirtschaft und News sind für die öffentliche Kommunikation zentral und zeigten sich in der empirischen Erfassung als die bedeutendsten Ressorts. Das für die öffentliche Kommunikation ebenfalls wichtige Ressort Kultur wird von der Beitragsanalyse deshalb ausgeschlossen, weil es in vielen Medientiteln marginal ist oder überhaupt nicht existiert. Alle Beiträge der Ressorts Politik, Wirtschaft und News in einem Medientitel werden anhand einer Zweitages- bzw. Tagesstichprobe (je nach Mediengattung und -typ) genauer untersucht. Dieser Beitragsanalyse der Ressorts Politik, Wirtschaft und News entspricht die Beitragsanalyse der Frontseiten- bzw. Aufmacheranalytik (vgl. dazu Kapitel 1.4.1). Anhand der Qualitätsindikatoren Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität wird die Berichterstattungsqualität in diesen Ressorts sowohl für den gesamten Medientitel als auch für die Frontseiten verglichen.
Stichproben und Beitragssamples
Aufgrund der gattungsspezifischen Veröffentlichungslogiken unterscheiden sich die Stichproben für die Informationsangebotsanalytik der Presse und des Onlinebereichs.
Bei der Presse wurde für die Ressortanalyse und die Beitragsanalyse der Standardressorts eine Wochenstichprobe gezogen (13.–19. September 2010). Dieses Vorgehen beruht auf der Einsicht, dass das Gesamtangebot eines Pressetitels nur dann transparent wird, wenn die unterschiedlichen Gewichtungen der Standardressorts und der Spezialseiten über eine Woche hinweg berücksichtigt werden. Die Beitragsanalyse der Ressorts Politik, Wirtschaft und News basiert auf einer Zweitagesstichprobe für die Tagespresse bzw. auf einer Tagesstichprobe bei sonntäglichem Erscheinen (15. und 16. September 2010 bzw. 19. September 2010).
Die Informationsangebotsanalyse der Gattungen Radio und Fernsehen ermittelt alle Informationsformate des jeweiligen Rundfunkprogramms und klassifiziert diese inhaltlich.
Da sich die Angebotsstruktur der Mediengattungen Radio und Fernsehen grundsätzlich von jener der Presse und des Onlinebereichs unterscheidet, wird im Rahmen der Informationsangebotsanalytik der Gattungen Radio und Fernsehen nicht nur der ausgewählte Medientitel, sondern das gesamte Angebot an Informationsformaten des jeweiligen Rundfunkveranstalters untersucht. Für die Analyse werden aus dem Grundsample der publizistischen Versorgung folgende Rundfunkveranstalter ausgewählt (Radio: DRS1, La 1ère, Rete Uno, Radio 24, Radio Argovia, Lausanne FM und Radio 3iii; Fernsehen: SF1, TSR1, LA1, Tele Züri, Tele M1, Léman Bleu und Tele Ticino). Neben den Informationsformaten Nachrichten, Magazin und Forum mit gesellschaftspolitischem Fokus, wie sie im Rahmen der publizistischen Versorgung eruiert werden, finden dabei alle Informationsformate des Programmveranstalters Berücksichtigung, unabhängig davon, ob sie sich auf Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Human Interest oder News (gemischte Nachrichten) beziehen. Denn das Gesamtinformationsangebot ergibt sich beim Rundfunk nicht wie bei Presse und Online aus dem einzelnen Medientitel und seiner Strukturierung in Ressorts, sondern aus allen Informationsformaten und ihrem Gewicht gemessen am Gesamtprogramm.
Informationsformate und ihre inhaltliche Klassifizierung
Das Informationsangebot im Rundfunk wird aufgrund der zunehmenden Vermischung von Information und Unterhaltung (Infotainment) wie folgt eruiert und inhaltlich klassifiziert.
Als Informationsformate im engeren Sinn werden jene Sendungstitel berücksichtigt, die den klassischen Formaten der Informationsvermittlung und Meinungsbildung angehören. Anhand formaler Kriterien werden so die Informationsformate «Nachrichten», «Magazin» und «Forum» unterschieden und ihr Aufkommen gemessen. Ausserdem werden alle ermittelten Informationsformate des Typs Nachrichten, Magazin und Forum inhaltlich evaluiert und als Sendungen gemäss ihrem Fokus auf die Gesellschaftsbereiche Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder Human Interest bzw. als News (gemischte Inhalte) klassifiziert.
Nachrichten bieten ihren Rezipienten faktengestützte Informationen über Ereignisse, die neu sowie wichtig und/oder interessant sind. Nachrichten informieren über das aktuelle Geschehen von allgemeinem Interesse und sind «objektiv gehaltene» Mitteilungen. Die Nachricht gibt Antwort auf die journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Warum? Wie? Woher/welche Quelle? Klassische Nachrichten im Rundfunk werden von einem Sprecher in «vermeldendem» Sprachstil präsentiert und haben wenige Einspielungen. Manchmal werden O-Töne eingeblendet, die der «akustischen Bebilderung» dienen und an die Stelle von Zitaten treten. Für die Analyse hier werden allerdings Nachrichten ausgeschlossen, die auf Serviceleistungen (Wetter, Verkehr, Presseschau) spezialisiert sind.
Bei Magazinen im Rundfunk muss ein Aufriss des behandelten Problems bzw. die spezialisierte Behandlung eines gesellschaftspolitischen, kulturellen Aspekts gegeben sein. Dieses Problem muss redaktionell aufgearbeitet und mit entsprechenden Meinungen und Wertungen in Beziehung gesetzt werden. Magazine werden regelmässig gesendet (täglich, wöchentlich) und vermitteln Hintergrundinformationen, die über die der aktuellen Nachrichtensendungen hinausgehen. Magazine sind offen in der Gestaltung. Gäste und Interviews sind ebenso möglich wie Filmbeiträge. In der gesellschaftspolitischen Problembehandlung wie in der vertiefenden Wissensvermittlung sind neben Interessenvertretern Experten wesentliche Öffentlichkeitsakteure.
Das Forum ist ein Format der diskursiven Auseinandersetzung etwa in Gestalt von Diskussions- oder Talksendungen. Die Diskussionsanlage und -teilnehmer solcher Foren sind vielfältig. Neben Lagerkontroversen und Sofarunden im Studio werden Foren auch als Sendungen mit Hörer- oder Seherbeteiligung inszeniert. In der Regel weisen sie eine Länge auf, die eine ausgiebige Vertiefung erlaubt (von 20 Minuten bis zu über einer Stunde). Allerdings sind die kürzesten Formen im Radio Zwiegespräche von knapp einer Viertelstunde. Befragungen mit Pro und Kontra sind üblich.
Das Informationsformat der Nachrichten wird weitergehend unterschieden und auch bewertet hinsichtlich des Umfangs: Hauptnews (längste Hauptausgaben), durchschnittlich lange News (010 Min.), Kurznews (<10 Min.) und Regionalnews. Im Vergleich des gemischten Nachrichtenangebotes schaffen höhere Anteile von Hauptnews, News und Regionalnews die Voraussetzung für eine vertiefende thematische Berichterstattung mit einem grösseren Anteil an Hintergrundinformationen, während hohe Anteile an Kurznews eine primär episodische Berichterstattung nach sich ziehen.
Erfassung der Informationsformate
Die Informationsformate und damit das relevante Informationsangebot werden zuerst anhand von Programmrastern ermittelt (Eigendeklaration des Veranstalters und/oder von Programmzeitschriften). Dabei werden insbesondere die fiktionalen und non-fiktionalen Unterhaltungsformate ausgeschieden. Mit Hilfe des erstellten Informationsrasters wird durch audiovisuelle Stichproben eine formale Validierung und inhaltliche Klassifizierung vorgenommen. Das Wiederholungsprogramm insbesondere des Fernsehens findet dabei keine Berücksichtigung. Zum Informationsprogramm gehören alle Ausgaben der als Nachrichten, Magazin oder Forum identifizierten Sendungstitel.
Die gemischten News im Format der Nachrichten sind beim Rundfunk die gängigste Art der Informationsvermittlung. Im Zuge der Diversifizierung der Medieninhalte hat sich das Format Nachrichten in weitere Stoffgebiete ausdifferenziert, so dass auch Sendungen zu Wirtschaft, Kultur oder Sport im Nachrichtenformat ausgestrahlt werden. Das vertiefende Magazinformat sowie das Forum als Format der Diskussion sind im Rundfunk Chamäleons. Beide Formate erlauben es, innerhalb einer Sendung oder über diese hinweg verschiedene Themen zu behandeln (ihr Inhalt wird dann als gemischte News klassifiziert) oder ausschliesslich auf bestimmte Gesellschaftsbereiche zu fokussieren.
1.4 Qualitätsvalidierung der Aufmerksamkeitslandschaften
Um die Qualität der kontinuierlichen Berichterstattung und damit die Untersuchung der Aufmerksamkeitslandschaften der schweizerischen Medienarena – bestehend aus den Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online – zu validieren, wird das ganze Jahr 2010 untersucht. Die Frontseitenanalyse der Presse und der Onlinenewssites bzw. die Aufmacheranalyse bei Radio und Fernsehen untersucht alle Beiträge aus dem Zeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2010, die auf der Frontseite (Newssites: nur oberste im Bildschirmfenster sichtbare Beiträge, die meist auch formal abgetrennt sind, z. B. durch Werbebanner) erschienen sind bzw. als Aufmacherbeiträge der Hauptinformationssendungen identifiziert wurden. Diese Analyse ermöglicht es nicht nur, die verschiedenen Medientypen innerhalb der Gattungen zu vergleichen, sondern auch die Gattungen untereinander. Validiert werden die Inhalte der Beiträge (vgl. Kapitel 1.4.1) sowie die Themenbildung über die einzelnen Beiträge hinweg (vgl. Kapitel 1.4.2).
Die Art der Beitragsanalyse, die bei der Qualitätsvalidierung für die Untersuchung der Inhalte verwendet wurde, ist deckungsgleich mit jener, die im Rahmen der Informationsangebotsanalyse der Presse hinsichtlich der Ressorts Politik, Wirtschaft und News galt (vgl. dazu Kapitel 1.3.1: «Beitragsanalyse der Ressorts Politik, Wirtschaft und News»). Die im Folgenden dargestellten Variablen wurden daher auch für die Beitragsanalyse dieser Ressorts angewendet.
1.4.1 Frontseiten-/Aufmacheranalytik aller Gattungen
Die gattungsübergreifend durchgeführte Qualitätsvalidierung besteht aus einer Inhaltsanalyse aller Frontseiten- und Aufmacherbeiträge. Die Variablen dieser Inhaltsanalyse rekurrieren auf die grundlegenden Qualitätsanforderungen, die an die öffentliche Kommunikation gestellt werden (vgl. Kapitel 1). Diese Ansprüche an Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität der Berichterstattung werden mit Hilfe von fünf Variablen operationalisiert. Die Grundlage für diese Kodierung bildet jeweils die hauptsächliche Fokussierung eines Beitrags, die anhand von Dachzeile, Titel, Untertitel, Lead bzw. Anmoderation ermittelt wird. Wenn diese Elemente keine hinreichend eindeutige Information liefern, wird der gesamte Beitrag für die Kodierung beigezogen. Im Untersuchungszeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2010 wurden insgesamt 51 514 Beiträge erfasst und kodiert.
Vielfalt: Gesellschaftssphäre und geografischer Bezugsraum
Das Kriterium der Vielfalt wird erstens anhand der Variablen «Gesellschaftssphäre» operationalisiert, mit der systematisch kodiert wird, ob ein Beitrag die Gesellschaftssphäre Politik, Wirtschaft, Kultur (inklusive Kunst, Medien, Religion, Wissenschaft), Sport oder Human Interest hauptsächlich thematisiert. Zweitens wird auch der geografische Bezugsraum kodiert, auf den ein Beitrag fokussiert. Dabei reicht das Kontinuum von «CH regional» (lokaler und regionaler Bezugsraum), «CH national», «CH/Ausland» (bi- oder multilaterale Prozesse mit prominenter Beteiligung der Schweiz), «Ausland» (ausländischer Bezugsraum auf nationaler Ebene) bis hin zu «multinational» (Prozesse zwischen einzelnen Staaten bzw. Staatengemeinschaften oder globale Prozesse).
Relevanz: Sozialebene
Die Relevanz eines Beitrags wird mittels der Variablen «Sozialebene» geprüft. Mit dieser Variablen wird erfasst, auf welcher der drei gesellschaftlichen Bezugsebenen – Makro (Gesellschaft, Gesellschaftssphären), Meso (Organisationen, Institutionen) oder Mikro (Personen) – das Geschehen im Beitrag hauptsächlich thematisiert wird. Entscheidend für die Einstufung ist die Frage, ob ein Beitrag in der Handlungsdimension der Akteure auf erstens die gesamte Bevölkerung, auf alle Bürger, Gemeinschafts- bzw. Gesellschaftsmitglieder oder auf das Abstraktum aller in gleicher Weise Handelnder (z. B. «alle Bahnfahrer» usw.), auf Merkmalsträger («Schöne», «Dicke», «Frauen», «Männer» usw.) oder auf Funktionsträger in ihrer Gesamtheit («Manager», «Politiker» usw.) (Makro), fokussiert oder zweitens auf konkrete Organisationen und Akteursgruppen (Meso) oder drittens auf das Handeln von einzelnen Personen (Mikro). Dabei können Personen anonym dargestellt werden (z. B. «drei junge Männer verunfallten gestern auf der A 1»), konkret in ihren Rollen (z. B. «Bundesrätin Doris Leuthard bringt Reform zu Fall») oder in rollenfernen, privaten Kontexten (z. B. «Ma priorité, le bébé»).
Aktualität: Temporalität
Die Qualitätsanforderungen zur Aktualität werden mit der Variablen «Temporalität» operationalisiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass trotz des schnellen Nachrichtenflusses im heutigen Informationsjournalismus eine einordnende Berichterstattung gewährleistet sein muss. Die Variable erfasst daher, ob ein Beitrag Wirkungszusammenhänge aufzeigt und abstrakte Einordnungen vornimmt («thematisch») oder ob er sich punktualistisch an singulären Ereignissen orientiert, ohne diese in längerfristige Prozesse oder übergeordnete Fragestellungen einzuordnen («episodisch») (für diese Unterscheidung vgl. Iyengar 1991).
Professionalität: Berichterstattungsstil
Aus den Qualitätsanforderungen der journalistischen Professionalität leiten sich die Untersuchung des Darstellungsmodus und die zur Kodierung verwendete Variable «Berichterstattungsstil» ab. Mit dieser Variablen wird die zentrale Argumentationsform eines Beitrags erfasst. Hier ist die Frage leitend, ob ein Beitrag primär im kognitiv-normativen Modus verfasst ist, d. h., ob Darstellungen oder Problematisierungen mit Angaben von Begründungen und daraus abgeleiteten Rechtfertigungen dominieren, oder ob ein Beitrag primär im moralisch-emotionalen Modus verfasst ist, d. h., ob er darauf ausgelegt ist, Stimmungslagen wiederzugeben, Äusserungen von Individuen ins Zentrum zu rücken und Emotionen auszulösen.
Diese fünf Variablen werden bei der Qualitätsvalidierung herangezogen, um alle Frontseiten- und Aufmacherbeiträge des Mediensamples systematisch zu kodieren.
Forschungsteams und Interkoderreliabilität
Alle Analysen und Kodierungen wurden von Forschungsteams durchgeführt, an denen insgesamt über 20 Personen beteiligt sind. Die Teams umfassen erfahrene studentische und wissenschaftliche Mitarbeitende mit den notwendigen Sprachkompetenzen, d. h. Personen deutscher, französischer und/oder italienischer Muttersprache. Die aufwendigen Intersubjektivierungsleistungen im Forschungsprozess erfolgten insbesondere für die kontinuierliche Erfassung und Kodierung der Frontseiten- bzw. Aufmacherbeiträge in wöchentlichen Sitzungen. Die Kodebücher wurden laufend mit Konventionen und Erweiterungen zur notwendigen Präzisierung der Definitionen ergänzt und mit Hilfe von Datenkontrollen überprüft.
Um die Reliabilität, das heisst die Zuverlässigkeit der Kodierungen der verschiedenen Kodierer zu überprüfen, wurden regelmässig Interkoderreliabilitätstests durchgeführt. Für das Erhebungsjahr 2010 wurde eine Zufallsauswahl von Medienbeiträgen (aus allen Mediengattungen und über den ganzen Erhebungszeitraum verteilt) von allen Kodierenden kodiert. Um die Übereinstimmung der Kodierungen überprüfen und einschätzen zu können, werden für jede Variable die paarweisen Übereinstimmungen analysiert und anschliessend aggregiert.
Interkoderreliabilität
Um die Übereinstimmungen der Kodierer und Kodierungen zu ermitteln, wird ein in den Sozialwissenschaften vielfach eingesetztes Reliabilitätsmass nach Holsti verwendet, das folgende Formel aufweist:
CR = 2 x Ü / (C1 + C2)
CR = Kodiererreliabilität
Ü = Anzahl der übereinstimmenden Kodierungen
C1 = Anzahl der Kodierungen von Kodierer 1 (z. B. x Kodierungen der Variable Sozialebene bei x Artikeln)
C2 = Anzahl der Kodierungen von Kodierer 2
Weil das Team grösser als zwei Personen ist, wird der Mittelwert aller paarweisen Übereinstimmungen errechnet. Der Koeffizient bzw. das Reliabilitätsmass nach Holsti drückt dann das Verhältnis der mittleren Übereinstimmung aller paarweisen Kodierkombinationen zur durchschnittlichen Gesamtzahl aller Kodierungen (Nennungen) aus: Je höher dieser Wert, desto höher ist die Übereinstimmung der Kodierungen bzw. die Reliabilität der Kodierungen.
Folgende Werte können für die bei der Qualitätsvalidierung verwendeten Variablen ausgewiesen werden: Gesellschaftssphäre 0,82; geografischer Bezugsraum 0,81; Sozialebene 0,70; Temporalität 0,75 und Diskursstil 0,81. Eine fixe Grösse, welcher exakte Wert nun eine sehr hohe oder nur eine genügende Reliabilität anzeigt, existiert nicht. Dies hat mehrere Gründe:
Erstens basieren alle Analysen und Kodierungen auf Interpretationen, die auch bei hoher definitorischer Anleitung und regelmässiger Intersubjektivierung einen gewissen Spielraum haben. Mit anderen Worten: Es ist nicht zu erwarten, dass aufgrund des Verfahrens und der Zahl der Forschungsbeteiligten je ein Wert von 1 und damit eine hundertprozentige Übereinstimmung erreicht wird.
Zweitens ist die Übereinstimmung auch abhängig von der Gestalt und der Komplexität einer Variable. So wäre eine vermeintlich hohe Übereinstimmung von 0,9 tief, wenn die Variable nur zwei Ausprägungen hätte und deren Kodierung sehr leicht wäre (z. B. Beantwortung der Frage, ob im Titel eines Beitrags der Bundesrat thematisiert ist oder nicht). Auf der anderen Seite können auch tiefere Werte als gut eingeschätzt werden, wenn die Variable mehr als zwei Ausprägungen aufweist und deren Beantwortung deutlich schwieriger ist. Vor diesem Hintergrund können die Werte zur Gesellschaftssphäre (8 Ausprägungen) und zum geografischen Bezugsraum (7 Ausprägungen) als sehr gut und die zum Diskursstil (2 Ausprägungen) als gut eingeschätzt werden. Die Werte zur Variablen Sozialebene (6 Ausprägungen) und Temporalität (2 Ausprägungen) sind genügend. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse wurden die kodierten Beiträge nochmals systematisch anhand grosser Stichproben von erfahrenen wissenschaftlichen Mitarbeitenden besonders auf die Vergabe bei den Variablen Temporalität, Sozialebene undDiskursstil überprüft.
1.4.2 Kommunikationsereignisanalytik aller Gattungen
Die Operationalisierung der Variablen auf der Ebene von einzelnen Beiträgen wird durch eine Erfassung und Analyse von Kommunikationsereignissen ergänzt.
Kommunikationsereignisse, Kommunikationsereignisanalytik
Kommunikationsereignisse bestehen aus allen Beiträgen, die in sachlicher, sozialer, zeitlicher und räumlicher Hinsicht das Gleiche thematisieren. In der Zeitdimension werden spezifische Ereignisse oder Vorgänge zu einer laufenden Geschichte zusammengefügt, die sich über kurze (z. B. Filmfestival Locarno 2010 oder Frankophoniegipfel 2010) oder über lange Zeit (z. B. Neuordnung in Afghanistan) erstrecken. In der Sachdimension beziehen sich Kommunikationsereignisse auf spezifische Ereignisse (z. B. Fussball-WM 2010 in Südafrika), Vorgänge (z. B. Gesundheitsreform Krankenversicherungsgesetz) oder abstrakte Probleme (z. B. Managerlohndebatte Schweiz). In der Raumdimension fokussieren Kommunikationsereignisse jeweils auf einen bestimmten Geltungsraum (z. B. die Schweiz). Schliesslich aktualisieren Kommunikationsereignisse in der Sozialdimension spezifische Akteursensembles (z. B. Exekutive, Legislative und Interessengruppen im Rahmen des Gesetzgebungsprozesses zur Gesundheitsreform). Zentral für die Methodik der Kommunikationsereignisanalytik ist die induktive Vorgehensweise. Das heisst, es wird nicht nach vorgefassten Themen gesucht, sondern die Kommunikationsereignisse werden aus der gegebenen journalistischen Weltbeobachtung rekonstruiert.
Im Untersuchungszeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2010 wurden insgesamt 10 209 Kommunikationsereignisse erfasst, mit deren Hilfe die medialen Aufmerksamkeitsstrukturen – von der Ebene der gesamten Medienarena bis zum einzelnen Medium – ermittelt werden können.
Kommunikationsereignisse werden als Beitrags- bzw. Berichterstattungsketten generiert, indem bei jeder Zuordnung eines Beitrags gefragt wird, ob er ein neues Kommunikationsereignis anzeigt oder ob der Beitrag Teil einer bereits bestehenden Berichterstattungskette ist. Ein Kommunikationsereignis kann also höchst episodisch sein und nur von einem einzigen Medientitel bestritten werden (z. B. ein Unfall in einer Kleinstadt); ein Kommunikationsereignis kann aber auch aus einer langen Berichterstattungskette bestehen, an der sich mehrere Medientitel beteiligen (z. B. Ausschaffungsinitiative). Aus der Summe der Beiträge, die einem Kommunikationsereignis in einem bestimmten Zeitraum zugeordnet werden können, ergibt sich die Grösse dieses Kommunikationsereignisses.
Die Aggregation von Beiträgen zu Kommunikationsereignissen bildet die Grundlage für die Hierarchisierung der Kommunikationsereignisse und die Zusammenstellung von Kommunikationsereignisagenden der Mediengattungen und -typen in den jeweiligen Kapiteln zur Qualitätsvalidierung der Frontseiten- bzw. Aufmacherbeiträge. Mit solchen Kommunikationsereignisagenden lässt sich zeigen, welche die resonanzstärksten Themen in den schweizerischen Medien sind. In Kombination mit den kodierten Variablen lässt sich zudem analysieren, aus welchen Gesellschaftssphären und geografischen Räumen diese Themen stammen, auf welche Sozialebenen fokussiert wird bzw. wie stark personalisiert diese Themen dargestellt werden, welche Sprachregionen und welche Mediengattungen, -typen und -titel zu diesen Themen beitragen (Vielfalt und Relevanz), in welchem Mass die einzelnen Themen jeweils mit Hintergrundinformationen aufbereitet werden (Aktualität) und ob die einzelnen Themen eher kognitiv-normativ oder moralisch-emotional dargestellt werden (Professionalität).
Das Gesamtsample der Kommunikationsereignisse wird zudem verwendet, um das Volumen der Frontseiten- bzw. Aufmacherbeiträge entlang dominanter und peripherer Kommunikationsereignisse zu unterscheiden. Kommunikationsereignisse erhalten umso mehr Gewicht, je nachhaltiger sie thematisiert werden und je breiter die Beteiligung verschiedener Medientitel ist. Dominante Kommunikationsereignisse haben ein grosses Beitragsvolumen und dominieren die Themenagenden der Medienarena, während periphere Kommunikationsereignisse nur wenige Beiträge umfassen, weil auch nur wenige Medientitel mit geringer Nachhaltigkeit darüber berichten. Durch die Analyse aller Frontseiten- bzw. Aufmacherbeiträge, die einerseits relevanten und andererseits peripheren Kommunikationsereignissen zugehören, lässt sich aufzeigen, auf welche Gesellschaftssphären und geografischen Räume die Medientitel jeweils im Rahmen von bedeutenden und von kleinen Kommunikationsereignissen fokussieren.
1.4.3 Medientitel der Qualitätsvalidierung
Die Qualitätsvalidierung des Informationsangebots sowie der Aufmerksamkeitslandschaften der Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online wird für die im folgenden Kasten dargestellten Medientitel vorgenommen. Die Darstellung ist nach den Sprachregionen und den Medientypen der einzelnen Gattungen gegliedert.
Änderungen der Methodik im Vergleich zum Jahrbuch 2010
Gegenüber dem Jahrbuch 2010 wurde das methodische Vorgehen für das Jahrbuch 2011 in folgenden Punkten angepasst und verbessert.
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Pressetypen: Die Pressetitel des Sonntagsboulevards SonntagsBlick und Le Matin Dimanche gehören im vorliegenden zweiten Jahrbuch 2011 neu zum Pressetyp Boulevard und nicht mehr zum Typ der Sonntagspresse. Denn, wie die Untersuchungen im Rahmen des ersten Jahrbuches gezeigt haben, gleicht der Sonntagsboulevard im Informationsangebot wie in der Berichterstattung nicht den anderen Sonntagszeitungen, die meist Schwesterblätter der Abonnementszeitungen sind, sondern vielmehr der tagesaktuell erscheinenden Boulevardpresse.
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Berechnung der Universumszahlen: Um ins Grundsample der publizistischen Versorgung aufgenommen zu werden, muss ein Medientitel unter anderem in der jeweiligen Sprachregion mindestens 0,5% des sogenannten Universums (Wohnbevölkerung ab 15 Jahren) potenziell erreichen. Für das Jahrbuch 2011 werden die sprachregionalen Universumszahlen nach einem leicht veränderten Schlüssel berechnet (vgl. dazu Bundesamt für Statistik, BfS). Dies hat zur Folge, dass einige wenige Medientitel die Universumsgrenze von 0,5% nicht mehr erreichen und somit im Grundsample nicht mehr berücksichtigt werden können. Dadurch variiert die Anzahl der Medientitel des Grundsamples im Vergleich zum Jahrbuch 2010 leicht.
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Methodenumstellung bei der WEMF AG: Ein Methodenwechsel der WEMF AG im Jahr 2005 zieht eine Methodenumstellung im Jahrbuch 2011 nach sich. Diese Umstellung ist erforderlich, um die Zeitreihen der Gattung Presse zwischen 2001 und 2010 vollständig abbilden zu können, und verursacht, im Vergleich zum Jahrbuch 2010, Abweichungen hinsichtlich der Auflagenzahlen für 2005 und 2009.
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Korrekturen der Nutzungszahlen Radio und TV 2001/2005: Die Radio- und Fernsehdaten für die Jahre 2001, 2005 und 2009 wurden nicht mit den gewünschten Parametern gerechnet und geliefert. Dies hat Korrekturen hinsichtlich der Sendungsnutzung bei den Gattungen Radio und TV zur Folge.
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Onlinenutzung: Die Tagesnutzung der Gattung Online wird neu über die tatsächliche Tagesnutzung und nicht mehr über eine Berechnung der Tagesnutzung aus den Wochenwerten abgebildet. Dies wurde möglich, da neu die Angaben für die Tagesnutzung vom Datenprovider zur Verfügung stehen.
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Bruttoerlöse der Werbeeinnahmen: Neu ergänzen die Bruttoumsatzzahlen der Werbeerlöse die Nettoumsatzzahlen in der Analyse. Dies ermöglicht, Werbeerlöse umfänglicher zu reflektieren unter Berücksichtigung der Brutto-Netto-Schere, da die Nettozahlen, die auf einer Selbstdeklaration der Verlage beruhen, nur unvollständig vorliegen.
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Soziodemografische Gruppe der Hauptnutzer eines Medientitels: Im Anhang Medienstatistiken wird für die Hauptnutzer jedes Medientitels neben dem Geschlecht auch angegeben, welcher Alters- und Bildungsgruppe sie jeweils angehören. Hier werden neu jeweils nur die soziodemografischen Gruppen für die Gattungen Presse/Online einerseits und für die Gattung Radio/TV homogenisiert. Dies ermöglicht eine feinere Gruppengliederung und damit eine genauere Bestimmung der Hauptnutzergruppe.
Hinweis zur Berechnung der Prozentwerte
Aus technischen Gründen können bei der Verrechnung der Einzelwerte in den Darstellungen und Tabellen Rundungsdifferenzen auftreten, die nicht eigens ausgewiesen werden. Zu- und Abnahmen der Prozentwerte werden in Prozentpunkten (Abkürzung: PP) ausgewiesen.